Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

erde, f.

erde f
terra, goth. airþa, alts. ertha, ags. eorđe, ahd. ërda, mhd. ërde, mnl. erde, aerde, nnl. aarde, engl. earth, fries. irth, altn. iörđ, schw. dän. jord.
1)
eines so durchgreifenden, altverjährten wortes ursprung verliert sich im dunkel. da uns das latein und die keltischen sprachen auch sonst nahe liegen, läszt sich an eine lautumstellung denken: terra, keltisch tir (vgl. atír bei Zeusz 254) verhalten sich zu airþa, ërda wie lit. darbas zu goth. arbaiþs oder wie forma zu μορφή, und hinzutritt, dasz die lautverschiebung des lat. t ins goth. þ, ahd. d vollkommen regelmäszig ergeht. neben welschem tir gilt aber noch daear, arm. douar, worin wiederum fortgeschobne lingualis erscheinen könnte. das doppelte rr in terra mag wie in curro, susurrus u. a. m. aus ri erwachsen sein. tellus, die göttin Tellus, gehört gar nicht zu terra.
2)
in beiden formen, airþa wie terra, ist der linguallaut wesentlich, stehe er vornen oder hinten. ihn aufgegeben erweitert sich alsbald die vergleichung. das Wessobrunner gebet scheint ëro noh ûfhimil darzubieten, obschon himil enti ërda nachfolgt, die gestalt von ëro ist aber männlich (vgl.hëro Graff 4, 999), oder musz man êro, area, pavimentum, nach 1, 198, ansetzen? aus dem adv. ἔραζε folgert man ein nirgend begegnendes ἔρα nach analogie von θύραζε, χαμάζε. gal. und ir. gilt ire, irionn feld, land, boden, das skr. irâ oder auch idâ (Böhtl. Roth 1, 782. 815) terra geht auf die vorstellung von nahrung labetrank und kuh zurück, stimmt also zur uralten verbindung der begriffe kuh und erde. ob mit einem dieser ausdrücke das hebr. erez, arez (ץרֶאֶ, ץרֶאָהָ) zusammenhängen könne, bleibt höchst unsicher, auch arab. arz, ard stimmen ein.
3)
welchen sinn legen soll man in eins dieser wörter? dem skr. irâ liegt der von spende, milchspende unter. an arare, goth. arjan läszt sich bei airþa nicht denken, wie schon die vocale abweichen und die bedeutung des pfluglandes, ackerfeldes, der terra arabilis wäre fast zu eng, darum liegt auch das lat. arvum ab; ein skr. urvî terra wird aber mit recht von uru weit, grosz geleitet und gleicht dem gr. beinamen der erde εὐρεῖα. ir. und gal. drückt uir pulvis und terra aus. terra für das trockne land zu nehmen und aus torrere zu deuten, gewinnt zwar schein durch extorris = ahd. arërdeo, mit übergang des e in o, wie in verto, divortium u. s. w., hat aber doch gegen sich, dasz weder in tir noch in unserm erde rs vorbricht, wie in τέρσεσθαι und im goth. þairsan, þaursus = ahd. durri, dürre.
4)
unmittelbar zurück in unsere sprache führt die wahrnehmung, dasz schon ahd. die aspirierte form hërda erscheint (Graff 1, 416. 417), an die jetzt gewichene lesart Herthus, Terra mater (Tac. Germ. 40) für Nerthus gemahnend, wonach früher selbst eine göttin Hertha angesetzt wurde. vom weiblichen hërda scheidet Graff 4, 1027 das männliche hërt arula, focus, doch begegnet auch bei hërda die bedeutung von esse, fervens structura und nahe liegt die vorstellung des häuslichen herdes, der herdstätte zu einigen mit der von boden und erdboden. auch mhd. erscheint hërt (niemals ërt) für beides, herdstätte und erdreich (wb. 1, 671), nhd. ist herd wieder auf focus eingeschränkt, nur in der Schweizermundart haftet auch der sinn von boden, erdreich, land (Stalder 2, 38), Frisius und Maaler geben ihn unter herd nicht an. in der that müssen beide wörter ursprünglich auseinander gehen und goth. airþa terra abstechen von einem mutmaszlichen hairþus focus, das vielleicht zu hauri pruna gehörte. jener für terra abgelehnte begrif der trockenheit liesze sich allerdings dem des herdes und feuers an die seite stellen.
5)
wie dem sei, die verwechslung von herd und erde kann auch das genus von erde schwankend gemacht und ein in Süddeutschland vorwiegendes, abgestumpftes erd für erde zu wege gebracht haben, Keisersberg sagt fast immer so, obgleich er es weiblich verwendet. auch unser art (1, 568) wäre dabei zu erwägen, dessen geschlecht wiederum aus dem männlichen ins weibliche umschlägt und die bedeutung von solum, habitatio zeigt, ganz wie das mnl. aert männlich steht und terra, solum ausdrückt. nur weichen in art und erde vocale und consonanten von einander, ebenso im ags. eard praedium und eorđe terra; es bedürfte einer ablautenden reihe airþan arþ aurþum (wie vairþan varþ vaurþum (ahd. wërdan wart wurtum) beide auszugleichen. der sinn davon bliebe dahingestellt.
6)
merkwürdig ist auch das schwanken zwischen starker und schwacher declination. das goth. airþa, altn. iörđ gehen immer stark, d. h. kein airþô, kein iarđa kommen vor. ags. aber herscht umgedreht schwaches eorđe, gen. eorđan; alts. ertha, ahd. ërda, mhd. ërde bilden ihre obliquen casus bald stark bald schwach und es will nicht gelingen den gebrauch einer oder der andern form auf unterschiede der bedeutungen zurückzuleiten, man möchte das schwache wort gern persönlicher nehmen. nhd. rinnen bekanntlich starke und schwache weibliche flexion überhaupt so zusammen, dasz der sg. jene, der pl. diese aushält, doch bei einem so geläufigen wort liesz sich der schwache sg. nicht sobald vertilgen. viele und namentlich dem reim zu gefallen die dichter verleihen auch dem gen. dat. acc. sg. erden, ja einige z. b. Frisius 1304ᵇ. Maaler 108ᵈ setzen sogar den nom. sg. die erden an, wie das schwache n diesen casus misbräuchlich oft ergreift. ich weisz nicht, wie Luther das wort nimmt, wenn er Matth. 24, 35 setzt: himel und erden werden vergehen, aber meine wort werden nicht vergehen, wo ὁ οὐρανὸς καὶ γῆ, vulg. caelum et terra keinen pl. erden veranlassen, der nach 7, a stehen dürfte; so lange die erden stehet. 1 Mos. 8, 22 ist unzweifelhafter sg., wie er auch sonst noch bei späteren schriftstellern auftaucht:
die erden stinkt mich an.
Gryphius 209;
trägt mich die erden noch?
233,
gerade wie er aschen 221 und andere solche formen mehr auf en nominativisch braucht. doch im 18 jh. erscheint dieser nom. erden nicht weiter, auszer in der volkssprache (Schm. 1, 103). unverkennbar entspricht obliques erden manchmal der starken form mit artikel, z. b. das häufige auf erden drückt aus was auf die erde, auf der erde, obgleich auch vorkommt auf die erden, auf der erden, einzelne belege werden im verfolg gegeben. Die zusammensetzungen schweben nachtheilig zwischen erd, erde, erden, und es ist schwer einen genügenden grund für diesen wechsel anzugeben, zuweilen mag der wollaut entscheiden, öfter liegt jenes alte schwanken zwischen starker und schwacher form zum grunde und blosze angewöhnung. nicht selten erscheinen zwei oder drei ausdrücke nebeneinander, das wörterbuch konnte nicht unterlassen sie gesondert und wiederholentlich aufzustellen.
7)
es ist zeit auf die heutigen bedeutungen des wortes zu gelangen.
a)
erde bezeichnet unsern zwischen Mars und Venus die sonne umkreisenden planeten. neuere schriftsteller setzen es auch uneigentlich für planeten oder weltkörper insgemein, reden also von mehrern erden, hier sind überschwänkliche stellen aus Klamer Schmidts elegieen an seine Minna:
welcher himmel, welcher göttertag
streute flammen? welche flamme fuhr
auf dich nieder, schaffende natur,
als du Minna lieszest werden?
als du lehrtest die erstaunten erden,
was im himmel deine hand vermag.
38;
himmel, sonnen und ihr erden,
die ihr in der kleinsten der geberden
meiner Minna ihre grösze seht
und euch stiller um die achse dreht,
wenn der west aus ruhigen hainen
ihre seufzer euch entgegen weht,
helft mir singen, helft mir weinen!
62;
ein süszer wink, den die geliebte nicket,
ist tausend dieser erden werth.
Hölty.
in solchem sinn heiszt es auch welten.
b)
weit häufiger drückt erde den gegensatz zum himmel, die unter ihm liegende, von ihm bedeckte aus: am anfang schuf gott himel und erden. 1 Mos. 1, 1, vulg. caelum et terram; in dem anfang als gott himmelreich und erdreich beschaffen hat, und alles das in himmel und in erd ist. Keisersberg s. d. m. 12ᵇ; mhd.
got himel und ërden umberinc
geschuof und dar in elliu dinc.
Freidank 6, 1;
dein wille geschehe auf erden wie im himel. Matth. 6, 10, vulg. sicut in caelo et in terra, goth. svê in himina jah ana airþai, ahd. in himile, in ërdu; 'der himmel ist mein hut, die erde ist mein schuh', oder 'der himmel ist meine decke, die erde mein bette' sagt der pilgrim; götter, engel, die sich auf erden niedergelassen hatten, fahren gen himmel; wenn der mensch auf erden stirbt, die erde verläszt, wird er in den himmel aufgenommen;
wölbt sich der himmel nicht da droben?
liegt die erde nicht hier unten fest?
Göthe 12, 180.
und in zahllosen stellen. nah lag die mythische vorstellung der erde als gemahlin des himmels, die von Gäa und Zeus, was vielfach angewendet wird, wie Logau vom mai singt:
dieser monat ist ein kus, den der himmel gibt der erde,
dasz sie jetzund seine braut, künftig eine mutter werde.
c)
die erde ist der grund und boden (vgl. beide wörter), auf welchem die menschen wohnen, welchen sie treten, in den sie zuletzt aufgenommen werden, woran sich wieder der gedanke an eine mutter und den mütterlichen schosz schlieszt. der riese, aus der erde, aus dem fels geboren, stärkt auf ihr seine kraft, fällt wieder in sie zurück. die erde trägt den menschen; du bist nicht werth, dasz dich die erde trage; die menschen wandeln, wandern hin über die erde; sie liegen, ruhen, schlafen auf der erde, erheben sich von der erde; alles hohe steigt auf von der erde; zwanzig fusz hoch von der erde; nummen zwen ellenbogen hoch von der erden. Keisersb. s. d. m. 17ᵃ. thäler biegen sich, gruben senken sich in die erde, was unten ist, nieder geht steht in der erde, fällt auf sie: der esel wolt dem leuwen gleich sein und stuͦnd unden auf der erden in dem tal und der leuw obnen an dem berg. Keisersb. 9ᵇ. den blick, die augen senken heiszt zur erde schauen:
ich gieng, du standst und sahst zur erden,
und sahst mir nach mit nassem blick,
und doch welch glück geliebt zu werden,
und lieben, götter, welch ein glück.
Göthe 1, 76;
ihr seht zur erden und weint. 8, 165. 42, 449 (42, 230 zur erde). in die erde graben, vergraben, auf die erde schütten:
ich han gesworen, ich muosz sei haben,
wär sei joch in erd vergraben.
Ring 11ᵃ, 33;
da thet sich die erd auf und wurden verslunden mit iren weibern und kindern. Keisersb. s. d. m. 17ᵇ; verscharre sie mit einander in der erden. Hiob 40, 8; seine beine werden sich mit im in die erden legen. 20, 11; und viele, so unter der erden schlafen liegen, werden aufwachen. Dan. 12, 2;
o legt mich nicht ins dunkle grab,
nicht unter die grüne erd hinab.
Uhland 50;
fest gemauert in der erden
steht die form aus lehm gebrannt.
Schiller 77ᵃ;
fand auf der erden eine neue feile liegen. Lokman fab. 26; da liesz inen got vögel zuͦ fliegen, die vor inen uf die erden flugen. Keisersb. s. d. m. 4ᵃ.
d)
erde, orbis terrarum, die weite, breite erde, εὐρεῖα χθών, in aller ausdehnung und erstreckung: auf der erde wohnen und in ihr liegen begraben zahllose millionen von menschen;
ich habe niemand,
auf dieser groszen weiten erde niemand.
Schiller 245ᵃ;
leicht verschwindet der thaten spur
von der sonnebeleuchteten erde.
507ᵇ;
mein einzig glück auf erden ist dein wille.
Göthe 2, 10;
seines gleichen ist auf der ganzen erde nicht mehr zu finden.
e)
erde, das feste land, gegenüber dem meer und gewässer: und das gewesser verlief sich von der erden imer hin und nam abe. 1 Mos. 8, 3; da vernam Noah, das das gewesser gefallen were auf erden. 8, 13; o der wonne, wenn die seefahrer endlich wieder die erde erblicken!; sie küssen die erde;
so oft der herr der wasser und der erden
die krämer beugt, dasz sie nicht fürsten werden.
Hagedorn 1, 11.
die grüne erde, das gras; vgl.land, ↗festland.
f)
erde, solum, humus, ackerland: der bauer pflügt die erde; die erde ist hier steinig, sandig, lehmig, weich, hart; feucht, durchnäszt, dürr, trocken; fruchtbar, unfruchtbar. vgl. grund, boden, erdboden.
g)
erde, staub, pulvis, was in der alten sprache molta, goth. mulda hiesz: die erde stäubt, aus der erde drangen wolken von staub auf; das wasser, das meer hat keinen staub wie das land und die erde; der leichnam zerfällt in staub, in erde; wee dem menschen, der da erd ist und muͦsz zuͦ erden werden. Keisersb. s. d. m. 6ᵇ; ein schlang die gat krum inher und isset erd. 29ᵃ; gedenk, das du nüt weder erd (nichts als erde) bist. 34ᵇ; da sprach gott der herr zu der schlangen, weil du solches gethan hast, seistu verflucht fur allem vieh und fur allen thieren auf dem felde, auf deinem bauch soltu gehen und erden essen dein leben lang. 1 Mos. 3, 14; die erde kauen, ins gras beiszen müssen, ist sterben;
so fallen sie dahin und liefern wiederumb,
als ihrer schulden zins, der erden ihre erden.
Weckherlin 228;
wachet und betet, damit der versucher nicht über euch komme,
zwar ihr wolltet es gern, allein auch ihr seid erde.
Klopstock Messias;
vom menschen bleibt nichts übrig als ein häufchen staub und erde, er löst sich wieder in einen grundstof, in ein element auf.
h)
wie sich stubjus, stuppi, staub mit stôma, stof berühren (oben sp. 404), drückt darum auch erde das element aus: gott gibt zu unserm brauch ohn unterlasz die element feuer, luft, wasser, erden. Luther tischr. 2, 94;
was auf erden, was in lüften
lebensodem in sich hat.
Bürger 1ᵃ;
der luft, dem wasser, wie der erden
entwinden tausend keime sich
im trocknen, feuchten, warmen, kalten.
Göthe 12, 72.
allen bekannt aus Hans Sachs I, 255 ist das schöne gespräch zwischen den vier elementen, wo jedes derselben zu finden sei, das wasser:
finst mich alzeit wo pinzen (binsen) stehn;
Terra antwort, du finst mich da,
wo du siehst wachsen grünes gras.
in der früheren erzählung von den vier jungfrauen, die auf einmal zusammen kamen und einander 'gevetterten', d. i. freundlich unter einander kosten gleich gevatterleuten (schimpf und ernst 1522 und 1550 cap. 4, 1555 cap. 354), ist gerade die erde ausgelassen. unsere chemiker scheiden vielerlei erden oder erdarten: kieselerde, thonerde u. s. w. Die zusammensetzungen mit erde in allen diesen bedeutungen sind endlos und Jean Paul namentlich bietet sie in menge dar.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1860), Bd. III (1862), Sp. 749, Z. 74.

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