Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürspiegeln

fürspiegeln,
als leeres bild vorstellen, als schattenbild vorstellen: lehren, dasz gott mit keim bild noch gemalter oder geschnittener figur will für gespiegelt, angebet noch geehrt werden. Fischart bienenkorb 38ᵃ (1588 36ᵇ). dann: zum schein, zur täuschung vormachen, durch täuschende vorstellung hoffen machen. Heute nur noch mundartlich; schriftdeutsch ist vorspiegeln, s. d.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 830, Z. 63.

vorspiegeln, verb.

vorspiegeln, verb.,
vgl. fürspiegeln teil 4, 1, 1, sp. 830 (nur aus Fischart einmal belegt, andere belege s. im folgenden unter 1); das wort begegnet erst im nhd., die älteren wörterbücher verzeichnen es nicht, wohl aber Adelung und Campe; dän. forespejle ist dem dt. worte nachgebildet. auf Adelungs wunderliche etymologie, der spiegel für ein dt. wort hielt, sei hingewiesen (s. Adelung unter spiegel, spiegeln und vorspiegeln); noch Kinderling empfindet das wort als jung reinigk. d. dt. sprache (1795) 435.
1)
in neutralem sinne 'in einem spiegel oder wie in einem spiegel vor augen bringen' Campe: gleichwie ain spigel, ob er schon mit edelgestain und gold herlich ... eingefasset ist, nichts nutzet, wan er nicht auch ainem, der sich darinn beschauet, aigenlich nach dem leben das andliz vorstellet, austrucket und forspigelt Fischart 3, 135 Hauffen.übertragen, dem inneren auge in wahrer gestalt vorstellen als muster, zur nachfolge und zum nachdenken, auch zur abschreckung, vgl. vorspiegel; noch im 18. jh. ist diese anwendung bezeugt, bisweilen auch in die verschlimmerte überleitend: wie vor in steinin tafeln also ietz in Christo das gsatz und den willen gottes den vergessen gotlosen menschen anzuzeigen, fürzuͦtragen, zuͦ erinnern und für zuͦ spiegeln S. Franck chron., zeitbuch (1531) 2ᵇ; daz dieselben (gedichte) nit so gar on nutz und fruchtbarkeit der jugend fürzuͦspieglen gewesen Wickram 2, 3 B.; wirt under dem nammen und person Ulyssis die auspündigst contrafactur aines weisen mannes fürgespiegelt Schaidenreiszer Odyssee (1537) vorr. 2; solt aber ich mir ein solche fürgespieglete ursach ... verlieren? (an ego occasionem mi ostentam ... amitterem? eunuch. 605) Boltz Terenz deutsch (1539) 45ᵇ; solten darumb die Spartaner, weil sie trunckenböltz vorstelleten, trunckenbölte sein? ... die eltern, weil sie galgenschwengel vorspiegeln, galgenmäszig heiszen? Fischart Garg. 4 ndr., vorher nennt er diese weise beyspilige spiegelweisz und spiegelweiszliches beyspiel; ein mensch, der soviele sorgfalt anwendet, seinen noch unbeschlossenen lebenslauf der welt mitzutheilen ... er musz etwas wichtiges vorspiegeln wollen J. M. v. Loen ges. kl. schr. (1749) 1, 129; könnten in diesem (dem neuen testamente) nicht noch mehr dergleichen wahrheiten vorgespiegelt werden Lessing 13, 430 M.; und es bedurfte wieder einen eben so gründlichen ernst ..., um uns ähnliche persönlichkeiten und charaktere mit leichter bedeutenheit vorzuspiegeln Göthe IV 38, 231 W. (hier ist zwar von dem schein des dramas die rede, doch fehlt immer noch die vorstellung einer beabsichtigten täuschung); (arbeit,) die gewissermaszen ein gegenbild war und die sache in origineller manier von einer andern seite her vorspiegelte Tieck (1828) 1, xxxiii. — mundartlich wirkt die neutrale anwendung nach schweiz. idiot. 10, 74.
2)
sich vorspiegeln, sich darstellen, offenbaren: was heiszt hier repräsentieren? ... etwas aus sich selbst machen, sich werth halten ... mit einem wort, sich ihm (einem andern) vorstellen, vorspiegeln Herder 18, 148 S.; der deutsche student ist ein ganz ächtes und klimatisches gewächs des deutschen landes ..., in welchem ... sich so manches abdruckt und vorspiegelt, welches man ... in anderen orten und zeiten und menschen wiedererblickt E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen (1845) 2, 278; oft gewährt mir das arbeiten wahres entzüken —, freilich auch oft pein, wenn es nicht wird, wie es sich anfangs im haupte so schön vorgespiegelt hat Stifter s. w. 17, 148.
3)
im entwickelten nhd. aber ist der gebrauch des verbums fast ausschlieszlich auf die verschlimmerte bedeutung beschränkt, indem das wie ein bild im spiegel vorgestellte ein bloszer schein, ein trugbild ist, der wirklichkeit nicht entspricht (vgl. den eingang des Parz.), oder aber schärfer noch, dasz es das werk bewuszter täuschung ist.
a)
alleinstehend: was von geheimnissen und symbolen vorspiegelnd gesagt wird Herder 24, 129 S.; aber schmeicheln, lügen und vorspiegeln können sie, bis sie den gimpel im netze haben G. Forster (1843) 7, 309. — infin. mit genit. des objekts: dieses darben an liebe blos aus vorspiegeln derselben Jean Paul (1826) 22, 41.
b)
einem etwas vorspiegeln, 'es als blendwerk vormachen' Adelung.sinnestäuschung:
wo aber störung ist von auszen oder innen,
vorspiegeln doppelt es ihm die entzweiten sinnen
Rückert (1867) 3, 205.
es kann zunächst noch die vorstellung eines bildartigen festgehalten werden, so spiegelt die malerei körperliches und raumtiefe vor: (wenn die farben) demselben (dem auge) dinge auf einer fläche vorspiegeln sollen br. d. neueste litt. betr. 14 (1762) 334. — dann freier: plötzlich griff er mit der hand nach der luftgestalt, die ihm der ... eckstatische zustand vorspiegelte Immermann 4, 53 B.; jene ganz natürliche täuschung ..., die dem äuszeren auge vorspiegelt, wonach das innere auge sich sehnt Holtei erz. schr. (1861) 19, 215; (nacht,) welche in ermattendem halbschlafe die entsetzlichsten traumbilder mir vorspiegelte H. v. Barth Kalkalpen (1874) 491;
ein bloszes wahngebild der eifersucht,
das mir sie vorgespiegelt
Platen 2, 223 R.;
sie haben geholfen, vorzuspiegeln meinem manne goldene berge Holtei erz. schr. (1861) 27, 44.
c)
gewöhnlich aber ist die ursprüngliche vorstellung verblaszt; auszerordentlich häufig mit dem dativ und einem akkus. des objekts: mir dazu sachen vorzuspiegeln, deren ungrund du nur allzuwohl wusztest Lessing 13, 391 M.; (fabeln,) die ihm bei zunehmender schwäche seines gedächtnisses seine einbildungskraft einmal vorgespiegelt hatte Göthe 23, 294 W.; oft bei ihm, z. b. 7, 64; 22, 230; 38, 81; 45, 286; spiegelt er der närrin solide absichten vor Schiller kab. u. liebe 1, 5; auch die luftverdichtungsactiencompagnie habe ich nur vorgespiegelt Immermann 2, 41 B.; ich glaube also, dasz Preuszen bessere gesinnungen nur vorspiegelt briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 321; verminderung der abgaben, die ihm (dem volke) von vielen seiten vorgespiegelt worden Bismarck polit. reden 1, 197 Kohl;
unmögliches hast du uns vorgespiegelt
Göthe 4, 300 W.;
vielleicht dasz dir ein böser traum
den aberwitzgen vorfall vorgespiegelt,
den du mir hier für wirklichkeit erzählst
H. v. Kleist 1, 236 E. Schm.;
sich selbst etwas vorspiegeln in selbsttäuschung: selten giebt die wirklichkeit das ganz und rein und lange, was die mahlerinn hoffnung sich vorspiegelte Herder 16, 385 S.; (gehirn,) das halbwahrheiten sich vorspiegelt Göthe 42, 2, 115 W.in folgender stelle aber von dem trugbild selbst ausgesagt, sich als akkus.: so spiegelt sich ihnen dabei leicht ein böses princip vor Göthe II 3, 164 W.
d)
der akkus. des grammatischen objekts durch einen zusatz näher bestimmt, der das logische objekt des vorspiegelns ist: (einige) suchen euch keuschheit und zucht als alfanz und aberglauben vorzuspiegeln M. Claudius Asmus (1775) 4, 132; weil man uns aber die Schweiz in allem so theuer vorspiegelte Göthe IV 29, 104 W.; so wird denn dem gewöhnlichen bewusztseyn die äuszere welt vorgespiegelt als ein unmittelbarer gegenstand des bewusztseyns Fichte (1845) 2, 590; (wieso eine partei) uns immer die Franzosen als feinde vorspiegeln möchte Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 5, 122;
was mir die angst als möglich vorgespiegelt
Müllner dram. w. (1828) 3, 236.
e)
das objekt durch einen nebensatz ausgedrückt: ich konnte mir einen augenblick vorspiegeln, als wäre es an mich geschrieben Göthe 19, 119 W.; vgl. 23, 107; 43, 183; 372; statt uns beständig vorzuspiegeln, dasz die einzelnen acte unsrer politik consequenzen des richtigen grundgedanken derselben seien Bismarck ged. u. erinn. 1, 124 volksausg.;
wohl dir, dasz du nicht träumst, dasz dir kein traum
vorspiegeln kann, wie Chriemhilt schwüre bricht
Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 2, 320.
zugleich mit akk. des objekts: den alten spiegelt er den glauben vor, man hielte sie noch für jung Gutzkow ritter v. geiste (1850) 6, 9.
f)
vgl. noch folgende wendungen, wo vorspiegeln im nebensatze nachfolgt: nach seinen wünschen, wie es ihm sein leichtes temperament vorgespiegelt hatte Göthe 24, 304 W.; dasz zwischen glück und unglück der unterschied viel kleiner ist, als unsere anticipation beider in uns vorzuspiegeln pflegt Schopenhauer 2, 183 Gr.
g)
sehr häufig ist auch das part. prät.: ihre vorgespiegelte tugend S. v. Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 1, 239; er wehrt sich gegen die von der einbildungskraft ihm vorgespiegelte vision Göthe 16, 361 W. ihr nie erweislich zu machender, mir vorgespiegelter adel Iffland theatr. w. (1827) 9, 122; dasz sie ihn zum besten habe mit vorgespiegelter erfüllung seines wunsches O. Ludwig (1891) 2, 235;
denn dieses vorgespiegelte verlöbnisz
mit einem bräutigam, den niemand kennt,
mag andere blenden
Schiller Piccolomini 3, 2.
zusammenschreibung: vorgespiegeltermaszen W. v. Humboldt 12, 2, 465 akad.-ausg.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1939), Bd. XII,II (1951), Sp. 1606, Z. 40.

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Zitationshilfe
„fürspiegeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrspiegeln>, abgerufen am 20.10.2021.

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