eher
Fundstelle: Lfg. 1 (1859), Bd. III (1862), Sp. 46, Z. 76
prius, antea, ahd. êr, mhd. êr, doch selten, meistens ê, nhd. eh und eher. die apocope des r wie infür dâr, hie für hier, mê für mêr, nur gleicht diese letzte nicht genau, weil in mêr das r comparativisch war, wie goth. mais, lat. magis, in êr aber hartes, der wandlung in s unausgesetztes r liegt. der goth. comp. lautete nicht ais (wie ais = ahd. êr, aes), sondern airis (wie framis, haldis, hauhis), geht also zurück auf den positiv air, πρωί, mane, der comp. adj. ist airiza, wo dem air sichtbar das comparativische iza zutritt, der nicht vorrätige superl. würde airist sein. das r in air entspricht dem in sair, ahd. sêr dolor. Graff teuscht sich, wenn er 1, 434 an air comparativelement findet, das darin so wenig liegt als in faur, ahd. furi, comp. furiro, superl. furisto; jeder Gothe fühlte es in mins, mais, airis wie in minniza, maiza, airiza. ahd. aber, als die adverbia comp. paʒ, min, êr ihrer bezeichnung verlustig giengen, folglich die merkmale des unterschieds beider grade für êr schwanden, wird begreiflich, warum dieser form, und gleichergestalt dem mhd. ê, bald die bedeutung von antea, bald von prius zustehen konnte, welche freilich schon ihrem sinn nach einander nahe liegen, weil das ehere in das erste, prius in pridem übergeht. wie dem mhd. êr scheinbar die form von mêr gleichstand und beide sich in ê, mê abstumpften, hatte schon das ahd. êriro = airiza ein unorganisch erweitertes mêriro = maiza nach sich gezogen, welchen mhd. êrre und mêrre folgte, während nhd. nur der ehere, nicht der ehrere neben mehrere besteht, im superl. der erste (ahd. êristo, mhd. êrste) dauert, selten der eheste vorkommt, vgl. ehestens und die nebenform ehender, ehnder. nnl. wird gesteigert eer, eerder, eerst. die stufen des ags. adverbiums sind in ordnung ær pridem, mane, æror prius, ærost primum; altn. gilt nur der positiv âr mane, für air, wie sâr für sair (gramm. 1, 458). Den oben bei eh und ehe vorgetragnen fällen treten auch für eher zur seite
1)
eher, antea, prius, vorher, ehmals, sonst: eher nimmt die frau Richardin keinen besuch an. Gellert 3, 136; wer hat meine kleine schöne lanze? ich traf wol eher den geier im fluge. ich wills nicht fehlen dies Römerherz. Klopstock 8, 162; es hat doch wol eher ein esel einem profeten einen guten rat gegeben. Wieland 11, 181; bin ich wol eher um des vierten theils willen ausgeritten. Göthe 8, 78. man sagte je eher je bälder, prius citius; wer eher kommt, der melt eher.
2)
eher, potius, lieber, vielmehr:
alle die bei hofe dienen, achten sich als andre höher.
kluge rühmen als die dienste ihre freiheit billich eher.
Logau 3, 261, 251;
ein jüngling, wolgebaut, schlank, eher ein wenig zu grosz. Göthe 17, 199; einem groszen see, eher ein sumpf als ein see. 18, 63; es sind eher bücher, die ich nicht wegwerfe, als die ich aufhebe. 20, 66; Mignon hat sich diese beiden letzten tage eher verschlimmert. 20, 150; als der körper nach einigen tagen keine zeichen der fäulnis von sich gab und eher weiszer und gleichsam durchsichtig ward. 20, 280; so kann mein buch nie der vorwurf treffen, dasz man darin, wie im Grandison, zuviel thee consumiere, eher zu viel starkes getränk geht auf. J. P. Tit. 2, 133; er ist eher klein als grosz.
3)
eher als, priusquam, antequam:
eher todt als ungetreu.
Günther 236;
auf die thore fünfzig büschel reiser hinschaffen mit der weisung solche nicht eher noch später als zwischen sechs und sieben uhr anstecken zu lassen. Schiller 1096ᵃ.
4)
ehe — eher: und ehe sie sich in ihrer nachmittagsandacht stören läszt, eher läszt sie herr Simonen und zehn andre freier wieder fortreisen. Gellert 3, 136;
eh an die ferse lockten wir selbst durch gräszliche thaten
uns die Erinnyen her, wagten es eher des Zeus
hartes gericht am rollenden rad und am felsen zu dulden,
als dem reizenden dienst unser gemüt zu entziehn.
Göthe 1, 263.
5)
eher — eh:
auch den sohn, der eher starb, eh er anfieng hier zu leben.
Logau 2, 47.
6)
eher — bis: die meisten schriftsteller schätzen niemand eher hoch und halten niemand eher für ein genie, bis er in hundert bogen bewiesen hat, dasz er ein narr sei. E. von Kleist 2, 190.
7)
ags. tritt der conjunction hvänne ær hinzu, im sinne von paulo ante, alts. huan êr drückt aus donec, bis dasz, dum modo, wenn nur; nnl. und nd. pflegt aber häufig dem wann ein eer und eher beigefügt zu werden, sowol dem bedingenden als fragenden: wanneer hij de noodige middelen gebruikt had, leefde hij nog; laat hij komen, wanneer hij wil; wanneer vertreckt de post? in Norddeutschland wird auch von hochdeutsch redenden wann ehe, wann eher, thür. sächs. wennéhr verwendet. man könnte sich bei der bedeutung von eher beruhigen, erschiene nicht altn. hvênær, hvînær, dän. hvornaar, mit der partikel nær, dän. naar, schwed. när gebildet, welches nær doch prope nahe, propius näher ausdrückt; die zusätze eher und näher haben gleichen anspruch darauf, der vorangehenden partikel nachdruck zu verleihen (vgl. hernach ehest). Lessing oder Möser möchte leicht ein solches wannehr entschlüpft sein.
eher n
Fundstelle: Lfg. 1 (1859), Bd. III (1862), Sp. 48, Z. 11
spica, arista. s.äher, ↗ähre.
Zitationshilfe
„eher“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/eher>, abgerufen am 21.10.2019.

Weitere Informationen …