entgelten
Fundstelle: Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 542, Z. 40
luere, dare poenas, ahd. ingëltan (Graff 4, 187), mhd. engëlten (wb. 1, 520), bei Albr. von H. untgëlten (Haupt 11, 363), nnl. ontgelden, mit dem gen. der sache.
1)
oft im gegensatz zu genieszen:
so entgelt ich des ich nie genosz.
fastn. 415, 6;
wer hat ein rechten frummen kant,
der tugent nit entgolten hab?
Schwarzenberg 157ᵇ;
und darumb habent die bauren irer unzucht entgolten. Aimon A 4ᵃ; aber sein (Christi) genieszen wir, wo wir unser entgelten. Luther 6, 74ᵃ; gleichwie man im weltlichen regiment einen ubeltheter henket oder köpfet umb seiner missethat willen, und ein iglicher seiner bosheit oder frömkeit entgilt oder geneuszt. 6, 233ᵃ; denn wie oft eine stadt eines bösen menschen entgilt oder eines frommen geneuszet, so gehets auch in zechen. Mathesius 37ᵇ; was einer nicht genossen hat, hat er auch nicht zu entgelten. Lehmann 202.
2)
gewöhnlich neben sollen, müssen, können, wollen:
wer unrecht hat sol sein entgelten.
fastn. 241, 11;
du solt sein sicher nit entgelten.
402, 10;
wes sol ich dan entgelten?
402, 19;
darumb musz ich si lassen schelten
und der warheit oft entgelten.
Murner schelmenz. 116, 8;
unser veter haben gesündigt und sind nicht mehr furhanden und wir müssen irer missethat entgelten. klagl. Jer. 5, 7; diese wird man aus der gemeine werfen und ire kinder müssen ir entgelten. Sir. 23, 34; ist denn das auch recht, das einer musz bei gott des andern entgelten? Luther 3, 204; hie müssen die bösen des frommen entgelten. 3, 208ᵇ; wir wollen derselbigen (frommen leute) freilich nicht entgelten, sondern wol genieszen und dürfen ir auch warlich wol. 3, 381ᵇ; so er unrecht befunden, wölle er des entgelten. 3, 410ᵇ; aber itzt müssen wir der andern entgelten, die da nicht beten und mit inen ein stück leiden, weil wir bei inen wonen. 6, 126ᵃ; und wie wir in Adam alle allein des entgelten müssen, das wir sein gliedmasz oder blut und fleisch sind. 6, 231ᵃ; müst man denn so viel von dem einigen apfel halten, das die ganze welt desselben entgelten und sampt so viel feinen, treflichen weisen leuten, ja gottes son selbs, sampt allen propheten, vetern und heiligen sterben müssen? 6, 232ᵇ; weil nu wir müssen sein entgelten, so musz er sich widerumb unser als seiner glider annemen. 6, 241ᵃ; da sie sahen, das sie ir treu gegen der gemeind entgelten solten, da gebrauchten sie sich irs gewalts, erkanten und lieszen zu, das sie triumphieren solten. Livius Schöfferlin 49ᵃ; ob sie allein entgelten müsten, das sie des frommen königs Hiero dochter wer, hetten ir schwester und brüder döchter mishandelt, warum sie des entgelten solt? 128ᵇ; die frommen haben der bösen müssen entgelten. kluge, weise reden 130ᵇ; mein ganzer leib musz des heszlichen angesichts oft entgelten. Alberus 1ᵇ;
denn der gutthat soll man genieszen,
dargegen der missethat entgelten.
Ayrer 238ᵇ;
ganze reich, sonst wol bestelt, musten ihr beider (Paris und Helena) auch entgelten und drob zu grund gehn. Fischart ehz. 28; es musz einer des andern fehler entgelten, was einer mishandelt, musz der ander büszen. Lehmann 127;
oft eines menschen missethat
entgelten musz ein ganze stat.
188;
der wirt geneuszt oft des gasts und der gast musz oft des wirts entgelten. 201; der musz oft eines dings entgelten, der es nicht hat genossen. 201; doch wie ehrliche, aufrichtige, keusche gemüter derer, die ihre geschicklichkeit mit üblen sitten verdunkeln, nicht entgelten können. Opitz poeterei 11.
3)
häufig auch neben lassen:
des solt ir nit uns entgelten lan.
fastn. 422, 26;
und sihe, sie lassen uns des entgelten. 2 chron. 20, 11; er liesz das volk der sünden Manasse entgelten. Alberus; laszt mich meines wegscheidens nicht entgelten, dieweil ihr doch sehet mich nicht schuld daran tragen. buch der liebe 255, 4; aber ich wil euch bitten, dasz ir michs nicht wöllt lassen entgelten. 288, 1; du kannst deinen feinden helfen und sie ihrer bosheit nicht entgelten lassen, wenn du deinen Jesum zu hülfe nimmst. Scriver seelensch. 2, 360.
4)
die neuere sprache hat, wie in viel andern fällen, auch hier den gen. durch den acc. verdrängt, in
nun läszt man michs entgelten.
Gryphius 1, 380.
fühlte man nicht mehr, ob 'es' das mhd. ës oder ëʒ sei und weibliche genitive unterschieden sich, ohne beigefügten artikel, nicht mehr vom acc. andere mal wählte man den deutlichen acc.: du hast uns veracht, das must du auch entgelten. buch der liebe 201, 4; was der kopf thut, das müssen die füsz entgelten und was die füsz thun musz der kopf nicht entgelten. Lehmann 201;
lasz auch nicht den mund entgelten,
was die hand verbrochen hat.
Günther 261;
wie, darfst du schelten?
das bankbein her! zerbläut ihn! schlagt!
sein maul soll jedes wort entgelten.
Hagedorn 3, 124;
verstoszt sie meinetwegen, Nathan, Nathan!
warum es sie entgelten lassen?
Lessing 2, 360;
läszts liebe vieh allesammt entgelten,
dasz der mann ihm seinen buben thät schelten.
menschen, thiere und Göthe 16;
so hat er wahrhaftig
grosze strafe verdient und soll mir alles entgelten.
40, 99.
und alle die ihn umgeben, müssen seine laune entgelten. Tieck 11, 67; quidquid delirant reges, plectuntur Achivi hat man verdeutscht:
was heerführer im wahn aussinnen, entgelten die völker.
5)
tadelhaft kommt ein dat. der person statt des acc. vor: dasz er ir solchen widerdriesz nicht entgelten liesze. wegkürzer 6ᵇ; wenn sie nur nicht den enkeln zu hart die ungeschicklichkeit ihrer voreltern entgelten lassen. Thümmel 4, 331.
6)
etwas anderes ist der dat. commodi: du sollst es mir entgelten!; das soll er uns entgelten.
Zitationshilfe
„entgelten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/entgelten>, abgerufen am 14.12.2019.

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