Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürschneiden

fürschneiden,
zum speisen zer- und vorlegen. Wilhelmi 2, 103ᵇ. dagegen haben Stieler 1899, Steinbach 2, 480 für- und vorschneiden mit überwiegen dieses letzten wortes, Rädlein, Weismann, Kirsch und, nach diesem, Matthiä jedes der beiden wörter an seiner ihm dem alphabete nach zukommenden stelle, während Dentzler bei vorschneiden auf fürschneiden verweist, Hederich und, ihm folgend, Nieremberger aber bereits nur vorschneiden verzeichnen, ein beweis, dasz jenes durch dieses verdrängt war. S.vorschneiden.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 801, Z. 18.

fürschneiden, n.

fürschneiden, n.,
der als subst. gesetzte inf. des vorigen verbums. biszlein, die keines fürschneidens bedürffen. Henisch.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 801, Z. 27.

vorschneiden, verb.

vorschneiden, verb.,
vgl. fürschneiden th. 4, 1, 1, sp. 801 (dort die lexik. belege für für- und vor-); mhd. vürsnîden Lexer 3, 609; precidere vor-, vor affsniden Diefenbach gloss. 452ᵃ; prescindere vorsniden 456ᵇ (dem lat. nachgebildet); Stieler 1899; Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 629ᵇ; Dentzler clavis ling. lat. (1716) 338ᵃ; Steinbach 2, 480; Adelung; Campe; nd. vôrsnîden Schiller-Lübben 5, 451ᵇ; försniden ten Doornkaat-Koolman 1, 544ᵃ. da fürschneiden im th. 4, 1, 1 nur lexikalisch nachgewiesen, sind im folgenden einige charakteristische beispiele mit aufgenommen.
1)
vor jemandem, d. h. eher als er, ihm voraus schneiden, z. b. gras, getreide: Marie und ihr verlobter hatten so weit vorgeschnitten, dasz sie sich wenigstens eine stunde ruhen konnten Bog. Goltz ein jugendleben (1852) 3, 105. — vorangehen, führen im schneiden, so vom schnitter, der in der reihe der erste ist Adelung.dem nachschneiden entgegengesetzt, nd.: du kanst de bôm êrst försnîden, den wil ik hum nâsnîden ten Doornkaat-Koolman 1, 544ᵃ; vgl. die mit vorschneide-, vorschneid- zusammengesetzten wörter der technischen sprache.
2)
jemandem vorschneiden, etwas vorschneiden kann je nach den bedeutungen von schneiden in eigentlichem oder uneigentlichem sinne in sehr verschiedener weise angewendet werden: jemandem aus papier eine figur vorschneiden; übertragen jemandem gesichter vorschneiden: indem er in einer nebenkammer dem züchtling entsetzliche zerrgesichter vorschnitt Jean Paul (1826) 26, 75; vgl. hierzu schneiden 5 c th. 9, sp. 1262. — zur nachahmung zurechtschneiden:
und hatten darzu auffgesetzt
zwey hörner, mit vil gsteyn versetzt,
wie ihr dan hie vorgschnitten secht
Fischart 1, 235 Hauffen.
3)
am meisten wird das verbum gebraucht vom zerlegen von speisen, fleisch oder brot: bey tische vorschneiden; einen braten vorschneiden Adelung; wer fleisch oder brot vorschneidet, hat bisweilen auch das recht oder die aufgabe, die stücke den speisenden vorzulegen, dieses zuerteilen an die einzelnen kann daher unter umständen bei vorschneiden mit verstanden oder gar betont werden. das vorschneiden eines bratens, besonders des geflügels war eine besondere kunst, die sogar an den universitäten gelehrt wurde (z. b. im theologischen stift in Tübingen): für- sive vorschneiden, volanti cultello cibos incidere, erudita manu in frusta excutere Stieler 1899; den gästen vorschneiden an der tafel Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 629ᵇ; wenn der braten vorgeschnitten wird, musz er gantz scheibig nach der länge geschnitten werden Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 1629; (die) alles, das zuͦ eines erbern mannes tische gehöret, adelicher ausrichten kan mit fürschneiden, dann ich keines hern diener ye gesache Arigo decamerone 142 K.; der würt dem gast gern wilfaren und das fleisch vorschneiden wolt Montanus schwankb. 291 B.; (wer) sich mit wurstanatomieren bemühe: wie den kindern fürschneid und fürleg Fischart geschichtkl. 63 ndr.; ein edelknab ... lernet einen hasen fürschneyden Moscherosch ges. (1650) 1, 401; und nahm nach vollbrachten gebet des schulmeisters das vorschneiden auff sich Riemer d. polit. maulaffe (1679) 211; ein jeder junge mann von lebensart musz vorschneiden können Steffens was ich erlebte (1841) 3, 145; der herr schulmeister, der da meinen mochte, nachholen zu müssen, was er beim vorschneiden versäumt hatte, liesz desperate bissen verschwinden O. Ludwig (1891) 2, 527. — mit betonung des zutheilens: wie ich dir denn hierzu deine gebührende portionen selbst vorschneiden wil Lindenborn Diogenes (1742) 2, 134;
ewren (den hofdamen) ihr vorschneiden müsset,
meine langt selbst zu und isset
Voigtländer oden u. lieder (1642) 78.
4)
oft vorkommend brot vorschneiden, brot zerschneiden und zutheilen: den kindern das brod vorschneiden Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 629ᵇ; er hatte die feldmeszkunst gelernet, um seinem hauszgesind mit ebenmäsziger genauheit das brod fürzuschneiden Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 3, 269; das brodt hat sie ihrem menschen und dienstmagd so dinn vorgeschnitten, dasz schier ein gefahr gewest, es möchtens einmahl die fliegen wecktragen Abr. a s. Clara Judas (1689) 2, 317; nun schnitt sie schon von dem alten brote vor Gutzkow zauberer von Rom (1858) 1, 18; während ich ihm das brot vorschnitt und ein stück um das andere in das maul steckte G. Keller (1889) 1, 397. in freierer anwendung, die beköstigung einschränken:
die wollen dem soldaten, der vorm feind liegt,
das brot vorschneiden und die rechnung streichen
Schiller Piccolomini 1, 2.
zurechtschneiden zum verkauf: zwei mädchen sind immerwährend ... mit dem vorschneiden der galetten (französisches gebäck) beschäftigt Hebbel tageb. 2, 346 W.
5)
vorgeschnitten brot wird nach Fischer schwäb. wb. 2, 1671 in gleichem sinne wie vorgegessen brot für noch nicht verdienten unterhalt gebraucht, s. oben voressen 3 sp. 1011. vor- bezeichnet aber hier, dasz das brot eher geschnitten wurde, als man es hätte schneiden sollen.
6)
den tieren futter vorschneiden: zum fürgeschnittenen futer (des wildes) Sebiz feldbau (1579) 556; wan auch die gerste grün ist, schneidet man ihnen (jungen gänsen) dasselbige vor viehebüchlein (1667) 107; der sein rosz selbst tränkende und ihm aus seiner tasche etwas brot vorschneidende Gutzkow (1872) 2, 130. — in freier, gehobener wendung: der kaiser hat execution gegen mich verordnet, die mein fleisch den vögeln unter dem himmel und den thieren auf dem felde zu fressen vorschneiden soll Göthe 8, 86 W.
7)
bildliche wendungen, die von der bedeutung 4 und 5 ausgehen: man wägt die empfindungen nach granen und schneidet die speisen des geists diätetisch vor Schiller 2, 344; (die ahnfrau) schneidet ihm ihre karessen wirthschaftlich wie einem kostgänger vor Schiller Fiesko 2, 2; will ihn zwingen, all die brocken selbst zu schlucken, die er andern vorgeschnitten in der tasche trägt maler Müller (1811) 2, 124; seine traumportion von Morpheus sich vorschneiden zu lassen Gaudy (1844) 8, 161; Maredore schnitt ihm mit ihren augen nicht das angenehmste freundlichkeitsgericht vor O. Ludwig (1891) 2, 483;
den hat er einem vater gleich
himelbrodt fürgeschnitten
Ph. Wackernagel dt. kirchenlied 3, 195.
8)
wie oben bemerkt verbindet sich mit der vorstellung des vorschneidens leicht die des vorlegens, von hier aus entwickelt sich in älterer sprache mannigfaltige übertragene anwendung; zurechtlegen für andere, erläutern: (die sprüche) recht fürschneiden, erkleren und auszlegen Mathesius Sarepta (1571) vorr. 2ᵃ; die gemein aber betreffend, so etwas einfaltigers, den musz es noch mit leichterm fürgeschnitten ... werden Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 992. — festlegen für jemanden: gleich wie dem ertzmann fürgeschnitten ist das silber im stuffen, dem bawren fürgeschnitten, den samen wider zu seend, dergleichen also dem artzt fürgeschnitten ist, in den wassern als wol als in den kreuttern der natur liecht und tugendt zu suchen Paracelsus (1616) 1, 1125 Huser.
9)
besonders ist die verschlimmerte bedeutung zu beachten, übertreiben, vorlügen, vgl. aufschneiden th. 1, sp. 728 und schneiden 5 b th. 9, sp. 1262: er hat ihm vieles vorgeschnitten, multa ipsi false persuasit Steinbach (1734) 2, 480; die leute haben es zu verantworten, die uns vorschnitten, als würde die reise wieder des printzen willen angefangen Chr. Weise Regnerus 44 ndr.;
Hanns iszt und schneidet doppelt vor
und schmiert sich dann und wann die kehle
Günther ged. (1751) 129.
täuschend etwas vormachen: wie Moses, der den Aegyptern seine künste vorschneidet Zelter an Göthe 5, 316 Riemer.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1938), Bd. XII,II (1951), Sp. 1493, Z. 34.

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Zitationshilfe
„fürschneiden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrschneiden>, abgerufen am 13.05.2021.

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