Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

entwähren

entwähren,
irritum facere, nicht leisten, gegensatz von währen, ratum habere, praestare; mhd. lauten beide verba wërn und entwërn, ahd. wërên und intwërên. genug schon ist gesagt, dasz man wërn und wern, folglich auch entwërn und entwern von einander halten müsse, wie auch die nhd., nur durch das h entstellte, schreibung währen und wehren sondert. von wern hernach unter entwehren, die wurzeln können erst bei abhandlung der einfachen wörter genau erwogen werden, vielleicht dasz beide wërn und wern auf visan, wësan, manere zurückgehen. mhd. war der gegensatz von wërn und entwërn noch viel flüssiger. wërn hiesz intransitiv manere, durare, transitiv aber ratum, firmum habere, spondere, efficere, praestare, folglich entwërn irritum facere, non praestare, recusare:
daʒ ër dekeines guotes
dar umbe wolte hân gegërt,
daʒ ër dër êren wære entwërt,
daʒ ër gevohten hæte niht.
tr. kr. 3684,
er hätte kein gut dafür genommen, dasz man ihm die ehre zu kämpfen versagt haben sollte;
entwër mich einer bëte niht.
Trist. 241, 12;
dës guotes vinde wir dâ niht,
dës unser iegelîcher gërt
und dës wir alle sîn entwërt.
308, 34,
das uns allen versagt wird;
entwërent ir mich dirre bëte.
Lanz. 1626;
daʒ ër sî niht entwërte
swës sî an in gërte
von kleidern und von gmache.
Greg. 113,
was sie für kleid und pflege verlangte, das gewährte, leistete er, liesz er nicht ungeleistet;
iedoch wurdens alle entwërt.
ebenda 698,
allen freiern wurde die werbung abgeschlagen;
swëm mîns dienstes nôt geschiht,
und swër guoter dës gërt,
dërn wirt ës niemer entwërt.
Iw. 6004,
der bleibt meines dienstes nicht ungewährt. diese beispiele aus vielen ergeben, dasz hier nicht gerade rechtsverhältnisse vorliegen, nur der bruder als vormund seiner schwester liesze sich rechtlich verbunden erachten für sie zu sorgen; überall im leben konnte die sitte pflichten auferlegen und ein wërn oder entwërn herbeiführen. sehr natürlich aber begründete sich oft eine juristische obligation, gläubiger wie schuldner waren gehalten zu wërn, d. h. zu erfüllen, was sie gelobt hatten, und falls sie es nicht thaten, so entwërten sie. nhd. hat sich währen nur für die intransitivbedeutung behauptet, transitives währen, ratum habere, praestare, heiszt uns überall 'gewähren'. 'entwähren' ist ganz beschränkt und wird in der regel durch 'nicht gewähren' oder versagen ausgedrückt, den wörterbüchern ist es schon entgangen; der einzige Stieler 2416 stellt noch entwären, fallere, renuere als dichterisches wort auf, aus den dichtern sind jedoch keine belege zur hand. der juristische sprachgebrauch vermengt entwehren (aus dem besitz setzen) und entwähren (nicht leisten) allenthalben, Haltaus bringt beispiele für ersteres sp. 350 unter entwären, und beispiele für entwähren sp. 353 unter entweren. mit bewähren wahr machen, mhd. bewæren, haben beide ausdrücke nichts zu schaffen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 644, Z. 45.

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Zitationshilfe
„entwähren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/entw%C3%A4hren>, abgerufen am 23.10.2021.

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