Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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entwohnen

entwohnen,
procul degere, habitare, entlegen sein:
ach vater, hoch entwohnet
ob allen lüften weit,
allda dir sonn und monet
gar tief zun füszen leit.
Spee trutzn. 80 (74).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 661, Z. 64.

entwohnen

entwohnen,
desuescere, desuefieri, sich entwöhnen, ahd. intwonên (Graff 1, 874), im voc. theut. 1482 g 5ᵃ hintereinander entwanen und entwonen, disuescere, dissolere, ungewonlich sein: si entwonend desse (ejus) nach und nach, desuefiunt. Maaler 106ᵈ; als ein muter, die das dütlin da vornen an den werzlin bestreicht mit gallen oder aloes, mit bittrem ding, und wenn das kind saugen will, so ist es bitter, so flühet es den dutten und entwonet der milch. Keisersberg brösaml. 21ᵇ; als wenn einer der laster gewohnt und wil tugend lehren, so musz er vor der alten laster entwonen (es steht falsch entwenen, oder fehlt 'sich' davor) und vergessen. schimpf u. ernst 1555 cap. 171; durch unverrucktes wolergehen verzärtelt und entwohnet. Butschky Patm. 865; sie müssen ihren sohn unter fremde leute thun, damit er die dorfluft entwohnt. Rabener 4, 132;
und Tithon, den Aurorens schöne brust
und seelenvoller blick vergebens
ins dasein rief, erwacht zur längst entwohnten lust.
Wieland 10, 21;
mich faszt ein längst entwohnter schauer,
der menschheit ganzer jammer faszt mich an.
Göthe 12, 237;
und die armee, von der wir hülf erwarten,
verführt, verwildert, aller zucht entwohnt.
Schiller 334ᵇ;
doch unerbittlich, allgewaltig treibt
des augenblicks gebieterstimme mich
an das entwohnte licht der welt hervor.
489ᵃ;
zum überflusz setzte die lang entwohnte hitze eines beizenden Rheinweins meine einbildungskraft in feuer und flammen. Thümmel 2, 18. erst bei neueren vertritt den alten gen. der sache ein acc.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 661, Z. 69.

entwöhnen

entwöhnen,
desuefacere, ahd. intwenian, mhd. entwenen, bei Frisius und Maaler richtig entwennen (wie henne = henia), bei Dasypodius 235ᵈ und Alberus entwehnen, bei Stieler entwenen, später entwöhnen. nnl. ontwennen. mit gen. der sache oder der praep. von.
1)
vorzugsweise infantem lacte depellere, mlat. ablactare, delactare, das kind entspenen, von der brust absetzen, abgewöhnen, ahd. intwenitêr, ablactatus (Graff 1, 869); alsô diemuote ne was, sô daʒ intwenita chint, daʒ noh an dëra muoter armen ist. N. ps. 130, 2; entwennen, von der milch nemmen, abnemmen, entwent oder abgenomne lämble, depulsi agni a matribus. Maaler 106ᶜ; wann ein mutter ein kind will entwenen von dem saugen, so bestreicht sie das werzlin an den brüsten. schimpf und ernst 1546, 86;
welch wirt er leren das gericht?
'die entwenten von der milch' er spricht.
fastn. 14, 16;
von mir da bist du abgetrennt,
gleichwie ein kind der milch entwent,
dein stuhl steht für der thür.
Hofm. gesellsch. l. s. 49;
und wann ich etwan schwaift zu weit,
und nicht bei dir plib iderzeit,
war mir wie aim kind, welchs entwänt
von seiner muter wirt verlänt.
Fischart geistl. l. s. 71;
auch hat sie bedaurt die zwei kind,
die von ihr nicht entwehnet sind.
Ayrer 338ᶜ.
2)
dann überhaupt a consuetudine abstrahere: nein, du must mir zwen lön geben, den einen, das ich dich des alten entwen, den andern, das ich dich nüwes ler. Keisersberg brösaml. 77ᵇ;
ich kan ims (für ins) nit entwehnen zwar.
Waldis 4, 59 bl. 276ᵃ;
er (David) wandelte nicht in groszen dingen, die ihm zu hoch, sondern setzte und stillete seine sele, damit sie nicht würde entwehnet. Butschky Patm. 778; in einer einsamkeit, von welcher ihn das beschäftigte leben zu Athen und die wollüstige musze zu Smyrna schon etliche jahre entwöhnet hatten. Wieland 2, 171;
sie irren her, sie schwirren hin
mit sehnen und mit stöhnen,
und können ihren leckersinn
des honigs nicht entwöhnen.
Bürger 89ᵃ;
entwöhnt vom bunten tande.
Pfeffel 3, 65;
und mich ergreift ein längst entwöhntes sehnen
nach jenem stillen, ernsten geisterreich.
Göthe 12, 6;
die nation gieng augenblicklich von dem drückendsten zwange der intoleranz in einen zustand der freiheit über, dessen sie bereits zu sehr entwöhnt war, um ihn mit mäszigung auszuhalten. Schiller 810ᵃ;
gerollt durch unterirdische klüfte
heb ich allhier mein haupt, die entwöhneten sterne zu schauen.
Voss Ovid nᵒ 25, 163.
im part. praet. mischt sich die bedeutung von entwohnen und entwöhnen.
3)
sich entwöhnen: also auch soll im ein mensch ein straf uflegen, wenn er schwert bei gott ... ir thuͦnd es kum vier wochen, ir entwenen euch des schwerens. Keisersb. s. d. m. 23ᵃ; wenn mein lehrmeister noch lebt, ich wolt in lassen henken, darumb das er mir in der jugend zu viel hat ubersehn und mich nicht gestraft hat, jetzt ists versaumet und kan mich nu selbs nit mehr entwehnen. schimpf und ernst 1555 cap. 172; darumb wenn die frauwe hernach sich voriger faulheit annam, drouwet er ir mit erzelter arznei zu helfen, dasz sie dennoch etlichermaszen solcher sich entwehnete und häuslicher begund zu werden. Kirchhof wendunm. 114ᵇ;
sie wird sich, sind nur erst drei bis vier monden hin,
von Hymens trost nicht ohne müh entwöhnen.
Wieland 10, 258;
diese benennung hat freilich beifall und platz gewonnen und schwer möchte man sich derselben sobald entwöhnen. Göthe 6, 118; so dasz man ihn leicht zu dem entschlusz drängen konnte, zu reisen, sich zu entfernen, sich von ihr zu entwöhnen. 17, 116;
weh uns, wenn dieses volk des schwertes sich entwöhnt,
das ihm gesetze gab, wenns die gesetze höhnt.
Gotter 2, 324;
denn was verschmerzte nicht der mensch! vom höchsten
wie vom gemeinsten lernt er sich entwöhnen.
Schiller 399ᵇ;
sich in lust und leid zu senken,
kann sie (die seele) nimmer sich entwöhnen.
Friedr. Schlegels gedichte s. 64;
die holden hauche, die entflammten blicke
und alles das, dem ich mich nie entwöhne.
Rückert 252;
wenn ich auch verliebter qualen,
schwärmerischer träum und bilder mich entwöhne.
Platen 9ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 662, Z. 16.

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Zitationshilfe
„entwohnen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/entwohnen>, abgerufen am 17.10.2021.

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