Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürtragen

fürtragen,
s. vortragen. ahd. furitrakan, furitragan, mhd. vürtragen, nhd. bei Dasypodius nur fürtragen. vgl. 9). aber vortragen erscheint bald daneben. so hat schon Maaler beide wörter, jedes wo es alphabetisch zu verzeichnen ist, und Stieler 2313 in der nachher unter 9) angegebenen bedeutung „für- sive vortragen “, doch in den beispielen nur das letzte. Wilhelmi, Rädlein, Weismann, Aler nehmen ebenfalls beide, jedes an seiner stelle im alphabete, auf, während Dentzler nach den bedeutungen scheidet, indem er fürtragen die „antragen, offere“, also die unter 4), und vortragen die „vorher tragen, praeferre“, also die unter 9) beilegt. Kirsch verweist bei vortragen auf fürtragen, worin ihm auch sein nachtreter Matthiä (1761) folgt, während umgekehrt Hederich und der ihm nacharbeitende Nieremberger bei fürtragen kurzhin auf vortragen verweisen, zum zeichen dasz dieses bereits weitaus überwiegend sei. Steinbach 2, 835 nimmt zwar noch beide auf und setzt in den von ihm gegebenen beispielen bald das eine und bald das andere, aber Frisch 2, 380ᶜ, wie vor ihm schon der so reichhaltige Ludwig, kennt nur vortragen. dieses ist denn auch seit dem ersten viertel des 18. jh. anfangs vorwiegend, später aber allein hochdeutsch im gebrauch, während fürtragen nur noch in mundarten fortdauert, z. b. bair. (Schmeller 1, 484), wetterauisch, oberhessisch u. s. w. das part. praet. lautet fürgetragen, doch findet sich mitunter, zumal im 16. jh., auch fürtragen.
Bedeutungen:
1)
hervortragen, heraustragen. mit acc. ahd.
wirdit denne furi kitragan
daʒ frônô chrûci
dâr dër hêlîgo Christ
ana arhangan ward.
Muspilli (Schmeller) 103.
Daraus entwickelt sich die bedeutung
2)
hervorbringen, zum dasein bringen. ebenfalls mit acc., oder mit accusativisch stehendem ausdrucke: der fürst printz Moritz, ein held von Nassau, der ein stützen des Niederlands, ein zier des Teutschlandes, der ein sohn der victori und des glücks gewesen, vor welchem die vergangene jahr nichts starckmüthigers und verständigers fürgetragen haben. Schuppius 705.
3)
vornhin tragen, vor augen bringen, vor das angesicht bringen. mit acc. der sache. mhd.
diu Clinschores rîcheit
wart dâ ze schouwen für getragen.
Parz. 760, 19.
zugleich mit dat. der person: mhd.
dën boten rîche gâbe   man dô für truoc:
dër hët in ze gëbene   Gunther genuoc.
Nib. 165, 1.
nhd. waldmann, halte dich zu mir, wie ich zu dir:
so trag ich hier des edlen hirsches gehörn dir für.
weidegeschrei in Fleming teutsch. jäger 1, 280ᵇ.
bildlich: seinen aposteln die geleuterte ... lehr von der waren busse und vergebung der sunden inn jhren mundt leget, damit sie ein rein speiszopffer unnd ungesewertes schawbrot unnd ein lautern wein unnd ungefelschte milch unnd saubers kirchengerethe den leuten fürtrugen unnd die klare lehr des evangelij an allen orten inn seinem namen auffopfferten unnd verkündigten. Mathesius Sarepta (1562) 172ᵇ. Daraus geht dann die folgende bedeutung hervor.
4)
anbieten, darbieten. fürtragen, antragen, offerre. Dentzler 2, 119ᵇ. vornehmlich aber: vornhin bringen zum essen oder zum trinken oder zu beidem, auftragen. apponere mensam, ... furtragen, die trachten darstellen. Frisius (1556) 107ᵃ und danach Maaler 151ᵇ. mit acc., der ausdrückt was zum essen oder trinken aufgetragen wird: mhd.
ich muoʒ iu von ir spîse sagen.
diu wart mit zühten für getragen.
Parz. 32, 29;
daʒ ich die spîse künne sagn,
diu dâ mit zuht wart für getragn.
637, 4;
wan ê man vür trüege
die jungesten rihte:
ze ir aller gesihte
kam dar in dën sal gegân
zwô juncvrouwen wol getàn.
krone 29349.
nhd. und hies die selbigen (die fischlein) auch furtragen. Marc. 8, 7. aber meist zugleich mit dat. der person: und man trug jnen essen fur. 1 Mos. 43, 34; da esset was euch wird furgetragen. Luc. 10, 8; er was ein guͦter zechbruͦder, nam nit verguͦt, was jm an seines gnedigen fürsten und herren tisch fürtragen ward, sunder suͦcht jm anderswo guͦt gselschafft. Wickram rollwagenbüchlein nr. 53 (Kurz s. 95, 2);
der jm ein gute speisz bereyt
und darnach seinem herrn fürtreyt.
H. Sachs IV. 2, 49ᵃ;
macht haben, kaufbrod denselben fürzutragen und mit ihnen zu verzehren. weisth. v. j. 1554 in weisth. 3, 643, 25.
5)
in worten vorbringen, in einer rede aussprechen, redend darthun, überhaupt zum hören vorbringen. mit acc. der sache. mhd.
anders kan ichʒ niht vür tragen,
alsô ichʒ hin und hër verstân.
Teichner s. 141 anm. 180.
nhd. kan die selben (lügen) auffs schönst fürtragen. Luther das 14. u. 15. cap. Johannis (Wittemb. 1538) AA iijᵇ, s. Ph. Dietz 1, 760ᵃ; sol ainer allein dz (das) lauter wort gottes fürtragen, warumb machen dann die new christen so vil predigbücher. Eck christenliche underricht 14ᵃ. gleicher weise bei Göthe 13, 126 in der treffend alterthümlichen dichtungHans Sachsens poetische sendung“:
wenn andre bärmlich sich beklagen,
sollst schwankweis deine sach fürtragen.
fürtragen (part. praet.) werden und zuͦ bedencken kommen, cadere in deliberationem, venire in disquisitionem. Maaler 151ᵇ, vgl. Cic. de off. 1, 3 §. 9; cadere formula, den handel oder die sach nit recht fürtragen, die sach mit dem fürtrag verhönen und versaumen. Frisius (1556) 168ᵃ und danach Maaler a. a. o., = den process verlieren, vgl. Quintil. 3, 6, 69. zuweilen auch mehr in dem sinne von erwähnen, in anführung vorbringen:
und das (dasz) nicht die suiter (jesuiter) sagen,
ich könn nur die zwey ort (puncte) fürtragen,
in denen sie so ungwerd sind.
Fischart nachtrab 470.
in dieser fügung mit bloszem acc. liegt, was fürtragen betrift, etwas allgemeineres, beschränkter dagegen erscheint es mit noch hinzutretendem dat. der person, der zur bezeichnung gesetzt ist, vor wem gesprochen, gesungen, überhaupt zum hören vorgebracht wird: fürtragen der gemeyn, ferre ad populum. Dasypodius 442ᶜ. also ward dem junckern die sach durch den schultheissen von wegen der gmein fürgetragen. Wickram rollwagenbüchlein nr. 50 (Kurz s. 90, 16); uns ist Eur schreiben heut datum furgetragen worden, darinnen Ir einen magister an uns vorschrieben, so ein Holsteiner sein sol. churfürst Johann Friedrich an Luther, in Burkhardts briefw. Luthers s. 389; unnd andern ein gut exempel fürtregt. Melanchthon hauptart. christ. l. (im corp. doctr. christ.) 646; da sie ... mit gantz inbrünstiger andacht predig hörten, in welcher die zween ritter jr bitt und anligen gott fürtrugen und anrufften. Amadis 417, 900; dann dadurch kan ... ein armer bauer oder ander unterthan offt gelegenheit gewinnen, seinem herrn seine sache und sein anligen selbst fürzutragen. Schuppius 25;
wan ich dir mein begehren,
mein hertz und hand fürtrag.
Weckherlin 123 (ps. 28, 4),
das mägdgen, so bey mir,
das trug mir nach und nach den handel artig für.
Picander ernstscherzh. ged. 2, 355;
doch traget das den jungfern für,
die sich bey euch ietzt eingefunden.
365.
statt des acc. kann auch ein diesem casus gleichzuachtender satz stehn:
das (dasz) er dem Agamemnon sag
und Menelao auch fürtrag,
was könig Paris sich erbeut.
Spreng Ilias (1610) 90ᵇ.
unter diese bedeutung gehört auch, wenn fürtragen auf ziehen in gerichtliche untersuchung geht: vocare in disquisitionem, fürtragen und fürhalten sich über ein ding zu beradten. Frisius 429ᵃ und danach Maaler a. a. o., vgl. Sueton. Caes. 15 und Nero 2. Aus der bedeutung aber geht dann die folgende hervor:
6)
lehrend darstellen, lehren. mit acc. der sache und dat. der person. aber es kann auch ein den acc. vertretender satz stehn, der das bezeichnet, was gelehrt wird oder wozu das dargestellte oder dargelegte als beispiel dient. in diesem letzten falle hat fürtragen dann den sinn: als beispiel lehren, als belehrendes beispiel zeigen, zum beispiel dienen, ein beispiel sein. hie müssen uns nu die zween brüder (es sind Esau und Jacob gemeint) fürtragen, wie es zugehet, das (dasz) der segen so seltzam und wünderlich gefellet, das es kein mensch gleubet. Luther 5, 151ᵇ.
7)
in bildender darstellung von sich geben, bildend darstellen. ohne einen abhängigen casus in allgemeinem sinne: die zeichnung freut mich! — weil ich ganz überzeugt bin, Sie (Charlotte von Stein ist angeredet) werden in kurzem Ihrem gefühl zu dank und liebe fürtragen können. ich zeichne jetzt leider nichts. Göthe an frau v. Stein 1, 43 auszerdem aber mit acc. der sache und dat. der person.
8)
vorwärts tragen, vorwärts forttragen. mit acc.
9)
vorhertragen, voraustragen. mit acc. der sache und dat. der person. wie war es eine so grosse majestet und herrligkeit, wenn man magistros promoviert und jnen fackeln fürtrug und sie verehrte Luther tischr. 427ᵇ, das (dasz) durch beschlusz, rath und gemein, ein crucifix den ehrlichen processen, damit man die verstorben zu grab beleitet, ist fürgetragen. Mathesius Sarepta (1562) 194ᵃ; als offt er (Johann von Leyden als könig zu Münster) aber auff den platz, oder sonst auszgangen, seind ihm ein gantzer hauffen seiner hofleüt gefolget, unnd fürnemlich zwen, ausz wölcher einer jhm das new testament und kron, der ander aber ein blosses schwert fürtragen müssen. J. Nasus antipapist. eins u. hundert 169ᵇ; praeferre, fürtragen. ut: elector Saxoniae imperatori praefert gladium, der churfürst zu Sachsen führet das schwerd für dem keyser her. Corvinus fons latinit. (1660) 1, 257ᵃ;
ja die gesammte schaar, die Venus ie bescheinen
mit ihrer sonne liesz, befindet sich allhier,
und trägt Persephonen die hochzeitfackeln für.
Lohenstein in Hoffmannswaldau u. anderer auserl. ged. 1 (1695), 291.
für- sive vortragen, praegerere, praeferre, praeportare. Stieler 2313. Steinbach 2, 835 führt aus Günther an:
befiehl der reinen treu die fackeln für zu tragen.
allein in der mir vorliegenden 1742 erschienenen 3. aufl. der ged. s. 599 steht vorzutragen, was freilich auch änderung von unberufener hand sein könnte.
10)
vorbeitragen, vorübertragen. mit acc.: mhd.
hët in daʒ ors niht vür getragen.
Iwein 5035;
dô in daʒ ros vür truoc,
dô sluoc ime dër rise einen slac.
5046.
gleicher weise dürfte das wort auch noch nhd. vorkommen.
11)
für die zukunft herbeischaffen. bair. du hast d' (dir) scho brav fürtragng. Schmeller 1, 484.
12)
zum vortheil vorwärts kommen machen, zum vortheil vorwärts bringen, fördern, förderlich sein, nützen. zunächst ohne beigesetzten acc. allgemeiner: mhd.
die (ärzte) leiten allen iren sin
mit arzâtlîchem liste an in:
waʒ truoc daʒ vür od waʒ half daʒ?
im was doch nihtes dëste baʒ.
Tristan 7267 = 183, 29;
diu scham diu wolte minnen
und brâhte ës niemen innen.
waʒ truoc daʒ vür?
11835 = 297, 37.
nhd. das schewen ist umbsonst, und woltest du gleich kriechen
in deiner mutter leib, das pulver nicht zu riechen,
so trägt es doch nicht für.
Opitz 1, 110.
sprichwörtlich: beschisz (betrug) tregt nit für, unrecht faselt nicht. Agricola sprichw. 207ᵃ. zumeist aber steht fürtragen in dieser bedeutung mit acc. zur bezeichnung dessen was gefördert wird oder dem das, was geschieht, zum nutzen gereicht: mhd. unde (dein schwören beim kaufe) treit dich niht vil für, wan daʒ dû alle dîne sælikeit dâ mite verdamnest. Berthold (Pfeiffer) 149, 11;
wëder hëlm und halsbërc
noch dehein sîn ander kamphwërc
daʒn hæte in dâ niht vür getragen,
ërn hæte in durch die ringe erslagen.
Tristan 6919 = 175, 1;
nu waʒ treit dich (die Minne ist gemeint) für, ob ich nâch dër vil hërzelieben lieben stirbe?
Gottfried v. Neifen 11, 30;
waʒ treit iuch für, frou Minne, ob ich verdirbe?
waʒ hilfet eʒ iuch, süeʒiu sældenbære? ...
waʒ treit iuch für, frou Minne, ob ich erstirbe?
waʒ hilfet iuch mîn lange wërndiu swære?
50, 37 u. 51, 3;
wênic sie daʒ vür truoc,
wan sie wurden erslagen ze tôt.
GA. 1, 422, 1258;
mich (spricht der hahn zum gefundenen edelstein) nuzte baʒ ein gërstenkorn,
denn du. du bist niut nütze mir.
waʒ nützest mich? waʒ sol ich dir?
wiʒʒest, daʒ mich nicht vürtreit
dîn schœni noch dîn edelkeit.
Boner nr. 1, 15.
nhd. was hilft (spricht der bauer zum ritter) dein stechen und dein tanz? ...
mein herte arbait die ist ganz
und trægt die welt pasz für.
Uhland volksl. s. 338, 4;
wie wol er sich tuͦt wagen
sein narung zu erjagen,
wil in doch nit fürtragen
sein vleisz zu kainer frist.
375, 6;
dasz ich umb eines solchen schnödten geldtes willen, dasz mich auch ein ganz jahr nit umb zwey oder drey gulden furtragen möcht, meiner ehren ... vergeszen solt. Willibald Pirckheimer entschuldigung vor dem rathe v. j. 1511, in: zum andenken W. Pirckheimers (Nürnberg 1828) s. 7; darwider sie nicht schützen, schirmen oder fürtragen soll einige tröstung, sicherheit, freyheit oder geleit. landfriede v. 1521 VIII §. 1; alsdann soll sie der eyd nichts fürtragen, sondern gegen ihnen, ihren haab und gütern, inmassen, wie oben angezeigt, gehandelt werden. erklär. des landfriedens von 1522 XII;
zu schwach ist unser wort und werk,
uns tregt nit für gewalt und sterk.
Spreng Ilias (1625) 333ᵃ;
so wird es euch doch nit fürtragen.
1610 292ᵇ;
ihn werden bey mir nicht fürtragen
sein schöne form und manszgestallt.
296ᵃ.
s. noch Schmeller 1, 484. doch auch, wenn gleich selten, mit dat. in derselben weise, wie hier der acc. steht und wie jenen casus nützen und helfen bei sich haben können: dann ob ich alle tag käme ..., wurde mir solches nit fürtragen, auch darmit nit geholffen sein. Willib. Pirckheimer a. a. o. 11. Das verbum erlosch in dieser bedeutung bereits im 17. jahrh.; länger, oder, wie Benecke in seiner ausgabe des Bonerius s. 468 bemerkt, am längsten erhielt sich fürträglich (s. d.).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 907, Z. 76.

fürtragen, n.

fürtragen, n.
der als subst. gesetzte inf. des vorigen verbums.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 911, Z. 18.

vortragen, verb.

vortragen, verb.,
vgl. fürtragen teil 4, 1, 1, sp. 907, wo auch beispiele für das aufkommen von vortragen in den nhd. wörterbüchern gegeben werden; ahd. furitragan Graff 5, 499; mhd. vür-, vortragen mhd. wb. 3, 72ᵃ ᵇ; Lexer 3, 588; nachtr. 399; Jelinek 887; 913; fürtragen Fischer schwäb. wb. 2, 1883; Schmeller-Fr. 1, 656; mnd. vordragen, -dregen Schiller-Lübben 5, 343ᵇ; mnld. voredragen Verwijs-Verdam 9, 977; dän. foredrage ist mit gleicher bedeutung entlehnt, wird aber daneben nach dän. drage (ziehen) im sinne von dt. vorziehen gebraucht; prerogare vortragen, -dragen Diefenbach gloss. 456ᵃ; preferre vordragen, -dregen 453ᶜ; proferre vortragin 463ᵃ; vortragen, voranhintragen Maaler 477ᵃ; vortragen, anmelden, dire, signifier, declarer Hulsius-Ravellus (1616) 391ᵃ; vortragen, anteferre Reyher thesaur. (1686) o 3 rᵃ; für- sive vortragen Stieler 2313, ebenso Kramer t.-ital. dict. 2 (1702) 1112ᶜ; Steinbach 2, 835; vortragen Dentzler clavis ling. lat. 338ᵇ; Frisch 2, 380ᶜ; Adelung; Campe. — für- verschwindet während des 18. jh. in der schriftsprache; vereinzeltes vorkommen in gesuchter sprache: trage dem herrn Tralles dieses mein ansuchen bescheidentlich ... für Holtei erz. schr. (1861) 15, 36.
1)
im eigentlichen sinne heraus, nach vorn, vornhin tragen: (sekretär) trägt einen lehnstuhl vor, setzt ein tischchen ... an die seite desselben Iffland theatr. w. (1827) 2, 218; da trat der meszner in den dom und wollte die bücher vortragen (zum altare) br. Grimm dtsche sagen (1891) 2, 65.
2)
in militärischem sinne mit freierer anwendung des verb., den angriff, das artilleriefeuer vortragen: bei günstigem fortschreiten des angriffes des rechten flügels ... ist dieser ... weiter vorzutragen Hindenburg aus m. leben (1920) 315.
3)
vor jemanden hin: anteporre ... vortragen, vorsetzen Hulsius (1618) 2, 30ᵇ; vortragen, 'soviel wie vorsetzen, besonders speisen' Krünitz öcon. encycl. 231, 488; Adelung erklärt diesen gebrauch für veraltet: spise und ander ding zu bereiden und vorzutragen weist. 6, 86 (15. jh.); (es ist) nach dem tanz zucker und muscateller vorgetragen worden Schweinichen denkw. 361 Ö.; (es sei) ein krug mit wasser ... dem keyser vorgetragen worden Zinkgref apophthegm. (1628) 1, 45; (der graf) lässet essen vortragen, soviel er vermag Prätorius anthropodemus pluton. (1666) 2, 331; der trenchicant (vorschneider) ..., welcher itzo die vorgetragenen tractemente angreiffen und vorlegen solte Riemer d. polit. maulaffe (1679) 82; auf eine soldatenkost, so gut als seine wirthschafft in der eil vortragen können Ettner d. mediz. maulaffe (1719) 57; indem nun ... die speisen vorgetragen und aufgestellt sind br. Grimm dtsche sagen (1891) 2, 106;
der koch trägt viel gerichte
von jungen speisen vor
P. Fleming dtsche ged. 1, 152 L.;
man soll den regenten und der obrigkeit die supplicationes und brieff nicht mit zitternden händen und gemüth überreichen ..., wie man den elephanten und löwen ihr essen vorträgt Lehman floril. polit. (1662) 3, 250; nd. 't fê water fördragen ten Doornkaat-Koolman 1, 539ᵇ;
dasz er die ställe fegt und laub vortrüge den zicklein
(θαλλόν τ' ἐρίφοισι φορῆναι)
Voss Od. 17, 224 B.
andere objekte: (das söhnchen) rief dem neugebohrnen schwesterchen allezeit kind, kind, wenn sie es ihme vortrugen Neumark fortgepfl. musik. poet. lustw. (1657) 1, 246; (jetzt wird) euch ein edles pferd vorgeführt, und ein goldbeschlagener schild vorgetragen werden brüder Grimm dt. sagen (1891) 2, 143; wie jetzt vorlegen: (pässe u. ä.) abfassen und zur vollziehung und unterschrifft vortragen v. Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 172. — zutragen, überbringen:
sie würden alles wagen,
möcht ihnen meine schrifft ein treuer freund vortragen
A. Gryphius trauersp. 89 Palm;
4)
freier, übergehend in die bedeutung von an-, darbieten; das kind wird in der taufe gott dargeboten: nun ist er ... des folgenden tages in der heil. tauffe dem herrn Christo vorgetragen ... worden Carpzow leichpred. (1698) 2, 725; (nachdem) wir denn solches in sünden empfangenes kind dem herrn Christo vorgetragen Menantes neue briefe (1723) 277; (nachdem) aber uns als christlichen ältern obliegen will, dieses kind dem herrn vorzutragen Rabener schr. (1777) 3, 51;
ihr neugebohrnes ebenbild
wird dir, o höchster, vorgetragen
König ged. (1745) 94.
im gebet anempfehlen: du trewer heyland, ich komme und trage dir vor meine arme kinder Moscherosch insomnis cura parent. 30 ndr.andere freiere wendungen: dasz du des opffers, so ich der verletzten ehr meines mannes vortrage, ein zeuge seyest schausp. engl. comöd. 308 Cr.in älterer rechtssprache wird vortragen im sinne von übertragen gebraucht Haltaus 1996.
5)
ungewöhnlich wird in folgender stelle vor- in zeitlichem sinne gebraucht:
dann möcht ich einen finden,
der mir gewand und schuhe
vortrüge, nicht in händen,
nein der an seinem leibe
die neuen mir abtrüge,
dasz sie nicht erst mich drückten
Rückert (1867) 2, 196.
6)
auszerordentlich häufig, auch in der neueren sprache im sinne von voran, vor jemandem her tragen: der herzog von Saxen, der sol dem römischen küng das schwert vortragen Richental chron. d. Constanzer conzils 16 lit. ver. — in den folgenden zeiten trug sie (die heilige lanze) ein bischof dem kaiser im treffen vor M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 2, 136. — der tregt im (dem kaiser) den scepter vor H. Sachs 20, 101 K.-G.; neben den zweyen kronen, voller diamant und rubinen, die man ihme (dem pabst) ... vorträgt Fischart bienenk. (1588) 162ᵇ;
der (rektor) kam getrolt mit zween pedellen,
das waren nit unsauber gsellen,
dann jeder trug ein scepter vor
2, 146 Hauffen;
daher man ihn mit reutern und knechten, mit vortragen der fähnlein, cornette und standarden ... zu seinem ruhebettlein gebracht Chemnitz d. dreiszigj. krieg 2 (1653) 462;
die fahne trag uns vor in reiner hand
Schiller jungfrau v. Orleans 2, 4;
schnell war ihm das rosz gegürtet,
und ich trug das banner vor
Uhland ged. 1, 217 E. Schm.-H.
kirchliches: drugen cruze, kerzen unde fanen vur Limb. chron. 35 Wysz; deme hilghedome, dat dar vorghedragen ward dt. städtechron. 16, 44 (Braunschweig); sin meszner, der im das glögkli vortrug Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 166; ich wolt, du werest so from, das man dir ein creutz vortrüge Eyering proverb. copia (1601) 3, 75; Ekkehard aber liesz sich vom diakon ... das meszbuch vortragen Scheffel (1907) 1, 215. — (Christus bei seiner wiederkunft,) da ihm vorgetragen werden ... sein kreuz, die dörne kron ... Paracelsus opera 1, 908 Huser. — Pallas truͦg in das licht vor Schaidenreiszer Odyssea (1537) 80ᵃ; was hilffts, dasz man einem blinden ein fackel vorträgt Lehman floril. polit. (1662) 2, 556; dasz ein geflügelter bote ... ihnen bey nacht eine laterne vorgetragen hätte Klinger (1809) 3, 159; mit vorgetragener kienfackel Scheffel (1907) 3, 47. — vgl. noch: fascis buschlen ruten umb ein axt gebunden, so man vor zeiten zu Rom den burgermeistern vorgetragen hat Calepinus dict. XI ling. 548ᵃ; (ein Theseus,) nicht der ein faden, sondern gold vortrage Schupp schr. (1663) 700; denen brauten in der hochzeit (ist) eine spindel und rocken vorgetragen worden Prätorius glückstopf (1669) 227;
(ich bin) eyn böszes kynt von hundert jor,
den jungen trag ich die schellen vor
Brant narrensch. s. 8 Z.;
der bär tregt den weyhkessel vor
Fischart 1, 427 Hauffen.
7)
voraustragen in freien und bildlichen wendungen; mit bezug auf das vorbildliche leiden Christi, hier kann vor- zugleich im zeitlichen sinne aufgefaszt werden, vgl. oben 5:
ich geh ein in des herrn geleit,
der trage mir vor seine schmach
und zieh mich standhafftig hernach
Rinckhart d. christl. ritter 94 ndr.;
mittler, der ich auch im zährenthale
trage meines kreuzes last,
der du mir es vorgetragen hast
Schubart ged. (1825) 1, 113.
prägnant:
sein Jesus hat ihm vorgetragen
Trenck (1772) 2, 100.
bildliche wendungen: dem minneklichen hertzogen (Christus) süllent wir nachvolgen, der uns die banier vorgetragen hat Tauler predigten 85 V.; sanffmut soll mir den schilt vortragen, und gütigkeit den spiesz nachtragen Fischart Garg. 335 ndr.; ein autor, der ... in Deutschland zur arabischhebräischen kritik allein die fackel vorgetragen hat Herder 5, 267 S.;
die sich vil licht erhuben (die geistlichen)
und uns daz liecht vortrugen,
da sicht man kum uz lugen
einen vunken liechtes vures
Heinrich v. Hesler apokal. 5503;
doch drat und beil trägt sie mit schnellem schritte,
die blicke drohend, taub das ohr,
der brüder blut, der ehen schmach, den raub der hütte
zu rächen Ate vor
Ramler lyr. ged. (1772) 96;
und zwischen felsen,
und zwischen sträuchen,
o trag, o liebe
die fackel vor
Göthe 11, 307 W.;
und trage mir, wenn ich in zweifel irre,
die strahlenleuchte vor in dem gewirre
Seume ged. (1804) 98.
8)
in worten etwas vorbringen, kund tun, darlegen, zunächst von mündlicher mitteilung, dann aber ganz allgemein auch von schriftlicher. dieser gebrauch des wortes ist im entwickelten nhd. der häufigste und ausgebreitetste. 'sowohl die reihe zusammenhängender vorstellungen, als auch die absicht, unterscheiden dieses wort von vorstellen' Adelung. vortragen wird in viel allgemeinerem sinne gebraucht als vortrag, in anlehnung an vortrag aber zeigt dann das verbum daneben ebenfalls eine entsprechende prägnante bedeutung.
a)
in allgemeiner anwendung, je nach dem zusammenhange mit dem dativ der angeredeten person und dem akkus. des objekts, kann vortragen besonders in älterer sprache den gehobenen sinn ganz verlieren und wie mitteilen, erzählen, zur kenntnis bringen, berichten u. ä. gebraucht werden. eine ganze reihe von verbindungen kommen besonders oft vor: eine sache, einen fall, handel, eine angelegenheit, seine beschwerde, klage, gesuch, bitte, wünsche, begehren, anliegen vortragen. seltnere verbindung: er trug sein anbringen bescheiden vor Göthe 21, 82 W.; möge doch irgend ein heiliger seraph an Englands hof fliegen und sein anbringen da vortragen H. L. Wagner theaterstücke (1779) 95. — dieser allgemeine gebrauch des verbums ist natürlich durch beispiele nicht zu erschöpfen.
α)
das objekt fehlt: gaukelweise traget ir mir vor d. ackermann aus Böhmen 22 B.-B.statt des objekts verbindung mit von:
weil ich doch von menschenfressern
abends auch dir vorgetragen
Rückert (1867) 3, 74.
das objekt kann durch einen nebensatz ausgedrückt werden: die juden aber als verstockte sathansgemüther tragen der armen haut vor, wie dasz sie in ansehung der klaider nit einen haller wolten vorstrecken Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 20; (Montan) trug Wilhelmen auf das genaueste und vollständigste mit leidenschaft vor, was er sich ... von solchen kunsteinsichten und fertigkeiten verspreche Göthe 24, 52 W.; ich hab ihm vorgetragen, wie mirs geht mit dem generalbasz Bettine d. Günderode (1840) 2, 211;
jezo trugen sie vor, warum sie die völker versammelt
(μῦθον μυθείσθην)
Voss Od. 3, 140 B.
β)
das objekt kann die äuszere form oder in allgemeinen ausdrücken den inhalt des vorgetragenen bezeichnen (vgl. die unter a aufgeführten verbindungen) oder auch den inhalt genauer angeben. in letzterem sinne werden besonders in älterer sprache kühnere wendungen gewagt.
αα)
ich könnte noch auf dise mainung ... noch vil hundert exempel vortragen Fischart 3, 62 Hauffen (beispiel vortragen in anderem sinne s. unter 16); was soll ich die warums dir vortragen? Göthe 11, 188 W.; wenn er bei dem fräulein seine worte vortragen wollte br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 60;
er hat uns seinen schlusz zu dunckel vorgetragen
A. Gryphius trauersp. 446 Palm;
den ganzen vorfall, gleich als wärs ein traum,
trägt er, bis auf den kleinsten zug, mir vor
H. v. Kleist prinz v. Homburg 5, 5.
ββ)
just diejenigen, so ihm mein unrecht vortragen sollten, sind meine feinde Stephanie d. j. lustsp. (1771) 149; seine und seiner familie noth vorzutragen Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 59; Walther muszte ausführlich ihre nächtlichen irrfahrten vortragen Eichendorff (1864) 2, 368; (entschied sich) für ein unbedingtes und mit groszer emphase vorgetragenes 'laisser aller' Fontane I 6, 16; dem späten gast seine künstlerlaufbahn vorzutragen W. Schäfer erz. schr. (1918) 2, 261;
mein mund soll euch von weiszheit sagen
und mein hertz den verstand vortragen
H. Sachs 18, 205 K.-G. (vgl. ps. 49, 4);
vermessener mund,
der du den grund
des hertzens hast dürffen ihr so keck vortragen
Voigtländer oden u. lieder (1642) 13;
was wiszt eure treue so scheinbar vorzutragen,
die doch als mertzenschnee bei neuer gluth zerrinnt
Bohse Amor am hofe (1710) 2, 6;
versammlet (ihr musen) euren fleisz, der sich zuweilen theilt,
ihm mit verstärkter kraft die freude vorzutragen
Stoppe Parnasz (1735) 291;
der schutzgeist Leipzigs kam, und hat mit vielen klagen
die Jensche raserey der göttin vorgetragen
Zachariä poet. schr. (1763) 1, 49;
der kunden älteste, die künste
des leichenvaters (valfo̜đrs vél Vsp. 1) trag ich vor
Denis lieder Sineds d. barden (1772) 6.
γ)
im gebet zum ausdruck bringen: ich verspreche solches in meinem andächtigen gebet gott iederzeit vorzutragen Chr. Weise d. polit. redner (1677) 252; (da sie) ihren eigenen seelenzustand, dann aber auch die allgemeine noth der christenheit gott ... demüthiglich vortragen Francke idea studiosi theol. (1717) 271; so ist meine meynung nicht, dasz man den allmächtigen und allgenugsamen nicht alle seine lasten und bedürfnisse in seinem gebethe vortragen dürfe Lavater handbibl. f. freunde (1792) 4, 165;
hab ich nicht mit stillem klagen
dir (gott) mein elend vorgetragen?
Neumark fortgepfl. musikal.-poet. lustw. (1657) 1, 131.
δ)
übertragen:
ein gräschen wil uns sagen,
ein blat uns vor wil tragen,
was unsre pflicht sol seyn
bei Fischer-Tümpel d. evang. kirchenl. 3, 50;
das blöckende geschrey der schafe selber spricht
und trägt die liebe vor
J. J. Schwabe belust. (1751) 1, 69;
schatten flüstern, und die nächtgen bronnen rauschen,
dirs im traume vorzutragen, wie ich liebe
Rückert (1867) 1, 571.
9)
das verbum wird dann in eingeschränktem sinne gebraucht, der sich auch dadurch offenbart, dasz es ohne objekt prägnant verwendet wird; zunächst bezeichnet es eine rednerische darlegung vorher geordneter gedanken, mit belehrendem, erbauendem oder irgendwie bildendem zweck, oder auch in der absicht der einwirkung auf willen und entschlusz (s. 9 c), vor kleinerem oder gröszerem kreise, doch auch an einen einzelnen gerichtet, vgl. vortrag 2 c ff.
a)
von religiösen darlegungen: (predigten) zu Straszburg im münster der gemeine gottes vorgetragen Dannhawer catech.-milch (1657) 1, )( 1ᵃ; soll seinen anvertrauten seelen das wort gottes ohn allen menschlichen respect eiferig vortragen Selhamer tuba trag. (1696) 1, 18; die alten ketzer lehrten mehr mündlich als schriftlich, und fingen immer damit an, dasz sie sich anhänger zu verschaffen suchten, welche ihren vorzutragenden lehren sogleich ein politisches gewicht geben könnten Lessing 13, 158 M.; (wo) ein prediger ... die pflichten eines christen vorträgt Miller pred. fürs landvolk (1776) 1, 31;
er (der pfarrer) trug in vor schone exempel:
ir lieben kindt, erdt gottes tempel
d. pfarrer v. Kalenberg s. 12 ndr.;
mit liebe trugest du des höchsten satzung vor
bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 205.
von biblischen personen: zu bestättigung des göttlichen gesetzes, das er (Moses) dem volck vortruge Fischart bienenkorb (1588) 165ᵇ; (Christus hat mehr) durch figuren, bilder, gleichnisse, parabeln, als ohne solche vorgetragen Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 10.
b)
dann, und besonders in der sprache der gegenwart, von mündlicher behandlung weltlicher gegenstände in belehrender oder irgendwie bildender absicht, z. b. auch auf die lehrer an schulen und hochschulen bezogen; vgl. der vortragende, er trägt gut, deutlich, allgemeinverständlich, weitläufig, mit feuer u. s. w. vor; worüber trägt er vor u. ä.: die lehre von licht und farbe, wie sie vor meinen sichtlichen augen professor Fries in Jena vorträgt Göthe IV 42, 104 W.; vgl. I 21, 38; IV 19, 164; so gefundene urideen trug Blackwells fuszfolger Heyne den lehrlingen als eigene lehre vor Voss antisymb. 2 (1826) 2, 34; experimentalphysik wird doch überall vorgetragen Chamisso (1836) 5, 56; (anthropologie,) wie ich sie vortrage Görres br. (1858) 3, 141; er wünscht nämlich seine philosophie auf unserer Georgia Augusta vorzutragen briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 51; so mochten über hundert zuhörer versammelt sein, welche des vortragenden harrten G. Keller (1889) 3, 15; im gegentheil ist ein gelingendes vortragen das angenehmste vergnügen, das ich kenne briefw. zw. W. Scherer u. Müllenhoff 208;
(ein küster trug) den weltbau nach Copernicus
im krug den bauern vor
Pfeffel poet. versuche (1812) 2, 29.
besondere wendung: des herrn Tobias Meyer seltsame mit polen und äquatoren versehene lichtkügelchen habe ich ... mit völligem ernst vortragen hören Göthe IV 28, 156 W.
c)
von amtlichen berichten, die einem höherstehenden, vor allem dem fürsten, erstattet werden (vgl. die amtsbezeichnung vortragender rat), von darlegungen vor gericht, innerhalb beratender versammlungen u. s. w.; auch die schriftliche erstattung kann mit vortragen bezeichnet werden, vgl. unter 10: die haben ein lang vortragen gethan, ... obs gut sei, wider den Türken kriegen Moritz v. Sachsen polit. korresp. 1, 339 (von 1542); ob nun wohl den herren commissarien solcher vorschlag war vorgetragen worden Schweinichen denkw. 270 Ö.; (der bürgermeister ist) sich alles vortragens, beysitzens und votirens ... zu enthalten schuldig Thomasius ernsth. ged. u. erinn. (1720) 3, 264; die rechtssachen wurden in seiner gegenwart vorgetragen und geschlichtet A. v. Haller Usong (1771) 102; bei der nächsten session will ichs vortragen Göthe 8, 83 W. (hier spricht aber der kaiser); mich gegen den herrn vortragenden rath im hohen ministerium ... auszusprechen Hoffmann v. Fallersleben (1890) 7, 135; dorthin zu reisen und sr. majestät meine auffassung vorzutragen Bismarck ged. u. erinn. 2, 107 volksausg.;
die sache soll nach recht entschieden werden,
sobald ihr sie der form gemäsz mir vortragt
Grabbe 2, 493 Bl.
10)
vortragen wird dann von schriftlicher mitteilung und darlegung, also sowohl im weiteren wie im engeren sinne auszerordentlich oft gebraucht: seine sache schriftlich vortragen Kramer t.-ital. dict. 2 (1702) 1112ᶜ.
a)
der schriftsteller trägt vor: uff das ich nicht yrgent ymandt mit meynem vortragen an eynem andern verhinder bei O. Clemen reform.-flugschr. 4, 249; in eigentlicher ordnung vorgestellet und aus der natürlichen beschaffenheit angewiesen und vorgetragen Neumark neuspr. palmbaum (1668) 466; ist nur obenhin berühret und aus einem groszen vorrath gleichsam zum vorschmack vorgetragen worden Morhof unterricht von d. dt. spr. (1682) 149; (betrachtungen) findet man in der gelehrten vorrede ... vorgetragen d. neueste aus d. anm. gelehrsamk. (1751) 1, 678; (einwurf) den Plato ... nicht ohne selbstzufriedenheit vorzutragen schien Lessing 10, 181 M.; 13, 421; 7, 9; er komme uns bald zurück, der die erziehung des menschengeschlechts als einen schönen traum vortrug (Lessing) Herder 16, 357 S.; 22, 95; 12, 185; die oben vorgetragene bemerkung Göthe II 6, 50 W. (sehr oft bei ihm); meinungen, welche in diesen briefen vorgetragen werden Schiller 4, 32 G.; in seiner schrift von der wahren und falschen religion trug er seine erklärungsweise vor Ranke (1867) 3, 59;
verloren ist die kunst, in versen vorzutragen,
was du gefälliger in prosa könntest sagen
Rückert (1867) 8, 46.
der dichter wird aber leicht als sprechender gedacht: Horaz fängt gleich an, sein gleichnisz von einem seltsamen gemälde vorzutragen Gottsched versuch einer crit. dichtk. (1751) 10, anm. 1; sein anmuthiges gedicht, worin er die wackere leidenschaft zur jagd in allen einzelheiten vorträgt Göthe 24, 298 W.;
was ich dem leser itzt vortrag
Warnecke poet. versuch (1704) 303;
was hat der autor wohl im sinn,
in dieser fabel vorzutragen
Cronegk (1766) 2, 336.
b)
das part. alleinstehend: die producte des geistes, worauf sich das vorgetragene bezieht Herder 18, 66 S.; alles bisher vorgetragene Göthe 26, 69 W.; übrigens ist das vorgetragene nur eine hypothese Peschel völkerkde (1874) 36. — bei dem hier vorzutragenden Schopenhauer 1, 13 Gr.
c)
das buch trägt vor: der vollkommene teutsche soldat, welcher die gantze kriegswissenschaft ... ordentlich und deutlich vorträgt v. Fleming d. vollk. t. soldat (1726) titel; man hat auch jagdbücher, die ihre materie ohne ordnung vortragen Heppe aufricht. lehrprinz (1751) 20. — vgl. auch: bey allen liedern ..., die blos lehren vortragen Gerstenberg schlesw. lit.-br. 211 lit.-dkm.
11)
vorher geformtes, besonders in schrift vorhandenes, das entweder vom vortragenden selbst oder von andern herrührt, zu gehör bringen; sehr oft: ein gedicht vortragen Campe; auch hier zeigt sich prägnante anwendung.
a)
er kann keine verse vortragen, er trägt gut vor u. ä.: gedenk an die reime, und besonders üben muszt du dich, sie recht schön vorzutragen Göthe 13, 1, 260 W.; indem dieses stück vorgetragen (vorgelesen) wurde 21, 245; so eben wird das gedicht sprachweise vorgetragen, wir möchtens nachher aber auch gerne singen IV 41, 156 (sehr oft bei ihm); wir haben versmacher und versleser und versurtheiler, die keinen vers ... vortragen können Voss zeitmess. d. dt. spr. (1802) 5; bey gott, mein prinz, wohl vorgetragen (well spoken) Shakespeare Hamlet 2, 2; er blätterte im manuscript und hätte wohl ... noch mehr daraus vorgetragen Tieck (1828) 19, 18; so schrieb ich die reden und trug sie mit vieler wärme vor Steffens was ich erlebte 1, 113; in diesen versen, die er laut schreiend mit eintönigem fall der stimme vortrug Immermann 3, 22 B.; die vorgetragenen gedichte enthielten hauptsächlich hecheleien der verschiedenen kunstrichtungen gegeneinander G. Keller (1889) 2, 192;
ihr thätet zwar mir eine liebe,
wenn morgen mir die ehre bliebe,
was ihr gedichtet, vorzutragen
Lenau 395 Barthel.
b)
veraltet in folgenden wendungen:
sein schauspiel anzuschauen,
das er mit groszem ruhm dir hat vortragen lassen
in Hamburg öffentlich
Rist d. friedewünschende Teutschland (1648) 36;
neulich abends besuchte ich den Tankred, er ward sehr löblich vorgetragen Göthe IV 39, 27 W.; öfters braucht er es vom schauspieler und seinen rollen: Odoardo ward sehr gut vorgetragen I 22, 249; vgl. IV 21, 418; unsere schauspieler mögen mittlerweile einige nova ... lernen und vortragen IV 13, 300.
12)
von musikalischer darbietung; eine sonate, etwas auf der flöte, ein lied vortragen u. s. w.: ein konzert auf dieser orgel vorgetragen Schubart leben u. gesinnungen (1791) 2, 24; bergleute, die zu cither und triangel mit lebhaften und grellen stimmen verschiedene artige lieder vortrugen Göthe 21, 147 W.; und so oft, z. b. 4, 83; III 3, 354; IV 29, 89; 36, 234; 41, 117; von einem opernsänger: Brizzi ist angekommen und wird uns diesen helden (Achill) vortragen IV 21, 418; vortragen prägnant, vgl. vortrag 5 b: Haydns sonaten sind leicht zu spielen und schwer vorzutragen W. H. Riehl musikal. charakter- köpfe (1899) 2, 81. — seltener vom dirigenten: einem kapellmeister gegenüber, wenn er seine musik vorträgt, ist nicht zu spaszen Bettine Cl. Brentanos frühlingskr. (1844) 280. — ungewöhnliche wendung: dasz dieses instrument ... den vortrag ganz einfacher tonstücke zwar vortrug, aber im ganzen doch noch sehr unvollkommen war Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 21.
13)
mit dem reflexivum verbunden; man sagt: ein lied trägt sich leicht vor, wenn es auf bequemen vortrag hin und gesanglich komponiert ist:
freundschaft, liebe, brüderschaft,
trägt die sich nicht von selber vor
Göthe 28, 57 W.;
es trägt verstand und rechter sinn
mit wenig kunst sich selber vor
Faust 550.
mit persönlichem subjekt: enthusiasten, die aus reinem eifer ... sich selber vortragen Schleiermacher im Athenäum (1798) 1, 2, 98.
14)
in der bedeutung von bildend darstellen (vgl. vortrag 5 c): so wählte Leonardo da Vinci den letzten, schwankenden augenblick des sieges und trug ihn in einer künstlichen gedrängten gruppe vor Göthe 44, 311 W.; (gegenstände) lebhafter und bedeutender vorgetragen, als er sonst zu sehen gewohnt war 24, 247; kann es (ein bild) im stiche vorgetragen werden, wie viele arbeit stekt darin Stifter w. 19, 212.
15)
in älterer sprache entwickelt das verbum aus der geläufigen bedeutung des darlegens in worten die eingeschränkte des vorschlagens, antragens; einen handel oder geschäft anfangen vorzutragen Kramer t.-ital. dict. 2 (1702) 1112ᶜ; einem eine heurath vortragen, matrimonium alicui proponere Steinbach 2, 835: lieber freundt, ich bit besinnet euch eyner antwort auf unser vordragens Aymon (1535) t 4ᵇ; ein gesandter vom Vologeses diese heurat offentlich vortruge A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 111; s. auch zs. f. dt. wortf. 12, 64. — auch mit persönlichem objekt: er wird zu diesem amt vorgetragen Kramer a. a. o. 1113ᵃ; wenn ein jude wil geadelt werden, so musz er ... auff den kleinen landtägen von dem könige vorgetragen, auf dem groszen reichstage aber bestätiget werden Süde d. gelehrte criticus (1704) 1, 901.
16)
ein exempel, beispiel vortragen (s. oben 8 β αα) heiszt im entwickelten nhd. es in worten darlegen, es erzählen, in älterer sprache aber auszerordentlich häufig, es durch sein verhalten, seine tat vor augen stellen; ähnliche wendungen schlieszen sich diesem gebrauche an; bisweilen scheint auch die unter 3 behandelte bedeutung vorzuschweben. aus der bedeutung von darreichen (vgl. oben unter 4) leitet sich ferner eine freie, in der neueren sprache ungewöhnliche anwendung her.
a)
der füeret ein ainsidlerleben ... andern ein exempel und ebenpild der heiligkeit vortragende Alt buch d. cronicken (1493) 149ᵇ; (dasz wir) unsere ambt nit wol ausrichten, poes exempel vortragen Berth. v. Chiemsee t. theologey 2 R.; es ist ouch dhein kräftiger byspil zuͦ nidrung und demuͦt nie vortragen, dann Christus gethon hat Zwingli dt. schr. (1828) 1, 313; mit aller mannligkeit und tapfferkeit ein gut exempel geben und vortragen Fronsperger kriegsb. 1 (1578) s 1ᵇ.
wen ich ein alten das hör sagen,
der mir ein byspil vor solt tragen,
wie er gebuͦbt hat und gespilt
Murner schelmenzunft s. 55 ndr.
freier: sein läben der jugend zum beyspiel vortragen und vorhalten Maaler 477ᵃ.
b)
gleichbedeutend: (dasz ich) minen swesteren nüt guͦt bilde enhan vorgetragen, als ich billich solte Tauler pred. 276 Vetter; der welt recht gute ebenbild vortragen Reiser reform. d. k. Sigmund 188 Böhm; alles myn leben zuͦ richten nach dem demüttigen bild, das du uns vortragen hast d. ew. wiszh. betbüchlin (1518) 72ᵇ;
(dasz die pfaffen) uns vortragen guͦte ebenpild,
das bitt ich dich durch deine grundlose milt
Uhland volksl. (1881) 425.
anders gewendet: Joh. welcher mit seinem rauhen leben die buͦsz muͦste adumbrieren, anzeigen und figurlich mit dem leben vortragen, wie mündtlich mit dem wort Seb. Franck chron., zeytb. (1531) 465ᵃ.
c)
einzelne freiere wendungen der älteren sprache: die liebe hat uns vorgetragen got yn Christo Luther 10, 3, 416 W.; das er menigklich ein guͦtte hoffnung vortruͦg eines guͦten regierers Seb. Franck chron., zeytb. (1531) 130ᵃ; (materie) deren fürtrefflichkeit meinen bisher unbekandten nahmen aller welt vortragen wird Chemnitz schwed. krieg (1648) 1, widm. 4.
du wilst ein hertz, das dich vernünfftig kennt,
das, durch die reu zerknirschet und zerschlagen,
nur gegen dir in heiszer andacht brennt
und dir mit furcht und danck wird vorgetragen
Canitz ged. (1727) 30.
d)
in der folgenden stelle sinnlich: dasselbe (augenglas) dem gesichte die flecken schwartzer vorträgt, weder das fernglas auf dem papier Er. Francisci d. eröffn. lusthaus (1676) 776.
17)
ganz veraltet ist vortragen im sinne von nützen, fördern (vgl. vorträglich), ein gebrauch der von der eigentlichen, sinnlichen, unter 1 und 2 behandelten bedeutung ausgeht, vgl. Schmeller-Fr. 1, 656; Fischer schwäb. wb. 2, 1884: so soll nicht ein kleins zu schöner kindererziehung vortragen, wann die eltern rechter ordentlicher speisz und tranck gebrauchen Fischart Garg. 60 ndr.; damit er sehe, was auch der lufft zu seiner arbeit fortrage Sebiz feldbau (1579) 6; der schönheit trägts nichts vor, wofern kein gutes lob, ehr und tugend vorhanden ist Äg. Albertinus hirnschleiffer (1664) 142; dihs ist nun die zeit, darinn man ihm selbst höchlich vortragen oder schaden kan Hohberg georg. cur. (1682) 1, 12. — mit persönlichem objekt: seynd unehliche kinder gleichwohl legitimirt, so tragt sie doch die legitimation in erbschaften nicht vor quelle von 1616 bei Schmeller-Fr. 1, 656;
swie er hete aldort gesiget,
daz truoc in hie nichtes vor
passional 282, 39 K.
18)
im rechnungswesen bezeichnet vortragen die übertragung einer summe auf eine nächste rechnung, in der sie dann verrechnet wird (vgl. vortrag 6 a): generalsaldo oder rechnungsschlusz, der in den neuen büchern wider vorgetragen wird Harsdörffer d. t. secretar. (1656) 2, 728; vgl. Schirmer kaufmannsspr. 207.
19)
in der folgenden stelle ist das adv. vor (im zeitlichen sinne) mit dem verbum zusammengeschrieben: Iphicrates gab den seinigen noch zweymahl längere spiese, die sie vorgetragen hatten v. Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 201.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1939), Bd. XII,II (1951), Sp. 1762, Z. 63.

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„fürtragen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrtragen>, abgerufen am 05.08.2021.

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