Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

europa, n.

europa, n.
gen. Europas, bei Brant, Frank u. a. m. aber mit dem lat. gebildeten gen. Europe = Europae, acc. Europam: als die Sclavini 'alles Europam' überfielen. weltb. 29ᵃ. noch neuere gewähren den gen. Europens: das feste land des gesammten Europens. Kant 9, 38 (1756), den dat. Europen:
Asien risz sie von Europen.
Schiller 59ᵃ.
Zwar sind, nach dem plan des wörterbuchs, eigennamen der leute und örter davon ausgeschlossen, ausgenommen wo sie appellativisch werden oder andere hierher gehörige bezüge bieten, z. b. Deutschland 2, 1052. Engelland 3, 474. 481. Böheim 2, 222. an gegenwärtiger stelle mag die behandlung, meistens mishandlung aller ländernamen in unsrer sprache einmal kurz erwogen werden.
1)
wo zusammensetzung eintritt, ist die gestalt schleppend, doch an sich untadelhaft.
a)
mit dem gen. pl. des volknamens: ahd. Walhôlant, Lancpartôlant, Peigirôlant, Franchonôlant, Sahsonôlant, Suâbôrîchi. heute Baierland, Frankenland, Griechenland, Schwabenland, Ungerland, und gekürzt England, Friesland, Finnland, Irland, Lappland, Ruszland, Schottland; Frankreich (statt Frankenreich).
b)
mit einem adj. Deutschland, Welschland, Österreich.
c)
mit einem subst. Holland für Holtland, Holzland, Holstein für Holtseten, Holzsaszen.
2)
wie eine menge ortsnamen im dativ stehn, der allmälich zum nom. geworden ist, haben auch ländernamen sich mit dem dat. pl. der völkernamen gebildet (Haupt 8, 409). aus ahd. in Walahum, in Suâpum, zi Lancpartum, zi Peigirum, mhd. in Walhen, Swâben, ze Lancbarten, Beiern entsprang ein nhd. Schwaben, Baiern. man hatte sich erst gedacht: im lande ze Swâben, Beiern, wie es mit dem gen. hiesz Swâben lant, Beier lant, und diese gewohnheit zog endlich den gedanken von dem ursprünglichen dat. und gen. pl. ab und führte einen neutralen sg. für alle casus ein. so also Engern, Franken, Hessen, Preuszen, Sachsen, Thüringen, Westfalen.
3)
ein andres en, zu welcher endung bei uns alles drängt, entnahm man aus dem acc. lat. ländernamen auf ia, so dasz sich das volle iam erst in iân, ian, zuletzt in ien verdünnte und den von natur weiblichen namen neutrales geschlecht mit dem gen. iens zugetheilt wurde. wir sagen heute Allemannien, Asien, Assyrien, Australien, Bosnien, Britannien, Dalmatien, Gallizien, Germanien, Indien, Ionien, Italien, Lydien, Macedonien, Moesien, Pannonien, Pensylvanien, Persien, Sardinien, Scythien, Serbien, Sicilien, Spanien, Syrien, während mhd. dichter zwischen iam, ian, ien schwanken, wie ich bei Haupt 8, 409. 410 belegt habe und noch vielfach bestätigen könnte. Luther schreibt im nom. Asia, Assyria u. s. w., im acc. Asien, Assyrien, aber dem schon angeführten 'alles Europam' aus Franks weltbuch läszt sich aus seiner chronik 228 'der alles Italiam aufrürig fand' an die seite stellen. mhd. dichter behandelten solche namen noch gern weiblich: Asia diu wîte, diu obere, diu nidere Germanie.
4)
anders und richtiger verfuhr man mit einzelnen lat. ia, die schon mhd. îe behalten hatten und nhd. ei erhielten, aber ihr weibliches geschlecht nicht einbüszten: Barbarei, Bulgarei, Lombardei, Romanei, Türkei, Walachei, früher auch Sirfei für Serbien (Aventin 46ᵇ). doch sagen wir die Normandie, nicht Normandei.
5)
das seltnere a der ländernamen haftet in Europa, Afrika, Amerika, Corsica, Toscana. vgl. Parz. 496, 3. für Europa der nom. Europe tr. kr. 23966, und von Europe 23977.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1861), Bd. III (1862), Sp. 1196, Z. 53.

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Zitationshilfe
„europa“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/europa>, abgerufen am 11.08.2020.

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