Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

erbauen

erbauen,
exaedificare, exstruere, wie bauen, aufbauen, auferbauen in älteren schriften noch mit starkem part. praet., z. b. erbauen und unerbauen, wol erbauen feld. Schmeller 1, 136;
im Wirtenberger land da leit ein schlosz,
das ist so wol erbauwen.
Uhland 298;
doch es liegt ein schlosz in Österreich,
das ist ganz wol erbauwet.
300.
erbauen ist nachdrücklicher als das einfache bauen und bezeichnet, wie aufbauen, in die höhe bauen, fertig bauen, noch mehr kraft hat auferbauen.
1)
land und feld erbauen: hetten erbauwens (angebautes) feld und fruchtbar erdrich. Frank weltb. 222ᵃ; ein land, das nicht erbauet ist. kl. weise reden 121ᵇ; und die stedte sollen wider bewonet und die wüsten erbawet werden. Ez. 36, 10;
sollen all unterthenig sein,
ihm erbawen all seine feld.
H. Sachs III. 1, 83ᵇ;
wer seinen acker wol erbauwt,
und gott dem herrn allein vertrauwt,
der wird brots haben mehr dan gnug.
Frischlin s. 121;
seinen beutel baue vor, wer ein wüstes gut wil pflügen,
wann das gut wird sein erbaut, wird der beutel wüste liegen.
Logau 2, 220, 59;
da schier nichts anders sonst als kriegen ist bekannt
und jagen wilder thier, da kein erbaute felder,
da keine gärten nicht, da lauter rauhe wälder.
Rompler 55.
2)
früchte, kräuter: ackern und etwas fruchtbarlichs erbawen. Fischart ehz. 70;
dies kraut das thun erbauen
mit sonderlichem fleisz
die adelichen frauen
auf wolbewuste weis.
gesellsch. lieder 62;
halbverglimmtes kraut,
das in Virginien der nackte mohr erbaut.
Zachariä 1, 29.
figürlich, lege dich zu ir, das sie auf meinen schosz gebere, und ich doch durch sie erbawet werde. 1 Mos. 30, 3;
wie Sara unfruchtbar
Abraham gab ir magd Hagar,
ein fruchte aus ir zu erbawen.
H. Sachs III. 1, 1;
ob nun gleichwol alldieselbigen erbawenen creaturen mancherlei geschlechts ... aus dem samen formiert und gebildet sind. Thurneisser probierung der harnen 1.
3)
erz bauen:
und hab ein hofnung, mut und herz
bald zu erbauwen glück und erz.
solichs der bergman reden kan.
Thurneisser von wassern 45.
4)
häuser, tempel, brücken: er hat heuser zu sich gerissen, die er nicht erbawet hat. Hiob 20, 19; das ist die grosze Babel, die ich erbawet habe zum königlichen hause. Ez. 4, 27; denn er hat unser volk lieb und die schule hat er uns erbawet (goth. jah synagôgein is gatimrida unsis). Luc. 7, 5; dieser tempel ist in sechs und vierzig jaren erbawet. Joh. 2, 20; das wir einen baw haben von gott erbawet, ein haus nicht mit henden gemacht, das ewig ist im himel (ei gatimrjôn us guþa habam). 2 Cor. 5, 1;
es schwebt eine brücke, hoch über den rand
der furchtbaren tiefe gebogen,
sie ward nicht erbauet von menschenhand.
Schiller 50ᵃ.
figürlich, also sol man thun einem ieglichen, der seins bruders haus nicht erbawen wil. 5 Mos. 25, 9; durch weise weiber wird das haus erbawet, eine nerrin aber brichts mit irem thun. spr. Sal. 14, 1.
5)
innerlich erbauen: die den glauben mer zerstören dann erbauwen. Frank weltb. 125ᵃ; mit was lehre er den verstand geschärfet und erleuchtet, mit was übung und erfahrenheit er den erbauet. Butschky Patm. 260; grundsätze, worauf eine gewisse meinung erbauet werden. Kant 8, 105; da ihn (den verstand) ja selbst die religion, wie er sich solche allenfalls erbauen kann, im stiche läszt. Göthe 26, 217.
6)
besonders fromme gedanken wecken, das gemüt erheben, gleichsam höher bauen, wie franz. édifier: die heutige predigt hat mich recht erbaut; diese geistlichen lieder werden dich erbauen; seid gewurzelt und erbawet in im und seid feste im glauben. Col. 2, 7;
seel und leib
bei ihrem hirten zu erbauen.
Gökingk 1, 70.
7)
hieraus gieng ein schwächeres erbauen, im sinne von zufrieden stellen, befriedigen, anregen und erwecken hervor:
auf diesen trümmern hab ich auch gesessen,
vergnügt getrunken und gegessen
und in die welt hinausgeschaut,
war aber wenig nur erbaut.
kein liebes kind gedachte meiner.
Göthe 4, 146;
wir fühlten uns als Deutsche und als Frankfurter von diesem ehrentag doppelt und höchlich erbaut. 24, 307; am meisten war mir um die zwei widder von erz zu thun, welche, auch nur unter diesen umständen gesehen, den kunstsinn höchlich erbauten. 28, 121; wenn der höher gebildete von dem ganzen kunstwerke die einwirkung auf sein inneres ganze erfahren und so in einem höheren sinne erbaut sein will. 33, 171;
spitzbögiger zenith erhebt den geist.
solch ein gebäu erbaut uns allermeist.
41, 83;
Meyer ist unglaublich erbaut von den arbeiten der älteren Florentiner. Göthe an Schiller 192; wir sind von der sache wenig erbaut; dein betragen erbaut mich eben nicht;
ein junges weibchen lobesan,
seit gestern erst getrauet,
gibt einen klugen einfall an,
der alles volk erbauet.
Bürger 26ᵃ.
8)
sich erbauen, nach den vorhergehenden bedeutungen: auf einer hohen schule im studieren sich wol zu erbauen (excolere). pol. maulaffe 1; bei diesem prediger kann man sich gar nicht erbauen;
an unsrer väter thaten
mit liebe sich erbaun.
Uhland ged. 126.
9)
noch erwähnt sei eines ungewöhnlichen erbauens bei Püterich (Haupt 6, 59):
der durchleuchtigen frauen
Machthild mit nam genant
soll diser brief erpauen,
der fürstin wolgeborn ausz Bairland,
dem sinne nach zukommen, zugelangen, bestellt werden, gleichsam wie man einen acker bestellt, da doch das wort hier intransitiven sinn hat. könnte die uralte gemeinschaft zwischen bauen und sein (1, 1170) nachzucken, so würde die bedeutung von sein oder werden vortreten dürfen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1859), Bd. III (1862), Sp. 705, Z. 50.

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Zitationshilfe
„erbauen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/erbauen>, abgerufen am 22.10.2021.

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