Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürspringen

fürspringen,
s. vorspringen.
1)
vornhin springen.
2)
hervorspringen, herausspringen.
3)
vorwärts springen.
4)
fortspringen, weiter springen.
5)
zum vornsein springen, durch springen vornhin kommen: und thet etliche starcke und weite sprüng, also, dasz er dem arcade fürsprang. buch der liebe 194, 3.
6)
durch plötzliche geschwindigkeit zuvorkommen, durch rasche that zuvorkommen: wofern meine dringende angelegenheit mich von meiner schuldigkeit, sleunigste gegenantwort zu verfügen, nicht abgezogen, solte mein herr mit versprochener schriftwechselung mir nimmermehr fürgesprungen seyn. Butschky kanzlei 177.
7)
voranspringen.
8)
springend vorn sein, im tanze springend vorn sein, vortanzen. für- sive vorspringen, praesilire. Stieler 2105.
9)
vorherspringen, vorausspringen.
10)
vorbeispringen, vorüberspringen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 840, Z. 44.

vorspringen, verb.

vorspringen, verb.,
vgl. fürspringen (nur dürftig belegt) teil 4, 1, 1, sp. 840; mhd. vür-, vorspringen mhd. wb. 2, 2, 541ᵃ; Lexer 3, 460; 611; presitire vorspringen Diefenbach gloss. 457ᵃ; prosilire 467ᵇ; praesilio vorspringen, voranhinspringen Frisius dict. (1556) 1045ᵇ, darnach bei Maaler 476ᵈ; Hulsius-Ravellus (1616) 390ᵃ; für- sive vorspringen Stieler 2105; ebenso Steinbach 2, 648; vorspringen Adelung; Campe; mnld. vorespringen Verwijs-Verdam 9, 1103.
1)
nach vorn, vorwärts, aus etwas heraus, hinter etwas hervorspringen u. ä.: durch eine art dauerlauf mit vor- und rückspringen Böhme gesch. d. tanzes (1886) 158; der flügelmann exerciert vorspringend, damit der soldat im gliede und der steife rekrut exerciren lerne Herder 17, 249 S.; flugs springt unser Hans vor, zuckt sein waidmesser Kotzebue s. dram. w. (1828) 18, 271; als der landrath vorsprang und rief: wer raisonnirt hier? ruhe! Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 6, 23; als ich ... ihnen entgegen auf die nächste schrofenecke vorsprang H. v. Barth Kalkalpen (1874) 273; hätte nicht Holm, rasch vorspringend, mit seinem eigenen körper den jungen helden gedeckt Moltke schr. u. denkw. (1892) 1, 67;
nun sprang mit lanz und schild Äneas vor
(Αἰνείας δ' ἀπόρουσε σὺν ἀσπίδι δουρί τε μακρῷ Il. 5, 297)
Bürger 162ᵃ Bohtz.
item, durch Vulcanum mit einer axt des Jovis haupt zertheilende, da die Minerva vorgesprungen, bedeutet, dasz durch mühe die weiszheit erlanget werde Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 106; dieser sprung hinter einer ... feuermauer vor d. Leipz. avanturieur (1756) 1, 81; (wo er) hinter der klippe geborgen lauert und plötzlich vorspringend ... ein schreckliches halt ihnen entgegendonnert H. v. Barth Kalkalpen (1874) 111;
wenn hinter dem haselgebüsch an dem fuszsteig
plötzlich das freundliche weib vorspringt mit den jauchzenden
kindern
Voss ged. (1802) 1, 167;
wenn ein tiger schlau im dickicht lauscht,
vorspringt und ein menschenbild zerreiszt
Lenau 587 Barthel.
2)
von unpersönlichem, das sich bewegt: 'die beim worfeln des getreides vorspringenden körner; der vorspringende quell' Campe; der zeiger springt am ende jeder sekunde um eine abtheilung vor F. Th. v. Schubert verm. schr. (1823) 4, 289; (schlosz,) dessen riegel nicht mehr vorspringen konnte Stifter (1904) 5, 1, 337; erst springt die feuerwalze vor Beumelburg sperrfeuer um Deutschland (1929) 314;
der kern springt vor, die spreu bleibt hinten
Herder 25, 117 S.
scheinbare bewegung: Kussewiz (ein dorf) sprang vor (kam plötzlich in sicht) Jean Paul 7/10, 131 H.
3)
einem andern springend vorauskommen: vorspringen, eim andern mit springen vorthun Maaler 476ᵈ;
der zerblûwen Antanor
spranc dem künige allez vor
Parz. 307, 22;
lêhparten spranc er unde lief
drât unde snelleclîche vor
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 6196.
4)
in freiem und übertragenem gebrauch, voreilen, zuvorkommen, dann: übertreffen; ebenso von unpersönlichem; 'auch zuweilen figürlich, wo man jemandem vorspringet, wenn man schnell über ihn befördert wird' Adelung: sollte mein herr mit versprochener schriftwechslung mir nimmermehr vorgesprungen seyn Harsdörffer t. secretar. (1656) 1, Dd 7ᵇ; da es denn freilich dieser beabsichtigten wirkung (des vorlesers) sehr zuwider ist, wenn ihm ein dritter wissentlich mit den augen vorspringt Göthe 20, 45 W.; fertigkeit (des schauspielers), die zuweilen gar — dem affekte vorspringt Schiller 2, 346 G.; weil der wille es nicht abwartete, sondern lange vor seiner zeit vorsprang Schopenhauer 2, 246 Gr.;
aber wir wöllen nit vorspringen
Fischart dicht. 3, 373 Kurz.
wie denn diese nation allen andren mit der schiffarbeit gar weit vorspringt Er. Francisci d. alleredelste unglück (1670) 47; in dieser überzeugung ist der deutsche geist den anderen nationen weit vorgesprungen Immermann 18, 149 B.;
dem helde, der sich hoch kan über tugend schwingen,
mit hoher geistes kraft der menschlichkeit vorspringen
Schottel t. haubtspr. (1663) 938.
5)
vor- im gegensatze zu nachspringen: einem vorspringen, 'in dessen gegenwart springen, sowohl, damit er es sehe, als auch, damit er nachspringen lerne' Adelung; er bemerkt, dasz das perfekt in diesem falle mit haben gebildet wird. jemandem etwas, einen weitsprung vorspringen. — wo ein schaf vorspringt, springen die anderen nach Düringsfeld sprichw. (1875) 1, 199ᵃ.
6)
in älterer sprache von den führern des reigens: als nun der tantz auf dem behegligsten war, so wurden dissem Ruprecht der voran sprang, seine augen geöffnet, und sag, wie im viel bose geister vorsprangen Grunau preusz. chron. 1, 144;
Randolt, Gunthart, Sîbant, Vrêne,
die sprungen dâ den reien vor, ie einer, darnâch zwêne
Neidhart 31, 36 H.-W.;
und pit euch, das ir selber vorspringet,
wann ich euch oft hab tanzen sehen
fastn.-sp. 2, 716 K.;
sie tantzten alle beid daher,
als obs zu einer hochzeit wer;
der wolff sprang für, die gansz folgt nach
B. Waldis Esopus 2, 225 Kurz.
7)
von der stellung des hervorragens aus einem zurückliegenden ganzen, als wenn sie durch vorwärtsbewegung des teils entstanden wäre, vgl. den gleichen bedeutungsübergang bei hervortreten. grade in diesem übertragenen sinne wird vorspringen in der sprache der gegenwart wohl am meisten gebraucht neben der unter 1 behandelten anwendung.
a)
von allem durch tätigkeit hergestellten, bauten, bauteilen, anlagen aller art, geräten u. s. w.: hausdach, welches über die treppe vorspringt Freytag (1886) 3, 180; die vorspringenden dächer G. Keller (1889) 8, 6; die wohnung des pascha mit weit vorspringendem dach Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 117. — einen groszen saal, der in den garten vorsprang F. H. Jacobi (1812) 5, 144; in den vorspringenden teilen des gebäudes Immermann 5, 49 B.; (hauswand) mit vorspringenden fenstersimsen Stifter (1904) 6, 319; (haus mit) vorspringenden flügeln Fontane I 4, 3; giebelhäuser mit den weit vorspringenden beischlägen (in Danzig) Treitschke hist. u. polit. aufsätze 2, 45;
kein vorspringendes gebälk,
wo dieser vogel (die schwalbe) nicht sein hangend bette
zur wiege für die jungen angebaut
Schiller 13, 31 G.
im bilde: wenn sich der satiriker an dem groszen gebäude der thorheit diese kleinen vorspringenden ecken sucht Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 4, 83. — auf einen auf jeder seite etwas vorspringenden untersatz Göthe IV 26, 118 W.; kachelofen, der weit vorsprang Hauff (1890) 1, 117. — teil eines kleidungsstückes: ein strohhut mit weit vorspringendem schirm M. v. Ebner-Eschenbach (1893) 2, 249.
b)
teile von befestigungen, befestigten stellungen, gräben u. s. w.: vorspringender winkel, 'der winkel eines werks, dessen spitze hervorragt, dessen schenkel aber in die festung hineingezogen sind' Jacobsson technol. wb. 4, 559ᵇ; am ende ..., auf einer vorspringenden bastei, stand eine bank Storm (1899) 1, 28. — gegen den weit vorspringenden bogen der feindlichen front Beumelburg sperrfeuer um Deutschland (1929) 80.
c)
von gebilden in der natur: wo die geest weit vorspringt Allmers marschenb. 79; ein im letzten morgentraume flüsterndes roggenfeld, dahinter der vorspringende wald Winnig d. weite weg (1932) 393. — bei einer andern vorspringenden landspitze vorüber G. Forster (1843) 2, 409; wird es (das wasser der Mosel) doch durch vorspringende winkel bald rechts bald links gedrängt Göthe 33, 172 W.; auf dem vorspringenden uferrande Storm (1899) 1, 33; am vorspringendsten punkte der westküste Ratzel völkerkde (1885) 2, 4. — von der stadt Koptos, bei der der Nil am weitesten östlich vorspringt Mommsen röm. gesch. 5 (1894) 598. — der schloszberg verläuft sich in einen vorspringenden winkel herunter Göthe 20, 71 W.; es zeigten sich wieder seltsam vorspringende gestalten (im gebirgszuge) 24, 42; (gebirge, das) bis dicht zum meeresgestade vorspringt Ritter erdkde (1822) 4, 907; von dem vorspringenden berge sahen sie ... in ein weites gesegnetes thal Eichendorff (1864) 3, 242; vorspringende, zerfressene felszähne H. v. Barth Kalkalpen (1874) 326; ein hügel keck vorspringend W. v. Polenz Grabenhäger (1897) 2, 139;
und wie ich eines felsenrifs gewahre,
das abgeplattet vorsprang in den see
Schiller Wilh. Tell 4, 1.
d)
von körperteilen bei mensch und tier; vorspringende nase, sehr häufig: die oben vorspringende nase Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 119; mein auge blitzt, die nase springt vor Göthe 45, 9 W.; aus dessen ledergelbem, verrunzeltem gesichte eine grosse habichtsnase vorsprang Anzengruber (1890) 1, 238; mit scharf vorspringender, dünner hakennase W. Weigand d. rote flut (1935) 10. — ein ungeheuer vorspringendes profil Göthe III 1, 256 W. — stark vorspringende stirnknochen Rosegger I 3, 10; (mit) vorspringenden augäpfeln Ritter erdkde (1822) 2, 351; die etwas vorspringende oberlippe W. Weigand d. Löffelstelze (1919) 279; kinn, das breit und hart vorsprang Zillich zwischen grenzen u. zeiten (1936) 40; dasz die fettpolster des gesäszes oben treppenartig vorspringen Peschel völkerkde (1874) 488;
sein (eines untieres) schnabel schien drei ellen vorzuspringen
Gries Ariosts ras. Roland (1804) 3, 362.
e)
vorspringend, prominens, 'was an einem pflanzentheile über die oberfläche hervortritt' Behlen forst- u. jagdkde (1840) 6, 172; frucht durch vorspringen der oberen und unteren naht ... der länge nach zweifächerig Schlechtendal flora v. Deutschland (1880) 23, 6.
f)
in freierer anwendung: durch entgegenkommende, gleichsam vorspringende merkmahle Herder 21, 84 S.; überhören wir dinge, die uns sogar oft vorsprangen Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 315; offenherzigkeit, die der vorspringendste zug in meinem karakter ist Schubart leben u. gesinn. (1791) 1, viii; obgleich in keiner zeichnung die vorspringende gegenwart der architektur erreicht wird Göthe III 1, 269; besonders springt (aus den gesichtszügen) verschmitztheit vor E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 216; dieser vorspringende unterschied J. Grimm kl. schr. 2, 45; (sammelgeist,) den wir gegen das ende des 13. jahrh. immer mehr vorspringen sehen werden Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 1, 458; die vorspringenden farben sind rot, orange und gelb Schmarsow grundbegr. d. kunstw. (1905) 120.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1939), Bd. XII,II (1951), Sp. 1629, Z. 40.

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Zitationshilfe
„fürspringen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrspringen>, abgerufen am 02.08.2021.

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