Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

empfindsam

empfindsam,
mollis, facile molliores sensus concipiens, zum erstenmal gebraucht von Bode, der in der vorrede zu Yoricks empfindsamer reise (1768) erzählt, dasz Lessing es ihm als übersetzung von sentimental empfohlen habe. Lessings eigne worte ebendaselbst lauten: 'es kömmt darauf an, wort durch wort zu übersetzen, nicht eines durch mehrere zu umschreiben. bemerken sie sodann dasz sentimental ein neues wort ist. war es Sterne erlaubt sich ein neues wort zu bilden, so musz es eben darum auch seinem übersetzer erlaubt sein. die Engländer hatten gar kein adjectivum von sentiment, wir haben von empfindung mehr als eines, empfindlich, empfindbar, empfindungsreich, aber diese sagen alle etwas anders. wagen sie empfindsam! wenn eine mühsame reise eine reise heiszt, bei der viel mühe ist, so kann ja auch eine empfindsame reise eine reise heiszen, bei der viel empfindung war, ich will nicht sagen, dasz sie die analogie ganz auf ihrer seite haben dürften. aber was die leser vors erste bei dem worte noch nicht denken, mögen sie sich nach und nach dabei zu denken gewöhnen'. die Franzosen haben sentimental aus dem engl. übernommen, nnl. sagt man sentimenteel, schw. känslosam, isl. tilfinningasamr, beides nach unserm empfindsam, das sich schnell einführte und von Adelung (1774) aufgenommen wurde: edle handlungen, mit welchen unsere empfindsamen schriften so viel um sich werfen. Kant 4, 279; das weib ist empfindlich, der mann empfindsam. 10, 345; die mühe, die sie (die eltern) anwenden, die ihrigen gegen das glück eines guten namens empfindsam zu machen, damit sie alles was demselben schädlich ist, sorgfältig vermeiden mögen. Gellerts leben von J. A. Cramer (1774) s. 8; sein gegen seine freunde so empfindsames herz. s. 93; die süszen träume von bessern welten, in welche sich empfindsame seelen so gerne zu wiegen pflegen. Wieland 1, 274 (Agathon nach ausg. 2 von 1773); die spiele der empfindsamen jugend. Götz ged. 2, 118;
auf das empfindsame volk hab ich nie was gehalten.
Göthe 1, 402;
der empfindsamste mann von allen männern. 14, 18; mein prinz ist von so zärtlichen, äuszerst empfindsamen nerven. 14, 18; die vorzüglichsten glückseligkeiten empfindsamer seelen. 14, 21; alle manieren einer sich empfindsam zierenden fräulein. 16, 255; suchte wenigstens seine tafel von der empfindsamen würze frei zu halten. 26, 184; der erste zum bedürfnis empfindsame mensch. 39, 342; er hatte sich mit einem zärtlichen, frommen, empfindsamen, aber dabei kränklichen mädchen verlobt. Stillings wanderschaft s. 111; so war er doch kein empfindsamer bote. s. 14; unsere lieben unmündigen und mancher mündige haben sich so herzlich in das wort empfindsam verliebt, dasz sies mit empfindend, welches sich zu jenem wie subject zum object verhält, verwechseln, dasz sie von empfindsamen seelen schwatzen wie sprachkundige leute von empfindsamen begebenheiten. Siegfr. von Lindenb. 4, 231; die fürstin hatte das empfindsame gesicht mit der reisekleidung weggelegt. J. P. Hesp. 2, 44; das kann ich nicht von dir leiden, dasz du die nächte verschreibst und nicht verschläfst, das macht dich melancholisch und empfindsam. Bettine br. 1, 53; ich hab grad keinen empfindsamen respect vor der natur. 1, 58.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1859), Bd. III (1862), Sp. 431, Z. 40.

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Zitationshilfe
„empfindsam“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/empfindsam>, abgerufen am 26.10.2021.

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