Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

entübrigen

entübrigen,
gleichviel mit übrigen, neben gen. der sache,
1)
überheben, entledigen, liberare: die fourierschützen hatten mitleiden mit mir ... entübrigten mich derohalben der stösz. Simpl. K. 180; es weisz mein herr obrist zum besten, wie ungern ich meine gesellen seines kriegesunterrichs entübrige. Butschky kanzl. 193; ich kann dessen wol entübrigt sein, je m'en puis bien passer. Rädlein 243ᵃ.
2)
häufiger begegnet das part. praet. mit sein oder werden in der bedeutung von überhoben sein, supersedere: Enoch, Moises, Elias sein lebendig vom erdboden entzuckt und der hellen entubrigt worden. Ayrer proc. 1, 13; gottseligen seelen begegnet manches im gemeinen leben, in der haushaltung und sonst widriges, dessen sie gern entübriget wären. Scriver seelensch. 2, 134; dahero pflegten von den untersten mehr hungers zu sterben, als ihrer vom feind umbkamen, welcher gefahr miteinander die höchste entübrigt zu sein schienen. Simpl. K. 106; welches mich eine grosze ungelegenheit zu sein bedunkte, deren ich gern entübrigt gewest wäre. Simpl. 2, 391 (vogelnest 9); man solte vilmehr gedenken, das kreuz und unglück allen menschen gemein und keiner dessen befreit und entübrigt sein könte. Butschky kanzl. 693; ungemach, dessen ich ihn gern entübriget wissen wolte. 286; solcher ungelegenheit möchte ich gern entübriget sein. 413; aber dem Momo zu lieb oder auch verdriesz, da wir beides doch können entübriget sein, wollen wir noch eines oder etliche von den spielwerken und scherzreden Taubmanni hervorziehen. Brandts bericht s. 45; ich kann dessen nicht entübriget sein. Stieler 1374; mein gemüthe wäre der überflüssigen lobeserhebungen gern entübriget gewesen. Felsenb. 1, 59; da wir uns der wintersnoth entübriget sahen. 1, 244; fernerer schreiberei und aufwands entübriget. 2, 433; um des verdachts entübriget zu sein, als ob wir etwa spions oder landesverräther wären. 4, 320; vielleicht wäre ich entübriget gewesen so viele pein und marter auszustehen. Plesse 3, 11; wenn ich nur ihrer gesellschaft hätte entübrigt sein können. Pierot 1, 304; und wenn ich ihrer nur entübrigt sein könnte, dieser schimpflichen erbschaft. Lessing 2, 12; die schauspieler können in den nebenrollen des witzes, des feurs und der empfindung eben so wenig entübrigt sein, als in den hauptrollen. 4, 183; man kann ihrer eben so wenig entübrigt sein. Wieland 7, 288; diese dependenz, der ich so gern entübrigt sein möchte. Forsters briefw. 1, 493; ein beweis, dessen ich gern entübriget wäre. Hippel 6, 52; wem ist wol sein körper so lieb, dasz er ihn in ewigkeit mit sich schleppen möchte, wenn er seiner entübrigt sein kann. Kant 1, 237; der theil, dessen sie nicht entübrigt sein können. 8, 454; es ist mir für meine schreiberei lieb, dasz ich noch eine weile der albernen gespräche, die ich mit der zurückkunft des domherrn erwarte, entübrigt und unter der stillen aufsicht Klärchens so gut wie allein bin. Thümmel 4, 219; dasz ich der armseligen vorstellung wol entübrigt sein könnte. Tieck 5, 447. hier auch ein beispiel des gleichbedeutigen einfachen übrigen aus Zinkgrefs bekanntem schönen gedicht:
so musz, wer tyrannei geübriget will leben,
er seines lebens sich freiwillig vor begeben.
3)
obschon zusammengesetzte verba mit ent und er sich öfter begegnen, so scheint es doch mehr nachlässige verwechselung, dasz man sich auch entübrigen für erübrigen, reliquum habere gestattete: und so will ich von zeit zu zeit fortfahren, alles was ich entübrigen kann, zu abtragung einer schuld anzuwenden, die freilich die gröszte ist, die ich auf der welt haben kann. Lessing 12, 278; er wolle so viel zeit bei mir zubringen als ihm nur zu entübrigen stände. Lichtenberg 8, 302; alles, was ich von meinem hiesigen erwerbe entübrigen kann, möchte sich kaum auf sechzig höchstens achtzig thaler belaufen. Voss briefe 1, 62. hier wären zwar die bedeutungen entbehren und aufbringen gleich passend, doch hat entübrigen in jener den gen. neben sich, erübrigen den acc.; freilich wissen wir, dasz auch entbehren den gen. allmälich mit dem acc. tauscht (sp. 493).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 640, Z. 77.

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Zitationshilfe
„entübrigen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ent%C3%BCbrigen>, abgerufen am 23.10.2021.

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