Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürschweben

fürschweben,
s. vorschweben.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 805, Z. 11.

vorschweben, verb.

vorschweben, verb.;
fürschweben ist oben ohne beleg aufgenommen (th. 4, 1, 1, sp. 805), s. unter 6 und schweiz. idiot. 9, 1724. bei Adelung fehlt das wort, Campe verzeichnet es. ältere lexikographen geben ihm eine vom heutigen gebrauch etwas abweichende bedeutung, s. unter 6. aus dem deutschen entlehnt ist dän. foresvæve.
1)
in der eigentlichen, sinnlichen bedeutung des einfachen verbums nach vorn, voraus, aus etwas vor, vor etwas voran schweben: das vorschweben der beine musz bis über das ... gehen Fr. L. Jahn 2, 50 E.; die finstere luft mache einen bessern hintergrund, in welchem sich die vorschwebenden körper viel genauer abzeichneten Tieck novellenkr. (1831) 4, 116. — übertragen: gradheit, güte, vorschwebende schwäche, untätigkeit Göthe IV 3, 11 W.
2)
mit dem dat., voran schweben:
liebe, die gnädige,
hegende, thätige,
gnade, die liebende,
schonung verübende,
schweben uns vor
Göthe 15, 343 W.;
vor etwas schweben, deckend dem auge vorschweben; in kühnem bilde:
noch schwebt der sonn ein dunst von deinen seufzern vor
(the sun not yet sighs from heaven clears)
Shakespeare Romeo u. Julia 2, 3.
von sinneseindrücken und -täuschungen, nachbildern: was den sinnen thut vorschweben, demselbigen sie nachstreben Fischart geschichtkl. 114 ndr.; aufsatz über die dem auge manchmal vorschwebenden mücken Göthe IV 34, 237 W.; indessen das herabgesunkene violette schemen dem auge gleichfalls ganz deutlich vorschwebt II 2, 96; vgl. II 1, 9; 10; 17; ohne dasz auch nur eine spur von dem zurückblieb, was noch eben so fremd und täuschend dem auge vorgeschwebt hatte Allmers marschenb. 61.
3)
von hier aus entwickelt sich der im nhd. herrschende gebrauch, wobei die vorstellung auf das innere schauen bezogen wird: 'vor den augen des geistes gleichsam schweben, in der luft schwebend d. h. schwankend unbestimmt sichtbar sein, vor den gedanken schweben. es schwebt mir vor, ich erinnere mich dunkel, ich stelle es mir undeutlich vor' Campe. die einschränkung auf undeutlichkeit ist aber nicht berechtigt, das schweiz. idiot. 9, 1724 belegt diese bedeutung aus dem 16. jh. ebenso es schwebt vor mir, vgl. schweben 9 th. 9, sp. 2318.
a)
näher bleibt es der eigentlichen bedeutung, wenn es sich um etwas mehr oder bildhaft erscheinendes handelt, z. b. im traume oder wachen zuständen, die dem traume verglichen werden: vorswebende gesichte Carlstadt was sündt sei (1523) d 5ᵇ; wie wir in träumen erfahren, da uns solche bildungen gleichsam zerstückt und verstellet vorschweben Harsdörffer teutscher secret. (1656) 2, 578; dem das leben selbst noch wie ein traum der morgenröthe vorschwebet Herder 17, 347 S.; jenes gesichtes, das mir schon bisher nur als ein traum vorgeschwebt hatte Göthe 25, 144 W.; dasz, was sie mit augen gesehen, ihm wirklich im traum vorgeschwebt hatte br. Grimm dtsche sagen (1891) 2, 82; traumartig schweben ... der biene die sechsecke ihres stockes vor Immermann 1, 157 Boxb.; was ... wie ein geträumtes paradies ihm vorgeschwebt Holtei erz. schr. (1861) 4, 45;
süszer wohllaut, holder schimmer
schwebet mir im traume vor
Gotter (1787) 3, 535.
b)
auch abgesehen von traumartigen zuständen kann das vorschwebende gegenständlich, bildhaft gedacht sein, z. b. in der erinnerung an eine person; es kann dabei auch die deutlichkeit, lebhaftigkeit, farbigkeit des bildes der einbildungskraft oder des gedächtnisses betont werden: darausz dann schreckliche bilder ... der leuten gemütern vorschwebten Wurstisen Pauli Ämilii ... hist. (1572) 1, 37; die lebhaften farben, womit ihr bild seiner phantasie ehemals vorgeschwebt hatte, wurden immer matter Wieland Agathon (1766) 1, 183; wenn ich mich jetzt seiner physiognomie, die mir noch sehr deutlich vorschwebt, erinnere Lichtenberg verm. schr. (1800) 1, 13; zur dechanei, die mir immer noch als ein kleines architektonisches paradies vorschwebte Göthe 33, 316 W.; vgl. 24, 345; II 6, 121; IV 28, 299; die mutter gottes ..., wie sie seiner seele vorgeschwebt habe Wackenroder herzenserg. (1797) 21; ich sagte ihm, dasz er mir älter vorgeschwebt Laube ges. schr. (1875) 16, 58; eine phantasie, welcher menschliche körper in so kühnen verkürzungen vorschwebten Herm. Grimm Michelangelo (1890) 1, 150; wenn der name gottes genannt wurde, so schwebte mir erst der glänzende vogel und nachher der schöne tiger vor G. Keller (1889) 1, 34; sie finden ja keine ruhe, solange ihnen ein obdachloser vorschwebt M. v. Ebner-Eschenbach (1893) 4, 327;
da schwebt so licht dein liebes bild,
dein süszes bild mir vor
Göthe 1, 99 W.;
wo ist die gräfin?
die schöne braut, die mir den langen weg
vorschwebte wie ein glänzend himmelsbild?
Tieck (1828) 3, 42.
c)
dann in freier, kaum zu erschöpfender anwendung; wobei einzelne verbindungen und wendungen häufiger hervortreten.
α)
vorschweben wird oft von ideal, ziel, zweck u. ä. ausgesagt: dem lyrischen gesange ... schwebt ein immer wachsendes ideal vor Herder 27, 196 S.; es giebt ein ideal des modern-katholischen gottesdienstes, ... das auch ihm vorschwebte Ranke (1867) 37, 199; ein schweres hindernis für das den reformern vorschwebende ideal Meinecke leben d. generalf. v. Boyen 2, 5; die Schmerlingsche politik, deren seitenstück ihnen als ideal für Preuszen vorschwebt Bismarck ged. u. erinn. 2, 19 volksausg. — das dem ganzen (der Ilias) vorschwebende ziel Fr. Schlegel (1846) 3, 144; als ziel schwebten auch ihm im stillen reichsstände vor Dahlmann gesch. d. franz. revolution (1845) 34; weit entfernt von dem ziele, welches ihnen im beginn des krieges vorgeschwebt Ranke (1867) 4, 336. — den hohen, rein menschlichen ... vorschwebenden zweck Görres br. (1858) 2, 70. — (gedanke, der) dem zwanzigjährigen jünglinge als lebensaufgabe vorschwebt Herder 12, 405 S.
β)
vorbild, muster, beispiel, regel, grundsatz u. ä.: das modell, welches dem verfasser des groszcophta vorgeschwebt hat G. Forster (1845) 8, 192; weil eine allgemeine form guter muster den verfassern vorschwebt Göthe 42, 2, 121 W.; dieses buch habe ihm vorzüglich bei seinem Ofterdingen vorgeschwebt Tieck (1828) 20, 459; unläugbar hat ein englisches vorbild dem dichter ... vorgeschwebt Weinhold Boie (1868) 321. — es scheint ihm hiebey die regel nicht lebendig vorgeschwebt zu haben, dasz ... Fr. Schlegel dtsch. museum 1, 342. — ein anderer grundsatz, der mir stets vorschwebte J. Grimm kl. schr. 1, 18; der grundsatz musz immer vorschweben, dasz ... Wilhelm i. milit. schr. 1, 250. — nach allen beispielen, so viel mir ihrer vorschweben J. J. Engel (1801) 8, 289; mir schwebte als warnendes beispiel unser feldzug von 1792 ... vor Bismarck ged. u. erinn. 2, 64 volksausg.
γ)
gehörtes oder gelesenes: wenigstens schweben mir äuszerungen vor Holtei vierzig jahre (1843) 1, 38. — (es) liesze sich hier möglicherweise denken, dasz Jesu selbst die stelle des ursprünglich hebräisch geschriebenen buchs Sirach vorgeschwebt hätte D. Fr. Strausz (1876) 4, 60.
δ)
zeitvorstellungen, zustände, erlebnisse, vorgänge u. ä.: (offizier,) dem seine hofzeit noch gar deutlich vorschwebte Göthe 33, 171 W.; IV 36, 224; die mit ihnen zu Kissingen verbrachten tage schweben mir ... wie ein punkt der erquickung und freude vor briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 194;
noch schwebt sie vor, die unvollkommne stunde,
da uns die frau, die herrliche, verliesz
Göthe 16, 320 W.
die vor den augen gehabte häszlichkeit seines geführten wandels und das vorschwebende gesicht bey dem sterbenden d. discourse d. mahlern (1721) 1, 5; mein nahes trauriges schicksal schien mir oft mitten unter meinen freunden vorzuschweben Schubart leben u. gesinn. (1791) 2, 122; wie sonderbar unser zusammenseyn ... mir vorschwebt, kann ich nicht sagen Göthe IV 8, 33 W.; (ihm) schwebte ... ein anderes erlebnisz seiner kinderjahre mit frischester deutlichkeit vor C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1901) 127. — das verderbnis der Römer schwebt ihm (Seneca) fürchterlich vor Göthe II 3, 129.
d)
völliges verblassen der eigentlichen bedeutung gestattet die beziehung des verbums auf rein geistige vorstellungen, bei denen kein inneres schauen mehr stattzufinden braucht.
α)
ideen, gedanken u. ä.: man hascht die guten gedanken, so wie sie uns vorschweben Herder 1, 123 S.; dasz diese begriffe ihm vorgeschwebt haben allg. dtsche bibl. 9, 309; ihm schwebt die idee vor, er hat den begriff gefasst Göthe 48, 194 W.; öfters so bei ihm, vgl. 23, 164; 24, 237; 41, 1, 129; IV 39, 150; entwürfe, die mir ohne aufhören vorschweben Schiller br. 1, 184 J.; einwendungen, die ihm wahrscheinlich vorschwebten briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 21; verwirklichung der verfassungsgedanken, die in der Paulskirche den gemäszigtsten mitgliedern ... vorschwebten Bismarck ged. u. erinn. 2, 278 volksausg.
β)
ganz verblaszt: auch mir schwebt gar oft die nothwendigkeit des wiedersehens vor Göthe IV 38, 137 W.; so hat mir vorzüglich das mistrauen vorgeschwebt, was etymologien gewöhnlich zu erwecken pflegen W. v. Humboldt ges. schr. 4, 60; diese meine schonung seiner eigenthümlichkeit mag ihm oft halb klar vorschweben Stifter (1904) 1, 71; was ihnen als sorgenvolle möglichkeit vorschwebt Fontane I 4, 72.
4)
ein abhängiger satz nach dem unpersönlichen verbum: es schwebte mir vor, als wenn abermals ein unseliges verhältnisz mich bedrohe Göthe 25, 231 W.; dasz ein dummes und bigottes volk am leichtesten zu regieren sei, mochte ihm wohl schon früh vorgeschwebt haben Grillparzer 14, 158 Cotta; anders gewendet: wie deutlich schwebt es mir vor, als meine eltern in Berlin am opernplatz wohnten Bismarck br. an s. braut u. gattin 48. — abhängiger infinit. nach dem unpersönlichen verb., es wird eine absicht bezeichnet: ihm schwebte vor, die beiden völker ... zu einem einzigen zu verschmelzen Ranke (1867) 14, 171.
5)
in einem eingeschobenen nebensatze: bey hofe ... ist, soviel mir jetzt vorschwebt, gerade keine veränderung vorgegangen Göthe IV 21, 96 W.; Hermione, so viel mir vorschwebt, ist schon zu beginn des stückes gattin und mutter Fontane I 5, 25.
6)
in älterer sprache kann die subjective bedeutung ganz fehlen, eine vorschwebende gefahr ist eine bevorstehende drohende: obversor etwan vor seyn, etwan vorschweben Calepinus dict. XI ling. (1598) 977ᵇ; vorschweben, obversari Dentzler clavis ling. lat. (1716) 338ᵃ; es schwebt ihm ein unglück vor, il est menacée de quelque malheur Schwan nouv. dict. (1783) 2, 976ᵃ; gegenwirtige und vorschwebende gefahren Wurtisen Pauli Ämilii ... hist. (1572) 1, 485; damit dem fürschwebenden schaden kein platz eingeraumbt werde Lehman floril. polit. (1662) 2, 63ᵇ; um seinen könig nicht länger in der fürschwebenden gefahr allein zu lassen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 215. — vorkommen, in frage, zur verhandlung kommen u. ä. (vgl. wendungen wie schwebender prozesz, die sache schwebt noch): dasz beyderseits die vorschwebende hauptursachen der klagen gehoben werden Leibniz dtsche schr. (1838) 2, 111; die bekanntesten und alle tage vorschwebende dinge Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 385; da er, wenn er redete, ganz aufrichtig und freymütig von den vorschwebenden sachen urtheilte Lavater verm. schr. (1774) 1, 21. — ganz ungewöhnlich ist in folgender stelle der gebrauch des part. prät.: ich werde die wichtigsten in beiden kammern vorgeschwebten (vorgekommenen) und verhandelten materien erzählen Breitenfels Swift (1763) 6, 4.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1938), Bd. XII,II (1951), Sp. 1535, Z. 70.

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Zitationshilfe
„fürschweben“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrschweben>, abgerufen am 05.12.2021.

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