Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürraiten

fürraiten,
s. fürreiten, vorrechnen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 787, Z. 51.

vorreiten1, verb.

¹vorreiten, verb.,
vorrechnen, vorher in angriff nehmen, vgl. erstes fürreiten th. 4, 1, 1, sp. 789; vorreiten Fischer schwäb. wb. 2, 1668. vgl. reiten 2, th. 8, 768.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1937), Bd. XII,II (1951), Sp. 1415, Z. 1.

vorreiten2, verb.

²vorreiten, verb.,
zu reiten, equitare, vgl. zweites fürreiten th. 4, 1, 1, sp. 789; mhd. fürrîten mhd. wb. 2, 732ᵇ; 738ᵃ; Lexer 3, 587; 607; fürrīten schweiz. idiot. 6, 1691; mnld. voreriden Verwijs-Verdam 9, 1060; vorreiten, equo praeire, anteire, praecedere Stieler 1604; Kramer teutschital. dict. 2 (1702) 329ᶜ; Adelung; Campe; vgl. Fischer 2, 1668. — selten in älterer sprache vorreuten: (den herrschaften) nach alter löblicher gewohnheit vorzureuten Heppe aufricht. lehrprinz (1751) 135; s. reiten II th. 8, sp. 769.
I.
intransitiv:
1)
hervor (z. b. aus einer reitertruppe), nach vorn, vorwärts reiten: etwas, 100 m vorreiten u. ä.; (ich) ritt weiter vor Göthe 33, 277 W.; da kam ein kleiner ... mann aus dem gefolge vorgeritten Fouqué d. zauberring (1812) 2, 137; um diese zeit war könig Wilhelm mit seinem stabe nach der höhe südlich Malmaison vorgeritten Moltke schr. u. denkw. (1892) 3, 57.
2)
vor einem, vor etwas herreiten, z. b. als wegweiser, auch mit dem dativ verbunden, besonders als ehrenbezeugung, als zeichen der vornehmheit des hinterher reitenden oder fahrenden, vgl.vorreiter 2: 'bei durchführung vornehmer personen reitet der geleitsmann ihnen vor' Adelung; dem wagen vorreiten Campe; doch auch sonst in allgemeiner anwendung: (auch sind) die herolden mit ihren paludamenten vorgeritten Kirchhof wendunmuth 2, 61 Ö.; (im bilde vom morgenstern:) der täglich zwey mahl pferde wechselt und des morgens der sonne auf einem liechtrohten falken, des abends aber dem mond auf einem pechschwarzen rappen ... vorreitet S. v. Birken ostländ. lorbeerhäyn (1657) 6; (im bilde:) er (der 'reichspostreiter') hat sonst auch mir vorgeritten Lessing 13, 190 M.; (er) setzte sich rasch an die spitze, in der dunkeln kastanienallee dem wagen vorreitend Eichendorff (1864) 3, 377; an der spitze des wilden heers einen weiszen mann auf einem schimmel vorreiten zu lassen myth.⁴ 777; hunderte von eleganten equipagen, mit vorreitenden jokeys Gutzkow (1872) 7, 79;
ir seid zu ser
geritten auf die recht seiten,
hinfür will ich euch vorreiten
Teuerdank 150 Gödeke.
alleinstehend: dasz sein stallmeister, unmittelbar vorreitend, eine wunde erhielt Ranke (1867) 26, 320.
3)
voraus reiten, so dasz jemand erst später nachfolgt: item 10 m. deme steynmeister, alzo her vor reyten sulde, futer zu koufen d. Marienb. treszlerb. 65; alsdann ritten herr Herder und herr Westfeld nach Minden vor Lichtenberg br. (1901) 1, 81; die verbindung mit dem dativ ist hier veraltet: er soll mir vorreiten und die pferde bestellen Göthe IV 22, 54 W.; ihr gemahl, schöne gräfin, bat mich ihm vorzureiten und ihnen seine ankunft zu melden Klinger (1809) 1, 206. — übertragen: die freude, deinem schwiegervater und deiner braut im singen vorzureiten (als kantor in der kirche) Jean Paul 1, 371.
4)
mit dem dativ, einem zum vorbild: einem vorreiten, 'zum muster der nachahmung in dessen gegenwart reiten, damit er nachreiten lerne' Adelung.
5)
reitend überholen: allen vorreiten Adelung (nld. mit dem accus. Verwijs - Verdam 9, 1061). — bei jemandem, um ihn zu besuchen: der zauber dauerte ein jahr, in dem es dahin kam, dasz niemand mehr bei ihm vorritt Hans Grimm südafrik. novellen (1921) 148; vgl. dagegen:
sô mac der gast wol rîten vür, (nicht bei dir einkehren)
swie er gar naz und müede sî
Winsbeke 49, 9.
scherzhaft: vorreiten müssen, gezwungen sich einstellen müssen, z. b. auf dem rathause Fischer schwäb. wb. 2, 1668.
II.
transitiv:
1)
jemandem ein pferd vorreiten, damit er es kennen lerne, beurtheile, bewundere u. ä. Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 329ᵇ; Adelung: ein rosz aber wollt er ifg. verehren und liesz mir 5 gäule vorreiten Schweinichen denkw. 91 Ö.; den er unter seinen pferden antraff, die er sich vorreiten liesze A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 4, 710; da denn auf der wiese ein vorreiten (der pferde) stattfand Göthe III 3, 328 W.; gedenken sie noch der etwas alten ... arabischen stute, die ich ihnen in Br. vorgeritten habe fürst Pückler briefw. u. tageb. (1873) 4, 182; es tat ihnen (elenden pferden) not, dasz sie unserm heiligen vorgeritten wurden (dem h. Leonhard, damit er sie bessere) Watzlik d. pfarrer v. Dornloh (1930) 166.
2)
von dieser anwendung aus entwickelt sich ein sehr mannigfaltiger übertragener gebrauch; dem eigentlichen sinne noch nahestehend: das gewöhnliche schicksal gelehrter unterredungen, ... wenn jeder dem andern sein eigenes steckenpferd vorreiten will Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 128;
ich reite
dir alle steckenpferde vor,
die ich vom schüler an bis heute
oft theuer kaufte und wohlfeil oft verlor
Gökingk ged. 1, 95.
Adelung erwähnt den übertragenen gebrauch noch nicht. 'in weiterer und uneigentlicher bedeutung sagt man auch in der gemeinen sprechart, einem etwas vorreiten, es zur ansicht, beurtheilung u. s. w. vor ihn bringen' Campe. das verb. hat in diesem sinne fast immer einen scherzhaften, derben, doch auch ironischen klang und kann kaum in verblaszter, neutraler bedeutung gebraucht werden: ich habe ihm (einem sänger) seine erste arie vorgeritten, er war sehr damit zufrieden Mozart bei O. Jahn Mozart (1856) 2, 435; dasz alle leiden unsrer geschichte uns durch unsre geschichtschreiber wieder vorgeritten werden briefw. zwischen J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 2, 378; es giebt musik, die uns blos angenehme töne vorreitet Hebbel tageb. 2, 285 W.; wieder dem eigentlichen sinne näher: wo es nun galt den aufgezäumten dünkel vorzureiten Kolbenheyer Paracelsus 1, 101.
3)
mit persönlichem object: von ihr sei auch auf diesen tag der ehrwürdige sprecher, des teufels reitpferd, vorgeritten worden Anzengruber (1890) 5, 18; freier: warum musz man sie dir jetzt überall nachführen oder vorreiten G. Forster briefw. mit Sömmerring (1877) 231; also diese null ist der dichter, der mir das ganze jahr als celebrität vorgeritten wird Kürnberger literar. herzenssachen (1877) 326. — prägnant im sinne von vorstellen: das neue kornettchen dort einzuführen, oder (wie es nach lustigem cavalleristenspasz hiesz): 'vorzureiten' Fouqué lebensgesch. (1840) 123; packte seinen schützling zusammen, 'ritt ihn vor' und erlebte die genugthuung, das demüthige ... menschenkind an- und aufgenommen zu sehen Holtei erz. schr. (1861) 14, 26. — frei: im Burgheim hat er (Miller) meinen bruder und mich jämmerlich vorgeritten Fr. L. Stolberg br. an Voss (1891) 64. — hierher gehört wohl auch vorreiten in folgender stelle?: man musz ohnedem viel zeit haben, sich anzukleiden, die haar zu legen, das angesicht zu schmücken, im spiegel sich vorreiten Callenbach eclipses politico-morales 52.
III.
einzelnes:
1)
'vorlaufen oder vorreiten, einem stück wild den weg abschneiden und ihm zuvorkommen' Behlen forst- u. jagdkunde (1840) 6, 220; vor hier räumlich, versperrend.
2)
mit zugtieren einem, der zu schwer geladen hat, aushelfen Fischer schwäb. wb. 2, 1668; vgl. vorreit und vorreiter 3.
3)
jemandem eine hohe karte vorreiten, um ihn zum stechen zu veranlassen Albrecht Leipz. mundart 232ᵇ (vgl. II 2).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1937), Bd. XII,II (1951), Sp. 1415, Z. 4.

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Zitationshilfe
„fürraiten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrraiten>, abgerufen am 02.12.2020.

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