Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürsein

fürsein,
zumeist unzusammengeschoben für sein, s. vorsein.
1)
vornhin sein. daher
2)
vor jemand, d. h. vor dem angesichte jemandes, sich eingestellt haben, in die gegenwart jemandes sich begeben haben auf befehl, nach ladung, zur besprechung, zur vernehmung u. s. w. noch wetterauisch z. b. er ist alleweil (eben) für, zur verhandlung in einer klage vor dem richter oder zur vernehmung vor diesem.
3)
gegenstand der besprechung oder verhandlung sein, besprochen werden, verhandelt werden. was weltlich hendel allda (bei der groszen versammlung der protestierenden zu Schmalkalden) fürgewesen, des cammergerichtes, geystlicher lehen, ... auch vom krieg des herren keysers wider den Frantzosen, ist die theologen nichts angangen. Mathesius Luther (1566) 128ᵃ.
4)
sich begeben, geschehen. so noch wetterauisch, wenn man z. b. bei einem zusammenlaufe von menschen, über den man nichts weisz, fragt was ist für?
5)
hervor sein, aus etwas heraus sein.
6)
voran sein.
7)
voraussein.
8)
vorstehn, insbesondere zu aufsicht und obsorge. mit dat.: (der vormund schwört, dasz er) personen und güter getreulich und ehrbarlich wolle fürseyn. Mainzer landrecht 1755 tit. 5 a. e.
9)
vorüber sein, vorbei sein. so wol dem orte als auch der zeit nach gesetzt. s.für II 4) sp. 650. in beziehung auf die zeit s. an dem eben angeführten orte die stelle aus dem Ambraser liederbuche.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 811, Z. 28.

fürsein, n.

fürsein, n.
der als subst. gesetzte inf. des vorigen verbums.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 811, Z. 53.

vorsein, verb.

vorsein, verb.,
vgl. fürsein th. 4, 1, 1, sp. 811; Lexer 3, 587; preesse vorwesen Diefenbach gl. 453ᶜ; presidere vore sin 457ᵃ; vorseyn Maaler 476ᶜ; Stieler 174; Frisch 2, 407ᵃ; Adelung; vorsein Campe.zusammenschreibung verwirft schon Adelung, sie ist allmählich ungebräuchlich geworden. er meint, und ihm nachredend Campe ebenso irrthümlich, dasz vorsein nur im gemeinen leben gebraucht werde, während doch in jener zeit wenigstens das part. vorseiend durchaus schriftgemäsz ist und z. b. von Göthe oft verwendet wird; vgl. Fischer schwäb. wb. 2, 1639; schweiz. idiot. 7, 1044; vor sein th. 10, 1, sp. 298.
1)
vor in räumlichem sinne, besonders wie voraus: er ist schon weit vor; vorseyn, weiter voraus seyn Frisch 2, 407ᵃ; vgl. auch Fischer schwäb. wb. a. a. o.; übertragen: die alten sind auch in diesem stücke so weit vor Herder 3, 395 S.vorüber, vorbei: der wagen mit dem gelte ist vor, sive vorbey Stieler 174.
2)
verdecken, so dasz man nicht sehen kann: der schleier ist vor, ich kann das gesicht nicht erkennen; den zugang wehrend: ich kann nicht durch, es ist etwas vor Adelung.
3)
in übertragener anwendung entwickelt sich in älterer sprache der sinn aus dieser räumlichen vorstellung, vor etwas sich stellen und stehen kann schutz sein (s. unter 5), anderseits kann eine bewegung durch davorstehen gehindert werden, so entsteht die bedeutung abwehren, verhindern: vorseyn, einem vor dem tod seyn; einem vor schaden und gfaar seyn Maaler 476ᶜ; ich will schon vor seyn, id praecavebo ne eveniat Stieler 174; mit dem dat.: demselben vor zuͦ sin und solches künfftiglich zuͦ fürkommen nüwe stattrechten ... d. statt Friburg (1520) 24ᵇ; bittend, sie solten dem vorsein und verhüten Jan de Serres frantzös. hist. (1574) 186ᵃ; sölchem uberfal in künfftigem vorzuseyn Stumpf Schweizerchron. (1606) 384ᵃ; so süllen sij unser losung nicht widersteen noch vorsein Lori samml. d. baier. bergrechts (1764) 24 (von 1718). mit dem genit.: wellend ir ... uns vorsin der nuwerung, der unbillichait und beschwerden bei Franz d. dt. bauernkrieg, aktenbd. (1935) 32; vgl. Fischer schwäb. wb. 2, 1639. — diese bedeutung ist erhalten in der wendung: da sey gott vor, quod deus prohibeat Frisch 2, 407ᵃ; solt uns der Türck übermögen, da got vor sey S. Franck sprüchw. (1541) 2, 12ᵇ; da sei gott vor Göthe 8, 52 W.
4)
einem gegner im kampfe widerstehen: (gegatromeus, ein stein) macht seinen tragær sighaft an streiten und mag im nihts vor gesein in mer und auf erden Konrad v. Megenberg buch d. natur 448 Pf.; do sie sachen, das sie im nicht vor mochten sein, do schickten sie umb hilff Schiltberger reiseb. 20 lit. ver.
5)
wie vorstehen zur bezeichnung von aufsicht, befehl, leitung, verwaltung, dann auch schutz und fürsorge; vgl. Fischer a. a. o.
a)
in bezug auf personen, verbände:
der alt stamkünc Senebor
von Cappadocia vor
scholt sin der sibenden schar
Johann v. Würzburg Wilh. v. Österreich 16402 Regel;
wan er nun alt und kranck worden were und dem reich nit notturfftiglich vor gesein möcht dt. städtechron. 3, 288, 35 (Nürnberg); das ir nach einem gedenckent, der euch anweisz und der euch vorsei histori von d. statt Troia (1499) e 4ᵃ; ir gemeinde mit guter nutzparer ordnung und gesetzen vorzusein und zuversehen Nürnb. polizeiordn. 226 lit. ver.; da ... sint die aller fürnempsten menner den schuͦlen vorgwesen Hedio chron. Germ. (1530) 5ᵇ; er ist dem reich vorgewesen 47 jar S. Franck chron. Germ. (1538) 161ᵃ;
darzu helf euch got und sant Kilian ...
und darzu die himelkonigin,
dasz ir dem stift möcht vorgesein
Liliencron hist. volksl. 2, 332.
b)
mit unpersönlichem dativ, wobei der sinn der fürsorge hervortritt, häufig ist einem amte vorsein u. ä.; procurare vorsin Diefenbach gloss. 462ᵃ; (er soll) deinem wesen vorsein und dich getreulich ziehen Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 90; welch priester irem ambt vor sein ... dieselben sol man in zwifachen eren halten Berthold v. Chiemsee t. theologey 467 R. (die eltesten die wol furstehen 1. Tim. 5, 17; die priester, die do wol vorseind d. erste dt. bibel 2, 219 K.); (dasz) die procuratores von menige der sachen wegen beden emptern nit woll vorsein mögen cammergerichtsordnung (155) 25ᵇ; hilff, lieber gott, das ich meinem dienst mag trewlich vorsein Mathesius erkl. d. ep. an die Corinther (1591) 1, 93ᵃ. — vorseyn und nutzseyn ist ein sorg Wander dt. sprichw.-lex. 4, 1700.
6)
in gegenwart jemandes sein, z. b. in folge eines befehls, einer ladung Fischer schwäb. wb. 2, 1639. — dann aber in freier übertragung, mit unpersönlichem subject in mannigfaltiger anwendung. es kann gemeint sein, dasz etwas in gedanken vorschwebt, oder aber, dasz es bevorsteht, besonders aber, dasz etwas im werke, gegenstand einer besprechung, behandlung, eines vorsatzes, planes ist. Heynatz antibarb. (1796) 2, 603 bezeichnet diesen gebrauch als oberdeutsch, s. auch Fischer a. a. o. hierbei ist vor allem die früher so häufige verwendung des part. präs. zu erwähnen.
a)
zu beachten ist, dasz auch vorschweben im sinne von bevorstehen gebraucht werden konnte, s.vorschweben 6: obversor etwan vor seyn, etwan vor schweben Calepinus dict. XI ling. (1598) 977ᵇ; es war mir vor, praesagiebat mihi animus Dentzler clavis ling. lat. (1716) 338ᵃ; wie ... etlichen burgern der statt sölich fürnemmen vorgewesen ... war, hatten sich deren etlich bewaaffnet Stumpf Schweizerchron. (1606) 385ᵃ; ir könt leicht gedencken, wie ich erschrocken bin ... es ist mir doch vorgewest Elis. Charlotte br. 3, 254 Holland;
es ist mir langest vorgesin,
des ich ietz innen worden bin
schweiz. schauspiele d. 16. jh. 1, 250 B.;
soll ich an disem ort lang sein,
so musz ich kranckheit hon und pein,
das ist mir vor und werdts auch sehen
Scheit d. frölich heimfart 499 Strauch;
doch ist dir sonderlich für diszmal vorgewesen,
du werdest etwasz bösz ausz näuer zeitung lesen
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch s. reimget. (1647) 136.
b)
im werke sein, verhandelt werden, vorliegen, aber auch bevorstehen: das recht aug tantzt mir im kopff. das ist, es ist mir ein grosz glück vor S. Franck sprichw. (1541) 14ᵇ; habe aber wegen der händel bei der kanzelei, so vorgewesen, abschreiben müssen Schweinichen denkw. 552 Ö.; dieser stadt ist eine grosze gefahr vorgewesen, wann es gott nicht sonderlichen gemittelt Peccenstein theatrum Saxon. (1608) 3, 133; er leicht vermuten konnte, dasz ihm etwas von sonderbarer wichtigkeit vorseyn würde A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 9; wir hören, dasz so was vorsein soll Klopstock (1823) 12, 82; er leugnet, dasz gegen die königin etwas vorgewesen Rehberg untersuch. über d. franz. revol. (1793) 3, 167; als er fragte, was da vorwäre br. Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 268;
dann Prisous liesz genug, dasz etwas vorsey, spühren
König ged. (1745) 407;
glaub mir, es ist was vor — und gegen dich!
ich weisz nicht, was sie sinnen
Eichendorff (1864) 4, 600.
c)
auszerordentlich häufig, doch ebenfalls veraltet ist vorseiend, was vorliegt, im werke ist, verhandelt, vorgenommen wird, in aussicht steht, geplant wird, dann auch was zur zeit stattfindet, gegenwärtig ist u. ä.: im vorwesenden (diesem) jahre Wedel hausb. 235 lit. ver.; in den damahlen vorwesenden kriegen 245; bey vorseyenden jagen Göchhausen notab. venatoris (1741) 318; auf dem eben vorseyenden landtage Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 73; von den vorseyenden geschäften Klopstock gelehrtenrep. (1774) 199; in betreff einer vorseyenden vertauschung verschiedener werke Lessing 18, 363 M.; ein buch, das er in einer vorseienden auction im katalog angestrichen Göthe 41, 2, 370 W.; über die vorseyende affaire III 1, 30; besonders in den briefen, vgl. z. b. IV 10, 149; 19, 300; 24, 154; 25, 35; 30, 17; 41, 43; durch die vorseiende veränderung Schleiermacher (1834) I 5, 79; die vorseiende heilige handlung darf nicht gestört werden Immermann 2, 163 B.
d)
das part. prät. kann in gleichem sinne gebraucht werden, nur dasz die vorstellung in die vergangenheit gelegt ist: die tegliche experienz und erfahrung sonderlichen jüngster vorgewesener, aber nunmehr ... gestilter krieg verh. d. schles. fürsten u. stände 2, 15 Palm; bey dem zu Franckfurt vorgewesenen convent Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 233; bey jüngst vorgewester churbayerisch-französischer invasion bekanntmachung von 1705 bei Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 14; (es ist) eine fabel, dasz die vielen wachskertzen bey seiner vorgewesenen beerdigung die kirche angestecket Hahn einl. zu d. t. staats-, reichs- u. kaysergesch. (1721) 4, 235; von meinem vorgewesenen rufe (verhandelten, geplanten) Lessing 18, 24 M.
e)
anderseits wurde das part. prät. mit vor in zeitlichem sinne in der bedeutung von früher, ehmals gewesen gebraucht: unserm vorgewesenen herrn Reutter v. Speir kriegsordnung (1594) 20; allen vorgewesznen ruhmwirdigsten keysern Stumpf Schweizerchron. (1606) 199ᵃ;
wie? oder beut man auch allda,
was hundertmal schon vorgewesen,
der welt noch hundertmal zu lesen?
bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 202.
sehr frei:
an dem vorgewesnen ort
wüst er einen guten braten
Reinicke fuchs (1650) 80.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1938), Bd. XII,II (1951), Sp. 1553, Z. 38.

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Zitationshilfe
„fürsein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrsein>, abgerufen am 15.05.2021.

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