Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürsorge, f.

fürsorge, f.
1)
eine etwas zukünftigem vorausgehende unruhe und bekümmernis, die, im gedanken und hinblick auf zukünftiges, beängstigende unruhe im innern. ahd. begegnet noch kein furisorga, das wort taucht erst mhd. auf und zwar in folgender stelle, in der auch der begrif deutlich sich zeigt:
dâ muose michel riuwe sîn,
wan ze diseme tegedinge
sâʒen dâ ze ringe
tûsent frowen unde mê:
dën tët diu fürsorge wê
und diu bitter leides grimme.
mit weinlîcher stimme
wunschtens alle heiles
dër künegîn.
Lanz. 5260.
nhd. so stärkt solches unsern wahn und fürsorge nicht geringlich, dasz man mit betrug umgehe. kurfürst Johann Friedrich bei Melanchthon 4, 381.
2)
besorgnis. darumb die berürten statthalter, regenten und räte fürsorg getragen, dasz dieselben ordnungen zergeen wurden. abschied des reichsregiments v. j. 1501 §. 1 (reichsabschiede, Frankf. a. M. 1747, 2, 94ᵃ);
fürwar, herr, ich thu die sorg tragn,
das alle ding zugangen sey
mit unsern töchtern (dasz sie zu schanden gemacht sind) durch zauberey.
ist das, wie ich die fürsorg trag,
man den böszwicht nicht richten mag.
Ayrer 380ᵃ;
Rumor, lasz uns das (bestohlne) grab zumachn,
das niemand erfahr von den sachn!
ist besser, er (Andreuxo, der alles heraus gereicht hat) sterb in dem grab,
als das man fürsorg auff jhn (= in beziehung auf ihn) hab.
dessen fastnachtsp. 5ᵃ;
lasz uns singen, springen, lachen,
ohn fürsorg und trawrigkeit.
Weckherlin 412 (od. 1, 29, 1);
ich hab der erste, wie du weist, die churfürstliche würde auff unser geschlecht gebracht, nun aber mein stündlein vorhanden ist, trag ich billiche fürsorg, wie solche bey unserem hausz erhalten und nicht in verachtung kommen möchte. dein sinn, wie ich sehe, stehet nach ruh und stillem leben. Zinkgreff apophth. 1, 108.
3)
vorbeugende sorge, vorbeugungsmittel. und sagen etliche, dasz die jenige, welche stätigs der wurzel (es ist von dem alant die rede) gebrauchen, keinen mangel an harnen haben, dann er reiniget die nieren und blasen, kan derowegen nützlich gebraucht werden zu einer fürsorg für den stein. Tabernaemontanus 953ᵇ.
4)
sorge zu gunsten, sorge zum vortheil jemandes oder einer sache. gott ... ausz unerforschlicher seiner weiszheit den mänschen dergleichen (kreuz, leiden u. s. w.) zu beförderung jhrer seeligkeit aus genädigster vätterlicher fürsorge zuschicket und widerfahren lasset. Philander 1, 668; sie weinten beide voll zärtlichkeit und trösteten sich mit der fürsorge des himmels, dem sie vertrauten. E. v. Kleist 2, 150 (1778 s. 132); unser ist die pflicht, nach seinem (gottes) plane an unserm glücke ... zu arbeiten, nicht seine fürsorge mit wünschen um versorgungen, güter und würden zu beleidigen. Gellert moral. vorl. 367; je leichter das laster die hülfe und fürsorge der fremden von sich entfernt. 545; ich glaubte nur, ich müszte dir zeigen, dasz ich durch deine fürsorge nicht mehr das wilde mädchen wäre, das du aus Indien brachtest. C. F. Weisze lustsp. 3, 42; bis ihr, vom tod übereilt, nichts anders übrig blieb, als sie (ihre arme nichte) sterbend der fürsorge ihres vorgeblichen sohnes don Manuel zu empfehlen. Wieland 38, 189. mitunter auch so viel als obsorge, obhut. ein kind der fürsorge eines vormundes übergeben. Heute ist diese bedeutung die einzige, aber es kommt auch häufig vorsorge (s. d.) vor, wie denn schon Stieler 1997 nur vorsorge, kein fürsorge hat. Wilhelmi, Dentzler dagegen bieten fürsorg und vorsorg, ebenso Rädlein, Steinbach 2, 615 fürsorge und vorsorge. Weismann, Kirsch und, diesem folgend, Matthiä nehmen nur fürsorge auf, doch setzt der letzte in der dritten ausgabe seines lex. vorsorge bei. Frisch 2, 288ᵃ und deutsch- franz. wb. (1716) 412ᵇ verzeichnet wieder blosz vorsorg, eben so Ludwig (1745) 2347, auch Weber deutschlat. universalwb. 790 nur vorsorge. Hederich und der ihm nachfolgende Nieremberger, auch der spätere Scheller verweisen bei fürsorge kurzweg auf vorsorge, dagegen weist Bauer umgekehrt bei diesem auf jenes hin. Haas deutsch. u. franz. wb. (1786) hat blosz vorsorge, dem entgegen aber in dem späteren deutsch-lat. handwb. nicht dieses, sondern fürsorge. Adelung verweist bei diesem kurz auf vorsorge, dem er schon damit offenbar den vorzug gibt, wenn auch die begründende bemerkung nicht hinzugefügt wäre: es verhält sich mit diesem worte, wie mit vorsehung, indem in beyden die bedeutung des vorher die herrschende und die gangbare bedeutung (es ist die vierte hier gemeint) eine figur dieses begriffes ist, daher man auch hier lieber das vor behält, obgleich für stehen musz, wenn der gegenstand der vorsorge besonders ausgedruckt wird. ihm folgen im wesentlichen Campe und Heinsius, welche zwei artikel, fürsorge und vorsorge haben, während der spätere Heyse sogar in diese beiden scheidet und vorsorge für die bedeutungen 1) 3) und 5) und fürsorge nur für die 4) annimmt, aber dabei 2, 1735 in eigenthümlicher verwirrung dieses durch „vorsorge für jemand tragen, d. i. für sein bestes im voraus sorgenerklärt und fürsorge z. b. von der vorsorge gottes für seine geschöpfe nur als landschaftlich d. h. mundartlich gelten läszt. die geschichte des wortes lehrt, dasz beide bildungen, fürsorge und vorsorge, gleichberechtigt und gleichgeltend sind, jene aber als die eigentlich hochdeutsche anzusehen ist.
5)
sorge zum vorhandensein eines dinges, sorge zur versehung mit etwas, dann auch das was durch diese sorge vorhanden ist. conditivus cibus, fürsehung der speysz die man hindersich legt oder gehalt, fürsorg, vorradt. Frisius (1556) 286ᵃ und danach Maaler 150ᶜ; provisio, fürsorg, fürsähung, vorraat, vorschutz. Frisius 1085ᵃ und danach Maaler a. a. o. daher auch „fürsorg, provisiobei Dentzler 2, 119ᵃ, der dabei auf fürsehung hinweist. vgl. fürsehung 3.) S. vorsorge.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 825, Z. 77.

fürsorgen

fürsorgen,
eben so wol vorsorgen (s. d.). zusammengesetzt mit sorgen, wie fürsorge (s. d.), vorsorge mit sorge. das wort steht nur intransitiv.
1)
die obsorge haben, als stellvertretender oberer verwalten. procurare, etwas für einen anderen schaffen, verwalten, schaffner seyn, fürsorgen. Frisius (1556) 1064ᵇ und danach kürzer bei Maaler 150ᶜ. aus diesem dann bei Dentzler 2, 119ᵃ fürsorgen, procurare, curare. ahd. findet sich in diesem sinne forasorgên, landpfleger sein, procurare, von Pontius Pilatus gesagt, bei T. 13, 1 aus Luc. 1, 1; dieses ist unser vorsorgen (s. d.), aber eben so wol könnte ahd. furisorgên gesagt worden sein, was unser fürsorgen wäre. mhd. weisz ich weder ein vürsorgen noch ein vorsorgen nachzuweisen. jenes zeigt sich erst nhd.
2)
fürsorge haben, sorge zu gunsten haben, sorge zum vortheil jemandes oder einer sache haben. vgl. fürsorge 4). für- sive vorsorgen, curam alicujus gerere, agere, habere. Stieler 1996. eben so bei Wilhelmi 2, 103 fürsorgen, bei Dentzler 2, 338ᵃ vorsorgen, providere. dagegen haben Rädlein, Weismann, Kirsch, Matthiä, Hederich, Nieremberger, Weber, Haas, Bauer, Scheller weder fürsorgen noch vorsorgen, als wenn das wort erloschen sei. Adelung (1780) führt unter vorsorge nur beiläufig am schlusse an:das zeitwort vorsorgen ist nicht üblich,läszt aber in dem 22 jahre späteren kürzeren auszug 4, 1013 auch dies weg, so dasz das wort nicht einmal erwähnt wird. erst Campe nimmt vorsorgen in einem eignen artikel auf, und wenn auch nicht fürsorgen, doch dessen part. praes. fürsorgend als adj. und adv.; ihm folgen Heinsius und Heyse, doch wird von diesem letzten fürsorgend nur als adj. bezeichnet. richtiger hätten alle drei das verbum fürsorgen aufgenommen, bei dem sich dann fürsorgend, das gar nicht als eigentliches adj. noch weniger als adv. zu fassen ist, von selbst versteht.
die fürsorgende liebe gottes.
Löffler (bei Campe);
dank dem fürsorgenden (gott) für den sanften schlummer, der die duldende (Baggesens gattin) auflöste!
Voss br. 3, 2, 157;
fürsorgende huld in der seele.
dessen Odyssee 7, 42,
vorher, in der ausg. v. j. 1793, hiesz es voll sorgsamer huld in der seele. belege zu vorsorgen werden bei diesem folgen.
3)
sorgen zum vorhandensein eines dinges, sorgen zum versehen mit etwas. fürsorgen auff künfftigs, providere, in posterum prospicere Maaler 150ᶜ. Dentzler hat in diesem sinne vorsorgen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 827, Z. 23.

fürsorgen, n.

fürsorgen, n.
der als subst. gesetzte inf. des vorigen verbums. ich hatte für mein fürsorgen wenig dank.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 827, Z. 62.

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Zitationshilfe
„fürsorgen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrsorgen>, abgerufen am 02.08.2021.

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