Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

entführen

entführen,
abducere, abigere, ahd. intfuoran, infuoran, mhd. enpfüeren, nnl. ontvoeren.
1)
frauen: was hastu gethan, das du mein herz gestolen hast und hast meine töchter entfüret, als die durchs schwert gefangen weren? 1 Mos. 31, 26; als hat im ein keiserlicher trabant sein weib mit gewalt empführen wollen. Spalatin bei Luther 5, 39ᵃ; navis phereclea dicitur, dann Phereclus macht die schif Paridis, als er Helenam entfüren wolt. Alberus; was wird er thun, so er vernemmen wird, dasz du ihm zu rück seine schwester unterstehst zu empführen? buch der liebe 246, 2. vgl. verführen, das ursprünglich auch ein abducere, perducere, seducere.
2)
andere:
wo menschen, so wie ihr, mit thränen nach dem land,
aus dem ihr sie entführtet, schauen.
Gotter 1, 423;
der schelm der mir den mann entführt.
Göthe ...
3)
das kind der brust entführen, entwöhnen, entspenen:
sie zôch daʒ sëlbe kindel, sît ëʒ wart brust enpfüeret.
Albr. Tit. 772, 1,
wie man auch sagte dem kinde daʒ brüstelîn benëmen.
4)
land und leute entführen, mit gewalt rauben: er wollt sich gern fur ainen künig ufwerfen und dem römschen reich land und leut empfüren. Reuchlin augensp. 3, 6.
5)
sachen entwenden, wegnehmen: du hast mir hingenommen und empfürt den gebrauch des schlafens und der spise. Wyle transl. (Lucretia);
drum wirts got machen hart mit in,
wirt auch die alten finden wol,
so im empfüren seinen zol.
Wickram bilger M 3. bl. 44;
deren zwar die buhlerliedlein, die ich sehr jung verfertiget, längst verloren, andere stück aber, sonderlich etliche ovidische fabeln mir in Frankreich und Engelland entführet. Weckherlins vorr. zu den weltl. ged.; eine schlafdecke heimlich entführen. pers. rosenth. 2, 9; was ich andern entführet und gestohlen. Lokmans fabeln 23;
was in meiner jugend maien
von der Venus kindeleien
ich gezeichnet auf papier,
dieses auch entführt er mir (der krieg).
Logau 2, 40, 50;
brach ich dem hunde und schmisz ihm das allererst aus dem backofen gekommene unleidentlich brennende brot vor, welches dermaszen würkte, dasz er augenblicklichst thöricht wurde, sich von der kette risz und mir das brot entführen wolte. Leipz. avant. 1, 28.
6)
figürlich,
Mars hat ihr (der welt) auch viel übrig blut entführt.
Logau 2, 40, 69;
was kann ihr denn die zeit entführen?
dem körper etwas von der pracht.
Rost schäferged. s. 34;
sie werden edle gemüther dem geraden wege der pflicht entführen. Wieland 29, 317;
mag immerhin der strom entgleiten,
der meines lebens kahn entführt.
Salis 31;
des ruhmes dunstgestalt berührte
die weisheit, da verschwand der trug,
der liebe süszen traum entführte
ach, allzuschnell der Hore flug.
Schillers ideale, nach dem ersten druck im musenalm. 1796.
7)
in der rechtssprache entführen, mit eide entführen, actori eripere i. e. liberare se juramento. RA. 893. 907. Haltaus 323.
8)
sich entführen, sich befreien:
gezwungen seh ich mich, doch wolt ich mich entführen
aus seiner hand.
Werders Ar. 9, 35.
in folgender stelle aber ist sich der dativ:
der Gallier entführte sich
selbst da noch nicht die herzen alle,
wo er mit seinem süszern schalle
die beszre sprache längst verdrang.
Gökingk 1, 258.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 523, Z. 39.

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Zitationshilfe
„entführen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/entf%C3%BChren>, abgerufen am 21.10.2021.

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