Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürspielen

fürspielen,
s. vorspielen. wetterauisch, oberhessisch u. s. w.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 830, Z. 78.

vorspiel, n.

vorspiel, n.,
vgl. fürspiel teil 4, 1, 1, sp. 830; mhd. vorspil mhd. wb. 2, 2, 504ᵃ; Lexer 3, 479; mnld. vorespel Verwijs-Verdam 9, 1093; preludium vorspiel Diefenbach gloss. 454ᶜ; prooemium ... ein vorspiel Bas. Faber thes. (1587) 653ᵃ; vor- sive versuchspiel, proludium, prolusio Stieler 2088; Kramer t.-ital. dict. 2 (1702) 1216ᶜ; praeambulum der eingang, das vorspiel Spannutius (1720) 377; Adelung; Campe; dän. forspil ist lehnwort; vorspiel ist dem lat. praeludium nachgebildet.
1)
einleitendes tonstück (vgl. nachspiel, zwischenspiel): praeludium ein vorläufflin vor dem rechten anfang eines liedes, ein vorspiel Calepinus dict. XI ling. (1598) 1138ᵇ; praeludium ... ein eingang oder vorspiel, praeambul auff dem instrument Corvinus fons latin. (1646) 497; das wort kann in der sprache der musiker in sehr verschiedener anwendung gebraucht werden, von gröszeren und kleineren, in sich abgeschlossenen oder mit dem folgenden verbundenen stücken: instrumentalsatz vor dem einsatz der singstimme oder des chors, einleitung vor dem hauptsatze einer symphonie oder sonate, geschlossener satz vor einer fuge; dem von der gemeinde zu singenden choral schickt der organist ein vorbereitendes spiel voraus, solche choralvorspiele hat J. S. Bach im figurierenden stil geschaffen; im gegensatz zur ouvertüre ist ein vorspiel einer oper oder eines 'musikdramas' meist kürzer, freier im stil und oft, wie im Tristan, den Meistersingern und den teilen des Nibelungenringes unmittelbar mit dem ersten akte verbunden u. s. w.: bey den in geistlichen stücken gebräuchlichen ... vor-, zwischen- und nachspielen Mattheson vollk. capellmeister (1739) 82; vorspiel einer abzusingenden arie Scheibe d. crit. musicus (1745) 323 anm.; das der orgel eigene tractament ist ihnen (den schlechten organisten) so unbekannt als die kunst, ein geschicktes vorspiel vor einem gesange zu machen Quantz anweisung d. flöte zu spielen (1789) 329; sie versuchte das instrument mit zwei oder drei vorspielen Göthe 24, 78 W.; kurzes vorspiel Beckmessers auf der laute R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 7, 219; zehn takte vorspiel Chrysander Händel (1858) 1, 32; das orchester ist (in einer messe) durch häufig angebrachte vor- und zwischenspiele in den vordergrund gestellt O. Jahn Mozart (1856) 1, 468.
2)
freier und übertragener gebrauch kann unmittelbar an diese musikalische bedeutung anknüpfen:
doch war mein dudelsack ein vorspiel nur vor dir,
und deinem hellern thon, wenn du schlägst dein klavier
Warnecke poet. versuch (1704) 407;
(die tonkunst) der empfindung sprache; sie,
ein bild der sphärenharmonie;
ein vorspiel zu den jubelchören
der hohen sänger in den sphären
J. A. Ebert episteln u. verm. ged. (1789) 88;
oft fliegts (das lautenband) um die saiten mit seufzendem
ist es der nachklang meiner liebespein? klang.
soll es das vorspiel neuer lieder sein?
W. Müller ged. 14 Hatfield.
auf die architektur übertragen: durch reichere ausgestaltung des vorspiels wird dem hauptsatz des bauganzen, der mittelschiffbewegung keine kraft entzogen Worringer formprobl. d. gotik (1918) 102.
3)
vorspiel auf der bühne: 'vorspiele sind eine art theatralischer vorstellungen, die bey gewissen feyerlichen tagen, zu groszer herren geburts- und namensfesten, bey beylagern, oder bey der geburth hoher prinzen, bey jubelfesten von akademien und schulen u. d. m. aufgeführet wurden' Gottsched wb. d. sch. wiss. (1760) 1628; 'ein kurzes stück, welches vor dem hauptstücke aufgeführt wird' Adelung; madam Neuberinn verfertigte selbst das auto da fe, in einem vorspiel, wovon sich vielleicht niemand als herr Gottsched die besten folgen versprach Löwen schr. (1785) 4, 28; das vorspiel was wir bringen Göthe IV 28, 95 W.; was sie von zueignung und vorspiel (des Faust) sagen, ist untadelig IV 34, 5; an einem heiszen augusttag hatte sie nur in einem kleinen vorspiel zu thun Holtei vierzig jahre (1843) 2, 283; das vorspiel: Wallensteins lager D. Fr. Strausz (1876) 6, 225; die einleitung zu einem situationsbilde auszuweiten und als besonderes vorspiel dem drama vorauszusenden Freytag (1886) 14, 103. — in gleichem sinne beim musikalischen drama: operette als vorspiel zu einer oper, für den durchlauchtigsten herzog Christian zu Sachsen-Weiszenfels Gottsched ged. (1751) 1, 312; die originell sein sollende neuerung, die eintheilung des ganzen in vorspiel, ouverture und oper (in Marschners Hans Heiling) Grabbe 4, 296 Bl.; ich beabsichtige meinen mythos in drei vollständigen dramen vorzuführen, denen ein groszes vorspiel (das Rheingold) vorauszugehen hat R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 4, 343.
4)
auch an diese bedeutung kann der übertragene gebrauch unmittelbar anknüpfen: der kalender behält seine vorige form und zeichnet sich vor allen andern durch vorspiel und nachspiel aus Göthe IV 11, 152 W.; wir andern sehn in diesem briefe leider nur ein vorspiel zu der tragödie A. v. Droste-Hülshoff br. (1893) 195; dann begann das welttheater, dazu die La Motte nur das freche vorspiel geleistet hatte W. Schäfer erz. schr. (1918) 2, 139. — freier: und was wird nun ... auf dieses vorspiel folgen? weiter nichts, als ein paar kleine bändchen lateinischer gedichte br. d. neueste litt. betr. 13 (1762) 62; dieser roman ... ist nur das vorspiel eines andern W. Alexis hosen d. herrn v. Bredow (1846) 1, xviii; vorspiel, überschrift eines gedichtes, das eine gruppe von gedichten einleitet O. Ludwig (1891) 1, 77. — eingang, einleitung: ich wil ... versuchen, wie sich alles ... zum vorspiel der rechten oration in einander schrencken lasset Chr. Weise polit. redner (1677) 52; auf dieses vorspiel (die einleitung meines briefes) paszt die nachricht vollkommen, die ich ihnen ... zu geben gedenke Göthe IV 13, 36 W.
5)
im entwickelten nhd. ist der übertragene gebrauch reich und in nicht zu erschöpfender weise entwickelt. immer besteht dabei die vorstellung, dasz das als vorspiel bezeichnete unbedeutender, von geringerem ausmasz, schwächerer wirkung u. ä. ist als der später folgende und dasz man auf dieses aus der art des vorspiels schon einen schlusz ziehen kann.
a)
so wird es auszerordentlich oft auf die begebenheiten des groszen, öffentlichen lebens angewandt, z. b. kriegerische: diese feindseligkeit war ein vorspiel des krieges Adelung; mein admiral ... hub das vorspiel an mit dem ersten schiffe des Türken Hölderlin ges. dicht. 2, 171 Litzmann; ihr zweykampf war das vorspiel einer schlacht Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 337; nach langen vorspielen und mancherlei vorspielungen (vgl. vorspielung) und gaukeleien brach endlich im sommer 1812 ... der krieg aus E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 329; so war fürst und heer auf den groszen kampf vorbereitet, dessen vorspiele nun schon an den grenzpostierungen begannen Ranke (1867) 29, 155; das vorspiel, die schlacht von Beaumont, durchlebten wir ... nur als zuschauer Hindenburg aus meinem leben (1920) 37.
schlug mit gesammter hand die schwedischen aus Fühnen,
so ihm fürs künfftige zum vorspiel solten dienen
der siege, die ihm gott in Pommern zugedacht
Besser schr. (1732) 1, 40;
sie solln zurück! solln locken unsern feind!
o schönes vorspiel dann der nahen feldschlacht
Fouqué alts. bildersaal (1818) 1, 182;
und durch die leeren lüfte schwang er den speer mit macht,
das war ein lustig vorspiel vor bitterernster schlacht
(et celer pugnam telis prolusit amaram Walth. 1192)
Scheffel (1907) 2, 180;
ebenso von einer vorübung zum kampf: es ist dieses lustige exercitium ... als ein praeludium belli oder ein vorspiel des krieges anzusehen v. Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 27.
b)
anderen groszen begebenheiten vorausgehend: auff das erfullet werde, was der satan durch den Munster zum vorspiel und vorlaufft anfieng Luther 23, 426 W.; diese tumulte waren indesz nur das vorspiel zu wichtigeren auftritten G. Forster (1849) 3, 196; vorspiel der französischen revolution K. L. v. Haller restaur. d. staatswiss. (1816) 1, 195; ich fürchte nun sehr, dasz die bisherigen verhaftungen nur ein vorspiel sind; es wird noch bunt hergehen G. Büchner nachgel. schr. (1850) 262; zum vorspiel der herannahenden schreckensherrschaft Mommsen röm. gesch. (1854) 2, 308; (generalsynode) gleichsam das kirchliche vorspiel des geplanten vereinigten landtags Treitschke dt. gesch. im 19. jh. 5, 356.
c)
und in entsprechendem sinne in allgemeiner, mannigfaltigster anwendung: nam pasce celebracio est parasceue, ist alleyne eyn vorspiel gewest Luther 34, 1, 282 W.; glauben sie nur nicht, das meine klagen etwan ein vorspiel sind, dasz ich aufs neue borgen will Gottsched dt. schaubühne (1741) 1, 112; sie (menschliche erfindungen) haben alle ihre vorspiele, ihren anfang und ihre vollkommenheit br. d. neueste litt. betr. 8, 327; bisher war alles in meinem leben nur vorspiel Göthe 20, 188 W.; vorspiele der liebesgötter 49, 1, 70; das vorspiel der unterredung Schiller 4, 334 G.; das vorspiel der Hegelei Schopenhauer br. 165 Gr.; der nächtliche spuk war nur ein vorspiel gewesen eines gröszeren schreckens G. Keller (1889) 4, 238;
die wehmuth ist gewisz ein vorspiel neuer schmertzen
A. Gryphius trauersp. 217 Palm;
drauf ging das scheiden an, ein vorspiel gröszrer noht
bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 320;
du schienest, da sich schon des alters vorspiel zeigt,
zu keiner änderung der lebensart geneigt
Gottsched ged. (1751) 1, 400;
nur ein vorspiel
der gröszern gunst, die wir ihm vorbehalten
Schiller 13, 33 G.;
als boten, die dem schicksal stets vorangehn,
und vorspiel der entscheidung, die sich naht
(and prologue to the omen coming on)
Shakespeare Hamlet 1, 1.
d)
beachtenswerte verbindungen: tantzen ist ... ain vorspiel der unkeuschhait A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) d 5ᵃ; wiewol die klappersucht ein vortrab der leichtfertigkeit, die leichtfertigkeit des meineids vorspil ... ist Heroldt von d. zung (1544) 123ᵇ; bey uns Teutschen die küsse der höfligkeit, der lieb, der unterthänigkeit nicht gebräuchlich, sondern für lockvögel und vorspiel der unkeuschen lieb gehalten werden Dannhawer katech.-milch (1657) 2, 247; die zukunft wurde das dunkle vorspiel der gegenwart Jean Paul (1826) 22, 46; (die alte fichte) stand gegen den roten osthimmel ab, das flammende vorspiel des tages Watzlik d. Alp (1923) 303;
in dem nest ein junger adler, der zum fluge vorspiel macht
S. v. Birken ostländ. lorbeerhäyn (1657) 416;
schon grünet ja im vorspiel rauherer zeit
für sie (die götter) erzogen das feld
Hölderlin dicht. 1, 272 Litzmann;
schlaf sinket auf den dulder nieder ...
vorspiel süszer todesruh
Lenau 559 Barthel.
in folgender stelle von dem wirklichen im gegensatz zum spiegelbilde:
und schöner, guck, und wahrer glänzt das spiegelbild
als drunten sein leibhaftig vorspiel roh und wild
Spitteler olymp. frühling (1922) 2, 112.
6)
in älterer sprache wirkt offenbar vorspel (vgl.foraspel, prophetia Isidor 23, 1) auf vorspiel, nd. vorspêl ein, sodasz es den sinn von vorzeichen annehmen kann; der übergang zu dieser bedeutung ist auch im entwickelten nhd. begreiflich, da meist aus dem vorspiel auf kommendes geschlossen werden kann; etwas weiter ab liegt die bedeutung von vorbild; vorspiel ist dann ein vorhergehendes beispiel (vgl. vorspielen 7 d): typus vorzeichen vel vorzeichunge vel vorspil Diefenbach gloss. 585ᵃ; exemplum, hoc ipsum est, quod in aliis vel imitamur, vel devitamus, ein vorspiel, beyspiel Bas. Faber thesaur. (1587) 294ᵇ; dasz isz eyn figure und eyn vorspel were Stolle thür. chron. 89 lit. ver.; aber es ist viel mehr den jüden und allen andern gottlosen zur warnung, vorspiel und vorbild geschehen M. Christophorus Irenäus spiegel d. hellen (1589) 138ᵃ; Caractaeus und seine brüder ... folgten dem vorspiel der Icenier A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 802; (untersuchung,) bey welcher der hrn. Engeländer vorspiel uns nicht wenig dienen kann Leibniz dt. schr. (1838) 2, 396; selbst in dem geklapper der mühlen ... giebt uns die natur bilder und vorspiele der scansion Gottsched dt. sprachk. (1748) 481; die auferweckung des Lazarus durch Christus sollte ... auch ein vorspiel seiner demnächst bevorstehenden eigenen auferstehung sein D. Fr. Strausz (1876) 4, 196;
alse iz ein zeichen sülde sin,
ein fürspil unde ein bilde,
daz si zwei beide mildecliche
sülden alden,
ir e mit truwen halden
Elisabeth 627;
laszt euch seinen (eines verunglückten) tod,
das vorspil unsrer sterblichkeit,
beständig vor den augen seyn
Stoppe Parnasz (1735) 100.
7)
mysterium geystlich vorspil Diefenbach gloss. 642ᶜ; misticum 364ᵃ; transsubstantio wyszlichkeit vel vorspil 593ᵇ. hier ist wohl vor allem an die bedeutsamkeit gedacht, so dasz ein zusammenhang mit der unter 6 behandelten bedeutung besteht, vgl. mysterium geistlich byspil vel unsers herren leichnam Diefenbach gloss. 364ᵃ; gehört hierher die folgende stelle?: do vindet man daz minnencliche fürspil, wie der sun dem vatter fürspilt, und wie sü bede in usblügender minne geistent den heiligen geist Tauler pred. 412 Vetter.
8)
beachtenswert ist folgende glosse: illusio vorspille, vorspeel vel vorspook, eyn forespil Diefenbach gloss. 286ᶜ, wobei spiel in verschlimmertem sinne genommen wird; vgl. vorspielen 7 e.
9)
die imker nennen das gesumme der bienen vor dem ersten ausflug und diesen selbst vorspiel schweiz. idiot. 10, 141; vorspiel, durch freudengesumme geben sie ihr wohlbefinden zu erkennen Brehm tierleben (1890) 9, 224; vgl. vorspielen 8.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1939), Bd. XII,II (1951), Sp. 1610, Z. 29.

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Zitationshilfe
„fürspielen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrspielen>, abgerufen am 24.10.2021.

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