Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

entrichten

entrichten,
in mehrern, meist erloschenen bedeutungen, ahd. intrihtan, mhd. entrihten, nnl. ontregten.
1)
aus der richte, fuge, ordnung bringen. Wolfhart Nib. 2206, 2 zu Volker:
'ich entrihte iu sô die seiten',
verstimme sie euch,
worauf der spielmann:
'swenne ir die seiten mîn
verirret guoter dœne'.
2207, 1.
wirstu entricht in deim leib und gon bös bewegungen in dir uf und böse glüst und gedenken. Keisersb. omeis 74ᵈ. in Steinhöwels Esop, ausg. von 1487. 53ᵇ heiszt es: und besorg, das dein gewaide von dem stanke entricht werde, wo ich nahe zu dir gang, et vereor ne ob foetorem pessimum vexentur viscera tua, si propius accessero, hier ist entrihten für vexare gesetzt. ebenda 54ᵃ: ich will von dir (dem schmerleib) nicht essen, wann du hast mir vor meinen leib entrichtet. die ausg. von 1569, 64ᵃ ändert jene stelle unpassend in: ich besorge, dasz deine gewand von dem gestank entricht werden. ahd. dannan habet ër gerihtet orbem terrae, der furder intrihtet ne wirdet, etenim correxit orbem terrae, qui non commovebitur. N. ps. 95, 11. die sinnicheit wirt entricht, sagt Keisersberg irgendwo im trostspiegel von 1503, die sinnlichkeit wird erregt, in unruhe, unordnung gebracht.
2)
häufiger geht dies entrichten auf personen und bedeutet wiederum aufregen, aufbringen, erzürnen, entrüsten: entrichtet, exagitatus. Maaler 105ᵃ; wie lange wil man uns noch zungen geben, Esope? Xantus was entriht (iratus) in seinem gemüt und sprach zu Esopo, wie ist dem, haben wir nichts anderes? Steinhöwel 1569, 12ᵃ; do Xantus in das bad kam und so viel lüt darin sahe, ward er entricht. ebenda 1555, 14; dem gefalt kein gute predig, sie werden entrichtet (aufgebracht) wider jeglichen waren prediger. Keisersberg dreieckecht spiegel Aa 5ᵃ (steht auch bei Gefken beil. 33. 34); so hat er sich gegen den lüten also gehalten, das sie eintweders gegen im entrichtet (bewegt) sind worden in lieb oder in hasz. brösaml. 55ᵃ; so würd er erst ein neid und hasz gegen dir gewinnen und entricht werden. omeis 88ᵇ; wie der hauptmann entricht ward über den Hugen schapler. Hugosch. 22; (ein jungfrau) zörnet mit einem uber dem bretspil, da die reden sich unter ihn so weit verliefen, dasz sie sprach, er wer ein narr und damit von dem spiel liefe. also fügt ich mich zu ihr und sagt, lasset euch nicht bewegen und gehet von ihm. aber sie wolt mir nicht folgen, und ward noch weiter entrichtet (kam noch mehr auszer sich) und braucht viel unnützer wort. buch der liebe 287, 3;
da schlug er sie in das angesicht,
sprach 'wolstu das nicht sprechen',
die fraw war von dem streich entricht,
sprach 'du böswicht,
es müssen diese schmachgeschicht
meine brüder an dir rechen'.
Ambraser lb. s. 348;
langweilig und verdrossen wirt (ein septembergeborner)
endtich (l. entisch), seltsam und bald entricht.
H. Sachs I, 376ᵃ;
die nachpewrin sprach gar entricht.
I, 451ᵈ.
es gibt aber noch feinere oder genauere bedeutungen, z. b. du hast mich ganz entricht (eingenommen) und mir zu vil lustes und begirde gegen dir erwecket. Wyle transl. (guldin esel); Euriole, thustu hie den mannen ire weiber entrichten (abwendig machen)? die fraw hat dich lieb. daselbst (Lucretia); entrichten mir den man nit! (bringt ihn nicht vom rechten weg ab), er ist uf gutem wege. Schade sat. 3, 45. was meint im Wolfdieterich 442 (Hagens heldenb. 1, 129) eigentlich:
nu solt dich nicht entrichten,
du sollst dichs nicht irren lassen? schön sagt Gotfried:
der sëlbe trahen der eine,
der ist ouch nie sô kleine,
ërn müeʒe mir verrihten,
verrihtende beslihten
beide zungen unde sin,
an den ich sus entrihtet bin.
Trist. 124, 8,
wo sich entrihten und verrihten einander aufklären.
3)
die beiden vorigen bedeutungen waren privativ, folgende sind es nicht. selten erscheint entrichten im sinne von richten, zielen, abschieszen:
o was beute! wer hat heute,
wer hat also frech und stolz
die beschlossen senn entlossen (für entlassen)
und entricht so scharfen bolz?
Spee trutzn. 299 (271).
4)
häufig für dirimere, schlichten, bescheiden, entscheiden, berichten oder einfaches richten, mit acc. der sache, zuweilen dat. der person: disceptator, der den zank entricht. Alberus; sedaneus (l. pedaneus) judex, der geringe sachen entricht oder schlicht. derselbe;
ir weisen meister wol gelart,
ich dank euch ser auf diser vart,
das ir mir habt wol entricht.
fastn. sp. 744, 18;
sihe, so hette sie die einfeltige art der sprachen leichtlich können entrichten. Luther 3, 79ᵇ; wir wollen uns auch entrichten. 3, 494ᵃ; böse sachen schlichten, irrige gewissen entrichten, friede helfen halten. 5, 176ᵃ; was mehr felle komen mügen, die befehl ich fromen, gottfürchtigen mennern zu entrichten, das beste sie mügen. 5, 251ᵇ; solche ehesachen, die unmüglich gewest sind zu entrichten. 257ᵃ; denn ich hoff, das aus vorigen und itzigen meinen büchlin gnugsamlich aufs mehrer theil diser artikel sich selb entrichten kann. br. 2, 249; ew. churf. gn. füge ich klagende zu wissen, das die sache der messen halben noch nicht entricht, sondern ärger worden. Conr. Helt bei Melanchthon s. 484; es kann sich ein idiot nicht daraus entrichten. Freder lob und unschuld der frauen; das wir alle diejenigen, so auf diesen heutigen tag das göttlich und keiserlich recht an uns begeren, sollen entscheiden und entrichten. Fronsperg 1, 6ᵇ;
so hört nu zu, kind, fraw und man,
wie ihr euch hie versamlet han,
entrichten wil ich euch dis spil,
den inhalt sagen, schweiget still.
Henr. Cnostinus trag. von verordnung der stende 1539;
wann von den dreien eins geschicht,
so bin ich los, die sach entricht.
Waldis Esop 4, 97. bl. 346ᵇ;
und du hausfraw vom bittern trank
wollest einnehmen, dasz der zank
möcht öffentlich entrichtet werden
vor ganzem gericht ohn all beschwerden.
Frischlins Susanna s. 385;
unparteiisch zu entrichten.
Melissus ps. C 2ᵇ;
weisz nit, noch mags entrichten,
wo, wann, womit und wie?
Spee trutzn. 64 (59);
der glaub es musz entrichten.
170 (155);
also strichen und entwichen
beide geiger in die wett,
ich mit nichten konnt entrichten,
wer es recht gewunnen hätt.
304 (276);
der dichtern nöthge geist, der möglichkeiten dichtet,
und sie durch seinen schwung der wahrheit gleich entrichtet.
Lessing 1, 177,
oder fällt diese stelle zur folgenden bedeutung? ist es einrichtet, herrichtet?
5)
pendere, solvere, seine schuld entrichten, ausrichten, richtig machen: geld entrichten, abgaben, zoll entrichten, die heute üblichste bedeutung des worts:
sölch sünd die wirt vergeben nicht,
dann unrecht guͦt sei vor entricht (erstattet).
Schwarzenberg 137, 2;
das ich ihme nicht schuldig, sondern das er ehrlich und redlich einmal darumb entricht und bezahlet sei. Thurneisser nothgedr. ausschr. 2, 144;
ein jeder stand hat seine pflichten,
und ein verliebter hat die schwersten zu entrichten.
Rost schäfererz. 66. schäferged. 99;
ein opfer, das ich ihm entrichten musz.
Gotter 2, 47;
deine jugend ist ihr (der welt) schuldig, was mein frühzeitiges alter ihr nicht mehr entrichten kann. Schiller 316ᵃ. statt unsers dat. der person und acc. der sache findet sich vormals ein acc. der person mit gen. der sache: e. k. mt. welle mich meins verdienten solds entrichten. Chmels Maxim. s. 160 (a. 1496); nit entsetzen, er sei dann zuvor solcher tausent guldin widerumb entricht und bezalt. s. 199 (a. 1498); nit entsetzt werden, er sei dan zuvor der gemelten zweier tausent gulden mit sambt verfallnem zins widerumb entricht und bezalt. s. 200; der beklagte aber wendet sein grosz armut für, doch wolt er thun, wie er könt, und den kläger des halben theils der schuld entrichten. Alberus 12ᵇ. vgl. Schm. 3, 34.
6)
unhochdeutsch ist entrichten für errichten, stiften, einrichten, aufrichten, bei Möser: der landeigenthümer behauptete, vielleicht gar nicht mit unrecht, er sei der mann, um dessentwillen ein regent und staat zuerst entrichtet worden. patr. ph. 1, 102; die deutschen städte dachten wol gar daran, eine neue conföderation zu entrichten. 1, 316.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 584, Z. 48.

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Zitationshilfe
„entrichten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/entrichten>, abgerufen am 18.10.2021.

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