Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürstellig, adj.

fürstellig, adj.,
s. vorstellig. davon ein gleichlautendes und gleichbedeutendes adv., das oft von dem adj. nicht zu scheiden ist, so dasz ungewis bleibt, welches von beiden gesetzt wurde. dies in fürstellig machen = vor jemand hin zur stelle bringen, z. b. einen zeugen. vgl.fürstellen 7). dasz Moyses seine zeugen fürstellig machen wil. Ayrer proc. 1, 8; nachdem ihr von Moyse fürstellig gemacht worden seyd. ebenda; weil unmöglich ist, dasz er in solcher kurtzen zeit seine zeugen hieher fürstellig machen könne. 2, 7. aber fürstellig machen bedeutet auch so viel als erörternd zur kenntnis bringen, um dadurch auf den willen zu wirken. Kirsch (1723) 2, 126ᵃ und nach ihm Matthiä, der jedoch fürstellig machen überhaupt wie fürstellen hat. vorstellig dagegen erwähnen beide gar nicht.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 858, Z. 5.

vorstellig, adj.

vorstellig, adj.,
vgl. fürstellig teil 4, 1, 1, sp. 858; für-, vorstellig, repraesentaneus Steinbach 2, 663; vorstellig Frisch 2, 331ᵇ; Adelung; Campe. das adj. scheint nur in den verbindungen vorstellig machen und vorstellig werden vorzukommen; letztere wird von Steinbach, Frisch, Adelung und Campe noch nicht erwähnt, die unten 2 a aus Schottel angeführte stelle zeigt vorstellig werden in einem ganz anderen sinne als dem heute üblichen; ein fürstellig werden ist oben a. a. o. nicht belegt; vorstellig machen, früher auszerordentlich häufig, ist nunmehr ungebräuchlich geworden.
1)
in vorstellig machen ist vorstellig passivisch; Adelung nimmt jemandem etwas vorstellig machen in dem eingeschränkten sinne von jemandem etwas vorstellen (16 a β), 'um dadurch auf seinen willen zu wirken, eine thätige erkenntnisz der beschaffenheit und folgen einer sache bey ihm zu erwecken suchen; wo es ein wenig nachdrücklicher ist als vorstellen'. die verbindung wird aber zu seiner zeit in viel weiterem sinne gebraucht. vorstellig machen, 'ist eben nicht gut, besser vorstellen' Braun dt. orthogr.-gramm. wb. (1793) 293ᵇ.
a)
im sinne von jemand anderen zur stelle bringen (zeugen fürstellig machen) ist die wendung oben teil 4, 1, 1, sp. 858 belegt: wo man ihme mann vor mann oder auch gleich derselben etliche vorstellig machen (gegenüberstellen) würde Rinckhart christl. ritter 5 ndr.; alsbald erbote sich d. Faustus, ob besagte helden morgenden tags ... vorstellig zu machen Widmann Fausts leben 291 K.den äuszeren sinnen zur betrachtung darstellen in allgemeiner anwendung: diese bilder ... machen nach dem leben vorstellig alle römische keyser S. v. Birken ostländ. lorbeerhäyn (1657) 108; den mond durch gute ferngläser abzuzeichnen und in kupfer vorstellig zu machen d. neueste aus d. anm. gelehrsamk. (1751) 1, 43; (zeichnen) mit röthel oder bleyweisz oder andern trocknen pastellfarben etwas vorstellig machen Gottsched beob. (1758) 183; die reihe verschiedner wellenlinien, welche er (Hogarth) oben auf der ersten kupfertafel vorstellig macht Lessing 7, 81 Petersen. — sich vorstellig machen: das unförmliche viereck, das sich auf der rückseite (einer münze) vorstellig machte d. neueste aus d. anm. gelehrsamk. (1751) 7, 797. — dem gehör dargeboten: ein so grausames getöse ..., dasz es schiene, als ob sie das getümmel des sturmes wieder vorstellig machen wolten Ziegler d. asiat. Banise (1689) 655.
b)
wie vorstellen mit bezug auf die bühne: es wurde daselbst eine opera producirt, in welcher man einen verliebten prinz vorstellig machte Stoppe Parnasz (1735) 489; die leidenschaft ..., die uns ... die theatralische person wird vorstellig machen Scheibe d. crit. musicus (1745) 85.
c)
dann in allgemeiner anwendung, der inneren schau, betrachtung, überlegung darbieten, darstellen, erklären, deutlich machen: jemanden etwas vorstellig machen, exposer, expliquer Schwan nouv. dict. (1783) 2, 978ᵃ; und kan dem menschen nichts zu sinne kommen, dasz ein sprachkündiger nicht mit genugsamen worten sattsam vorstellig machen wird Harsdörffer poet. trichter 3 (1653) 35; wie bereits vorstellig gemacht worden (dargelegt worden ist) Neumark neuspr. t. palmb. (1668) 178; wir haben hier die sache an ihr selbst nude vorstellig machen ... wollen Hohberg georg. curios. 3, 1 (1715) 246ᵇ; in diesen beiden abtheilungen haben wir zusammen 30 vollkommene accordgriffe vorstellig gemacht Mattheson kleine generalbaszschule (1735) 148; dasz an der selbsteignen person des dichters nur in sofern etwas liegen kann, als sie die gattung vorstellig macht Schiller 6, 336 G.in der philosophischen sprache abstrakter: dagegen der naturbegriff seinen gegenstand zwar in der anschauung, aber nicht als ding an sich vorstellig machen kann Schopenhauer 1, 637 Gr.; leicht ist es, dieses gesetz ... vorstellig zu machen Vischer ästhetik (1846) 1, 51.
d)
mehr in dem von Adelung (s. oben) angegebenen sinne, die absicht, auf den willen, den entschlusz, die entscheidung, haltung eines andern durch die darstellung einzuwirken, tritt hervor: dasz man in solchen wichtigen processen zu eben der zeit, wo man bey des richters frau in der küche seine notdurft vorstellig macht, auch in des richters stube durch baares geld der sache den ausschlag giebt Rabener (1777) 3, 90; wo er den pommerschen herrn vorstellig machte, dazs sie von den Dänen sehr wenig, alles aber von den Sachsen zu fürchten hätten Dahlmann gesch. v. Dännemark (1840) 1, 290; es handelt sich um die geeignete form, unter welcher sie ihre wünsche vorstellig machen Hebbel br. 2, 163 W.
e)
in besonderer anwendung, in der äuszeren erscheinung nachbilden: gallertartige haut ..., die eine art von gedärme oder sack vorstellig machet Titius betracht. über d. natur (1783) 2, 2.
f)
sich etwas vorstellig machen, speciem rei animo repraesentare Steinbach 2, 663: so bald man sich nur die eigentliche abbildung des becken und die lage der mutter in dem selben recht vorstellig macht Deventer neues hebammenlicht (1704) 34; sich die sache vorstellig und begreiflich zu machen Lichtenberg br. (1901) 1, 386.
2)
vorstellig werden.
a)
vorstellig in passivem sinne wie bei vorstellig machen: es sind auch die definitiones in diesem buche ... mit teutschen worten vorgestellet, damit alles in teutscher sprache dest vernehmlicher, auch zugleich vorstellig werde, dasz ein solches im teutschen gar nicht unthunlich sei Schottel ethica (1669) vorr. a 6ᵃ.
b)
vorstellig werden, mit vorstellig in aktivem sinne ist, wie oben bemerkt, erst in der neuzeit üblich geworden. es wird immer in eingeschränktem sinne von vorstellen (s. dieses unter 16 a β ff.) gebraucht, um durch die darlegung einer sache etwas zu erlangen, die haltung eines andern zu bestimmen, auch etwa um sich zu beklagen, beschwerde zu führen u. ä.: um täglich vorstellig zu werden wegen der geraubten latifundien Johst so gehen sie hin (1930) 37; bei jemandem vorstellig werden.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1939), Bd. XII,II (1951), Sp. 1686, Z. 30.

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Zitationshilfe
„fürstellig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrstellig>, abgerufen am 04.12.2020.

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