Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

entfallen

entfallen,
elabi, delabi, excidere, schwächer als entfahren. ahd. intfallan, infallan, inphallan, mhd. enpfallen, nhd. bis ins 16 jh. noch oft empfallen, doch stellt Luthers bibel entfallen her. alts. antfallan, nnl. ontvallen. gewöhnlich mit dem dativ.
1)
mir entfällt etwas: und hub auf den mantel Elia, der im entfallen war. 2 kön. 2, 13; das im das schwert aus seiner hand entfallen musz. Ez. 30, 22; denn es wird ewer keinem ein har von dem heubt entfallen. apostelg. 27, 34; das in die stang empfiel. Steinhöwel Esop 1487. 70;
an keim schuch thu ich ein kein schnallen,
wie oft sie mir von füszen enpfallen.
fastn. sp. 564, 7;
und ob einem ein gulden enpfall,
der heb in phentlich (behende) wider auf,
dasz wir nit alle platzen drauf.
790, 22;
es ist ein pranger hoch aufgestellt,
manchem davor das haupt empfelt.
Schmelzl lobspr. 93;
darvon sof sie ihrem kind zeitlich das leben ab und entzündet ir selbsten das gehenk dergestalt, dasz es ihr auch bald hernach entfiele. Simpl. K. 725;
eine thräne, die mir still den wangen entfiel.
Klopst. 1, 22,
mit zwei dativen, der person und sache;
in deinen wonnebecher, allgütiger,
entfielen niemals thränen des dankes ihm.
Stolberg 1, 20;
bis mir die stimm entfällt.
Gökingk 1, 48;
und er schwitzte vor angst und häufige losung entfiel ihm.
Göthe 40, 176.
2)
sehr oft bildlich: da entfiel inen ir herz und erschrocken unternander. 1 Mos. 42, 28; es entfalle keinem menschen das herz umb deswillen. 1 Sam. 17, 32; zu der zeit wird dem könige und den fürsten das herz entfallen. Jer. 4, 9; was thuͦ ich arme betrübte, wann mein herz entfelt mir gar! Aimon x 5ᵃ; bei got, sprach Reinhart, ir seit nit einer hagenputten wert, wann euch ist das herz entfallen. z 1ᵃ; es ist eine grosze schande, das dir das herz so entfellt. Luther 3, 64ᵇ;
da entpfiel mir so bald mein herz.
H. Sachs III. 1, 203ᵇ;
den bauwern entfiel von stund an das herz. Rivander 2, 223; im von stund an seine freud entfallen war. Galmy 179; furchten sich alle heiden, die umb uns her waren, und der mut entfiel inen. Neh. 6, 16; das hett ich nimmermehr geglaubt, dasz euwer muth aller solte empfallen sein. Kirchhof wendunm. 325ᵃ; es sieht so schlimm aus, dasz einem der muth völlig entfallen könnte. Pestalozzi 4, 105; da empfiel im alle seine kunst und wuste nichts zu sagen. Luther 6, 15ᵃ; (Witzel) will mit der büchsen der guten werk also zu in (den lutherischen) ein schieszen, das in der glaub wol entfalln sol. Alberus wider Witzel L 7ᵇ; gab im ein, das er mich unvorsehens ergriffe bei einem wortlin von dem pabsthum gesagt, das mir angefähr empfallen war (captans me in uno verbulo mihi obiter elapso). Luthers br. 1, 511 vgl. 501;
das er kom umb das leben sein,
so empfiel mir die sorge mein.
Ayrer 118ᵃ;
und eh ihm noch das wort entfallen,
da sieht mans von den schiffen wallen,
und tausend stimmen rufen sieg!
Schiller 57ᵃ.
3)
es entfällt mir, excidit, excidit memoria; es ist mir entfallen (vulg. sermo recessit a me). Dan. 2, 5; warlich ich merks, das ir frist suchet, weil ir sehet das mirs entfallen ist. 2, 8; ist dir denn entfallen, was du mir feierlich angelobtest?; das soll mir nie entfallen, das werde ich nie vergessen; euch wird noch unentfallen, unvergessen sein. in ganz anderm sinn sagt man aber auch: das ist mir irgend einmal entfallen, das habe ich bei irgend einer gelegenheit geäuszert, hingeworfen, fallen lassen; ich bitte dich, lasz dir so etwas nicht in gegenwart meiner frau entfallen (sage es nicht). Gotter 3, 365; sie gieng so weit sich entfallen zu lassen (zu äuszern), dasz man wol noch mittel finden könnte. Schiller 852ᵇ; vgl. das entfallen des worts unter 2.
4)
einer entfällt mir, geht mir ab, stirbt mir: wie wir sehen, wenn vater und mutter den kindern empfallen, wie sie so elend und weislos hergehen. Luther 4, 523ᵇ; weil der könig (Cyrus) auszerhalb des landes schwere kriege füret und den juden zu früe entfiel (starb). Mathesius 84ᵇ;
als du die segel sich auf hinwerts lieszest wenden,
entfiel Achilles dir.
Opitz 1, 217;
ich hab endlich versprochen, ihnen, wie in andern begnügungen, also auch mit dieser, nicht zu entfallen. Gryphius 1, 183; ja den witwen wird umb der kinder wegen fürnemlich solches beneficium geordnet, dieweil ihnen der vater und nehrer entfallen. Carpzov jurispr. eccl. Lips. 1695 p. 225;
im himmel lebt ein freund
der wird mir nicht entfallen.
Günther 102.
5)
einem gegenstand entfallen: der apfel entfällt dem baum; das schwert entfiel seiner hand;
er glaubt den wolken zu entfallen.
Wieland 17, 290;
sie gebar unter todesangst, ohne hülfe, das kind entfiel dem schosze der unvermögenden. Klinger 3, 282; die last entfiel seinen armen.
6)
entfallen ohne dativ,
a)
mit der praep. aus: entfallet aus eurer eigen festung. 2 Petr. 3, 17; es stehet wol mit euch und es wil gut werden, entfallet nur nicht aus der hand gottes, der euch itzt gefasset hat, euch rechtschaffen christen zu machen. Luther 2, 280ᵇ; da ich sie aber zum text zwang, entfielen sie aus dem text. 8, 67ᵇ; davon auch bei keinem einfältigen schlechten christen einiger zweifel sein musz, wann er sonst nicht aus der zahl der christen entfallen will. Scriver seelensch. 2, 130; sobald sie aber aus dem glücksstande entfallen. Butschky Patm. 311; der gute mann endlich empfindend dasz er gänzlich aus seinem elemente entfallen sei. Göthe 31, 59;
aus deinem wolgefallen,
gott, waren wir entfallen
und nun vom wahren frieden
so wie von dir geschieden.
J. A. Schlegel verm. ged. 1, 198.
b)
mit der praep. von:
lasz uns nicht entfallen
von des rechten glaubens trost.
Luther 8, 367ᵃ.
c)
ohne praepositionen: aber der mann gottes sprach, wo ists entfallen? 2 kön. 6, 6; eilet, dasz schuh und holz enpfielen. Kirchhof wendunm. 260ᵇ; da nun sein herr vater zeitlich entfallen (gestorben sei). Corn. Paulsons lebensg. Lübben 1724 s. 295 (vgl. 4); aber auf der andern seiten des Rheins fleuszt der flusz Lona mit viel entfallenden (darein fallenden) flüssen bei Lonstein in Rhein. Frank weltb. 32ᵃ; denn den kläger die sache in entfallenem (mangelndem) satsamen beweise an der bezahlung schwer und teuer genug ankömt. Butschky kanzl. 429; entfallene dinge, res obsoletae. heute verwendet man entfallen auch im sinne von fallen, contingere, obvenire: die hiesige recrutierung ist gänzlich vollendet und das auf Wien entfallende contingent mit leichtigkeit aufgebracht worden. kölnische zeitung 1854 nᵒ 180; der auf mich entfallende antheil (am gewinn, an der erbschaft); der entfallende (sich ergebende) betrag.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 513, Z. 61.

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Zitationshilfe
„entfallen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/entfallen>, abgerufen am 25.10.2021.

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