Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürsetzlich, adj.

fürsetzlich, adj.,
in der schreibung des 15., 16. jh. bis tief in das 18. jh. für fürsätzlich (s. d.). ich bringe hier nach: so doch viel drunter ist, daran ich selbs zweivel, etliches nicht verstehe, auch etlichs verneine, aber nichts fürsetzlichs schlisze, als müste es recht sein. Luther 1, 53ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 816, Z. 30.

fürsetzlich, adv.

fürsetzlich, adv.,
von dem, als vom adj. abgeleitet, dasselbe gilt, was vorhin von diesem gesagt ist. s. das adv. fürsätzlich. hier noch folgende stelle:
was machst? es sind geschehen die ding
unwissent und gar nicht mit willen:
drumb kanstu wol dein gwissen stillen,
weil dusz nicht hast fürsetzlich than.
Ayrer 318ᵃ.
es spricht dies Ursus zu Valentin, der, ohne es zu wissen, im kampfe seinen vater erschlagen hat und nach der entdeckung darüber untröstlich ist.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 816, Z. 35.

vorsätzlich, adj.

vorsätzlich, adj.,
mit vorsatz, aus eigenem entschlusz, mit vorbedacht, vgl. fürsätzlich th. 4, 1, 1, sp. 793; vorsätzlich Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 787ᶜ; absichtlich, vorsätzlich Kinderling reinigk. d. dt. spr. (1795) 351.
1)
das wort ist von vorsatz abgeleitet (ein fürsatzlich findet sich z. b. bei Schaidenraiszer Odyssea [1537] 75ᵃ), die schreibung vorsetzlich, bei der durch e der umlaut bezeichnet wird, ist bis zum 19. jh. auszerordentlich häufig, wobei man das adj. zu sich vorsetzen stellen mochte; vürsetzlik Schiller-Lübben 5, 443ᵇ; mnld. vorsettelike, adv. Verwijs-Verdam 9, 1071; vorsetzlich, mit fleisz, à posta Hulsius (1618) 271ᵃ; vorsetzlicher betrug Stieler 2327; für- et vorsetzlich, unmittelbar vorher aber für-, vorsätzlich Steinbach 2, 358; Gottsched schreibt vorsetzlich sprachk. (1748) 328; ebenso Adelung und Campe: weder vorsetzlich noch sonst unzimlicher weis Barth weiberspiegel (1565) k 6ᵇ; (wenn ich) vorsetzlich solche wege führe Grimmelshausen Simpl. 4, 663 Keller; sie entehren sich vorsetzlich Lessing 2, 53 M.; krankheit, die man vorsetzlich ernährt Wieland (1794) 7, 73; (meine) vorsetzlichen einwirkungen Göthe IV 40, 189 W.; dir ... vorsezlich zum ärger Schiller 1, 200 G.; vorsetzlich einschlafen Tieck (1828) 6, 8.
2)
die bedeutung des adj. und des adv. ist enger als die von vorsatz, es bezeichnet überlegten entschlusz, absicht, z. b. im gegensatz zum zufall, wird aber nicht in dem sinne einer selbstgegebenen moralischen regel gebraucht (s. vorsatz 1, sp. 1440). in attributiver verwendung gewöhnlich mit worten verbunden, die eine handlung, ein verhalten, einen zustand bezeichnen: eine vorsätzliche boszheit Kramer teutschital. dict. 2 (1702) 787ᶜ; ein vorsätzlicher fehler Steinbach 2, 358; mutwilligen vorsatz und vorsetzlichen mutwil Fischart geschichtklitt. 185 ndr.; gott habe es in seinem vorsätzlichen rathe also beschlossen J. Böhme (1832) 2, 135; in einer vorsätzlichen schlummerung Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch s. reimgetichte (1647) vorr.; ein vorsetzlicher fleis Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 186; es war kein vorsetzlicher, sondern unversehener rausch Paullini baurenphysic (1705) 20; bey erblickung vorsetzlicher greuel, die mit lust begangen werden Lessing 10, 98 M.; voller unrichtigkeiten und vorsätzlicher lügen Lichtenberg br. (1901) 1, 236; wie sich die lateinische sprache durch zufälliges, dann vorsätzliches pfaffenverderbnisz in die romanische verlor Göthe IV 31, 158 W.; vorsezliche trägheit Schiller 4, 138 G.; zwischen vorsäzlichen und unvorsäzlichen sünden Schleiermacher (1834) I 3, 414; vorsätzliche oder wiederholte übertretung der standespflichten Wilhelm I. milit. schr. (1897) 1, 443;
ausz schwerer vorsetzlicher sünd
Kirchhof wendunm. 1, 374 Ö.;
erschwers ihm nicht durch ein rückhaltend weigern,
durch ein vorsetzlich miszverstehen
Göthe 10, 9 W.
oft mit mord verbunden, obgleich mit mord die vorstellung des vorsatzes schon gegeben ist: nur der vorsetzliche mord würde mit dem leben bestraft grafen zu Stolberg (1820) 3, 174; auf vorsätzlichen, vorbedachten mord D. Fr. Strausz (1876) 6, 194. — logischer: ein vorsetzlicher todschlag Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 787ᶜ. — bezogen auf das durch den vorsatz bewirkte: offt würden gute anstalten durch vorsetzliche hindernüssen der miszgönner ... zernichtet Lohenstein Armin. (1689) 2, 1393ᵇ; vorsezliche falsche nachrichten Archenholz England u. Italien (1785) 1, 2, 397. — vorsätzlicher weise, wie das adv. vorsätzlich: nicht vorsetzlicher weise, sondern ungerne Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) 66; von ungefähr, oder auch vorsätzlicher weise maler Müller (1811) 3, 233; vorsäzlicher oder unbesonnener weise W. v. Humboldt (1903) 1, 183; zusammengeschrieben: dasz du mich nicht vorsätzlicherweise verlassen hast Tieck (1828) 4, 336. — prädikativ: es sei vorsätzlich oder zufällig, die baronesse ist hier Göthe 23, 154 W.substantiviert: das vorsätzliche der that A. v. Humboldt kosmos (1845) 2, 278.
3)
seltener als attribut einer person: vorsetzliche todschläger Gottsched beob. (1758) 190; (Julian) ein seltsamer und vielleicht vorsetzlicher schwärmer im heydenthum allg. dt. bibl. 1, 2, 43; vorsätzliche betrüger Jung-Stilling (1835) 6, 315; die vorsätzlichen revolutionsstifter Gentz 5, 94 Schlesier; sie war weder eine gewohnheitsmäszige pädagogin, noch eine vorsätzliche thatverrichterin G. Keller (1889) 3, 274.
4)
als adv.: (dasz ich) wissentlich niemand unrecht thue, noch vorsetzlich sünde begehen möge Schweinichen denkw. 210 Ö.; (hast du) die durchdringende wirkung dieses so gar kleinen pfeiles ... vorsezlich vergessen? Schottel friedens sieg 26 ndr.; habe ich vorsätzlich das ewige feuer ausgelescht Lohenstein Armin. (1689) 1, 72ᵃ; oder haben die herren buchhändler sie (die ausgabe) vorsätzlich unterdrückt? Lessing 8, 49 M.; dasz ich recht vorsätzlich faullenzen müszte Göthe IV 27, 345 W.; die vorsätzlich (wilfully) ihre eigne seligkeit sucht Shakespeare Hamlet 5, 1; er weicht dem menschengewühle vorsätzlich aus Holtei erz. schr. (1861) 20, 93; sie sahen wohl, dasz er vorsätzlich davongegangen G. Keller (1889) 4, 18;
ja, wissen wir, ob uns der könig nicht
vorsätzlich seinen aufenthalt verbirgt?
Schiller 15, 1, 18 G.
vor einem adj. oder part.: vorsätzlich unleserlich Lichtenberg erkl. d. Hogarthischen kupferstiche (1794) 2, 72; diese vorsetzlich ungläubigen Jung-Stilling 3, 358 Grollm.; treffende, aber nie vorsätzlich verwundende satire G. Keller (1889) 6, 147;
soll die gluth denn ewig,
vorsätzlich angefacht, mit höllenschwefel
genährt, mir auf der seele marternd brennen?
Göthe 10, 50 W.
5)
gern wird das adv. mit verstärkenden oder gegensätzlichen bestimmungen verbunden: vorsäzlich und mutwilliglich Fischart 3, 254 Hauffen; vorsetzlich wissendlich irrende Arnold unpart. kirchen- u. ketzerhist. (1699) 5ᵃ; vorsätzlich oder unversehens Männling eroticus curiosus (1717) 151; willkührlich und vorsetzlich Crusius kurzer begriff d. moraltheologie (1772) 525; vorsätzlich oder zufällig Göthe 24, 240 W.; vorsätzlich und mit bewusztsein II 2, 69 W.; vorsäzlich oder unwillkürlich Voss antisymb. 1 (1824) 256; vorsätzlich oder aus grober fahrlässigkeit handelsgesetzbuch § 133.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1938), Bd. XII,II (1951), Sp. 1446, Z. 23.

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Zitationshilfe
„fürsetzlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrsetzlich>, abgerufen am 15.05.2021.

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