Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

entwehren

entwehren,
ein schwieriges, mehrdeutiges wort, mit dem sp. 644 behandelten entwähren oft vermischt.
1)
das goth. vasjan bedeutet vestire, vasti vestis, ahd. werian und weri, einen in besitz setzen hiesz ihn bekleiden, vestire, aus dem besitz setzen disvestire, folglich entwehren, entkleiden, obschon uns die quellen kein goth. andvasjan, kein ahd. intwerian, nicht einmal ein entschiednes mhd. entwern in solchem sinne darreichen. nach dem ahd. giweri, giwerida vestitio, vestitura, mhd. gewer läszt es sich kaum bezweifeln. deutlicher wird die nhd. sprache. in einer bis 1479 herabreichenden thüringischen chronik bei Senkenberg sel. 3, 334 steht: dasz man die rechten erben 'des landes entwehret', was doch eher 'des landes entsetzt', als 'ihnen das land versagt', entwërt bedeuten wird. Brant sagt 57, 8
meinend, hab got eim guͦts beschert,
so werd im das niemer entwert,
d. i. genommen, er aus dessen besitz gesetzt, was Zarnke s. 393 unrichtig für das mhd. entwërt erklärt, das schon bescherte kann einem nicht versagt, aber entzogen werden. in der erkl. des landfriedens von 1522 ist die rede von der entwehrten habe, von den entwehrten gütern, offenbar, aus deren besitz einer gesetzt wurde. in der Frankfurter reformation 2, 17, 9 heiszt das pfand entwehren es dem verpfänder wegnehmen. so gebrauchen auch folgende stellen entwehren für nehmen, berauben: das ich des meines also unverschuldt und unverhört entwert sölt werden. Chmels Maximilian s. 63 (a. 1495); er erobert auch vil guts, den Römern vormals von den feinden entweret. Livius Schöfferlin 42ᵇ;
die churfürstlich Pfalz hat ihn (den sänger) ernert,
so lang dem frommen fürsten
sein land ist worden entwert (vorenthalten).
Hildebrand volksl. 159;
denn die mir mein kron hat entwert,
dardurch mir all mein freud zerstert.
Wickram irr. bilger B 1ᵃ;
sampt der entwerten habe. Luther 3, 106ᵇ; sollen sie den entwerten alsbald widerumb eingeben und zustellen. daselbst; ein bote von etlichen nidergeworfen, doch nach entwehrtem (beraubtem) briefsack ledig gelassen. Kirchhof wendunm. 256ᵃ; dasz inen ir rechtliche gebür wider alle billigkeit entzogen und dessen sie entwehrt stehen müssen. mil. disc. 255; Jesus hat alles, so Lucifer in der hellen genabt, raublich entwehret (gewaltsam genommen) und mit sich ausgefüret. Ayrer proc. 1, 11; ja, wenn er auch kein gesandter wäre, könte mit fug kein mensch ihm seine eigene tochter entwehren. Lohenstein Arm. 1, 1280. später geräth dies entwehren auszer gebrauch.
2)
entwehren, entwafnen, dearmare, exarmare, bei Maaler 106ᶜ entweeren scheint ganz dasselbe wort, denn waffen und rüstung sind kleid und entwafnen ist entkleiden, exspoliare, berauben, von raub, kleid (Graff 2, 357). ein goth. vasjan, bivasjan für wafnen, bewafnen, andvasjan für entwafnen wäre denkbar, wenngleich Ulfilas ὅπλα sarva, vêpna, nicht vastjôs wiedergibt. ahd. aber ist werî framea und wehr und waffen verbinden wir noch heute, gewehr ist waffe. mhd. entwern scheint ebensowenig für exarmare als für disvestire zu begegnen, doch sind die stellen vielleicht nur der aufmerksamkeit entgangen; wenn Conrad bei schilderung eines kampfes sagt:
iedoch wart daʒ gesmîde
niht verschrôten noch entwert.
swie vil getengelt und gebert
ûf die stahelringe wart,
sô wâren si doch von dër art,
daʒ kein wâfen si versneit.
tr. kr. 4087,
bedeutet dies entwern zwar verderben, zu grund richten, aber das verhauen des geschmeides ist zugleich ein zerstören der rüstung, also ein entwafnen, ungefähr wie wir entgesten auskleiden in entstellen, verderben übergehen sahen. nhd. finden wir entwehren, nnl. ontweren, in beiderlei sinn, des entwältigens und entwafnens: entweerter zeug, dem die geweer oder waffen genommen sind, dearmatus exercitus. Maaler 106ᶜ; fing er an, die alten diener zu entwehren und gab selbige waffen seinen andern geschöpfen. Butschky Patm. 919;
mein stählern schild zerknicket deinen zweig,
du must, entwehrte magd, vor meinem blitze weichen.
Hallmann Theodorich 24;
schild, rüstung sind zerfetzt durch hieb und stosz,
die schienen sind schon nach und nach entsunken
und beider (helden) arme ganz entwehrt und blosz.
Gries Bojardo 1, 4, 3,
entwehrt ist wehrlos, inermis, ahd. urwâfani.
3)
anstand macht das mit r geschriebne, also von vasjan zurückweichende goth. varjan, κωλύειν, ahd. wiederum werian, mhd. wern, nhd. wehren, in der form mit werian vestire, armare zusammenfallend; auch die bedeutung von schützen, tueri, defendere schiene sich der von kleiden anzuschlieszen, der schützende, wehrende wehrt ab, hält ab. immerhin bleibt der ungothische, sonst nur durch assimilation herbeigeführte übertritt des s in r bedenklich und könnte erst in einer vermittelung zwischen wehren und währen erledigt werden. das nhd. (weder ahd. noch mhd.) compositum entwehren ist nicht privativ wie entwehren, disvestire, exarmare, sondern positiv wie erwehren, wenig unterschieden vom bloszen wehren. entwehren und erwehren tauschen wie entwachen und erwachen, entübrigen und erübrigen. ältere schriftsteller verwenden dies entwehren, prohibere, transitiv: die da gewuchert haben oder entweret, das armen luten nicht worden ist, das inen gemacht ist in dem testament. Keisersberg brösamlin 59ᵃ; das was nun den grafen von Toggenburg widrig und hättinds gern entwert (verwehrt, verhindert), doch was der von Iberg so mächtig mit hilf abt Berchtolds, dasz sie es nit erweren möchtind. Tschudi 1, 156 (wo beide verba entweren und erweren gleichviel); die brunnen, so zur statt oder festung geleitet, wo muglich, inen abgestricket, abgraben oder sonst entwehret werden. Kirchhof mil. disc. 166 (wo entwehren auch wegnehmen ausdrücken könnte). neuere bieten reflexives entwehren mit dem gen. oder auch acc. der sache: der marquis stehet auf, sich seiner unbequemen umarmungen zu entwehren. Lessing 4, 439; sie hatten sich den feindlichen dolch nur von dem herze entwehrt (abgehalten). 6, 321; der schwächere leser kann sich nicht entwehren, eine geringschätzige idee mit dem namen solcher männer zu verbinden, denen solche stümper solche armseligkeiten unausgepfiffen vordocieren dürfen. 8, 206; unvermögend sich ihrer aller zu entwehren, kommt ihm in den wolken ein strahl Jupiters zu hülfe. 12, 156.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 648, Z. 72.

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Zitationshilfe
„entwehren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/entwehren>, abgerufen am 15.10.2021.

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