Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

fürstoszen

fürstoszen,
s. vorstoszen.
I.
intransitiv, in den bedeutungen:
1)
sich vorn hinaus erstrecken, vorragen, über den rand hinaus ragen. für- et vorstoszen, prominere. Steinbach 2, 729.
2)
im laufe der begebenheiten zukommen, vorfallen, sich darbieten. für- et vorstoszen, obvenire. Steinbach a. a. o. demnach unser allergnädigster kaiser ... begehret, dasz die fürsten und stände zu höchst nothwendiger und fürstoszender äuszerster angelegenheit der festungen eine hilfe dargeben. verhandlungen der schles. fürsten u. stände v. j. 1618 s. 3. mit dat. der person: seind im wider neuwe reisen und reichshendel fürgestossen, das (dasz) er nit ruͦw haben können. Melanchthon oration von hertzog Friderichen, deutsch von Lauterbeck (Frankf. a. M. 1563) 28. es stöszt mir itzt eine gute gelegenheit für, nunc mihi occasio opportuna offertur. Steinbach a. a. o.
II.
transitiv, mit beigesetztem acc., in den bedeutungen:
1)
vornhin stoszen zum sperren oder zum verschlusse. ahd. furistôʒan. Graff 6, 734. mhd. läszt sich ein vürstôʒen in diesem sinne nicht beibringen, aber auf bildung eines solchen schlieszen nach dem gebrauche von stôszen in der fügung mit der praep. vür in
stôʒ dën rigel für die tür.
Walther 87, 11. 14.
nhd.obdere, etwas fürstossen oder für etwas thuͦn.“ Frisius (1556) 889ᵇ; „obdere pessulum ostio, den rigel fürstossen, versperren, verriglen.“ ebenda. nach beiden stellen bei Maaler 150ᵈ. obex, ein fürschub oder fürwurff, sperling, allerley das man etwar für thuͦt oder fürstoszt den durchgang zeverschliessen oder zeversperren, als rigel, sparren, gatter, thürle, schlosz, schrancken. Frisius 891ᵃ. fürstossen, obdere, objicere. Dentzler 2, 119. fürstossen den riegel, pessulum ostio obdere. Kirsch (1723) 2, 126 und danach Matthiä (1761) 2, 161ᵇ. in späteren wörterbüchern fehlt das wort, das sich fortan nur noch mundartlich erhält.
2)
vorn ansetzen, zum hervorstehen ansetzen, durch annähen zum hervorstehen ansetzen. für- sive vorstoszen, praesuere, et assuere. Stieler 2180, der aber in dem beigefügten beispiele vorstoszen hat, ein zeichen, dasz dieses hier bereits vorwiegt. in dem 18. jh. wird dann fürstoszen auch in dieser bedeutung blosz mundartlich, wie es heute noch fortlebt. übrigens kann das wort auch ohne acc. gesetzt werden, der dann hinzuzudenken ist.
3)
vornhin zum voraussein stoszen, rasch vor sich vornhinaus bewegen. obtrudere, fürstossen, vor jm anhin stossen. Frisius 901ᵇ, ebenso 1084ᵃ beiprotrudere; propellere, vor jm hinwäg treyben, fürstossen, dannen stossen. 1077ᵃ. nach diesen drei stellen dann bei Maaler a. a. o. fürstossen, vor jm anhin stossen.
4)
vornhin stoszen zum sich vorausbewegen, vornhin stoszen zum vorausgehn, dann so viel als vornhin schieben zum vorausgehn, zum vorausgehn nöthigen. ein mhd. vürstôʒen läszt sich wol hier vermuthen, zumal da stôʒen mit dem praepositionaladverb vür gefügt wird: mhd.
dën zwein ir tugent daʒ geriet,
daʒ si dën jungen (den jungen ritter) stieʒen für.
Lanz. 801.
auch nhd. weisz ich keinen beleg beizubringen, doch ist das wort in diesem sinne immerhin möglich.
5)
rach vorwärts vor sich hinaus bewegen, rasch vorwärts entgegenbewegen. mhd. dën schilt vür stôʒen, auch bildlich so viel als entgegnen, sich vertheidigend entgegnen:
dër irrære lange
manegen schilt für stieʒ.
Servatius 1003.
nhd. den schildt er mit der handt für stiesz.
Spreng Il. (1610) 302ᵃ.
6)
rasch hin bewegen, weit hinaus bewegen. bildlich: über anderes setzen, erheben. auch hier darf ein mhd. vürstôʒen vermuthet werden, wenn man stôʒen in seiner fügung mit vür in der bedeutung betrachtet: mhd.
sîn dienest wær gein in sô grôʒ,
daʒ vor andern sînn genôʒen
was gezilt und gestôʒen
sîn hôher prîs sô vërre für.
Willeh. 378, 22.
hier nhd. wiederum keine belegstelle, aber möglich in dem sinne.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 893, Z. 33.

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Zitationshilfe
„fürstoszen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrstoszen>, abgerufen am 28.11.2020.

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