Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

fürstin, f.

fürstin, f.,
ahd. noch nicht vorhanden, mhd. vürstinne, fürstinne, gekürzt fürstin (Heinrichs Tristan 4250), fürstîn. Ben. 3, 379ᵃ. noch hier und da im 16. und 17. jh. hochdeutsch und selbst heute z. b. hannöverisch fürstinne (s. d.). abgeleitet von mhd. vürste, fürste, nhd. fürst (s. oben sp. 841), nach dessen bedeutungen auch hier zu ordnen ist.
1)
die erste oder höchste eines staates oder volkes, die herscherin über einen staat oder ein volk, oder die gemahlin eines herschers über einen staat oder ein volk. allgemein und ohne unterscheidung ob sie kaiserin, königin, groszherzogin, herzogin, landgräfin u. s. w. ist. s.fürst 2).
hertzog Heinrich der löw genandt
ein streitbar fürst, ...
als er von dem gemahlet sein
vor seim abschied (zu einem kreuzzug) sein urlaub numb,
und befalch jr das fürstenthumb
ein guldin ring von einander schnit
und die fürstin verehret mit
dem halben.
H. Sachs IV. 2, 57ᶜ;
wir sahn die fürstin (die kaiserin Katharina II.) grosz im frieden,
sahn von ihr manche götterthat.
Willamov, im alm. d. d. mus. 1770 s. 236 (240);
die gunst des königlichen angesichts
hat sie verwirkt, die mordanstifterin,
die nach dem blut der königin gedürstet.
wers treu mit seiner fürstin meint, der kann
den falsch verrätherischen rath nicht geben.
Schiller 419ᵇ (M. Stuart 2, 4),
gütge fürstin (die königin Elisabeth ist gemeint)!
so schamlos frech verspottete man dich!
482ᵇ (4, 3).
Semiramis war eine grosze fürstin. sie sitzt da wie eine fürstin, in hoher haltung, achtung gebietend. in anwendung und bildlich: wie ligt die stad (Jerusalem) so wüste: die vol volcks war? sie ist wie ein widwe: die eine fürstin unter den heiden und eine königin in den lendern war, mus nu dienen. klagel. Jer. 1, 1. als bezeichnung der herscherin im gegensatze zur niedrigsten: o mir ists gewisz nichts kleines, vom bettler an bis zur fürstin eine schöne menschliche seele zu finden. Caroline Flachsland in Herders nachlasz 3, 181.
2)
die besitzerin unumschränkter macht, die höchste gebieterin, die höchste herrin, die beherscherin. das worüber sie die macht hat, wird durch einen beigesetzten genitiv bezeichnet:
du, Delia, allein,
wirst nicht beweget durch mein leyden,
du kron und zier der schäferinnen,
du strenge fürstin meiner sinnen.
Opitz sylviana.
danach o fürstinn meiner sinnen,
nach der mein hertze steht,
du lenckest mein beginnen,
wie schiffe der magnet.
Tscherning an eine jungfrau, in der gedichte frühling s. 55.
auch spottend z. b. in: sie (die ehefrau) ist seins lebens labung, bettgenosz, lebensgespan, sein kuchenkeyserin (küchenkaiserin), sein besembsfürstin, sein kunckelgräfin, spindelsceptrige, windelkönigin. Fischart Garg. (1608) H 8ᵃ, = die den besen regiert, beherscherin des besens. doch wird hier fürstin in vergleichung zu kaiserin, königin, gräfin der andern ausdrücke wol im engsten sinne, dem nachher unter 5) angegebenen zu nehmen sein, was in der sache nichts ändert.
3)
eine kaisertochter, eine königstochter, überhaupt eine rechtmäszige fürstentochter in ihrer hohen stellung. so heiszt in Ruszland jede kaiserliche prinzessin groszfürstin. sie ist eine geborne fürstin, kaiserliche, königliche, groszherzogliche, erzherzogliche oder herzogliche prinzessin.
4)
eine die alle andere übertrift, die sich über alle andere hervorhebt, die angesehenste, die bedeutendste, die vorzüglichste. so läszt sich Sappho als die fürstin unter den dichterinnen bezeichnen.
unsere akademie ist, rufen sie, fürstin Europas,
ich, denkt jeder, bin fürst unserer akademie.
Voss lyr. ged. 4, 298.
Athen ehedem die fürstin der städte Griechenlands.
5)
die die nächste würde unter der herzogin einnehmende, die in der nächsten würde unter der herzogin stehende, gleichviel ob sie herscherin, regierende herrin ist oder nicht. eben so die gemahlin des die nächste würde unter dem herzoge einnehmenden, des in der nächsten würde unter dem herzoge stehenden. s.fürst 9). mit den hohen künigin, durchleuchting, fürstinen, gräfin und freyen vergleichen. Nasus Nasenesel 44ᵇ; donna Isabella, fürstin von Messina. Schiller 489ᵃ;
wenn ich als fürstin sie und herrscherin
durch dieses hauses pforten führen werde.
493ᵃ.
die fürstin von Reusz-Greiz. die verstorbene fürstin Emma von Waldeck.
6)
eine höchste göttin. so wenn Juno spricht:
bin ich nicht fürstin der götter? ...
nicht die gattin des herrschenden Zeus?
ächzen nicht die achsen des himmels
meinem gebot? umrauscht nicht mein haupt
die olympische krone?
Schiller 13ᵃ (Sem. 1).
Zwei eigenthümlich abweichende pluralformen von fürstin finden sich bei Joannes Nasus in seinem Nasenesel neben fürstinen 44ᵇ und fürstin ebenda und 59ᵇ: darnach darffst du auch unverholen liegen (lügen), wie ich die pfaffenhuͦrn uber die lutherischen fürstinin zuͦ setzen pflege. 59ᵃ; sie sein nun weiber oder männer, künegin oder fürstenin. 48ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 888, Z. 23.

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Zitationshilfe
„fürstin“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrstin>, abgerufen am 07.05.2021.

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