Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürrecht, n.

fürrecht, n.
s. vorrecht. noch wetterauisch.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 788, Z. 11.

vorrecht, n.

vorrecht, n.,

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vgl.fürrecht (ohne beleg) th. 4, 1, 1, sp. 788; Lexer 3, 478; vorrecht, avantaggio, prerogativa, privileggio Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 279ᵃ; vorrecht, praerogativa, protopraxia Steinbach 2, 289; Adelung; Campe; schwacher plur.: schöne vorrechten Happel akad. roman (1690) 842; vgl. den ersten beleg unter 1.
1)
recht, das vor einem andern rechte oder einem anspruch geltend gemacht werden kann, z. b. der jagd in einem jagdbezirk, im kauf (vorkaufsrecht), in älterer sprache besonders vom rechte der vorklage Haltaus 554; Fischer schwäb. wb. 2, 1668 (16. jh.); mnld. vorerecht Verwijs-Verdam 9, 1059: (dasz) dem kleger im vorrechten sein urtheil am ersten und dem beklagten auff sein klag im widerrechten als bald darnach geöffnet und ausgesprochen werden gerichtsordnung (1534) 41ᵃ; vorreht ist ein jurist. ausdruck und heiszt überall nichts anders als vorklage briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 4. — vorrechte des wechselrechtes Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 77; (ich gestehe zu) das vorrecht vor andern buchhändlern bey gleichen bedingungen Göthe IV 25, 103 W.; machen ihre vorrechte (auf eine diamantenmine) in Berlin und London geltend Hans Grimm volk ohne raum (1928) 2, 215;
und meines alten vorrechts (zuerst abzustimmen) mich bedienend
geb ich als primas ihm die erste stimme
Schiller 15, 2, 449 G.
in älterer sprache lohn, auf den man vor andern anspruch hat Lexer 3, 478 (15. jh.): auch sonsten im taglohn und vorrecht ordnunge, wie sich handtwercker und handtierer verhalten sollen (1579) b 1ᵃ.
2)
dann rechtliche bevorzugung innerhalb der staatlichen ordnung und der gesellschaft, mit stand, amt und würde verbunden: es ist bei ihnen auch kein vor- noch obrigkeitsrecht, dadurch einer dem andren unterworffen wäre Krämer leben und tapffere thaten (1681) 38; der gröszte feind des rechtes ist das vorrecht M. v. Ebner-Eschenbach (1893) 1, 41;
den vorzug giebt natur, das vorrecht tyrannei
Tiedge (1823) 4, 189.
3)
mit näherer bestimmung: die vorrechte des adels Adelung; durch was für list die potentaten den bürgern ... ihre freiheiten und alte vorrechte so subtil mindern, das sie es nicht mercken Butschky Pathmos (1677) 491; des kaysers allerhöchste vorrechte Hahn einleit. zu d. t. staats-, reichs- u. kayserhistorie (1721) 1, vorr. 2; dasz so manche glieder der höheren stände ihre angebornen groszen vorrechte ... vernachlässigen Göthe 40, 271 W.; er führte alle vorrechte seines postens an Schiller 4, 172 G.; so oft ein fürst eine kirche für eine corporation erklärte mit eigenen vorrechten ... war das verderben dieser kirche unwiderruflich beschlossen Schleiermacher reden über d. religion (1879) 203; geltendmachung ihrer vorrechte als lehnsfrau Holtei erz. schr. (1861) 5, 77; die päbstlichen vorrechte aufrecht zu erhalten Ranke (1867) 2, 95; die vorrechte der obersten beschränkte er (d. grosze kurfürst) v. Alten hdb. f. heer u. flotte (1909) 4, 819; asylrecht der kirche:
so verhüte gott,
dasz wir das theure vorrecht (privilege) kränken sollten
der heilgen zuflucht
Shakespeare Richard III. 3, 1.
4)
sippen- und erbrechtliche bevorzugung: fürsorg, in der ich sogar deinen bruder Tiberius, welchem das alter sonst das vorrecht zueignet, dir nachgesetzet Lohenstein Armin. (1689) 1, 396ᵇ; du bist leider der jüngste, und da muszt du uns (brüdern) einige vorrechte lassen Tieck (1828) 5, 176; auf das vorrecht der älteren linie gestützt Ranke (1867) 1, 11.
5)
ebenso von städten, staaten und völkern: die Athenienser verloren sogar ihr kleines ... vorrecht, münzen ohne bildnisz des kaisers schlagen zu dürfen Winckelmann (1825) 6, 235; so gab es in Deutschland nur drey städte, die dieses vorrecht hatten F. Th. v. Schubert verm. schr. (1823) 2, 302; die Ungarn unter Kossuth standen ... fest auf den staatlichen vorrechten der magyarischen nation Freytag (1886) 15, 174; der handel über land mit Polen und den nachbarländern war Preuszens vorrecht Treitschke histor. u. polit. aufsätze (1886) 2, 42;
die väter im Hussitenkrieg erstritten
sich dieses schöne vorrecht übern pabst
Schiller Piccolomini 4, 5.
6)
aus besonderem anlasz verliehene vergünstigung vor andern: der seine kupfernen gefäsze und schalen so schön und kostbar arbeitete, dasz der kaiser ihm das vorrecht verlieh, sie zu vergolden, was sonst keiner durfte G. Keller (1889) 2, 180.
7)
überleitend zum freien gebrauch und über das eigentliche rechtliche gebiet hinaus führend von allem, was durch sitte und herkommen als bevorzugung bestimmt wird und auch unter umständen rechtliche geltung erlangen kann: zwar ist es das vorrecht des königlichen antlitzes, dasz es jeden schuldigen begnadigen musz, der es erblickt Lessing 10, 69 M.; (fürst:) ich bin stolz auf das vorrecht, der erste freund eines jeden meiner unterthanen zu seyn Iffland theatr. w. (1827) 10, 142;
das ist des fürsten vorrecht, dasz er alles treu
in seinem hause, wiederkehrend, finde
Göthe Faust 8556.
und so in mannigfaltiger anwendung in engerem und weiterem sinne: die akademische freiheit, welche man leider ... für das erste vorrecht eines studenten ausgiebt Nicolai reise (1783) 1, 144; die frauen haben in jenem lande das auffallende vorrecht, beim anblick eines mannes, der ihnen gefällt, sich augenblicklich von ihrem mann loszusagen Gutzkow (1872) 6, 252; mit jener kindlichen unschuld, die von jeher das vorrecht unserer kleinstaatlichen diplomaten war Treitschke dt. gesch. (1879) 1, 695. — mit bitterer ironie:
schlechter gieng
von seinem vater kein matrosenknabe.
das ist das vorrecht eines königssohnes
Schiller dom Karlos 2, 3.
8)
auszerordentlich oft in freiester anwendung von eigenschaften, fähigkeiten, freiheiten, die einen vorzug begründen, und leicht in den sinn von vorzug oder vortheil übergehend, dagegen wieder der eigentlichen bedeutung sich nähernd, wenn das vorrecht als zugestanden, eingeräumt erscheint: schulden sind ein vorrecht der groszen d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamk. (1751) 4, 866; das vorrecht des Ulysses in der riesenhöhle ..., zuletzt verschlungen zu werden Becker d. weltgesch. (1801) 9, 622; ihr mann hat nur das vorrecht, ihr den shawl über die schultern zu legen Castelli (1844) 10, 329; wir hatten eine ältliche magd, die ... eine art vorrecht genosz, bei familienangelegenheiten ... mitzureden Stifter (1904) 5, 1, 181; Malte hatte nun mal das vorrecht grob zu sein W. v. Polenz Grabenhäger (1897) 2, 199;
auch unter der erde beehrte sie (Kastor und Polydeikes) Zeus mit dem vorrecht (τι μὴν πρὸς Ζηνὸς ἔχοντες),
dasz sie beid abwechselnd den einen tag um den andern
leben und wieder sterben
Voss Od. 11, 302 Bernays;
mich nie zu sehn, diesz vorrecht schenk ich dir
Shakespeare sommernachtstraum 3, 2;
in dir und mir
hat mann und weib für alle ewigkeit
den letzten kampf ums vorrecht ausgekämpft
Hebbel 4, 99 W.
9)
in diesem sinne erscheint vorrecht besonders oft in allgemeinen, sentenziösen sätzen: (des menschen) so hoch gespanntes vorrecht, die vernunft Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 205; aus der freiheit, dem gröszten vorrecht der menschheit Sturz (1779) 1, 42; die wohlthätigkeit ist eine edle tugend, aber sie ist nur das vorrecht starcker seelen Göthe 39, 18 W.; betrachtungen und nachdenken sind mehr ein vorrecht als eine verpflichtung des menschen W. v. Humboldt (1903) 2, 8; die allgenügsamkeit ..., das vorrecht reiner geister Hölderlin 2, 13 Litzmann; die stimme ist ein hohes vorrecht des thiers Hegel (1832) 7, 1, 554; nur wir männer können sonst esel sein, dies ist unser vorrecht G. Keller (1889) 4, 60;
der lust verwechselung
gibt uns ja wol mit recht ein vorrecht über sie (die thiere)
Brockes ird. vergnügen (1721) 2, 447;
geflickten und gestickten kitteln
ist sorg als vorrecht zugethan
Voss ged. (1802) 5, 197;
(stärke des geistes,) die sonst nur das vorrecht des alters zu seyn pflegt Lessing 3, 349 M.; es ist das alte vorrecht der jugend, das leben ... freudiger in die schanzen zu schlagen Mommsen reden u. aufsätze (1905) 27.
10)
auf unpersönliches bezogen: Saffo, welche der rose eben dasselbe vorrecht zueignet Zesen Helikon. rosentahl (1669) 22; wer hat dem tripel das vorrecht gegeben, dasz er allein lustige ... dinge leiden solle? Heinichen generalbasz (1728) 292; dergleichen zufälle hervorzubringen und zu erzeugen ist ein vorrecht des ungefährs Bode Montaigne (1791) 6, 135; (das) giebt ihm (dem basalt) aber kein ausschlieszliches vorrecht Göthe II 9, 186 W.; das grosze vorrecht der dramatischen manier, die seele gleichsam bey ihren verstohlensten operationen zu ertappen Schiller 2, 4 G.; Göz ... steht im vorrecht unserer liebe Fr. Th. Vischer ästhetik (1846) 1, 316; das wort 'constitutionell' ist eines der stichwörter, die in neuester zeit das vorrecht haben, an stelle jeden grundes sich einzustellen Bismarck polit. reden 1, 121 Kohl; der schotter begann sein vorrecht in der hochzone geltend zu machen H. v. Barth Kalkalpen (1874) 237;
nachdem
er von ihm lange das versprechen schon
gehabt, des ringes vorrecht einmal zu
genieszen
Lessing Nathan 3, 7;
die liebe
wirft des freyen gefühls göttliches vorrecht hinweg
Schiller 11, 81 G.
11)
als erstes glied in zusammensetzungen:
vorrechtsarbeit f.,
arbeit ohne beköstigung Autenrieth pfälz. idiot. 148 (mit bevorzugung im lohn?, vgl. oben unter 1). —
vorrechtsbrief m.,
urkunde über vorrechte: alle alten uhrkunden und vorrechtsbriefe Zesen beschr. d. stadt Amsterdam (1664) 4. —
vorrechtsbuch n.:
in den vorrechtsbüchern der stadt Amsterdam ebda 53. —
vorrechtsstreitigkeit f.:
umb dadurch die besorglichen vorrechtsstreitigkeiten zu verhüten Lohenstein Armin. (1689) 2, 385ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1937), Bd. XII,II (1951), Sp. 1401, Z. 32.

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Zitationshilfe
„fürrecht“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrrecht>, abgerufen am 24.11.2020.

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