ehe f
Fundstelle: Lfg. 1 (1859), Bd. III (1862), Sp. 39, Z. 4
matrimonium. das goth. aivs m. bedeutete αἰών, aevum, welchen gr. und lat. wörtern es ganz entspricht, das ahd. êwa f. sowol aevum als auch lex, gleichsam ewige ordnung, regel, recht und matrimonium, ein von gott eingesetztes band zwischen mann und weib. diesen letzten engeren sinn bietet zuerst Notker dar gleich der schreibung êha und êa statt des älteren êwa. mhd. dauert êwe nur für die vorstellung von aevum, aeternitas, während lex, testamentum, matrimonium immer ê lauten, dem alle flexion schwindet. das ags. æ, im sg. unveränderlich und gleichfalls weiblich, sagt aus testamentum, rihte æ legitimum matrimonium. dem alts. m. êo, dat. êwa steht nur die bedeutung von lex zu, nicht von matrimonium, für welche das sp. 20 behandelte êht gilt; ebenso scheiden sich mnl. êwe lex, echt matrimonium, fries. êwa und âfte. den nordischen sprachen geht der ausdruck für beide bedeutungen ab und erst später wurde ihnen ekta in den zusammensetzungen ektastand, äktenskap, ägteskap wieder zugeführt. Den Gothen war liuga γάμος, liugan γαμεῖν, lateinischem nuptiae und nubere entsprechend, gajukô σύζυγος, conjux, gatte, heiv familia; ahd. hîwûn conjuges, ags. hîvan familiares, altn. hion; ahd. hîwiski, hîiske familia, hîwunga connubium, altn. hiuskapr, mhd. hîrât, nhd. heirat. es läszt sich nicht verkennen, dasz die kirchliche weihe den ausdruck êwa begünstigte für einen durch gesetz und testament geheiligten stand. heirat blieb der weltliche begrif, ehe ward der geistliche, diese vorstellung verbreitete sich so, dasz sie allmälich auch den ursprünglichen sinn von ehe = gesetz untergrabend auf das verhältnis eingeschränkt wurde, welches der Römer durch matrimonium, mutterstand bezeichnete, die ehfrau ist hausfrau, matrona. Nhd. sind von dem urbegriffe aevum nur die partikeln je und nie, so wie das adj. ewig, von dem zweiten begriffe lex nur die veraltenden zusammensetzungen ehefade, ehegaumer, ehehaft, ehelich und ehehalt übrig; alles andere fällt in die vorstellung von conjugium. was die schreibung angeht, so darf man das heutige ehe nicht auf einen wechsel der beiden spiranten w und h zurückleiten, wie er in Notkers êha für êwa eintrat, denn dieses h müste sonst auch mhd. auftauchen; unser ehe ist nichts als dehnung für ee, mhd. ê, wie sie in eh, ehre u. s. w. erscheint, viele schrieben also vollkommen richtig eh. wir bilden den gleichfalls unveränderlichen schwachen pl. ehen.
1)
die bedeutung lex, zumal testamentum, die alte und neue eh = der alte und neue bund, begegnet noch in vocabularien und bei schriftstellern des 15. 16 jh. ee oder gesetze. voc. theut. 1482 f 5ᵃ; die alt und die neu ee. fastn. sp. 1. 1344;
darümb in alt und newer ehe
haiszt dise welt ain kummersee.
Schwarzenb. 157, 2ᵇ;
als unser vatter Abraham
anfänglich gottes ehe annahm.
156, 1ᵃ;
doch findt man in der newen ee
vil sölcher quäl der tugent mee.
156, 2ᵇ;
der (ceremonien) waren in der alten eh viel und von gott selbs gebotten. Hutten 5, 489.
2)
ehe, matrimonium erklärt Kant 5, 83: die verbindung zweier personen verschiedenen geschlechts zum lebenswierigen besitz ihrer geschlechtseigenschaften. erste und andere ehe; kinder aus erster und der zweiten ehe; in oder auszer der ehe erzeugt; heimliche ehe; fruchtbare, kinderlose ehe; rechtmäszige, standesmäszige, feste, keusche ehe; eine ehe bereden, stiften, eingehen, in die ehe treten, zu der ehe greifen; die ehe segnen, weihen; die ehe auflösen, scheiden, trennen; ein mädchen zur ehe geben, versprechen, nehmen: und ich nam sie zur ehe, und sie zeugeten mir söne und töchtere. Ez. 23, 4; so sie sich aber scheidet, das sie on ehe bleibe (goth. anabiuda qênai visan unliugaidai). 1 Cor. 7, 11;
ihr wäret werth gleich in die eh zu treten.
Göthe 12, 152;
wer entbehrt der ehe,
lebt weder wol noch wehe.
Simrock 1782;
dieser ehe segenloser bund,
diese lichtscheu krummen liebespfade.
Schiller 497ᵇ;
wo du (teufel) die frau dem mann und dieser den verschlossen,
dasz sie keiner eh genossen.
Gryphius 1, 60;
erwachsne schicken sich am besten zu der eh.
Günther 1101;
zeigt doch schon das weh
deiner tollen eh,
was verstoszne liebe kan.
284;
dasz sie erstlich mit gedanken die ehe biegen, bisz sie ihre weiber gar zum hohen festen sparen und die ehe vollend gar zerbrechen. Musculus eheteufel Eᵃ; sie hat die ehe nicht gebrochen, aber doch gebogen;
albern ist menschenhasz, zweideutig bleibet die reue:
aber der kinder gequäk flickt die gebrochene eh.
Schlegel ehrenpf. 13.
Alle zusammensetzungen stelle ich nach der form ehe auf, wenn schon manche eh vorziehen. s.doppelehe, ↗unehe.
ehe
Fundstelle: Lfg. 1 (1859), Bd. III (1862), Sp. 38, Z. 11
prius, die unorganisch gedehnte form für eh, heute aber allgemein durchgedrungen.
1)
prius, antea: das die alten ehe zuvor silbere und güldene geschirr waren. Mathesius 70ᵇ; wie groszen schmerzen mir euwer scheiden bringen würd, noch wolt ich ehe reiten, da mich kein mensch nimmermehr erfahren müst. Galmy 163; ich hette mich ehe des tods versehen. Frey garteng. 53ᵇ; ich habe subtile, leichte füsze, ich weisz wie ich mich ehe darmit aus dem staube gemachet. Lokmans fab. 21; den habe ich auch wol ehe gehabt, jetzt habe ich ihn nicht. Klopstock 10, 171; verzweifle noch nicht, Mariane, ehe soll der altar im blute schwimmen. Gotter 3, 97.
2)
ehe priusquam: denn ehe der herr Sodoma und Gomorra verderbet, war sie wasserreich. 1 Mos. 13, 10; aber ehe sie sich legten, kamen die leute. 19, 4; und ehe er aus geredt hatte. 24, 15; das dich meine sele segene ehe ich sterbe. 27, 4; du hattest wenig ehe ich her kam. 30, 30; ehe es abgehawen wird, verdorret es. Hiob 8, 12; aber ehe der bote zu im kam. 2 kön. 6, 32; und ehe es morgen wird sind sie nimer da. Es. 17, 14; und ehe zwei jar umb sind. Jer. 28, 3; ehe er sie heim holet. Matth. 1, 18; ehe die welt war. Joh. 17, 5; zuvor und ehe aus einem läger aufgebrochen wird. Kirchhof mil. disc. 99; wer will mir das leben nehmen, ehe ich überwiesen bin? Weise kl. leute 214; ehe sie ausreden, fräulein. Lessing 1, 594;
ehe wir nun weiter schreiten,
halte still und sieh dich um.
Göthe 4, 104.
3)
ehe denn, priusquam (ahd. êr thanne. T. 188, 6): ehe denn er nahe bei sie kam. 1 Mos. 37, 18; und das volk trug den rohen teig, ehe denn er versewret war. 2 Mos. 12, 34; ehe denn sie das fett anzündten. 1 Sam. 2, 15; es hat wol frücht ehe denn die sonne kompt. Hiob 8, 16; lasz ab von mir, das ich mich erquicke, ehe denn ich hin fare, und nicht mehr hie sei. ps. 39, 14; ehe denn es aufgehet. Es. 42, 9; ich kandte dich ehe denn ich dich im mutterleibe bereitet. Jer. 1, 5; heute in diser nacht, ehe denn der hane zweimal krehet. Marc. 14, 30; geschicht aber vielmal mehr und ehe danns gut ist. Kirchhof mil. disc. 206; ehe denn die bösen tage kommen.
4)
ehe wann: und siehe ehe wann Joseph mit den räten zu gericht gesessen. Ayrer proc. 2, 9.
5)
ehe und: alsdann henken si das geschlacht bei den hinderen füszen auf, ehe und si es gar schinden. Frank weltb. 151ᵇ.
6)
ehe als: dasz sie ehe ihren ehrenschänder oder sich selbst ermorden, als an ihrem manne untreu werden wolte. Felsenb. 1, 192; Piso, der ehe sein leben verlöre, als ein laster begienge. E. von Kleist 1, 169; so geneigt ist man, ehe der ganzen welt den verstand abzusprechen, als zuzugeben, dasz andere mehr sind, wie wir. 2, 182.
7)
ehe als dasz: es mögen ehe tausend augen verblenden, als dasz man wolte, dasz die sonne verfinstert sein solte. pers. rosenth. 1, 7.
8)
nicht ehe bis: nicht ehe nachlassen bis. Lokman fab. 26; unsere feinde würden nicht ehe ruhen, bis sie uns vom brote geholfen. Felsenb. 3, 222; ihr anhang wird nicht ehe zu bändigen sein, bis wir sie ganz vor den augen der welt zu nichte gemacht haben. Göthe 8, 32 (42, 314 aber steht: nicht eher — als bis).
9)
desto ehe, eo prius: sie (die knechte) desto ehe in die schlachtordnung zu bringen. Kirchhof mil. disc. 150; damit sie (die eisernen haken) desto ehe greifen und fallen mögen. 182.
10)
wann ehe, quando: und wannehe man den doerzins uf obgemelten tag nit vernugt noch entricht. weisth. 2, 301; wannie 2, 525. siehe eher 7.
11)
je ehe, eo prius: stöszt er sie zu boden, und gemeiniglich, je gröszer königreiche, je ehe. Luthers br. 2, 604; je ehe, je seliger. 2, 639.
12)
ehe — ehe: ehe ich die königin verschonen wollte, ehe wollte ich meinen leiblichen vater verbrennen. Wieland 4, iv. vgl.ehemal, ↗ehemalen.
Zitationshilfe
„ehe“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ehe>, abgerufen am 26.06.2017.

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