Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

entäuszern

entäuszern,
alienare, entfremden,
1)
veräuszern, von sich geben, wegbringen, entfernen: also ist es mir mit ewrem herren widerfahren, welchen das glück immerdar von mir absentiert und enteuszert. Amadis 157; dasz ich etwas sag, welchs so gar von der warheit enteuszert (ist). 202; weil durch sein hülf ich die freud, von deren ich jetzt genzlich enteuszert (bin), wider zu überkommen verhof. 262; so waren sie doch von allen andern gedanken so gar enteuszert, dasz sie der zeit nicht achtung geben. 363; mundre uns auf und uns nicht thu enteuszern immerdar so lange. Melissus ps. T 3ᵃ; er (Moses) musz es (das volk) wieder in die menschenrechte einsetzen, die es entäuszert hat. Schiller 1017ᵇ; ein theil der absoluten totalität wird entäuszert, wird gesetzt als nicht (sc. vom ich) gesetzt. Fichte grundl. der w. l. 105; habe ich nun das ich vollkommen entäuszert durch denken aus der unmittelbaren innern anschauung heraus und in die region der äuszern wahrnehmung gestellt. thats. des bewusts. 91; in so fern ist das ich nicht entäuszert (nicht herausgetreten aus dem innern in das äuszere). ebenda; factisch blieb das sein sich selber entäuszert. nachgel. werke 2, 274.
2)
sich entäuszern, sich begeben: dieweil die zeit, in der wir uns von hinnen entäuszern sollen, genzlich nicht bestimpt noch limitiert. Amadis 384; des trunkes habe ich mich gänzlich entäuszert (a potu abstinui). Schweinichen 2, 230; wie man sich dieses und jenes enteuszern musz. pers. baumg. 2, 1;
die einigkeit, o herr, der grund zu hohen häusern,
musz auszen nimmer euch noch innen sich enteuszern.
Logau 3, 144, 45;
was hat doch meinen schäfer bewogen von mir sich zu entäuszern? Sigm. v. Birken Margaris 207; es sei gut, sich von den erhöheten freunden zu enteuszern. Butschky Patm. 419; ihrer vil lassen ihnen aus dem vergüldenen becher der vergänglichen lüsten diser welt schenken, davon sich aber enteuszert dein br. kanzlei 637; sein entschlusz sich der welt zu entäuszern. Hagedorn 2, 4; er war doch noch lange nicht alt genug, um sich der welt ganz zu entäuszern. Wieland 3, 213; ich entäuszere mich dieser feder, ich setze das dintenfasz bei seite. Göthe 14, 99; eines gemüths, das sich doch zuletzt derselben (seiner wünsche und hofnungen) auf ewig entäuszern musz. 14, 179; indem er sich entschlieszt, die für ihn allzusehr verflochtene landwirtschaftliche besorgung aufzugeben und sich des einige jahre frohgenossenen grundbebesitzes zu entäuszern. 32, 259; genug, sie (die sich den weiberrollen widmenden jungen männer) suchen sich ihres eignen geschlechts so viel als möglich ist zu entäuszern. 38, 176; die maxime des geizes, wobei man sich blosz den besitz zum zwecke macht und sich des genusses entäuszert. Kant 5, 265; weil dies eben ein sichentäuszern ist. Fichte thats. des b. 112; nun also, wenn ihr dieses sohnes euch entäuszertet. Schiller 104ᵇ;
der um der freunde willen
sich seines rechtes selbst entäuszern mag.
Tieck 3, 465.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 490, Z. 49.

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Zitationshilfe
„entäuszern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ent%C3%A4uszern>, abgerufen am 15.10.2021.

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