Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürsehen

fürsehen,
s. vorsehen. ahd. furisëhan haben nur die keronischen und die Pariser glossen, aus welchen beiden sammlungen die stellen unten angegeben werden; sonst findet sich ahd. forasëhan, unser nhd. vorsehen. mhd. sagte man eben so wol vürsëhen, als auch vorsëhen, doch das letzte, wie es scheint, spärlicher. nhd. fursehen. voc. theut. v. j. 1482 i 7ᵇ. Eychman q 8ᵃ. vocab. incip. teuton. f 4ᵃ. vocab. gemma-gemmar. (1505) t 8ᵈ. v iijᵃ. fürsehen. Dasypodius 423ᵃ. Serranus dict. cc 3ᵃ. Alberus dict. T iij f. dagegen bei Frisius (1556) 1052ᵃ so wie 1085ᵃ fürsähen und vorsähen und danach beide bei Maaler 149ᶜ, dann 476ᵇ noch einmal das letzte wort. Emmelius (1630) Hh 8ᵇ und Hulsius 51ᵇ haben blosz fürsehen, während Henisch 1304, 44 neben fürsehen auch vorsehen anführt, aber in den darauf folgenden beispielen nur das erste setzt, wogegen bei Stieler 2025, indem er „für- sive vorsehen“ ansetzt, in den beispielen einzig dieses letzte zu sehen ist. dasselbe findet auch bei dem spätern Steinbach 2, 569 statt, der „für- et vorgesehen“ verzeichnet. Rädlein, Dentzler, Weismann, Kirsch und dessen nachtreter Matthiä bringen beide wörter, jedes an seiner stelle, welche ihm dem alphabete nach zukommt, doch weisen die beiden letzten bei vorsehen noch auf fürsehen hin, während bei diesem Frisch 2, 257ᵇ, Hederich (1753) 993 so wie der ihm folgende Nieremberger D dd 1ᵇ und Weber deutschlat. universalwb. (1770) 319ᵃ kurzweg auf jenes erste verweisen. auch bei Adelung geschieht dies in den beiden ausgaben seines wörterbuches, doch ohne bei vorsehen etwas über fürsehen zu bemerken, und eine wenn auch nur kurze andeutung durfte man wol in einem rein deutschen wörterbuche erwarten. in seinem auszuge 2, 313 läszt er dann fürsehen ganz weg, wie es denn auch Haas in seinem deutschfranz. wb., Bauer und Scheller in ihren deutsch-lat. wörterbüchern (1798 und 1805) nicht verzeichnen, doch hat jener erstgenannte (Haas) in seinem deutschlat. handwb. 210ᵃ fürsehen als subst. aufgenommen. dasz fürsehen gegen ende des 18. jh. noch vertheidiger gefunden, erwähnt Heynatz antibarb. 1, 436. wenn nun auch in dem ersten viertel des 19. jh. Campe und Heinsius mit jener verweisung Adelung folgen, so scheint dies ohne bedeutung und blosze fortführung des einmal von den vorausgehenden deutschen wörterbüchern festgehaltenen wortes. Heyse erwähnt es nicht mehr, und wirklich ist es durch vorsehen bereits in den drei letzten jahrzehnten des 18. jh. so verdrängt, dasz es, wenn es ja hier und da auftaucht, nur wie alterthümlich oder der mundart entnommen erscheint. Das part. praet. lautet fürsehen und fürgesehen. die letzte form ist die heute allein schriftdeutsche. s. nachher sp. 808 das part. praet. fürsehen. Das wort steht
I.
intransitiv, ohne casus, in den bedeutungen
1)
vor sich hin sehen, vornhin sehen.
2)
in die zukunft sehen, und zwar mit zuversicht, mit vertrauen. in die zukunft sehen oder ihr entgegensehen: der berg Morija heiszt dominus videbit, on zweifel, das ich allein es sehen sol, gleich wie ich, als da Abraham fürsahe, darinne er sich gar nichts fürsahe. das ist kürzlich nicht anders, denn ein rechten einfeltigen glauben und fest vertrauen, zuversicht, hoffnunge wil got von uns haben. Luther 1, 25ᵃ.
3)
mit voraussicht aufachten, vorbedenkend aufachten, vorausbedenkend sich in acht nehmen: du bist yetz gsund worden, fürsihe das (dasz) du nit die sünd des haupts überkommest. J. Eck christenl. unterr. 16ᵇ; gott hat uns fallen lassen, wir haben gejrret, lasst uns nun fürsehen und recht leren. Mathesius Luther (1566) 132ᵃ; derhalben habt jhr wol fürzusehen, dasz, wann jhr nach schnee ziehet, er vielleicht vergeh, ehe jhr dahin kommet, wann jhr nach grasz gehet, es schon abgemehet sey. Fischart Garg. 126ᵃ (1608 Dd iiijᵇ); hat also ein verständiger wohl fürzusehen, wi und zu was zeiten u. s. w. Butschky kanzlei 321; er mus wohl fürsehen, keinen wegen eines lasters, mit welchem der herr selbst behafftet, bey demselben anzuklagen. dessen Patmos 765. vgl. unten III 2).
4)
in voraussicht des zukünftigen thätig sein dasz das erforderliche da oder vorhanden sei, vorher sorgend vorkehrung treffen. um proviant fürsehen, providere rei frumentariae et rem frumentariam. Dentzler 2, 118ᵇ. vgl. fürsehung thun unter dem worte fürsehung.
5)
im voraus fördernd die thätigkeit zuwenden. mit dat. der sache: dem gemeinen nutz fursähen und wol hauszhalten, publice providere. Maaler 149ᵈ. vgl. auch hier den eben erwähnten ausdruck fürsehung thun.
II.
transitiv, mit beigesetztem acc., dessen stelle aber auch ein satz einnehmen kann, und hat die bedeutungen
1)
vorhersehen, voraussehen. dasz in dieser bedeutung ahd. furisëhan gestanden, zeigt unfurisëhandi, unversehens, unvermuthet, ex improviso, in den keronischen glossen 170ᵃ bei Hattemer. nhd.prospicere animo, bey jm selbs vor radten, vorgespüren, fürsähen“. Frisius (1556) 1082ᵇ; „conjectura aliquid prospicere, durch etwas gemerck fürsähen“. ebenda und danach Maaler 149ᵈ. in den sinn überschlagend: gefaszt sein auf —. als dann man nichts vornam, dann aller kürtzweil, thurnieren, tantzen und andern reden, zu welchem ein jeder sein vermügen gebraucht unnd sich zum frölichsten hielte ... unnd gar nicht gedachten oder fürsahen die misztrauwen und ubelwöllung desz glücks, welche sich gemeiniglich understehen deszgleichen versammlung unnd freudenreiche tage, bey denen man mehrmals menschlicher schwachheit, trübseligkeit unnd jammers nicht eingedenck, besonder derselbigen vergist unnd vermeint, dasz der himmel (wie man sagt) gar voller geygen hange unnd sich das wetter nicht verkeren köndt, zu verwirren und mit leidt zu uberfallen. Amadis 298, 632.
2)
im voraus ersehen, vorausersehen, voraus ausersehen, vorher mit bedacht ausersehen. so ahd. furisih, provide, in den keronischen glossen 158ᵃ bei Hattemer und in den damit stimmenden Pariser glossen Diut. 1, 179ᵃ, in so fern hierprovideexod. 18, 21 übertragen ist. mhd. man liset, das sich unser hërre zuo einem mâle frœwete, dô ër indewendig an sach die von sînem vater fürsëhen wôrent. Tauler in W. Wackernagels altd leseb., 4. ausg., sp. 1023;
wën ich in mîner êwikeit
fürsëhen hab zer sælikeit,
in dëm bestêt mîn genâde.
der Minne spiegel 358, in der erlös. s. 254.
3)
voraussehen und als zukommend erwarten, entgegenharrend voraussehen. fursehen, providere vel expectare. voc. theut. 1482 i 7ᵇ.
4)
in voraussicht vorbedenken oder überdenken. colligere animo, bey jm selbs wol fürsehen. Frisius (1556) 246ᵇ und danach Maaler 149ᶜ, der nochproviderezufügt.
5)
vorbedenkend für den fall des erfordernisses da sein oder vorhanden sein machen. noch wetterauisch und oberhessisch z. b. bei einem bau noch ein fenster in einem zimmer fürsehen, damit dieses volle hellung habe; schmelzbutter auf den winter fürsehen.
6)
vorbedenkend für den fall des erfordernisses haben machen, vorbedenkend zum gebrauch oder zur verwendung ausstatten, versehen (s. d.). mhd.
und wurden alsô wol vürsëhen
daʒ in nihtes gebrast.
krone 26183.
nhd. fursehen oder versorgen, providere. voc. theut. v. j. 1482 i 7ᵃ. so hat er uns fürsehen mit manicherleig köstlicher treffenlicher hilf. Keisersberg seelenparadies 110ᵃ; da gieng s. Johannes (Chrysostomus) lang in dem walde und bat gott, das er mit seinen gnaden mit jm were und jn fursehe. legende bei Luther 6, 501ᵇ; fürsechent si nit ... nach got! Schade sat. u. pasqu. 2, 144, 20; muͦs man si ... mit trib und trab und holz fürsehen. 149, 10.
7)
mit voraussicht wahren, behüten oder bewahren, mit voraussicht sicherstellen. mhd., mit acc. der person:
wirt ër vor zouber niht vürsëhen
und endelîche wol bewart ...:
wirt aber ër wol behuot
so enwart nie ritter sô guot.
krone 28567;
vasten vertreibt niht allain die eingevallen siehtüem, ëʒ fürsiht uns auch und beschërmt uns vor dën künftigen siehtüemen. Megenberg 492, 14. nhd., mit acc. der person oder der sache: fursehen, bewarn, huten, cavere. voc. theut. v. j. 1482 i 7ᵇ. man hats fürsähen und fürkommen. Frisius (1556) 1085ᵃ. cavere testamento, im testament oder gemächt fürsähen, verordnen und fürkommen. 199ᵃ und danach Maaler 149ᵈ; wir wollend das auch wol fürsähen, sed id quoque videbimus. Maaler ebenda. mit acc. der sache in dem sinne: mit voraussicht aufachtend wahren oder bewahren, mit voraussicht in acht nehmen, vorausbedenkend in acht nehmen.
die alt sprach: mein mann ist fein trachtsam,
gut ordnung in dem hausz er hat
und kauffet ein all ding nach rath,
zu rechter zeit all ding für sicht,
dasz ein ding werd verwarlost nicht
durch meid und knecht oder durch kinder.
H. Sachs I (1590), 335ᵃ.
8)
vornhinaus sehen machen, weisen, zeigen. mhd. dar umbe hât uns unser hêrre ougen gegëben an dëm lîbe und ouch an dër sêle: als uns diu ûʒern ougen wîsent unde zeigent das wægeste (vortheilhafteste, beste) an lîplîchen dingen, daʒ uns diu innern ougen dër verstantnüsse alsô lêren unde vürsëhen, waʒ das beste sî an geistlîchen sachen. myst. 1, 330, 9. zwei handschriften des 14. jh., eine Straszburger und eine Münchner, lesen hier wirklich weisen d. i. wîsen statt vürsëhen. nhd. läszt sich diese bedeutung nicht mehr nachweisen. doch vgl. oben I 1).
9)
voraussehend bestimmen, voraussehend festsetzen, vorausbestimmen. predestinare, bereyten zu eim auszerwelten, fursehen zu eim auszerwelten, fursehen, von ewigkeit an sehen, bereiten zum heil. Eychman q 1ᵇ. provisum hoc legibus, die gesatzte habend das geordnet, oder, man hats fürsähen oder fürkommen mit, u. s. w. Frisius (1556) 1085ᵃ.
III.
reflexiv, sich fürsehen, in den bedeutungen
1)
mit voraussicht oder vorbedenkend für den fall des erfordernisses zu haben oder auszustatten thätig sein.
2)
mit voraussicht aufachten, vorausbedenkend sich in acht nehmen. vgl. oben I 3). so sehet euch fur, fur ewrem geist, und verachte keiner das weib seiner jugent. Mal. 2, 15; darum hüte dich und sihe dich wol fur, du lebest in grosser fahr. Sir. 13, 17; sihe dich für, das du nicht selbs drüber zu schaden kompst. 29, 27; sehet euch für, das jr jnen solchs nicht nachthut. Bar. 6, 4; sehet euch fur fur den falschen propheten, die in schafskleidern zu euch komen, inwendig aber sind sie reissende wolffe. Matth. 7, 15; sehet euch fur fur dem sawerteig der phariseer. Marc. 8, 15; sehet euch fur, das wir nicht verlieren, was wir ererbeitet haben, sondern vollen lohn empfahen. 2 Joh. 8; ich wil mich fürthin basz fürsehen, es sol mir nit mehr not geschehen. Alberus dictionar. T iiijᵃ, der erste satz auch in dessen buch wider Witzel M 4ᵇ; ich sehe mich für, huͤt mich, hab meinn acht, ich meid, vermeid, ich schew. dictionar. a. a. o.; sis cautus, sehe dich für, sei gewarnet. ebenda; man kan sich für eim dieb huͤtten oder fürsehen. T iiijᵇ; alleyn vermane ich euch, dz (dasz) ihr euch fursehen, was ihr thut. dessen wider Witzel L iᵇ;
man seh sich für mit allem fleisz,
das sich niemandt an dem bescheisz,
der nichts dann höhn und spotten kan.
dessen Esop (1550) 107;
Alexander Magnus ist hie, ...
der all herrschafft gert zuverdrücken
mit list und gwalt und wie er kan,
secht euch für, thuͤt sein muͤszig gahn,
kehrt euch nit an sein schmeichelwort.
H. Sachs III (1578). 2, 222ᵇ;
es musz sich aber ein junger hoffmann wol fürsehen, dasz er nicht peccire in excessu oder in defectu. Schuppius 109; so ist sich wohl fürzusehen, das man ihme solche leute erwehle (nemlich zu freunden), da sich weder des sagens noch fragens zu scheuen ist. Butschky Patmos 413;
seht doch, eine grosze spinne
kriecht zur tochter in das hausz:
seht euch doch bey leibe für,
denn es ist ein gifftig thier.
Picander 3, 450;
sehen Sie sich wol für, milady — stunden der nüchternheit, augenblicke der erschöpfung könnten sich melden. Schiller (Gödeke) 3, 462 = kab. u. l. 4, 7 in den meisten ausgaben. doch ist sich fürsehen in der zweiten hälfte des 18. jh. bereits sehr selten und schriftdeutsch durch sich vorsehen verdrängt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 805, Z. 21.

fürsehen, n.

fürsehen, n.
der als subst. gesetzte inf. des vorigen verbums. in dem sinne von vorsicht, aus voraussicht hervorgehendes aufachten, aus voraussicht hervorgehendes wahren: cautio u. s. w., das huͤten, verhuͤten, fürsehen, das vermeidenn, warnung. Alberus dictionar. T iiijᵃ. cautio est, es ist sich wol zehuͤten, es darff fürsähens. Frisius (1556) 199ᵃ und danach das letzte bei Maaler 149ᵈ. es ist fürsehens von nöthen, praecauto opus est. Reyher lex. 1, 2037. 2, F 3ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 807, Z. 80.

fürsehen

fürsehen,
das part. praet. von fürsehen. neben fürgesehen. es steht auch, nach dem verbum fürsehen II 6), in der heute durch das part. praet. versehen ausgedrückten bedeutung: durch voraussicht das erforderliche habend, durch voraussicht versorgt. danach bedeutet es dann auch so viel als durch eine in voraussicht gegründete aufachtung bewahrt, durch fürsorge behütet, erhalten: so wüszend, das ich üch zuschick ein gutten gsellen, mit nammen ImmerWyn von Erlach, ein person von eim allten stammen, geschlecht und harkommen, welches vater von sinem groszherren und vater genommen und lebendig vergraben ward, alsz der nun usz wunderbarlicher mitwürckung des grossen allmächtigen gots disen sinen sun, mit zuthun der fürsechnen mutter, in dem grab geboren, in der forcht des herren ... erzogen. Niclaus Manuel leben u. werke 291, s. W. Wackernagels deutsch. leseb. 3, 1, 269. Frisius und Maaler schreiben fürsähen. die geläufige nhd. form aber ist fürgesehen. fürgesehener, provisus. voc. theut. v. j. 1482 i 6ᵇ. schon im 18. jh. ist durch sie auch fürsehen als part. praet. schriftdeutsch völlig verdrängt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 808, Z. 7.

vorsehen, verb.

vorsehen, verb.,
vgl. fürsehen th. 4, 1, 1, sp. 805, wo eingehend das verhältnis von für- und vorsehen besprochen ist; ahd. fora-, furisehan Graff 6, 121; ags. foreséon; mhd. vür-, vorsehen unter versehen mhd. wb. 2, 2, 279ᵇ; vorsehen Lexer 3, 479; vürsehen 587; 608; Jelinek 911; portendere lang vorsehen o. erkennen Diefenbach 448ᶜ; previdere vor-, vorhinsehen 458ᶜ; vorsähen Maaler 476ᵇ; für- sive vorsehen Stieler 2025; vor-, fürsehen Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 735ᵃ; ebenso Steinbach 2, 569; vorsehen Adelung; Campe; vgl. Fischer schwäb. wb. 2, 1872; schweiz. idiot. 7, 577; Schmeller-Frommann 1, 746; 2, 246; mnd. vorsên Schiller-Lübben 5, 441ᵇ; mnld. voresien Verwijs-Verdam 9, 1074; vorensien 1047; dän. forese ist aus dem deutschen entlehnt.in älterer sprache fehlt öfters das ge- des part. prät.die bedeutung des verb. ist in neuerer sprache weit enger geworden, noch die sprache des 18. jh. bewegt sich freier als die der gegenwart.
1)
sehen im eigentlichen sinne, vor räumlich: vorsehen, vor sich ò für sich sehen, guardare avanti ò innanzi di se Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 753ᵃ. im sinne von hervor-, aus etwas heraussehen auch jetzt noch möglich, besonders wenn sehen im sinne von sichtbar sein, werden gebraucht wird: aus der rocktasche sah das taschentuch vor; doch auch: Peter sah hinter dem ofen vor. — wieder freier: nahebei sah der mutter himmlisch liebes und sehnend bleiches antlitz aus dem wandgemälde vor Fouqué zauberring (1812) 1, 41.
2)
vor zeitlich im sinne von vorher, zuvor, z. b. im sprichwort: vorgesehen pfeil thun keinen schaden Lehman floril. polit. (1662) 1, 74; ein vorgesehener pfeil flüget langsamer Winckler 2000 gutte gedancken (1685) f 12ᵇ; vorgesehene pfeile schaden minder Kirchhofer schweiz. sprüchw. (1824) 180. — wie es groszer witz wäre, seiner feinde pfeile vorsehen Lohenstein Armin. (1689) 2, 1251ᵃ.
3)
mit leichtem übergang, zukünftiges erkennen, jetzt veraltend und nur noch in einzelnen wendungen wie z. b. auf eine nicht vorzusehende weise; die bedeutung hält sich in unvorhergesehen (unvorhergesehene durchmärsche Göthe 22, 64 W.). — sehr häufig in älterer sprache: pronosticare zukunfftige dinge vorsehen Diefenbach gl. 465ᵃ; vorsähen, vorhin mercken, praevidere Maaler 476ᵇ; antevedere vorsehen, vorspüren Hulsius (1618) 2, 30ᵇ; voraussehen, it. vorsehen, vorhersehen Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 754ᵃ; 'eine nur noch hin und wieder im gemeinen leben übliche bedeutung' Adelung; vgl. zeitschr. f. dt. wortf. 12, 64.
a)
prägnant, als besondere gabe: der segelmacher und spökenkieker, der ... die gabe des vorsehens und vorhörens besasz Gorch Fock seefahrt ist not (1914) 8.
b)
mit dem acc. des objects: es habend ouch die heilgen boten der glychsneren schaden vorgesehen Zwingli dt. schr. (1828) 1, 324; er hab disz wesen und dises lebens, so yetz vor augen ist, alles vorgesehen S. Franck chron., zeytbuch (1531) 216ᵇ; vorsihet wie ein sternverkündiger die theurung Fischart geschichtklitt. 111 ndr.; als der herr das verderben Jerusalems vorsahe Äg. Albertinus hirnschleiffer (1664) 107; o unvernünftige vernunft, die du nur alzuwol ein ding vorsehen, aber leider allzuwenig vorkommen kanst Schottel haubtspr. (1663) 711; die begierde, bevorstehendes glücke vorzusehen Lohenstein Armin. (1689) 2, 214ᵃ; sintemahlen ich alles widriges, was mir daselbsten begegnet, wohl hätte vorsehen können Stranitzky lustige reyszbeschr. 29 Wiener ndr.; die groszen unkosten, so er hier im hause vorzusehen glaubt Petrasch lustsp. (1785) 227; der mann von geist, der die folgen vorsieht und erwägt Klinger (1809) 5, 206; ich sah schon lange das herzeleid vor maler Müller (1811) 1, 53;
kein heuraht wird gemacht, den er nicht vorgesehen
Grob dicht. versuchg. (1678) 71;
wenn etwa dann und wann
sich etwas ereignen sollte, das man nicht vorsehn kann
Wieland (1794) 5, 143.
ich sah den tod, der Odins sohne
dem tapfern Balder dräute, vor
Denis lieder Sineds (1772) 20.
c)
mit abhängigem satz: die Römer ..., als die wol vorgesehen hatten, was geschehen würde Xylander Polybius (1574) 37; deszwegen hatt Jesus so starkh geweindt, weil er forgsehen, das einem ... in seinem totbettl zu streiten werde mit disem erschrecklichen feindt Abr. a s. Clara neue pred. 48 lit. ver.; weil er vorsah, die nordischen räuber würden seine ... unterthanen nicht mehr ... zu grunde richten Haller Alfred (1773) 35; du bist sehr unbarmherzig, bruder! — und ihr zärtlicher als vorsehend Göthe 8, 106 W.;
vorsehend ihren fall und spot
beraittet sich mein hertz, o got
Weckherlin ged. 1, 349 Fischer;
der eine lehrt die kunst, was uns die wolken tragen,
im spiegel der natur vernünftig vorzusehn
Haller ged. 31 Hirzel;
ach wers vorsäh, was es (das herz) trägt,
würde wünschen, thätst ihm fehlen
Lenz ged. 111 Weinhold;
ich sehe vor, dasz einstens ihr mir danket
Brentano (1852) 6, 304.
acc. c. inf.: weil er alle einwendungen fruchtlos zu seyn vorsah Lohenstein Armin. (1689) 2, 633ᵇ.
d)
einige besondere wendungen: sollte es über alles vorsehen nicht beschehen Schweinichen denkw. 161 Ö.; der sonderbare und nicht vorzusehende zufall Göthe IV 26, 180 W.;
diesz unglück, vorgesehen oder nicht
I 10, 357;
weisheit mag vorgesehne gefahr abwenden Klinger (1809) 2, 368. — dasz der vater oft dahin vorgesehen hatte, wohin sie selbst bisher noch nicht gedacht Stifter (1904) 1, 258. — vorzusehen sein, vorauszusehen sein: lauter bedingungen, von denen leicht vorzusehen war, dasz sie Heinrich nicht halten werde M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 2, 291;
nicht leugnen will ichs: grosz ist unser elend;
doch vorzusehen wars
J. v. Collin (1812) 2, 134.
des vorsehens, in der voraussicht schweiz. idiot. 7, 577; meines vorsehens, wie ich es sehe Wedel hausb. 5 lit. ver.das verb. kann in allgemeinerem sinne gebraucht werden: accorgersi di qualche cosa etwas vorsehen, ersehen, vermercken Hulsius (1618) 2, 6ᵇ; weit sehen, vorsehen, scharpfsinnig seyn 2, 10ᵃ.
4)
auf gott bezogen: er sieht alles geschehen in seiner allwissenheit voraus; damit kann sich die vorstellung verbinden, dasz alles geschehen seinem willen entspricht, von ihm von ewigkeit her bestimmt ist. die prädestinationslehre bezieht sich dann in engerem sinne auf die vorausbestimmung des menschen zur seligkeit oder verdammnis; hier kann das verb. mit persönlichem object verbunden werden. neben dieser strengen auffassung steht eine mildere, wobei sich mit dem wort die vorstellung der gütigen fürsorge verbindet (vgl. vorsehung): predestinare vorsehen zu der ewigen seligkeit Diefenbach gl. 453ᵃ; esse in fatis von gott also vorsehen seyn Corvinus fons lat. (1646) 327; fataliter vorsehener weisz 328; gott wird vorsehen Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 153ᵃ; praedestiniren vorsehen, zuvor erwehlen Wächtler (1714) 291; nun es gehe, wie es wöll, so geht es, wie gott wil, vorweisz und vorsehen hat S. Franck paradoxa (1558) 40ᵃ; dieses ist die stund, so gott von ewigkeit hat vorgesehen Spee güld. tugendb. (1649) 221; weil sie (die zukunft) in dem weltenplane gottes vorgesehen ist Lagarde dt. schr. (1886) 482;
ob er (gott) durch sein macht und vorsehen
gschehens könn machen ungeschehen
Fischart dicht. 2, 351 Kurz;
wer sich zum vorsehenden hält, den wird er erretten
Bodmer Noah (1752) 242.
gnadenwahl: wiewol got vorschen hatte, das gewiszlich auch vom naturlichen samen Abrahe sollten kinder der benedeyung kommen Luther 10, 1, 1, 503 W.; den dat godt vorseen heefft, dat he sal sündigen, den hebbe he also vorsehen, dat he sundigen möthe Rotmann restitution 67 ndr.; das got von ewikeit hero hat vorgesehen, das diser oder jener werde ein kindt der selikeit sein Abr. a s. Clara neue pred. 24 lit. ver.; seine gnadenwahl kommt ursprünglich aus seiner vorgesehenen würdigkeit der menschen Leibniz dt. schr. (1838) 1, 412. — in freier, untheologischer anschauung: als sie (Venus) gesehen, sic voluere fata, es also unvermeidlich vorsehen sein, das Ilium soll in Italien portirt werden Fischart 3, 39 Hauffen; diesem übel zu begegnen haben die vorsehenden gottheiten solche wesen geschaffen Göthe IV 22, 191 W.; aber auch hier waltete das vorsehende schicksal über Rom Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 136.
5)
die bedeutung voraussehen liegt auch dem allgemeinen, nicht auf gott bezogenen gebrauch zu grunde und kann unter umständen betont werden (vôrseien is jümmer beter asse nâseien Schambach 277ᵃ), mit der voraussicht verbindet sich aber leicht die vorsorge. zu beachten ist dabei, dasz in der älteren sprache das einfache vorsehen auch in der bedeutung erscheint, in der jetzt ausschlieszlich sich vorsehen gebraucht wird: darauf achten, sich so verhalten, maszregeln treffen, dasz kein schaden eintritt, dasz etwas verhindert wird, sich in acht nehmen, vorsichtig sein.
a)
vorsehen, provedere d'avanzo Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 753ᵃ; providiren vorsehen, vorsorgen, verwalten Spannutius (1720) 356; Ottilie fand nun im garten die frucht ihres vorsehens Göthe 20, 304 W.; wer vorsieht, ist herr des tages 42, 2, 227; weder sei vorgesehen worden, noch eigne ich mich dazu G. Keller (1889) 2, 100; eine wiege hatte sie auf dem boden auch gefunden; also da war vorgesehen W. v. Polenz Grabenhäger (1897) 1, 27. — vorsorgend auf etwas achten:
aber hinten hätt er nicht vorgesehn,
dasz da auch wieder leute stehn
Göthe 16, 113 W.
b)
mit schärferer betonung des abwendens oder vermeidens eines möglicher weise eintretenden geschehens: cavere vorsehen Diefenbach gl. 108ᵃ; schifare, guardare, vermeiden, vorsehen, entfliehen, entgehen Hulsius (1618) 2, 356; vorsehen, dasz kein unglück geschehe Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 753ᵇ; als ob man da sich vergessen müszte, wo es doppelt vorsehen gilt O. Ludwig (1891) 1, 204;
da kommt der künftge kaiser an,
der erb von Österreich, wenn ihr nicht vorseht
Grillparzer 9, 15 Cotta;
ein unglück wird gewisz geschehen;
es abzuwenden, vorzusehen
fehlt mir gedanken und begriff
Rückert (1867) 6, 152.
vorsehen für, vor, vgl. heutiges sich vorsehen vor: ein hauptmann soll ... für geitz, gotteslesterung ... zum fleiszigsten vorsehen Reutter v. Speir kriegsordnung (1594) 2. — nähere angabe durch abhängigen satz: aber es musz der schmeltzer ... sonderlich vorsehen, das er nicht das ertz mit den zusetzen vermischet Bech Agricolas bergwerckbuch (1621) 323; die erste regel ist, vorzusehen, dasz man nicht über stock und block stolpert W. Alexis Isegrimm (1854) 434.
c)
vorsorge treffen, mit dem dat. einer person oder sache: ich habe der sache schon vorgesehen Adelung, der diese wendung als veraltet bezeichnet: hast du dir vorgesehen, o mensch, in guter zeit und in tagen des glücks daran gedacht, 'wie helfe ich mir in tagen des unglücks ...?' Harms verm. aufsätze (1853) 26;
dem allen aber hat der himmel vorgesehen
bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 3, 56;
bald ist dir auch die macht, dir vorzusehn benommen
J. E. Schlegel (1761) 1, 263;
ist somit dem fünf der sinne
vorgesehn im paradiese
Göthe 6, 265 W.
d)
mit dem acc. einer sache oder person; besonders häufig in neuerer geschäftssprache in dem sinne von in aussicht nehmen, in rechnung ziehen, vorausblickend anordnen, besorgen, bestimmen u. ä.; vorgesehener fall: auch diesen fall hatte er in seinem plane vorgesehen O. Ludwig (1891) 1, 309; nach einiger zeit trat nun wirklich der vorgesehene fall ein Ranke (1867) 2, 203; in dem contracte ... wird der doppelte fall vorgesehen Herm. Grimm Michelangelo (1890) 1, 239; auszer den in diesem gesetze vorgesehenen fällen bürgerl. gesetzb. einführungsgesetz 42, 9. — zu denen ordentlichen, in des reichs satzungen vorgesehenen mitteln Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 179; (es war) für lange zeit eine eintheilung der jährlichen schläge vorgesehen Göthe II 6, 100 W.; das wahlgesetz hatte nichts vorgesehen Dahlmann gesch. d. franz. revol. (1845) 164; einen nicht in der verfassung vorgesehenen oberbeamten Mommsen röm. gesch.⁴ 3, 104; im etat die befriedigung zahlreicher mehrbedürfnisse vorzusehen Bismarck polit. reden 3, 4 K.; für einen bestimmt vorgesehenen zweck Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 7, 121; ohne einen einzigen soldaten und eine einzige kanone mehr zu beanspruchen, als die oberste heeresleitung vorgesehen Beumelburg sperrfeuer um Deutschland (1929) 151.
e)
in allgemeinem sprachgebrauch mit sächlichem object, mit der voraussicht verbindet sich die vorstellung der vorsorge, der getroffenen maszregeln, der bereit gestellten mittel: so liesz sich nach und nach gar manches in zeiten vorsehen Göthe IV 34, 197 W.; es ist alles vorgesehen, hier im dorfe steht unser wagen, wir haben geld, reiseerlaubnisz, was wir brauchen Holtei erz. schr. (1861) 14, 158; wenn sie selbst dies vorgesehen haben, so habe ich unnöthigen diensteifer gezeigt Freytag (1886) 2, 155; begab er sich an den vorgesehenen ort Alverdes Reinhold (1931) 17;
doch dasz wir auch nicht also bald
ohne trost von ein ander gehen,
so hats sanct Martin auch vorsehen
unt uns ein feiste gansz gebracht
W. Spangenberg ausgew. dicht. 113 Martin;
um zum entführungswerk das nöthge vorzusehen
Wieland (1794) 22, 202;
es sind ehrenmänner,
die unsern vortheil weislich vorgesehn
Immermann 16, 369 B.
f)
nachfolgender satz mit dasz: es war daher durch eine stillschweigende übereinkunft vorgesehen worden, dasz so wenig gefahr als möglich entstände Immermann 6, 38 B.; instinctmäszig ist vorgesehn, dasz in der einzelnen sprache wenig oder keine gleichlautige wurzeln für verschiedene vorstellungen statt haben J. Grimm kl. schr. 1, 287; besonders wird vorgesehen, dasz die vier statthalter ... auch dem minister unterstehen Ratzel völkerkunde (1885) 2, 202.
g)
veraltet ist vorsehen mit, wodurch das verb. sich dem gebrauch von versehen nähert, von dem es die vorstellung der vorsorge unterscheidet: er liesz im auch sein pferdt mit aller zuͦgehore vorsehen, des geleichen auch sein kleydung Warbeck d. schöne Magelone 7 Bolte; so wurden deren (der armen) täglich vil zu hoff mit aller notturfft vorgesehen Brandis d. tirol. adlers ehrenkräntzel (1678) 110.
6)
am häufigsten ist in neuerer sprache sich vorsehen, besonders in der bedeutung von cavere, zusehen, maszregeln treffen, dasz etwas möglicherweise eintretendes nicht geschieht, eine schädigung irgend welcher art verhütet wird, wofür in älterer sprache auch das einfache vorsehen gebraucht werden kann (oben 5 b). in gleicher bedeutung in älterer sprache vor sich sehen: sihe für dich, trew ist miszlich S. Franck sprichw. (1541) 64ᵃ; Adelung wollte sich vorsehen aus diesem älteren gebrauch herleiten: 'eigentlich vor sich sehen, damit man im gehen keinen schaden leide'. sich vorsehen ist aber aus der unter 5 g behandelten anwendung des verbums zu erklären: sich mit dem notwendigen versehen (s. unten 7), dann eingeschränkt auf die vorsorge zur abwendung eines übels (vgl. vorsicht und vorsichtig).
a)
alleinstehend oder mit sinnverwandten verben verbunden: sehet euch vor, guardatevi Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 753ᵇ; wo und wie der jung (schiffer) sich hinführo vorsehen, hüten und behutsam fahren solle Schupp (1663) 4; sein geistlicher den traum als böse ausdeutete und ihn sich vorzusehen warnete Lohenstein Ibrahim sultan (1680) l 3ᵃ; ich rathe ihnen, mamsell, sehen sie sich vor Lessing 2, 37 M.; wo denn jedermann sich selbst vorsehen mag Göthe IV 22, 112 W.; holla Franz! siehe dich vor! dahinter stekt irgend ein verderbenschwangeres ungeheuer Schiller räuber 4, 2; mehre häuser (handelshäuser), die sich nicht vorgesehen hatten, fingen an zu wanken Hauff (1890) 2, 177; das königliche Burgund läszt sich nicht fangen wie ein wild, er mag sich vorsehen Freytag (1886) 2, 42; mit ihm nachsichtig sein, sich selbst aber vorsehen und mit sich vorsichtig sein S. Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 282;
drum wein und weiber machen narrn,
wie hoch mit weiszheit viel gebarn;
wer sich nicht vorsicht, mags erfahrn
Kirchhof wendunm. 2, 17 Ö.
b)
oft mit adv. bestimmungen: die pilgerin hatte so gut sich vorgesehen, dasz man sie nicht wiederfand Göthe 24, 92 W. — er hat sich wol vorgesehen Kramer teutschital. dict. 2 (1702) 753ᵇ; bin gewarnet worden, ich möchte mich wol vorsehen Rist d. friedenwünsch. Teutschland (1648) 18; (dasz ein hirsch) auch einen jäger, der sich nicht wol vorsieht, forkelt Heppe aufricht. lehrprinz (1751) 74. — (der imker soll,) damit er sich desto besser vorsehe ..., eine larve mit augenspigeln nemmen Sebiz feldbau (1579) 305; wer einmahl betrogen, musz sich hernach besser vorsehen Reinicke fuchs (1650) 234. — als ich mich aber nicht recht vorgesehen Böhme roszartzney (1618) vorr.; wer sich nicht hinlänglich vorsiehet d. Leipziger avanturieur (1756) 2, 16; ich könnte mich nicht genug vorsehen Göthe 43, 216 W. — wo wir uns am wenigsten vorsehen Luther 34, 2, 381 W.; als sahe er sich hierin nicht weniger vor Chemnitz schwed. krieg 2 (1658) 46.
wie hat der grosze mann so schlecht sich vorgesehen
A. Gryphius trauersp. 569 Palm.
sich auf allen ecken vorsehen müssen Kramer a. a. o. 2, 753ᵇ. — haben wir uns bisher lebhaft, ja mit heftigkeit vorgesehen und verwahrt Göthe II 2, 68 W.
c)
mit angabe der besonderen umstände, der besonderen lage: gleichwol aber soll man sich in dieser freyheit zu tichten vorsehen Opitz poeterei 22 ndr.; die Franzosen hatten bei androhender gefahr sich zeitig vorgesehen Göthe 33, 297 W.; ich warne dich, dasz du im schieszen dich vorsiehst br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 61.
d)
von pronominalverbindungen ist die mit vor am häufigsten (in älterer sprache für): sich ... vor solcher und dergleichen gefahr je und allezeit hüten und vorsehen Rinckhart christl. ritter 8 ndr.; er sehe sich nur vor des hirten hunden vor Jac. Böhme 5, 648 Schiebler; er solte sich vor dem pfaltzgraffen wol vorsehen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 163; vor kinder und narren musz man sich hüten und vorsehen Lehman floril. polit. (1662) 4, 9; sich vor taschendieben ... vorzusehen Brentano (1852) 4, 359;
vor dem raben nur sehet euch vor, der hinter ihr krächzet
Schiller 11, 107 G.
ungewöhnlich: man kan sich vor dieses nicht vorsehen Steinbach 2, 569. — seltener ist gegen: sich gegen ein gewehr vorsehen, declinare arma Stieler 2025; sich vorsehen ... für ò gegen jemand Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 753ᵇ; ich konnte mich niemals gegen mörder vorsehen Laube (1875) 4, 213. — vereinzelte wendung: sich von solcher pestilentzischen seuche besten fleiszes hütten und vorsehen Butschky Pathmos (1677) 7. — bei sich vorsehen mit kann der sinn von cavere vorliegen, doch s. auch unter 7: da hätten wir denn einmal wieder die erfahrung, wie sehr man sich mit allerlei hausfreunden vorzusehen hat Mörike 3, 138 Göschen;
der Schwede musz sich vorsehn mit dem Deutschen
Schiller Wallensteins tod 1, 5.
e)
bei der verbindung mit dasz und einem abhängigen satze, von der Adelung behauptete, dasz vorsehen so am häufigsten gebraucht werde, ist zu unterscheiden, ob der satz im ganzen, bzw. in einem theil verneint ist oder nicht.
α)
der erste fall ist weitaus häufiger, wobei sich vorsehen den sinn von cavere hat: man musz sich vorsehen, dasz einem niemand den beutel fege Steinbach 2, 569; ermane ich dich treulich, du wollest dich ye mit fleysz vorsehen, das sie dich nicht betryege Hutten 2, 190 B.; zum fünften sollte ich mich auch im bade vorsehen, dasz ich nicht ein unglück bekäme Schweinichen denkw. 119 Ö.; er solte sich wol vorsehen, dasz er nicht über gebühr handelte Bucholtz Herkuliskus (1665) 64; die gesandten ... sich wol vorsahen, dasz sie auf keinerlei weise sich verreden möchten A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 1123; dennoch aber müssen wir uns vorsehen, dasz wir auch darin ihren urtheilen nicht zu viel trauen J. E. Schlegel (1761) 3, 344; alle theile sehen sich ... vor, dasz ja das ganze in keinem kleinsten theil durch wankelmuth und willkür gefährdet werde Göthe 44, 1, 220 W; siehe dich vor ..., dasz ich dir nicht einmal derb übers maul wische R. Huch d. grosze krieg (1920) 2, 318;
drum sich dich eben vor, dasz in dem güldnen becher
der tod nicht etwa sey
Rachel sat. ged. 51 ndr.;
so siehe dich vor, dasz den hafen ein andrer nicht einnimmt
Herder 26, 265 S.;
ich musz mich wohl vorsehen,
dasz ich die sach nicht mach zu grob
Erlach volksl. d. Deutschen 1, 431.
β)
sorgsam achten, mit behutsamkeit vorsorge treffen: aber sieh dich vor, dasz du in einer stunde wieder da bist J. E. Schlegel (1761) 3, 557. — in der folgenden stelle ist der satz mit dasz nicht verneint, sich vorsehen hat aber doch den sinn von cavere:
wir sullen uns nu vore
sehen mit suren listen,
daz uns der selbe christen
kume in unser lande,
legende mancherhande
stricke vor sine vuze
Daniel 5546 Hübner.
f)
andere verbindungen: seht euch vor, was ihr verrichtet G. Keller (1889) 4, 188;
du junges volk, geh, eil zum tantzen,
sieh dich vor, damit du nicht versihst die schantzen
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 416.
selbst minister ... sehen sich sehr vor, eine sache zu thun, die durch bestimmte gesetze verboten ist Archenholz England u. Italien (1785) 1, 2, 323.
7)
sich vorsehen, besonders sich vorsehen mit (letzteres anders unter 6 d) kann auch heiszen sich in voraussicht des kommenden oder möglicher weise kommenden vorbereiten, mit mitteln versehen, maszregeln treffen u. ä., vgl. einen vorsehen mit unter 5 g; natürlich wird es auch hier sich besonders oft um vorsorgliche abwendung eines übels, eines mangels, einer schädigung handeln: sich mit guten gegengründen gegen jemand vorsehen Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 153ᵃ; sieh dich nur dabey in kleidung und sonst einigermaszen vor Göthe IV 21, 2 W.; und das dort? — ist meine eigene stube, die für euer gnaden hergerichtet ist. wir haben uns vorgesehen Bauernfeld (1871) 5, 109; habe mich schon vorgesehen und stöcke machen lassen G. Keller (1889) 3, 77. — prägnant: ich hatte mich schon frühzeitig vorgesehen, d. h. gegessen H. v. Barth Kalkalpen (1874) 364. — scherzhaft: er hat sich gut vorgesehen, ist betrunken Lichtenberg verm. schr. (1800) 3, 38.
8)
sich vorsehen auf, sich vorbereiten auf etwas: wenn ich mich nicht so gut auf alles vorgesehen hätte Ayrenhoff (1814) 9, 21. — in der wendung sich auf etwas nicht vorgesehen haben kann der sinn noch mehr verblassen zu der bedeutung von nicht erwarten: da sich die Asiaten auf einen neuen besuch gar nicht vorsahen M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 105. — auf eine solche lobrede hatte ich mich freilich nicht vorgesehen Göthe 13, 1, 55 W.
9)
vorgesehen als wirklicher ausruf, als aufforderung zum ausweichen: 'wenn die sänftenträger in Oberdeutschland die vor ihnen hergehenden mit einem aufgeschaut! warnen, so rufen sie in Obersachsen vorgesehn!' Adelung; von dem vorgesehn der lastträger erschreckt Thümmel reise 6, 419; da tönt in meine ohren ein lautes: 'ho! ho! vorgesehn!' Gaudy (1844) 3, 155. — in freier anwendung: lieber leser, vorgesehen Bode Thomas Jones (1786) 1, 31; vorgesehn vor den harpyen! sie waren und sind ein kreuz der symboliker Voss antisymb. 2 (1826) 91; also vorgesehen, weil es noch zeit ist G. Keller (1889) 5, 18.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1938), Bd. XII,II (1951), Sp. 1541, Z. 27.

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Zitationshilfe
„fürsehen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrsehen>, abgerufen am 02.08.2021.

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