elend
Fundstelle: Lfg. 2 (1859), Bd. III (1862), Sp. 410, Z. 1
exsul, miser, ahd. elilenti, ellende, mhd. ellende.
1)
dem mhd. ellende wohnt noch ganz gewöhnlich die bedeutung des lat. extorris bei, das sich von terra (d. i. trocknes land) wie elilanti von lant, exsul von solum herleitet:
die ellenden geste vorhten Prünhilde nît.
Nib. 427, 4;
die stolzen ellenden die seitens Volkêre dank.
1772, 4;
waʒ mac gehëlfen Etzeln unser ellender tôt?
2130, 4;
daʒ ër ellende
wære in dem lande.
Greg. 1200;
als ein ellender knëht.
1236.
denselben sinn weisen auch noch frühere nhd. denkmäler: darumb habt lieb die ellenden, wann auch ir selb wart frembd in dem land Egipt (vulg. et vos ergo amate peregrinos, quia et ipsi fuistis advenae in terra Aegypti). bibel von 1483, 5 Mos. 10, 19, wo Luther zweimal setzt frembdlinge;
ach ich ellend betrübter man,
nun bin ich ferr in fremdem land.
Uhland 777;
ich armer ellender bilger.
778;
es sei hie niden vor der burg
ein ellender bilgerein.
779;
ellendenherberge hiesz an manchen orten ein gasthaus, der ort, wo fremde einkehren, bei Denzler ists schon nosocomium: als ich eben den fusz zur thür aussetzte, kamen vier durstige (kecke) kerls auf mich, 'ach, mein herr, wir sind ellende sänger und musicanten, bitten umb einen viaticum, weil wir heut noch nichts gessen haben'. Philander 2, 233. das will sagen fremde, ausländische, liesze sich freilich auch schon nehmen für arme. Rädlein 236ᵃ setzt noch elender, lands vertrieben, nicht mehr Steinbach. im 18 jh. ist der ursprüngliche wortverstand geschwunden. wenn Göthe im Reineke 40, 102 schreibt
elend sind wir und fremd in jedem anderen lande,
so folgt er seinem original:
schole wi nu tên in en ander lant,
dar wi elende unde vromde wêren?
und man mag bezweifeln, dasz er hier mit elend eine andere als die gewöhnliche bedeutung verband.
2)
weil der fremde, gefangne, landesverwiesene verlassen und bedürftig ist und wie der arme (1, 554) mitleid erregt, captivus den sinn des it. cattivo, franz. chétif annimmt, wird begreiflich, dasz auch elend vollends in die meinung von gering und schlecht auswich, zumal durch die, gegen den brauch unsrer sprache, hier vereinfachte schreibung der hauptton ganz auf die erste silbe geworfen, im verdunkelten lend geschwächt war (ahd. élilénti, mhd. éllénde, nhd. élènd). schon das mhd. ellende begann nicht allein fremd, sondern auch in weiterer ausdehnung entfremdet, beraubt und blosz, dann arm, armselig, gering und schlecht auszudrücken (mhd. wb. 1, 937), woran sich der spätere sprachgebrauch schlosz:
und sprach gutlichs, mir ist elend,
das ich ein solchs sol vahen an.
Elblin ed. Keller 497;
het wir nit weib, die uns trost geben,
so het wir gar ein elends leben.
fastn. 678, 1;
und sehen ein ellend anblick,
vil krankheit springen ouch dar usz.
Brant 102, 20;
also wenn du betrachtest durch den tod, das dir die sonn wirt undergon, und dir die augen werden brechen, bleich und ellend wirst. Keisersb. s. d. m. 34ᵇ; was lam, krum und ellend ist, ei, sprichst du, es gibt ein guͦten münch in ein closter oder ein nunn. 36ᵇ; denn du hilfest dem elenden volk. 2 Sam. 22, 28; elender nacht sind mir viel worden, vulg. noctes laboriosas enumeravi mihi. Hiob 7, 3; und die hofnung der elenden wird nicht verloren sein ewiglich. ps. 9, 19; die elenden sollen essen, das sie sat werden, vulg. edent pauperes et saturabuntur. 22, 27; denn ich bin arm und elend. 40, 18; gott du labest die elenden mit deinen gütern. 68, 11; reche den elenden und armen. spr. Sal. 31, 9; die elenden und armen suchen wasser. Es. 41, 17; du elende, uber die alle wetter gehen. 54, 9; ich bin ein elender man, ego vir videns paupertatem meam. klagl. Jer. 3, 1; und ich hütet der schlachtschafe, umb der elenden schafe willen, propter oves pauperes gregis. Zach. 11, 7; noch die hellen flammen der sterne kundten die elende nacht liecht machen. weish. Sal. 17, 5; denn er hat seine elende magd angesehen, respexit humilitatem ancillae. Luc. 1, 48; ich elender mensch, wer wird mich erlösen von dem leibe dieses todes? infelix ego homo! goth. vainags ik manna! Röm. 7, 24; da wandten sich die elenden leute zu der flucht. Luther 3, 130ᵇ; darauf der elende Münzer nichts wuste zu reden. 3, 131; und so kindisch (wird mit dem ablasz) umbgangen, das si fur ein anzal gelt ein anzal seel geben haben, und etwan ein ellende arme zuͦ. Frank weltb. 129ᵃ; das ellend bläggen, balatus aegri. Maaler 100ᵈ; ach ich ellends weib, me miseram! 101ᵃ; o ich elendes mensch! (ruft Susanna aus). Heinr. Jul. von Br. 66; jene sänger, bei Philander, als sie nun 'eines her singen' sollten, entschuldigten sich, dasz sie nicht könnten, 'wir haben ja gesagt, dasz wir ellende sänger seien, das sehet ihr nun im werk, dann wir können nichts'. Phil. 2, 234, mit übergang aus der ersten wortbedeutung in die zweite;
endlich der ellenden schar
durch seine gleisznerei betrogen.
Weckherlin 37;
mit weinen, mit geseufz und mit verruckter sprache
sagt dieses jungfräwlein her ihr elende sache.
Werders Ar. 13, 31;
possen, von einem elenden pritschmeister erdacht. Weise kl. leute 287; es ist wol ein elendes thun, wenn man nicht überall zugegen ist. Ettners unw. doct. 751; es ist wol ein elend thun, wann man ein weib hat und scherzet ein wenig mit einer andern, so wird man immer angefochten. 220; sie lehnen ein leiter an, steigen ins haus, da sehen sie die elendeste in ihrem blute liegen. 947; vor mich war es desto elender (schlimmer). Felsenb. 2, 84; elender kerl, stümper; elende zeiten;
erringt er sich in müh ein elend glück durch ränke?
Gellert 2, 28;
aber ist es denn wahr, dasz euch löwen ein elender krähender hahn so leicht verjagen kann? Lessing 1, 131; ich elender! wohin kann ich flüchten? überall ist abgrund. Brawe freigeist 181; meine gebeine sind hol. ein elendes fieber hat das mark ausgefressen. Göthe 8, 155. 42, 214. 441;
die mutter gaben wir verloren,
so elend wie sie damals lag.
12, 163;
kaum zu tragen war der druck, als mein vater auch elend (sehr krank) zu werden anfieng. 19, 310; dem ich fast nichts dafür geben konnte als zwei elende worte. J. P. flegelj. 1, 12; wenn sie wissen, dasz schon in einem jahr der ganze alte körper wegthaut, blosz elende 16 pfund fleischgewicht ausgenommen. uns. loge 1, 57; es war mir wie bei einer guten tragödie zu muthe, wo ein unbekannter elender unsre ganze theilnahme an sich reiszt. Tieck 7, 97. Eine menge solcher stellen wäre noch anzuführen, in allen reichen die bedeutungen des armen, unseligen, bösen, schlimmen, schlechten, kranken, geringen, unbedeutenden, erbärmlichen aneinander, zusammenfassen lieszen sie sich in dem fremden, aber bei uns eingeführten worte miserabel.
elen, elend n., besser m
Fundstelle: Lfg. 2 (1859), Bd. III (1862), Sp. 406, Z. 38
cervus alces, es ist übel, dasz dieser, allem anschein nach, Slaven abgesehne name, unsern heimischen, welcher ahd. ëlah oder ëlaho, mhd. ëlch, altn. ëlgr, schw. elg lautete und zum lat. alces stimmte, verdrängt hat. sl. olen, jelen, lit. elnis bedeutet hirsch, doch das elend heiszt sl. los, poln. łos, nur böhm. begegnet ein wieder von uns zurückgeholtes elent für alces, neben los. auch nnl. gilt eland, franz. élan, sp. elan. ganz weichen ab lapp. sarv, finn. hirvi, lit. brědis, lett. breedis gen. breescha, wozu ich den namen des hirsches Brichemer in der altfranz. thierfabel verglichen habe. 5 Mos. 14, 5 verdeutscht Luther hirs, rehe, püffel, steinbock, tendlen, urochs und elend (vulg. cervum, capream, bubalum, tragelaphum, pyargum, orygem, camelopardalum), καμηλοπάρδαλις hält man für giraffe. bei Frisius 71ᵃ, Maaler 100ᵈ liest man ellend, ellendthier. Döbel handelt 1, 18 vom elendhirsch und thier. da der natürlichen ähnlichkeit des elens mit dem hirsch die der namen entspricht, darf auch ἔλαφος zu elaho gehalten werden; aus der verderbnis des wortes erklärt sich von selbst die abergläubische vorstellung, das thier leide an der epilepsie oder sei sie zu heilen vermögend. man sehe elendshaut, elendsklaue, elendskoller und vielleicht elendeis.
elend n
Fundstelle: Lfg. 2 (1859), Bd. III (1862), Sp. 406, Z. 60
exilium, captivitas, miseria. ahd. elilenti für alilanti, alts. elilendi, zu einem goth. aljalandi gaben die uns verbliebnen stellen keinen anlasz; schon Notker zieht elelende zusammen in ellende, mhd. gewähren ältere denkmäler zwar noch elelende oder dafür enelende, doch herscht ellende vor (mhd. wb. 1, 937ᵃ). nhd. elend für ellend. nnl. hat sich ellende behauptet. ags. elelende, bald auch ellende, engl. ausgestorben. altn. mangelnd, doch schw. elände, dän. elende erst von uns angenommen.
1)
urbedeutung dieses schönen, vom heimweh eingegebnen wortes ist das wohnen im ausland, in der fremde, und das lat. exsul, exsilium, gleichsam extra solum stehen ihm nahe.
a)
das elend bauen, mhd. daʒ ellende bûwen heiszt in der fremde, im fremden land wohnen, zu den 1, 1172 gelieferten belegen hier noch andere:
so ziehen wir durch die welschen lant,
das ellent müssen wir bawen.
Uhland 799;
so laszt ein zeit in ziehen hin,
die land hin und wider beschawen,
das ellend versuchen und bawen.
H. Sachs III. 2, 233ᵈ;
damit er nicht so in der irre ewiglich das elend bawen müsse. Luther 5, 267ᵇ; ich aber muste das elend bauen. Schweinichen 1, 271; haus und hof verlassen und das elend bauen. Otho krankentr. 704;
welcher das elend bawen wil,
der arbeit wenig und feier viel
und geh oftmals spazieren,
parodie des alten liedes bei Uhland 798;
so will ich dir mit treuem herzen
die ganze lebenszeit vertraun,
und als ein christ mit klugem scherzen
das elend dieses lebens baun.
Günther 74;
indessen weil ich noch mein nasses elend bauen
und durch viel creuz und noth mein leben schleppen musz.
579;
dasz ich mit dir, mein kind, disz elend bauen könne.
625;
jedoch wer fragt nach dém, wenn nur die treue braut
das elend in der zeit mit uns verträglich baut.
784;
sie mag das elend baun und unsern hof verlassen.
1013;
mit meinem ehgemahl musz ich das elend bauen.
Menantes 1, 184;
auf welcher insel ich nun mein elend ins fünfte jahr gebauet. pol. stockf. 326; folglich muste Wala an zwei orten, als erstlich bei dem Genfersee und dann auf dem closter Hermonstiers nach einander bauen. Hahn 1, 122. allmälich erlischt der redensart anwendung; im frommen sinn, da man unser dasein als verbannung aus dem paradies ansah, hiesz das elend bauen nichts als hienieden leben, wie schon O. II. 6, 26 die folge des apfelbisses verkündet:
nu bûen anderaʒ lant.
in gleicher meinung hiesz auch das elend räumen so viel als aus der welt scheiden, sterben:
die meiner zeit hier raumbten das ellend.
Püterich bei Haupt 6, 40.
nhd. gott hat ihn aus diesem elende abberufen, zu sich genommen = ihm die wohnung im himmel angewiesen.
b)
ins elend gehen, fahren, wandern, fliehen, in die fremde, in die verbannung:
e ich mein bulen wolt faren lan,
e wolt ich mit ir ins elend gan.
Uhland 122;
so gsegn dich gott, mein feines lieb,
ietz far ich ins ellende.
77;
uf den nachgenden frieling zoch ich mit zweien briedren wider usz dem land, als wir der mutter wolten gnaden, do weinet si und sprach, das gott miesze erbarmen, 'das ich do dri sün musz sächen (sehen) in das ellend gan!' Plater 33;
alsdenn so will ich gern von euren augen gehen
wohin mich meine schmach ins elend gehen heiszt.
pol. stockf. 359;
ist ins ewige ellend (ewige verbannung) gen Leon in Frankreich verschickt. Reiszner Jerusalem 2, 95ᵃ;
der Eudocia fusz musz ins elend gehn.
Günther 1020;
ja selbst die kaiserin wird gleich ins elend gehn.
1034;
dessen überwies ihn (den Verres) Cicero dergestalt, dasz er endlich ins elend gehen muste. Hagedorn 1, 33; sein lieblingssohn war nicht bei ihnen, er war vor dem gericht ins elend gewichen. Niebuhr 2, 298; der angeklagte muste ins elend gehen. 2, 337; in das elend wandern, exilio condemnari. Hahn 1, 111;
erinnert sie sich noch, wie gestern bei dem tanze
ihr ungerechter spruch mich aus der reihe stiesz,
ja aus der cammer selbst, als wenn ich ihrem glanze
ein anstosz würde sein, ins elend wandern hiesz?
Canitz 212 (356);
sie hatten sich entschlossen ihr väterliches erbgut dem mollah preis zu geben und arm in arm mit einander ins elend zu wandern. Wieland 8, 332; er ist geflohen vom vater ins elende und in ein frembde Iand komen. Luther 4, 38ᵃ; verlieszen die meisten bürger diesen gleichsam kerker und nothstall und flohen ins weite elend, um andern leuten das brot aus den händen zu suchen. Lisch meklenb. jahrb. 17, 214;
du fliehst auf abentheur ins elend zu den sternen.
Lessing 1, 179.
c)
im elend sein, bleiben, lassen, zubringen, streifen, schwärmen: und sind die juden damit unser herrn in unserm eigen lande und in irem elende. Luther 8, 76ᵇ; bin das jahr über nicht drei tage einheimisch gewesen, also meinen alten herrn vater im elende müssen sitzen lassen, sowol alle mein geschwister. Schweinichen 1, 171;
ich far in fremde land dahin,
wo ich im ellend bin.
Uhland 131;
wer deinem rath gefolgt, wär in dem elend blieben.
Gryphius 1, 19;
weil ich in fernem elend bin.
2, 338 (vgl. Parz. 771, 14 unz vërre inʒ ellende);
aus dem läger zu hause schied,
Tarquinium liesz im elend.
Ayrer 68ᵇ;
in Magdeburg als ein thumbherr im elende zubringen muste. Micrälius 2, 196; sie weisz mich in wüsten irren und im elend herumschwärmen. Schiller 132ᵇ;
streifen nicht herliche männer von hoher geburt nun im elend?
Göthe 40, 281.
d)
ins elend schicken, versenden, jagen, dringen, treiben, stoszen, verweisen: auf ein zeit in einer stadt hetten die jungen räth die alten rathsherren vertrieben in das elend, das sie das regiment allein hetten. sch. und ernst 1555 cap. 56; da er auch ins elend ward verstoszen. Luther 6, 1ᵇ; ich bring wieder herfur die christenlichen warheit, die man ins elend verschickt und weiter dann die Indianer von hinnen wohnen, ausgetrieben hatte. Hutten 5, 218; Johannes in das ellend dahin (nach Patmos) verschickt. Frank weltb. 19ᵇ; dasz die edel gerechtigkeit ins elend gedrungen, bei niemand mehr behauset wird. Fronsp. kriegsb. 1, 180ᵇ;
sag an mein lieber weidmann,
wo hast du deine jagdhund hingethan?
'ich habe sie versendt
nach einem jagbaren hirsch in das elend (in die weite)'.
weidspr. 17;
doch wünsche ich, dasz er nicht vil schöne, sonderlich die vilsyllabige und zusammengesetzte und vereinigte wort von einander abschneide oder jämmerlich zusammenquetsche oder gar verbanne und in das ellend und die ewige vergessenheit verstosze. Weckherlin vorr. zu den weltl. ged.; in das elend verweisen. Opitz 1 vorr. 5ᵃ;
ist wer, den Abas nicht ins elend hat vertrieben?
Gryphius 1, 105;
den hat der feinde grimm ins elend hin verjagt.
2, 307;
sie wurde ins elend gejagt. Wieland 30, 245; ins ausland, in der altdeutschen sprache elend genannt, zu schicken. Kant 5, 175;
o lieber sohn, wie öde lieszest du
das väterliche haus zurück, als dich
des bruders trotz ins elend ausgestoszen!
Schiller 238ᵇ;
e)
aus dem elend heimkehren, führen, holen: ich wil euch aus dem elende Egypti füren. 2 Mos. 3, 17; gott helfe uns allen gleicherweise aus diesem sundlichen madensack zu faren, als aus dem elend in unser recht heimet und vaterland. Luther 6, 350ᵇ; seit die kunst wider aus dem elend einkommen. Fischart groszm. 3;
der geist ist dém befohlen,
der uns ins vaterland will aus dem elend holen.
Gryphius 1, 157;
durch wen und von wannen er aus dem elende wieder in sein vaterland zurückgekommen sei. Lessing 8, 464.
f)
Otfried von unsrer himmlischen heimat und dem mühevollen irdischen leben redend, vielleicht mit anspielung auf sich selbst, bricht in die worte aus I. 18, 25:
wolagâ elilenti, harto bistu herti,
ih habên iʒ funtan mir, ni fand ih liebes wiht in thir!
ein heutiger dichter singt:
wo dem einen rosen lachen,
sieht der andre dürren sand;
jedem ist das elend finster,
jedem glänzt sein vaterland.
Uhlands ged. 350.
g)
man sagte ehmals, das elend (die fremde) schlägt ihm unter die augen, ungefähr wie noch heute, manch scharfer wind ist ihm ins gesicht gefahren, unter der nase her gestrichen. Keisersberg, einen volkscherz von dem Schwab auf reisen vortragend: denn wirt er zuͦ schanden und schlecht im das ellend under ougen und die schmocheit, er schampt sich, das er nit weisz wie er die krebs essen sol, und beellend (bejammert) sich selber und gedenkt denn heim in sin land, 'werest du doheim in dinem Schwobenland, so setzt man dir nit krebs für zuͦ essen oder des blunders!' christl. bilger 207ᵈ; H. Sachs von einer bösen frau, die ihrem mann entlaufen und zu ihren verwandten gegangen war, die sie aber übel anfuhren:
das ellend schlug ir under dougen,
begert zu irem frommen man.
I, 525ᶜ;
Ayrer von einem in der welt umfahrenden landsknecht:
das elend schlegt mir under daugen,
also umbziehen wird nicht taugen.
o wer ich bei der frauen mein,
wolt ich krieg krieg lassen sein!
fastn. 122ᵇ.
2)
da nun fremde und verbannung weh thun und unglücklich machen, nahm elend nach und nach den begrif von miseria an und der ursprüngliche trat vor diesem endlich ganz zurück: also so vil mer du gott dem herren dein ellend an den tag legest, so vil mer erbarmet sich gott uber dich. Keisersberg s. d. m. 14ᵃ; sehen da, diser erkant sein ellend und eigne sünd. 30ᵇ; darumb das der herr dein elend erhöret hat. 1 Mos. 16, 11; siben tage soltu ungeseurt brot des elends essen (vulg. afflictionis panem). 5 Mos. 16, 3; und der herr erhöret unser schreien und sahe unser elend, angst und not. 26, 7; wirstu deiner magd elend und wirst deiner magd einen son geben. 1 Sam. 1, 11; und umb das abendopfer stund ich auf von meinem elend, und zureisz meine kleider. Esra 9, 5; als der ich vol schmach bin und sehe mein elend. Hiob 10, 15; herr sei mir gnedig, sihe an mein elend. ps. 9, 14; sihe an meinen jamer und elend. 25, 18; ich wil dich auserwelet machen im ofen des elends. Es. 48, 10; brich dem hungerigen dein brot, und die so im elend sind, füre ins haus. 58, 7; sie müssen ir brot essen in sorgen und ir wasser trinken im elend. Ez. 12, 19; wolan nu, ir reichen, weinet und heulet uber ewer elend, das uber euch komen wird. Jac. 5, 1; er höret ir seufzen und elende. Luther 3, 19ᵇ; gott meinen jammer und elend befehlen müssen. Schweinichen 1, 280; das was meins elents ein anfang. Plater 4;
tröst sie in irem elende.
Uhland 121;
ich eine tochter bin des königs von Galitzen,
der so viel unglücks hat und elend müssen schwitzen.
Werders Ar. 13, 4;
wie ein groszer trost ist es eheleuten, wann sie gottes ordnung gefolget haben, wofern kreuz und elend einschleichet. Ettners hebamme 292;
doch drückt kein elend ihn?
Gellert 2, 29;
gott liesz so manchen seiner frommen
in dies gefühl des elends kommen
und stund ihm mächtig bei.
2, 170;
des pfeiles starker gift drang ihm durch nerv und blut.
der schäfer hatte nun ein elend an dem leibe,
wovon ich selbst nicht ungerühret bleibe.
Rost schäfererz. 41;
o könnte ich sie für ihr elend ganz zu gefühl machen! Brawe der freigeist 189; in meinem elend gleichsam ausreifend verlor ich mich endlich selbst und war der verzweiflung nahe gebracht. Pestalozzi 9, 257; die leute stecken im tiefsten elend; es ist ein rechtes elend (ein rechter jammer), dasz du nicht hören willst; du must daraus nicht so ein elend machen, es so schlimm auffassen;
da er kein elend hat, will er sich elend machen.
Göthe 7, 9;
als der könig den bären in seinem elend erblickte,
rief er, gnädiger gott! erkenn ich Braunen?
40, 31;
sprich, dasz auf diesem groszen rund der erde
kein elend an das meine grenze.
Schiller 246ᵃ.
3)
der pl. ist von diesem worte, wie von vielen abgezognen, unüblich, doch setzt Luther 1, 40ᵃ wir sind alle in tiefen groszen elenden; auch in Klingers th. 4, 207 begegnet: hülfe in den vielen elenden, die uns bedrücken. Schiller 324ᵇ legt dem kapuziner in den mund:
und alle die gesegneten deutschen länder
sind verkehrt worden in elender,
was die schon in der älteren sprache vorkommenden pl. kleinöter und gefilder rechtfertigen.
4)
die fallende sucht, das böse wesen, franz. le haut mal, heiszt auch 'das elend', der zustand betrunkner frauen, wenn sie zu weinen anfangen, 'das trunken elend': etliche weinen das trunken elend, als die kellerin, so sie foll weins werden. Keisersb. s. d. m. 9ᵃ; wenn sie voll seind, so seind sie am geistlichsten und beweinen ir sünd, ja das trunken elend. sch. und ernst 1522 cap. 245. 1550 cap. 212. 1555 cap. 282; weil mann und weib, gesellen und töchter dem tanzplatz zueileten, bis auf etliche alte weinbeiszer und betagte mütterlein, die sitzen blieben, davon jene von ihrem bauerswesen und alten geschichten discurierten, diese aber das trunken elend beweineten. Simpl. vogelnest 1, 4 s. 274. vgl. Stalder 1, 342 und 'das nasse elend bauen' unter 1, a.
5)
elend, vulva, praecipue caprae. Tobler 166ᵃ.
elend adv
Fundstelle: Lfg. 2 (1859), Bd. III (1862), Sp. 411, Z. 47
die der türkische hund
ellend erwürgt in diesem krieg.
Soltau 317;
die sache ist elend ausgefallen; er hat sich dabei elend benommen; zuweilen gieng er aber den hellen waldstreifen nach und zog fuszhohe bäumchen aus, um sie einige schritte davon wieder elend einzupflanzen zu einem gärtchen. J. P. Fibel 19; saugt sich elend voll kenntnisse, ohne im stand zu sein, nur einen tropfen wieder aus sich zu drücken. 37.
Zitationshilfe
„elend“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/elend>, abgerufen am 18.10.2019.

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