Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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empfinden

empfinden,
sentire, percipere, ahd. infindan, mhd. enphinden (wb. 3, 319ᵇ), alts. antfindan, ags. onfindan; kein goth. andfinþan, kein nnl. ontvinden. neben dem nhd. empfinden früher auch zuweilen entfinden, Dasypodius und Maaler schreiben empfinden. fehlerhaftes praet. empfund statt empfand hin und wieder im vorigen jh. das wort ist heute entschieden hochdeutsch und tief verbreitet. mit fühlen erscheint es oft gleichbedeutend, nur ist uns jetzt fühlen sinnlicher, empfinden geistiger und abstracter. es heiszt, du sollst die schläge schon fühlen, die wirkung dieser worte empfinden, das gefühl der schmerzen ist mehr leiblich, die empfindung der schmerzen innerlich; ich fühle deine hand und empfinde behagen, sie zu streicheln; doch beachtet der sprachgebrauch solchen unterschied auch nicht. in folgenden stellen setzt Klopstock beide verba völlig gleich:
denn sie fühlet noch nicht für ihn, was für sie er empfindet.
1, 33;
wer an dem frühlingsmorgen der neugeborenen freiheit
meine freuden empfand,
der allein und kein anderer fühlt den innigen schmerz auch,
welcher jetzo die seele mir trübt.
2, 188;
Philo empfand des unsterblichen schrecken, wie menschen empfinden,
was unsterbliche thun.   er fühlt es im mächtigen angrif
schauervoller und schneller als je ein mensch es gefühlt hat.
Messias 6, 321.
1)
die alte sprache verband mit empfinden wie mit fühlen den genitiv: martyres inphunden dëro waʒʒero. N. ps. 80, 8; ne infindent tëro rîchôn lide des frostes nieht na? num frigus hibernum pecuniosorum membra non sentiunt? Bth. 120. mhd.
und als er dër tôtwunden
rëhte het enpfunden.
Iw. 1051;
dô dër hërre Hagne dër wunden enphant.
Nib. 1989, 1;
dô dër dëgen Îrinc dër wunden enphant.
2000, 1;
alsô dër küene Wolfhart dër wunden dô enphant.
2234, 1;
sît ich dîner minne enphant.
Parz. 76, 25.
nhd. dise anfechtung ist natürlich, das geschlecht des geflügels empfindt dis feures. Nic. v. Wyle transl. Lucretia; aber die muter erkennt die sach und not ires sones gar vil anders weder ich, wenn es berurt ir das herz, sie empfindet sein inwendig, das tut es mir nit. Keisersb. selenp. 128ᵇ; ie geistlicher imand ist, ie mer und volkommenlicher er der sunde empfindet. Melanchth. br. an die Römer 9, 30; ehe das grün holz recht der hitz empfindet. weise kluge reden 102ᵃ; hastu dein in dieser nacht empfunden? (hai tu sentita stanotte cosa niuna?) oder was gebricht dir? Bocc. 2, 141; des hungers empfinden, famem sentire. Maaler 101ᵈ; ich meine nit, dasz der könig in seinem herzen je rechter lieb empfunden habe. buch der liebe 91, 2;
ich bin wund mit vergiftem sper,
desselben warhaft ich entpfind.
H. Sachs III. 2, 48ᵈ;
hat empfunden keiner armut.
IV. 1, 16ᶜ;
lasz uns deiner gunst und gutikeit entfinden. Melissus ps. B 3ᵃ;
im fall die kalte luft in etwas wird versperret,
empfindt der wärm hernach, so schwölt sie sich und zerret
bis sie den ort zerbricht, der sie gefangen hält.
Rompler 58.
allmälich tritt aber der acc. überall ein.
2)
sinnliches empfinden: ich entpfinde den rauch, percipio suffitum. Alberus; der grosz, hoch berg Olimpus ist darin, darauf weder luft noch regen empfunden wirt. Frank weltb. 82ᵃ;
alsbald ein neues kind
die erste luft entfindt,
so hebt es an zu weinen.
Logau 2, 95, 90;
Thraso preiste seine wunden,
die er im gesicht empfunden.
1, 87, 60;
empfanden den klang der fiedel in ihren ohren. Harnisch aus Fl. 128;
doch hub es (das pferd) auf der stunde
sich wieder auf, als es die sporen nur empfunde.
Werders Ar. 1, 63;
als der französisch held des wassers meng empfunde,
da kam mit schwimmen er herauszer auf die stunde.
11, 40;
wehe dem, der dich erblickte
und der liebe widerstand,
den dein lächeln nicht entzückte,
der dein auge nicht empfand.
Gotter 1, 103.
3)
geistiges und abstractes empfinden: reines glück, grosze freude empfinden; lust, verlangen, sehnsucht, liebe empfinden; so bald er es empfunde (innerlich gewahr würde). Keisersb. omeis 75ᵈ; ich empfand damals die höchste wonne; ich empfand den segen gottes; in dem reinen und gottgefälligen ehestand hat er gar züchtig gelebet und ein gesegnetes haus empfunden, sowol an nahrung und brot als an kindern. Brandts bericht von Taubmann 34; ruchlose menschen sagen, dasz sie bishero die kraft des h. geistes nicht empfunden, es würde auch bei ihnen nicht stehen, dasz sie selbige künftig empfünden. Scriver seelentr. 1, 195; dasz er weder gute worte noch ein gnädig gesicht empfand (erfuhr). pers. rosenth. 1, 15; die witwen, die alte unvermögende leute ... empfinden (erfahren) ihre (der reichen) gütigkeit. 7, 20; indem der herr von dem jagen kam, eine kleine müde empfand (sich ein wenig müde fühlte). Bocc. 2, 51; er empfand ein zittern in allen gliedern;
ich empfinde fast ein grauen,
dasz ich, Plato, für und für
bin gesessen über dir.
Opitz 2, 211;
eines andern pein entfinden.
Logau 2, 81, 7;
furcht, schrecken, hasz, reue, unruhe empfinden; empfunden sie die ernste gottes strafe. weish. Sal. 12, 26; er empfand reue und gewissensbisse;
eh ich die noth erkannt, empfund ich diesen stich.
Gryphius 1, 73;
er hatte die bitterste noth zu empfinden;
wahrlich, dem ist kein herz im ehernen busen, der jetzo
nicht die noth der menschen, der umgetriebnen empfindet.
Göthe 40, 267;
hatte schon das liebe kind empfunden
tief in meiner brust.
1, 79;
Lotte schwieg und Albert schien ihr schweigen empfunden zu haben. 16, 150; Ottilie hatte schnell die ganze ordnung eingesehen, ja was noch mehr ist, empfunden. 17, 66; sie empfand eine ewige trennung und ergab sich drein. 17, 164; wie in einem stück zu viel geschehen kann, so kann auch darin zu viel empfundenes ausgesprochen werden. 45, 25; 'kannst du den Homer lesen?' ich kann lesen und ich meine, dasz ich den Homer empfinden könne. Wieland 1, 62; das kann nur ein mann, nur ein weib empfinden. drohend: du sollst es schon noch empfinden, was du gethan hast, senties, quid feceris!; ich will es ihn empfinden lassen, er soll mich nicht umsonst betrogen haben.
4)
einigemal steht empfinden ohne gegenstand, intransitiv, für liebe fühlen:
vergessen wirst du dich, sobald du wirst empfinden.
Gellert 3, 325.
Sylvia. du glaubst ich gräme mich.   o glaub es nur, du irrst!
Galathee. nun kömmt der augenblick, da du empfinden wirst.
Sylvia. ich sollt empfinden? nein! doch wird er wieder kommen?
Galathee. nun ist es ausgemacht, dein herz ist eingenommen.
3, 326;
dein herz ist kalt, du fühlst nicht unsre freuden,
du hast der himmel herlichkeit gesehn,
die reine brust bewegt kein irdisch glück,
o könntest du ein weib sein und empfinden!
Schiller 475ᵃ;
ich empfinde nichts für ihn, ich liebe ihn nicht. ich empfinde für die schöne natur, habe gefühl für sie.
5)
etwas wol oder übel, hoch empfinden = aufnehmen (1, 696): diese worte empfund der könig ganz übel. pers. rosenth. 1, 1; so empfund auch Tiberius des Asinii Galli unbesonnene frage sehr übel. Butschky Patm. 792; Alcibiades empfand es sehr hoch, dasz ihm sein anschlag auf die junge Danae mislungen war. Wieland 3, 297; er argwohnte dasz —, war aber viel zu sehr mit sich und seinen absichten beschäftigt, als dasz er es hätte übel empfinden sollen. Göthe 17, 162;
blüten, blumen wol empfunden
bleiben ewig immortellen.
4, 127.
6)
sich empfinden heiszt was sich fühlen, in der alten sprache wieder gern mit dem gen.: was soll aber ain solich mensch tuͦn, der sich also empfünd? Keisersb. schif der penitenz 8ᵇ; fieng das volk an sein selbs zu entpfinden und zu stolzieren. Frank weltb. 163ᵃ; Nero regiert wol, weil (solange) er Senecam vor augen und die muͦter an der hand hett, er empfand aber immerzuͦ ie mehr und mehr sein selbs. chronik 21ᵃ; und sie (die fürsten) sich in der silberkammer etwas empfinden (merken, dasz ihr schatz wieder bei gelde ist). Kirchhof wendunm. 34ᵇ;
ich frag des nit, thu mir das kund,
ob dein bauer mag haben wind
und wie er sich im leib empfind?
H. Sachs V, 355ᵃ;
so aber das rohr den dritten theil oder nicht so viel geladen ist und sich des pulvers empfindet, so hat es dannoch den stein oder kugel weit zu treiben. Fronsperg kriegsb. 2, 173ᵇ;
o sie war euch zu mächtig, des jünglings betende seele,
sie empfand sich zu sehr, sich von der unsterblichkeit hassern
ihre krone rauben zu lassen.
Messias 18, 290;
ihre nachstellungen treiben mich endlich aus dem geheiligten schutzorte, wo ich, seitdem ich mich selbst empfand, von bildern der götter und helden umgeben mich einzig beschäftigt hatte ihnen ähnlich zu werden. Wieland 1, 53;
wol sei ihm doch, wenn er sich selbst empfindet!
Göthe 4, 103;
mir ist aufgefallen, dasz in einer groszen stadt, in einem weiten kreis, auch der ärmste, der geringste sich empfindet, und an einem kleinen orte der beste, der reichste sich nicht fühlen, nicht athem schöpfen kann. 29, 87; dasz wenn wir uns früher an den gegenständen empfanden, freud und leid auf sie übertrugen, wir nunmehr bei gebändigter selbstigkeit ihnen das gebührende recht widerfahren lassen. 31, 246; das gewahrwerden der moralischen kraft, die im glauben ankert und so in stolzer sicherheit mitten auf den wogen sich empfinden wird. 48, 29. steht ein adj. oder particip daneben, so bestimmt dieses den sinn: stelle diese gründe deiner vernunft vor, so wirst du dich gröszlich getröstet empfinden. Butschky anzl. 890; der major empfand sich zwiespältig. Göthe 22, 115; empfand er sich am eigentlichen behagen verkürzt. 22, 107;
wie durch ein schöpferisches werde!
schnell umgestimmt empfand mein wesen sich.
Bürger 111ᵃ.
s. anempfinden, aufempfinden, ausempfinden, durchempfinden, mitempfinden, nachempfinden, vorempfinden, entfinden.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1859), Bd. III (1862), Sp. 426, Z. 41.

empfinden, n.

empfinden, n.
sensus, gefühl:
dan niemand, herr, vermag so wol als du
mein leiden und empfinden,
noch meines geists und herzens angst, unruh,
noch meines feinds list und fürsatz ergründen.
Weckherlin 111;
mein erst empfinden war des himmels glück.
Schiller 395ᵇ;
o mein empfinden nennen keine worte.
498ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1859), Bd. III (1862), Sp. 428, Z. 67.

entpfinden

entpfinden,
was empfinden. Dasypodius 320ᶜ. Maaler 105ᵃ; da entpfand er heimlich in im einen stral durch den leib gon, er fiel nider. Keisersberg s. d. m. 20ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 578, Z. 22.

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s t u v w x y z -
entgegenneigen entzischen
Zitationshilfe
„entpfinden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/entpfinden>, abgerufen am 18.10.2021.

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