Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

fürstrecken

fürstrecken,
s. vorstrecken. im praet. strackte für und streckete oder streckte für, im part. praet. fürgestrackt und fürgestrecket oder fürgestreckt. jenes fürgestrackt hat noch Steinbach 2, 732, aber später, etwa seit dem vierten jahrzehent des 18. jh., erlischt diese veraltete rückumlautende form, wie auch das praet. strackte von strecken (s. d.). das wort steht
I.
transitiv, mit beigesetztem acc., in den bedeutungen
1)
vorwärts ausstrecken. ahd. furistrecchan, vorwärts auf den boden stellen, vom fusze gesagt, als glosse zu Virgils Aen. 10, 587. mhd. vürstrecken in der angegebenen bedeutung ist ohne beleg, eben so nhd. fürstrecken, doch kann z. b. die hände, die füsze fürstrecken u. s. w. leicht vorkommen.
2)
vornhin strecken, vor etwas ausspannen, vor etwas hinspannen. obtendere, fürstrecken, bedecken, fürwenden, fürspannen. Frisius (1556) 899ᵇ; obtentus, fürgespannen, fürgestreckt, oder fürgewendt. 900ᵃ; praetendere, fürsetzen, fürstrecken, fürspannen. 1048ᵇ. dieses fürstrecken hat auch noch der Züricher Dentzler 2, 119ᵇ.
3)
hervorstrecken, herausstrecken.
4)
zur förderung darreichen, zur förderung geben, zur förderung zu theil werden lassen. suggerere, zuͦsteüren, darreichen, fürstrecken, handreichung thuͦn. Frisius 1264ᵇ; suppeditare, zuͦsteüren, zuͦstellen, fürstrecken, eim beholffen seyn. 1274ᵃ und danach Maaler 150ᵈ. gewöhnlich zugleich mit dat. der person: dasz der Türcken furnehmen dermassen gestalt, dasz die nothdurfft erfordern würde, obgemeldte hülff der kron zu Hungarn fürzustrecken und zuleisten. reichsabschied von 1529 §. 17. Gehört unter diese bedeutung fürstrecken in folgender stelle:
bald ich erdapp ein gute gspieln,
so thu ich jr denn heimlich zieln,
zun kupplerin und teyberecken,
daselb thu ich mein gelt fürstrecken,
da hab wir frewd und guten mut.
H. Sachs I (1590), 226ᵃ.
wirklich scheint der dichter mehr die hier angegebene bedeutung, als die folgende im auge zu haben.
5)
leihweise dargeben, zur aushilfe darleihen, eigentlich so viel als vor die hand geben. fürstrecken geld und gut. aus einer Münchner handschrift des 15. jahrhunderts bei Schmeller 3, 681. und gedacht das pallium den Fockern (Fuggern) zu bezalen (denn die hatten das gelt fürgestreckt) mit des gemeinen mans beutel. Luther 7, 423ᵃ. zumeist zugleich mit dat. der person: ich bedürfft wol, das (dasz) du mir zehen oder zwenzig gülden fürstreckest. dessen vier predigten (Wittembberg 1546) Jjᵇ, s. Ph. Dietz 759ᵇ; nam ouch geld uff und zalt, fand ümerdar lüt, die mier fürstrackten. Thomas Plater 100; hat mir korn, geld u. s. w. fürgestreckt, dz (dasz) ich mein weib und kinder erneret hab. Alberus widder Jörg Witzeln E 4ᵇ; es heysset auch die natur das ameyszlein nicht, das sie das jrige, das sie mit gott unnd sawer arbeit erarnet unnd offt an jrem maul ersparet, dem müssigen unzyfer solle fürstrecken. Mathesius Sarepta (1562) 36ᵇ; ob sie (die ameise) der faulen tröpffin nicht all jr vermögen fürstrecken wil. was wahr auff borg unnd deste thewrer fürstreckt unnd nöttiget den leuten jr bier ein, ob solchen jr narung umbschlegt, dürffen sie es niemandts klagen. 37ᵃ; wenn er (der kaufmann) den leuten gelt fürstrecken solte. ebenda = 1587 26ᵃ; tregt die gülden groschen inn secken heim, ... leget die schuldt abe, erzeigt sich gegen denen danckbar, die jhn inn seiner armut was gedienet, fürgestreckt, oder one böse wort jhm geharret haben. 296ᵃ. per syngrapham credere quidpiam alicui, eim leyhen und fürstrecken auff sein handgschrifft. Frisius 342ᵃ und danach Maaler 150ᵈ. mein anrufliches bitten, er wolle mir n. thlr. auf ein jahr fürstrekken. Butschky kanzlei 157, daneben aber auch vorgestreckte gelder. 161. vorstrecken et fürstrecken, mutuo dare. Stieler 2194, der diese bedeutung als die gebräuchliche angibt, in dem beigefügten beispiele aber nur vorstrecken setzt, ein zeichen, dasz ihm dieses wort überwiegt. doch haben Rädlein, Weismann, Dentzler in diesem sinne wieder beide wörter, jedes an seiner stelle im alphabete, also keines bevorzugt vor dem andern, eben so bringt Steinbach 2, 732 für- und vorstrecken, während Wilhelmi bei vorstrecken auf fürstrecken, Hederich mit seinem nachtreter Nieremberger umgekehrt bei diesem worte auf jenes verweist und Kirsch so wie der ihm folgende Matthiä (1761) nur fürstrecken aufnehmen. später findet sich schriftdeutsch einzig vorstrecken, und fürstrecken dauert blosz mundartlich in Süd- und zum theil in Mitteldeutschland (Wetterau, Oberhessen u. s. w.) fort.
II.
reflexiv, sich fürstrecken, in der bedeutung: sich vor etwas hin erstrecken, sich vor etwas hin ausdehnen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 894, Z. 40.

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Zitationshilfe
„fürstrecken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrstrecken>, abgerufen am 04.12.2021.

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