entrinnen
Fundstelle: Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 587, Z. 11
effluere, effugere, evadere, elabi, ahd. intrinnan (Graff 1, 515), mhd. entrinnen, das goth. andrinnan ist aber gegeneinander laufen, undrinnan zufallen, zuflieszen.
1)
vom wasser:
ihm (dem gehölz) entrinnt ein quell.
Voss;
ein zäher dem andern nit entran.
Uhland 148;
schau die wässer seind entrunnen.
Spee trutzn. 230;
dasz kaum eine thräne der andern entrinnen konnt. Simpl. 2, 397;
da entrannest du, tropfen, der hand des allmächtigen.
Klopstock 1, 137.
2)
die zeit entrinnt, flieszt dahin; die jahre, die tage entrinnen;
wie schnell die stunden uns entrinnen.
Gotter 1, 400;
der laut entrann.
Schiller ...;
dann erwach ich bebend, und ersticke
noch den seufzer, der mir schon entrann.
Lotte bei Werthers grabe 1775.
3)
vom pfeil:
nur jetzt noch halte fest, du treuer strang,
der mir so oft den herben pfeil beflügelt,
entränn er jetzo kraftlos meinen händen,
ich habe keinen zweiten zu versenden.
Schiller 544ᵇ.
4)
allerhäufigst vom entgehen durch die flucht, sinnlich und abstract: aus den henden entrinnen, fugere e manibus. Maaler 105ᵃ; er wirt den streichen nit entrinnen, non feret quin vapulet; dem bettel entrinnen, emergere ex mendicitate; im selbs entrinnen, abkommen (von sich kommen), nit bei sinnen sein. 105ᵇ; sie (die katze) laszt die maus wol vor ir ein weglin anhin laufen, und wenn sie sorg hat, sie wöll ir entrinnen, alsbald tut sie einen grif nach ir. Keisersberg pred. 4ᵃ; wem gott gibt, das er denen und dergleichen verfarlicheiten entrinnet, das ist ein grosze gab, sie ist aber selten. selenparad. 144ᵃ;
entrinst du mir, so hastu glück.
Schwarzenberg 123, 1;
da kam einer der entrunnen war, und sagets Abram an. 1 Mos. 14, 13; so Esau kompt auf das eine her, und schlegt es, so wird das ubrige entrinnen. 32, 8; und schlugen sie bis das niemand unter inen uberbleib, noch entrinnen kunde. Jos. 8, 22; David aber floh und entran dieselbige nacht. 1 Sam. 19, 10; greift die propheten Baal, das ir keiner entrinne. 1 kön. 18, 40; so ziehet nu hin, die ir dem schwert entrunnen seid. Jer. 51, 50; ir ottergezüchte, wer hat denn euch geweiset, das ir dem künftigen zorn entrinnen werdet? Matth. 3, 7; ir schlangen, ir otterngezüchte, wie wolt ir der hellischen verdamnis entrinnen? ahd. berd natrônô, wio fliohèt ir fon duome helliwîʒes? Matth. 23, 33; denkestu aber, o mensch, das du dem urteil gottes entrinnen werdest? Röm. 2, 3; und ich ward in einem korbe zum fenster aus durch die maure nider gelassen und entran aus seinen henden (goth. jah unþaþlauh handuns is). 2 Cor. 11, 33; des schwerts scherfe entrunnen. Ebr. 11, 34; diejenigen, die recht entrunnen (durch die taufe). Luther 6, 86ᵃ; nu ist er dem fleisch entrunnen, der welt und dem teufel zu hoch gefaren, das in nimer fahen und würgen, noch sonst schaden können. 6, 241ᵃ; als sie nun aus groszer gefahr entrunnen. Forer fischbuch 100ᵇ;
ich hoff ich sei der hellen entrunnen.
Alberus 36ᵇ;
so müsten wir des lands entrinnen.
H. Sachs III. 2, 67ᵈ,
wo des lands nicht steht für dem lande, sondern ausdrückt durch das land, aus dem lande; und entrunne (für entrann) der leibeigene der todesgefahr. pers. baumg. 4, 15;
die noch bisher entrunnen seiner wut.
Weckherlin 41;
ein mädchen läszt sich nicht so leicht gewinnen,
und wenn es halb gewonnen ist,
so sucht es doch mit angeborner list
zu fliehn und dem bekenntnis zu entrinnen.
Rost schäfererz. 11;
die grosze welt berauschte nur die sinnen
und liesz gehirn und herz mir leer.
die prahlerin! was lehrt sie mehr,
als muth ihr selber zu entrinnen?
Gökingk 3, 6;
aus deren arm muthwillig du entronnst (: sonst).
dessen lieder zweier liebenden 152;
o dasz nur jene (dryaden) dem todesverhängnis entrönnen, die segnend
einst an der Limmat und Sihl Geszner dem enkel erzog.
Matthisson 271;
getrost, ich werde der kühnheit
und der list auch jetzt nicht vergessen, durch die ich aus manchen
gröszren gefahren entronnen, worein ich öfters gerathen.
Göthe 40, 214;
aber soll es nicht sein, dasz je wir aus diesen gefahren
glücklich entronnen uns einst mit freuden wieder umfangen,
o so erhalte mein schwebendes bild vor deinen gedanken.
40, 336;
was willst du, Faust, auf diesen bergeszinnen?
den nebeln und den zweifeln dort entrinnen?
des abgrunds nebel werden nach dir schleichen,
auch dort dir zweifel an die stirne streichen.
Lenau Faust 7.
man gebrauchte das part. entronnen von dem was weggekommen war und wieder gefunden ist, in welchem sinne wir auch verloren (der verlorne sohn) sagen: die entrunnene zwei erste büchlein meiner oden und gesängen hab ich wider übersehen und alhie mit ihren andern älteren und jüngeren geschwistrigten gesellet. Weckherlin vorr. zu den weltl. ged. Maaler 105ᵇ hat entrunnen elapsus, salvus.
Zitationshilfe
„entrinnen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/entrinnen>, abgerufen am 19.10.2019.

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