Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

enwicht

enwicht,
ältere gestalt des sp. 657 aufgeführten entwicht dessen eingeschobnes t wie in entgegen, entzwei, entzwischen zu beurtheilen ist. doch die älteste, reinste erscheint uns erst im mhd. unverbundnen ein wiht, aus der anlehnung einwiht ergab sich frühe schon verdünntes enwiht, wie der diphthong von einzel, eilf zu enzel, elf wurde und wir für ein wenig enwenig aussprechen. übersetzen läszt sich das 'ist ein wiht' durch: ist unnütz, vergeblich, unwerth, nichtig, verdorben:
dër pfaffen disputieren ist mir gar ein wiht.
Walth. 27, 14;
so ist vaʒ und tranc ein wiht.
106, 22;
daʒ ist alleʒ ein wiht.
Alexander 3995;
diu spæte riuwe ist gar ein wiht.
Winsbekin 20, 8;
ir müeʒen iemer sîn ein wiht.
Lanz. 1633;
diu âventiure ist ein wiht
die mîn veter ûʒ bôt.
2218;
mîn eines loben deist ein wiht,
volgens ander liute niht.
Freid. 61, 1;
al sîn suoche was ein wiht.
Trist. 3768 H.;
dîn smeichen daʒ ist ein wiht.
8185;
so ist gar ein wiht mîn vröude.
MSH. 3, 225ᵃ;
diu rede wurde mir ein wiht.
Frib. Trist. 6217;
die der keiser ruofet an,
die sint ein wiht.
Pantaleon 234;
darzu sint diu wîb ein wiht.
Dalimil 24, 21,
also noch in einem späten, rohen gedicht. allmälich greift das schon früh vorkommende angelehnte enwiht um sich, in beiden Tristanstellen gibt es Maszm. 96, 10. 206, 27;
unser lëger sî hier enwiht.
Wh. 458, 2 (np. ein wiht);
beidiu der val und der stanc
heten in getân vil nâch enwiht.
Lanz. 2923;
dës wart im sîn tenker vuoʒ enwiht.
MSH. 3, 225ᵃ;
daʒ dunket die bœsen gar enwiht.
Wigal. 7, 35;
nu lâ
die rede, wan diu ist enwiht.
52, 36;
unser fröude wære enwiht
und hiete wir der wîbe niht.
57, 38;
ir rîterschaft dûht in enwiht.
119, 13;
woch, ëʒ dûhte dich ie enwiht
swaʒ ich guotes ie getëte.
139, 37;
waʒ touc diu rede? si ist enwiht.
151, 8;
der heiden sprach 'ëʒ ist enwiht'.
Wigam. 3290;
seit mir der leib von alder ist enbicht.
Wolkenst. s. 261;
mit red macht ër enwicht
die wal und die weler.
Ottocar 123ᵃ;
sei hiet kain purch, so wolts auch nicht
das hembd mit wüschen tuon enwicht (verderben).
ring 35ᵃ, 3,
welche beiden letzten verbindungen mit machen und tuon schon von dem älteren brauch weichen. in allen angezogenen stellen stehen aber ein wiht und enwiht immer nur praedicativ, niemals, gleich dem späteren entwicht adjectivisch; dennoch findet sich Wigam. 527:
ër sach alle geschiht
lëbentigeʒ und enwiht,
die lebendigen und die todten. Offenbar ist nun ein der artikel, wicht das bekannte subst., dessen sinn aus der bedeutung von ding übergeht in die von unding, wie denn auch daneben als gleichbedeutige phrase 'ein niht' vorkommt, was sich gerade so in 'enniht' verengte:
daʒ ist alleʒ ein niht.
MS. 1, 150ᵇ;
diu trügevreude ist ein niht.
Iw. 4413;
daʒ was gein dirre nôt ein niht.
Parz. 583, 11;
so istʒ wider der êrsten kraft enniht.
Freid. 9, 2.
da in jedem niht ursprünglich wiht steckt, was doch längst nicht mehr gefühlt wurde, konnte wol geschehen, dasz man das gekürzte ein vor enwicht für die negation nahm, wie auch gramm. 3, 65 geschah (vgl. 3, 737), in enniht schiene sie dann doppelt ausgedrückt; wer hätte in diesem en den artikel ein wiedererkannt? es bedarf keiner entschuldigung, dasz einem zwar heute verschollenen, ehmals aber in unsre sprache eingreifenden worte zweimal, unter entwicht und enwicht, nachgeforscht wurde. s. wicht, ahd. niwiht, entwichten, entnihten.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 676, Z. 21.

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Zitationshilfe
„enwicht“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/enwicht>, abgerufen am 25.10.2021.

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