Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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entraten, entrathen

entraten, entrathen,
carere. es scheint befremdend, wie dieses der ahd. mhd. sprache völlig abgehende verbum (denn intrâtan, entrâten timere ist etwas anderes, nemlich in-trâtan) im 16 jh. auf einmal vortritt und seitdem oft gebraucht wird. die älteren vocabularien kennen es noch nicht, Dasypodius, Frisius, Maaler, Henisch, Denzler ebensowenig, auch Luther enthält sich seiner. zuerst bringt es Alberus: 'ich entrat, possum carere, ich kans entraten i. emperen'. dann verzeichnen es Stieler 1516 und Frisch 2, 88ᶜ. man sieht leicht, dasz es der bedeutung nach dem mhd. 'eines dinges rât hân' entspricht, Nib. 66, 4. 348, 20. 364, 2. 486, 1. 756, 8. 875, 1. 1484, 1 (mhd. wb. 2, 571. 572). mehr unter dem subst.
1)
gewöhnlich regiert entraten den gen. der sache: der jung seines vatters zu dem gelt mit allen schanden entraten muste. Kirchhof wendunm. 179ᵇ; aus denen festungen, die stark besetzt und des volks entraten können. disc. mil. 47; so dünkt uns doch, dasz wir keines ubeler entraten mögen, dann dessen wir in mangel stehen. 165; denn sie meiner nicht länger entraten könnten noch wollten. Schweinichen 2, 16; den 20 mai ist es kalt gewesen, dasz man die stuben eingeheizet und eines pelzes nicht entraten können. 3, 293;
ich kan, o gott
nu weder deiner hilf, noch deiner straf entraten.
Weckherlin 316;
wenn dasz der sonne licht des lichtes soll entraten.
Opitz ...;
wann er nun soll entraten
des lebens im sterben,
was hat er zu erben?
Logau 1, 171;
ein mancher, der fast nie des weins entraten kan,
nimt wol der dichtkunst sich am allermainsten an
in dem er trunken ist.
Rompler 79;
wie schwerlich, meint ihr wo, fällt jetzund den soldaten,
dasz sie des obristen nun sollen ganz entraten,
der sie so lang geführt.
134;
die frau mutter war unpasz und konte ihrer (der mädchen) so lange nicht entrathen. Weise kl. leute 229; denn gesetzt, dasz du einer freude entrathen must. 328; dasz er selbst gezwungen würde hier zu bleiben und der annehmlichen gesellschaft zu entrathen. erzn. 13; der luft können wir am allerwenigsten entrathen. Butschky Patm. 412; denn er betheurete, dasz der pfarr des branteweins keine stunde entrathen könne, wo er nicht mit hand, kopf und fusz zittern wolte. pol. maulaffe 114; soviel wir uns dessen zu entrathen getrauten. Felsenb. 4, 306;
gemeiner tugenden kann nur ein held entraten,
der glanz von seinem ruhm strahlt aus erhabnen thaten.
Hagedorn 1, 92;
lieb und wein wollt ich entsagen,
deren doch ein froher mann
nicht gar leicht entrathen kann.
Bürger 5ᵇ;
ob er auch unserer hülfe bedürfe oder entrathe.
197ᵇ;
ihrer dienste kann ich
entrathen.
Schiller ...;
die lande können nicht des meers entrathen.
Rückert 148;
die chronologie aber scheint unter allen andern eine wissenschaft, deren ein soldat am ersten entrathen könnte. Bodes Tristr. Sh. 8, 65; ehre die spindel, die dich nährt, was kümmern dich glück und reichthum, wenn du ihrer entrathen kannst? Musaeus volksm. s. 500; dasz auch das glücklichste talent des einwirkens einer gründlichen schule nicht entrathen kann. Göthe 45, 396.
2)
wie bei andern wörtern des entbehrens, missens, mangels schleicht sich auch hier der acc. ein: das amelmel kann man in der küchen nicht wol entraten. Tabernaemont. 613; selig ist der mann, der herrendienst entraten kan. Lehmann 145;
Quadratus ist der welt vil nütz, er gibt vil schaten,
wär übel, wenn er stürb, im sommer zu entraten.
Logau 1, 184, 72;
ich habe nie meine eigene gesundheit gewünschet, aus furcht, ich möchte die gegenwart dieses arztes entraten müssen. pers. baumg. 3, 12; ob man füglicher am leibe oder am gemüthe einen sparren entrathen kann. Weise kl. leute 47; und was er von seiner kleidung etlichermaszen entrathen kunte. 173; nichts begehret er so heftig, das er nicht ebensoleicht entrathen könnte. 345; denn keins konnte das andere so lange entrathen. pol. stockf. 201; liesz er im stiche, was mancher nicht gerne vor geld entrathen hätte. 321; lieber die 6000 th. als die frohe gesellschaft zu entrathen. pol. maulaffe 109; dasz ich mein vaterland sehr wol entrathen kann. Felsenb. 2, 506; da wir nun diesen vorwand zwar vor einen scherz halten, gleichwol aber unsere tochter nicht wol entrathen können. Leipz. avant. 2, 105;
so kann es ohne furcht den Leibnitz nicht entrathen.
J. E. Schlegel 4, 121;
mein farbenbret ward mein freund, den menschen zu entrathen. Dyanasore 2, 144; Spanien selbst konnte wenig volk mehr entrathen. Schiller 776; das wunderbare hat man in diesen neueren behandlungen alter fabeln, als unserm glauben fremd, möglichst zu entrathen gesucht. Schlegel über dram. kunst 2, 134; du kannst höfische herzen entrathen. J. P. Hesp. 3, 125; ihr hang zu bürgerlichen festlichkeiten macht, dasz sie lieber festlieder und evangelien entrathen, als zu weihnachten die stollen. Siebenk. 2, 102; sie schlug lieber einige unschuldige schneidermeister für den galgen vor, die eher zu entrathen waren. 3, 80; die gelbheit und die runzeln ihrer wangen müste sie, die wahrheit zu sagen, entrathen, wär ich nicht da gewesen. teufelsp. 1, 41; als der wilde jäger konnt er sie (die pulverhörner) keine nacht entrathen. 1, 82;
wie? können sie entrathen das süsze waldgericht?
Rückert 213;
zimmet, nelken und muskaten
kann man meistentheils entraten
und kommt nicht dabei zu kurz.
229;
das lebensglück ist nicht geglückt,
die menschen mirs zertraten,
nun will ich, in mich selbst gedrückt,
auch einen hund entraten.
Lenau neuere ged. 224.
3)
der abhängige casus kann auch unterbleiben: seine kräftige, brave natur wird wol zu entrathen wissen. J. P. Tit. 3, 119.
4)
endlich erscheint entrathen auch in der bedeutung von dissuadere, abrathen, wie sie im nnl. ontraden, und schon bei Jeroschin 137ᵇ enthalten ist: dem grund alle zeit nach zu grunden, ohne welchen kein arz einigerlei weder raten noch entraten soll. Paracelsus 1, 712ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 580, Z. 4.

entraten, entrathen

entraten, entrathen,
carere. es scheint befremdend, wie dieses der ahd. mhd. sprache völlig abgehende verbum (denn intrâtan, entrâten timere ist etwas anderes, nemlich in-trâtan) im 16 jh. auf einmal vortritt und seitdem oft gebraucht wird. die älteren vocabularien kennen es noch nicht, Dasypodius, Frisius, Maaler, Henisch, Denzler ebensowenig, auch Luther enthält sich seiner. zuerst bringt es Alberus: 'ich entrat, possum carere, ich kans entraten i. emperen'. dann verzeichnen es Stieler 1516 und Frisch 2, 88ᶜ. man sieht leicht, dasz es der bedeutung nach dem mhd. 'eines dinges rât hân' entspricht, Nib. 66, 4. 348, 20. 364, 2. 486, 1. 756, 8. 875, 1. 1484, 1 (mhd. wb. 2, 571. 572). mehr unter dem subst.
1)
gewöhnlich regiert entraten den gen. der sache: der jung seines vatters zu dem gelt mit allen schanden entraten muste. Kirchhof wendunm. 179ᵇ; aus denen festungen, die stark besetzt und des volks entraten können. disc. mil. 47; so dünkt uns doch, dasz wir keines ubeler entraten mögen, dann dessen wir in mangel stehen. 165; denn sie meiner nicht länger entraten könnten noch wollten. Schweinichen 2, 16; den 20 mai ist es kalt gewesen, dasz man die stuben eingeheizet und eines pelzes nicht entraten können. 3, 293;
ich kan, o gott
nu weder deiner hilf, noch deiner straf entraten.
Weckherlin 316;
wenn dasz der sonne licht des lichtes soll entraten.
Opitz ...;
wann er nun soll entraten
des lebens im sterben,
was hat er zu erben?
Logau 1, 171;
ein mancher, der fast nie des weins entraten kan,
nimt wol der dichtkunst sich am allermainsten an
in dem er trunken ist.
Rompler 79;
wie schwerlich, meint ihr wo, fällt jetzund den soldaten,
dasz sie des obristen nun sollen ganz entraten,
der sie so lang geführt.
134;
die frau mutter war unpasz und konte ihrer (der mädchen) so lange nicht entrathen. Weise kl. leute 229; denn gesetzt, dasz du einer freude entrathen must. 328; dasz er selbst gezwungen würde hier zu bleiben und der annehmlichen gesellschaft zu entrathen. erzn. 13; der luft können wir am allerwenigsten entrathen. Butschky Patm. 412; denn er betheurete, dasz der pfarr des branteweins keine stunde entrathen könne, wo er nicht mit hand, kopf und fusz zittern wolte. pol. maulaffe 114; soviel wir uns dessen zu entrathen getrauten. Felsenb. 4, 306;
gemeiner tugenden kann nur ein held entraten,
der glanz von seinem ruhm strahlt aus erhabnen thaten.
Hagedorn 1, 92;
lieb und wein wollt ich entsagen,
deren doch ein froher mann
nicht gar leicht entrathen kann.
Bürger 5ᵇ;
ob er auch unserer hülfe bedürfe oder entrathe.
197ᵇ;
ihrer dienste kann ich
entrathen.
Schiller ...;
die lande können nicht des meers entrathen.
Rückert 148;
die chronologie aber scheint unter allen andern eine wissenschaft, deren ein soldat am ersten entrathen könnte. Bodes Tristr. Sh. 8, 65; ehre die spindel, die dich nährt, was kümmern dich glück und reichthum, wenn du ihrer entrathen kannst? Musaeus volksm. s. 500; dasz auch das glücklichste talent des einwirkens einer gründlichen schule nicht entrathen kann. Göthe 45, 396.
2)
wie bei andern wörtern des entbehrens, missens, mangels schleicht sich auch hier der acc. ein: das amelmel kann man in der küchen nicht wol entraten. Tabernaemont. 613; selig ist der mann, der herrendienst entraten kan. Lehmann 145;
Quadratus ist der welt vil nütz, er gibt vil schaten,
wär übel, wenn er stürb, im sommer zu entraten.
Logau 1, 184, 72;
ich habe nie meine eigene gesundheit gewünschet, aus furcht, ich möchte die gegenwart dieses arztes entraten müssen. pers. baumg. 3, 12; ob man füglicher am leibe oder am gemüthe einen sparren entrathen kann. Weise kl. leute 47; und was er von seiner kleidung etlichermaszen entrathen kunte. 173; nichts begehret er so heftig, das er nicht ebensoleicht entrathen könnte. 345; denn keins konnte das andere so lange entrathen. pol. stockf. 201; liesz er im stiche, was mancher nicht gerne vor geld entrathen hätte. 321; lieber die 6000 th. als die frohe gesellschaft zu entrathen. pol. maulaffe 109; dasz ich mein vaterland sehr wol entrathen kann. Felsenb. 2, 506; da wir nun diesen vorwand zwar vor einen scherz halten, gleichwol aber unsere tochter nicht wol entrathen können. Leipz. avant. 2, 105;
so kann es ohne furcht den Leibnitz nicht entrathen.
J. E. Schlegel 4, 121;
mein farbenbret ward mein freund, den menschen zu entrathen. Dyanasore 2, 144; Spanien selbst konnte wenig volk mehr entrathen. Schiller 776; das wunderbare hat man in diesen neueren behandlungen alter fabeln, als unserm glauben fremd, möglichst zu entrathen gesucht. Schlegel über dram. kunst 2, 134; du kannst höfische herzen entrathen. J. P. Hesp. 3, 125; ihr hang zu bürgerlichen festlichkeiten macht, dasz sie lieber festlieder und evangelien entrathen, als zu weihnachten die stollen. Siebenk. 2, 102; sie schlug lieber einige unschuldige schneidermeister für den galgen vor, die eher zu entrathen waren. 3, 80; die gelbheit und die runzeln ihrer wangen müste sie, die wahrheit zu sagen, entrathen, wär ich nicht da gewesen. teufelsp. 1, 41; als der wilde jäger konnt er sie (die pulverhörner) keine nacht entrathen. 1, 82;
wie? können sie entrathen das süsze waldgericht?
Rückert 213;
zimmet, nelken und muskaten
kann man meistentheils entraten
und kommt nicht dabei zu kurz.
229;
das lebensglück ist nicht geglückt,
die menschen mirs zertraten,
nun will ich, in mich selbst gedrückt,
auch einen hund entraten.
Lenau neuere ged. 224.
3)
der abhängige casus kann auch unterbleiben: seine kräftige, brave natur wird wol zu entrathen wissen. J. P. Tit. 3, 119.
4)
endlich erscheint entrathen auch in der bedeutung von dissuadere, abrathen, wie sie im nnl. ontraden, und schon bei Jeroschin 137ᵇ enthalten ist: dem grund alle zeit nach zu grunden, ohne welchen kein arz einigerlei weder raten noch entraten soll. Paracelsus 1, 712ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 580, Z. 4.

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Zitationshilfe
„entrathen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/entrathen>, abgerufen am 22.10.2021.

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