Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürtritt, m.

fürtritt, m.,
s. vortritt. für-, vortrit, antecessus. Steinbach 2, 850. vgl. fürtreten.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 920, Z. 35.

vortritt, m.

vortritt, m.,

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fürtritt ist teil 4, 1, 1, sp. 920 nur aus Steinbach 2, 850 belegt, der es nach seiner art neben vortritt aufführt, dann aber für dieses einen beleg aus Günther bringt; in wirklichkeit scheint fürtritt nur selten gebraucht worden zu sein: doch behelt gemeiniglich der rahtschlag in vernunfft und grund der rechten den furtritt M. v. Ossa prudentia regnativa (1607) 127. vortritt, locus primus, vulgo praecedentia Stieler 2338; vortritt, precedenza Kramer t.-ital. dict. 2 (1702) 1138ᵃ; vortritt, antecessus Dentzler clavis ling. lat. (1716) 338ᵇ; 'ein im hochdeutschen seltenes wort' Adelung; vortritt Campe.
1)
im entwickelten nhd. hauptsächlich das vorangehen als ein zeichen höherer stellung, zunächst in der eigentlichen sinnlichen bedeutung, dann aber freier und in mannigfaltiger übertragung, dasz z. b. jemand vor anderen den anfang machen darf mit irgend etwas, ganz unsinnlich auch, dasz jemandem ein vorzug irgend welcher art zugestanden oder von ihm in anspruch genommen wird u. s. w. anderseits kann die vorstellung eines höheren ranges oder vorzuges auch zurücktreten, s. z. b. unter f. auch zeitliches vorangehen kann gemeint sein. eine reihe mehr oder weniger fester verbalverbindungen ist hervorzuheben.
a)
den vortritt haben, havere la precedenza, il passo Kramer t.-ital. dict. 2 (1702) 1138ᵃ; den vortrit hatten die Beiern, so des kriegens wider die Hungern gewonet waren Faber (1563) 73ᵇ. (die wildmeister) haben ... die praerogativ und vortritt vor denen andern jägern Göchhausen notab. venat. (1741) 309; der fürst hat den vortritt Schiller Fiesko 5, 16; von selbst verstand sich, dasz seine gesandten ... überall den vortritt hatten Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 1, 357; der abt hatte den vortritt Fontane I 2, 340. kollektiva: das regiment hatte den vortritt bei der armee, wir konnten also immer voraus sein Göthe 33, 20 W., in dem vorausziehen liegt hier auch eine gewisse ehrung. freier:
den vortritt hat das königreich. sehr gerne
steht Karlos dem minister nach. er spricht
für Spanien
Schiller dom Karlos 2, 2.
b)
den vortritt lassen u. ä.: einem den vortritt lassen, donner le pas à qu. Schwan nouv. dict. 2, 979ᵇ; darumb, lasz ich dir den vortrit (ἀλλ' ἔρχευ προπάροιθεν Od. 17, 282) Schaidenreiszer Odyssea (1537) 73ᵃ; und ihr von den übrigen klägern aus ehrfurcht der vortritt gelassen ward J. El. Schlegel (1761) 5, 303; es liesz nach herkommen regelmäszig der jüngere college dem älteren den vortritt Mommsen röm. staatsrecht (1871) 1, 70; hat er schon erklärt, dasz er uns den vortritt lassen wird beim erwerb W. v. Polenz Grabenhäger (1897) 2, 69;
dem Gottsched, welchem oft, als dem magnifikus,
der oberste des raths den vortritt lassen musz
Rost verm. ged. (1769) 6;
lasz mir jüngern heut
den vortritt
Fouqué held d. nordens (1810) 1, 98.
auf kollektiva bezogen: dasz nicht den altpreuszischen, sondern den westfälischen bataillonen ... der vortritt gelassen werde Bismarck ged. u. erinn. 2, 110 volksausg.; bleibt es nun dabei, dasz ich der burg (dem burgtheater) den ... vortritt lassen musz? Dingelstedt im jahrb. d. Grillparzerges. 8, 168. — selbst Frankreich liesz Mussolini nun den vortritt (im Donauraum) Stegemann weltwende (1934) 338. — die Italiäner und Franzosen weit zu ruck bleiben und uns Teutschen den vortritt unansprüchig überlassen solten Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 3, b 2ᵃ.
c)
zugestehen, einräumen u. ä.: wollen wir ihm den vortritt unter der bedingnisz zugestehen, dasz ... Meisl theatr. quodlibet (1820) 2, 113; die königlichen höfe wollten den groszherzoglichen wohl die gleichberechtigung beim vortritt, doch nicht bei den unterschriften zugestehen Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 3, 671. — (ist es) nicht herabwürdigung des geistlichen standes, einem laien ... einen vortritt zu gestatten? Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 448; dasz er immer dem ältesten von beiden häusern den vortritt zusprach Ranke (1867) 37, 297; Pescara ... gab dem herzog den vortritt C. F. Meyer versuchung d. Pescara (1901) 149;
kein Schwedenkönig räumt den vortritt mir
A. v. Arnim 18, 9;
boten mir, als einem gaste, höflich den vortritt an: ich sollte zuerst sprechen Laube (1875) 16, 114;
die aller schönisten frauen ein,
mein frau die herzogin ich mein,
der gan ich vortrit und gelust
fastn.-sp. 1, 412 K.
d)
der vortritt gebührt jemandem: ihnen gebührt der vortritt Deinhardstein ges. dram. w. (1848) 1, 99;
den vortritt sollst du überall mir schulden,
vor mir dich beugen sollst du demuthvoll
R. Wagner ges. schr. u. dichtungen (1897) 2, 92.
e)
den vortritt verlangen, fordern u. ä.: wer also den vortritt verlangt, der soll ihn von mir haben Schwabe belust. (1741) 4, 272; die grosze oper in Paris verlangte den vortritt Laube (1875) 1, 383;
und auch den vortritt werde ich nur einmal
verlangen, wenn du nicht zu störrig bist,
nur heut, nur hier im dom, und niemals mehr
Hebbel w. 4, 104 W.;
um dieses bloszen namens willen fordern sie ... den vortritt und ausgezeichnete ehrenbezeugungen Fichte (1845) 6, 217.
f)
nehmen, gewinnen: gehindert, an ihnen vorbei zu schleichen und den vortritt zu gewinnen Göthe 25, 107 W.; gefällts euch, ihr helden, so nehmt den vortritt Freytag (1886) 8, 99;
nimm du nur, holdes liecht, den vortritt in das hausz,
ich folge willigst nach
Ziegler d. asiat. Banise (1689) 848.
während in diesen stellen, eine bevorzugung nicht betont wird, tritt diese in den folgenden wieder stärker hervor: nun jedoch gewann ein junger herr den vortritt, der in jeder beziehung über alle übrigen emporragte Holtei erz. schr. (1861) 28, 225; luden ... mich höflichst ein, den vortritt zu nehmen v. d. Steinen naturvölker Brasiliens (1894) 103; zeitlich: wenn die Italiener im violintrio und duo uns vorangingen, so gewannen wir Deutsche den historischen vortritt im quartett W. H. Riehl musikal. charakterköpfe (1899) 2, 163.
g)
um den vortritt streiten Kramer t.-ital. dict. 2 (1702) 1138ᵃ;
ein weib, das sittsam geht, sich stiller zucht befleist,
und umb die narrenkapp und vortritt sich nicht reist
Rachel satyr. ged. 39 ndr.;
der anwalt Raps gerieth des vortritts wegen
in fehde mit dem arzte Hein
Pfeffel poet. versuche (1812) 6, 145.
h)
dann in verschiedenen wendungen: understunden sich eczliche, under zweierlei gestalt das heilige sacrament zu entphahen, und weren ... die obersten des orts am vortritt gewest H. v. d. Planitz berichte aus d. reichsregiment 1521 -23 (1899) 67; so müste ich auch von allen feierlichen solennitäten wegbleiben, weil dabei noch wol öffter der vortritt einen hader, strittigkeit und schlägerei gebiert Er. Francisci lufftkreis (1680) 321; vor der thüre standen zwei männer und machten gegenseitig komplimente über den vortritt Hauff (1890) 2, 290; dasz ich heute gar der sonne bei euch den vortritt abgelaufen habe Rosegger I 6, 302;
mein ist der vortritt
Geibel (1888) 6, 61.
zeitliches vorausgehen: dieser vortritt (im bankrott) rührte daher, dasz ... G. Keller (1889) 4, 94.
i)
das völlige verblassen der eigentlichen sinnlichen bedeutung ist besonders bemerkbar, wenn vortritt auf tiere und unpersönliches bezogen wird, was jetzt gemieden wird: nach disen behalten die schaff von Mileto den vortritt Heyden Plinius (1565) 248; (tiere,) die für bevorzugt gelten, und fast möcht ich sagen, den vortritt haben Fontane I 5, 62. — nach der heiligen schrifft, die in allem ... den vortritt hat Spring gürtel desz lebens (1564) q 5ᵃ; die erste gabe ..., die mir mein mann gegeben hat und den vortritt hat vor allen andern Zobel sächsisch lehenrecht (1589) 85ᵃ; darunter die meisnische (sprache) als die in der ehrsten sprachenreinigung am besten geläuterte den fortrit behält Zesen verm. Helikon (1656) 1, 197; welchem ich von diesen beiden (themen) den vortritt und oberste stelle einräumen solte Hohberg georg. curios. (1682) 2, vorrede; der vortritt der griechischen sprache vor der ihren Herder 23, 82 S.; welche von beiden (der poesie und der 'versmacherkunst') aber den vortritt habe, und zu haben verdiene? wäre unpolitisch zu entscheiden Bürger 320ᵇ Bohtz; zeitlich: gegen den vortritt der pflanzen im meere (frühere entstehung vor den tieren) streitet übrigens Schuberts bemerkung Jean Paul 44, 52 H.
2)
freiere anwendung; beispiel gebendes vorangehen: der heilige vortritt, der da zeiget, wie man wandeln und Christo gefallen soll H. Müller evangel. schluszkette (1685) 1, 9ᵇ; so wollen wir dann in solcher ordnung dem vortritt dieser klugen meisterinn (der natur) nachtreten Valvasor d. ehre d. herzogth. Crain (1689) 1, 141; wozu der erlöser? wenn er nicht den vortritt thut, können wir nachfolgen? Lavater verm. schr. (1774) 2, 212; wie uns die himmlische frau immer auf alles gute hinwies durch ihren vortritt Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 16; vortritt ist besser als nachtritt, — frühritt ist besser als nachtritt Rückert (1867) 11, 552; was Ghiberti den vortritt in einer neuen richtung gegeben hat, war das studium der antike Herm. Grimm Michelangelo (1890) 1, 30. — etwa wie 'das vorgehen': es war also nur ein höchst vorsichtiger, schwacher vortritt von Jens und andern kritikern, wenn sie gegen dies und jenes buch (der bibel) ... zweifel erhoben Herder 24, 227 S.
3)
auszerordentlich häufig ist unter (dem) vortritt, wobei das wort wieder in seiner eigentlichen bedeutung erscheint, oft von zügen, aufzügen aller art, doch auch sonst in allgemeiner anwendung: unter vortritt des marschallstabes Herder 5, 330 S.; der zug des wählenden volkes tritt unter dem vortritt von hornbläsern heran Brentano (1852) 6, 80; die nonnen unter dem vortritt der äbtissin E. T. a. Hoffmann 2, 15 Gr.; während Gottlieb ... (die pferde) unter vortritt der alten Ursula nach dem nachbarhause führte Freytag (1886) 12, 56; die gutsleute unter vortritt einiger musikanten W. v. Polenz Grabenhäger (1897) 2, 248. — tiere: die enten unter dem vortritt eines vielerfahrenen enterichs Spielhagen (1877) 1, 25. — übertragen, führung, anführung bezeichnend: unter dem vortritt des kaisers durch allgemeine vereinbarung das joch des pabstes abzuschütteln Ranke (1867) 4, 221; vgl. 115; 3, 187.
4)
das vorangehen, die anführung beim tanze (vgl. unter vortreten 10): der bischof Johannes, der als wirth den vortritt machen wollte, nahm die ehefrauen ... die eine bei seiner rechten, die andere bei seiner linken hand Grässe sagenb. d. preusz. staates 1, 378;
unser einer hab dan auch den vortritte
fastn.-sp. 1, 395 K.;
ich und die geselle mein
wellen den vortrit vor im pehalten
419.
das anheben des tanzes:
goldene harfe Apollos
und der dunckellockigen musen
mitthronendes eigenthum,
der des tanzes vortritt horcht, der freude beginn!
Herder 22, 158 S.
5)
zutritt zu einem höherstehenden, einer behörde u. ä., um ein anliegen vorzutragen, audienz; diese anwendung ist veraltet: möchten höchst dieselben dem geh. hofrat Kirms etwa morgen frühe einen vortritt erlauben, um die umstände vorzutragen Göthe IV 27, 181 W.; am folgenden tage erhielten wir auch den vortritt vor den helvetischen senat Zschokke (1824) 1, 266; schafft mir vortritt bei dem herrn kanzler van d. Velde 8 (1826) 43; in gleichem sinne dän. et foretræde; vgl. nd. förträde, förträ ten Doornkaat-Koolman 1, 546ᵃ. — von einem schönen mädchen, das sich als gesellschafterin vorstellt: schon bei ihrem vortritt verfinstert sich das gesicht der gehofften neuen gebieterin Schopenhauer 4, 516 Gr.
6)
mehrfach in dinglicher bedeutung.
a)
'ein ding, welches vortritt oder auf welches man vortritt' Campe; schwelle: andere knieen an der thür oder auf dem vortritt (einer kapelle) Knebel lit. nachlasz (1835) 3, 114. — altan: ich öffnete eine andere thür, die auf einen vortritt oder altan führte quelle bei Campe; vgl. tritt.
b)
nach Campe (unter vorderhand) heiszt die rechte hand im niederdt. auch vortritt.
c)
harmoniefremder ton auf schwerem taktteil, der zu der verlangten harmonie überleitet, vgl. vorhalt: dasz es sowol aufhaltungen und vortritte in der grundstimme als in den obertheilen einer vollstimmigkeit geben könne Mattheson kl. generalbaszschule (1735) 228 anm.
d)
S. v. Birken redebind- u. dichtkunst (1679) setzt für trochaeus vortritt ein, s. vortrittzeile. — als terminus bei den 'trittreimen', die erste von zwei zusammengehörenden verszeilen: die trittreime seynd, welche also eingerichtet und gefüget werden, dasz die meinung darin musz wechselweis umtreten oder darin trittweis die eine meinung also auf die andere also folgen, damit die folgende meinung oder die wörter in dem nachtritte ordentlich den wörtern in dem vortritte antworten, und also eine völlige meinung zusammen gebracht werde Schottel t. vers- oder reimkunst (1656) 220; s. vortrittzeile.
7)
als erstes glied in zusammensetzungen;
vortrittsdiplom n.:
die dem menschen über andere thiere verliehene herschaft war eigentlich nichts als ein vortrittsdiplom Sturz (1779) 1, 210. —
vortrittseiferer m.:
mancher ehrsüchtiger vortrittseiferer solte was drum geben, ... sein nachtreter zu sein Er. Francisci d. letzte rechenschafft (1681) 1060. —
vortrittsrecht n.:
diesem vortrittsrechte der juden ... sei nun lange genug rechnung getragen worden D. Fr. Strausz (1876) 3, 169. —
vortrittzeile f.,
trochaische oder nachtrittzeile oder jambische vortrittzeile S. v. Birken redebind- u. dichtkunst (1679) 14.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1939), Bd. XII,II (1951), Sp. 1790, Z. 23.

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Zitationshilfe
„fürtritt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrtritt>, abgerufen am 24.10.2021.

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