Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürwand, m.

fürwand, m.,
s. vorwand. die jünger Christi haben den gehorsam, so den weltlichen fürsten gehörig, unter dem fürwand dessen, so man gott schuldig, von sich nicht geworffen. Butschky kanzl. 828; unter dem fürwand der liebe verrathen seyn worden. Kramer teutsch-ital. wb. (1678) 495ᵃ, wo bei fürwand zugleich hinweisung auf schein. zum fürwand, sub praetextu. Weismann 2, 137ᵇ. mit bessern fürwand, excusatius. Kirsch (1723) 2, 126ᵇ; ohne fürwand, incolorate. ebenda. fürwand, praetextus. neues teutsch-frantz.-latein. dictionar. (1669) 127ᵇ. Wilhelmi 2, 104ᵇ. Dentzler 119ᵃ. auch Kirsch nimmt blosz fürwand auf, während Rädlein, Weismann dieses wie vorwand, jedes an seiner stelle im alphabete, bringen. dasselbe findet bei dem sonst Kirsch folgenden Matthiä gleich in der ersten, 1748 erschienenen ausgabe seines lex. statt, indem er noch dazu bei fürwenden schon vorwenden beisetzt, ein zeichen dasz dieses damals bereits weitaus vorwiegend geworden war. Steinbach 2, 930 hat für-, vorwand, doch in den beispielen nur das letzte, und wenn auch noch Moerbeek fürwand mit verweisung auf vorwand, vorwendung aufnimmt, so verzeichnen dagegen Ludwig, Hederich, Nieremberger blosz vorwand, so dasz fürwand gleich fürwenden (s. d.) schriftdeutsch als erloschen zu betrachten ist. mundartlich, z. b. wetterauisch, oberhessisch u. s. w., hat es sich jedoch bis heute erhalten. Vgl.fürwenden 9).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 930, Z. 5.

vorwand1, m.

¹vorwand, m.,
zu vorwenden gebildet, s.fürwand teil 4, 1, 1, sp. 930 (nur mit einem literaturbeleg), wo auch über die allmähliche verdrängung von fürwand in den nhd. wörterbüchern berichtet wird.das in zeitschr. f. dt. wortf. 4, 132 verglichene lat. prätextus kann deshalb nicht das vorbild sein, weil die älteste bedeutung von vorwand dem nicht entspricht, vgl. auchvorwenden. — in gleichem sinne wie vorwand wird nd. förwendsel gebraucht ten Doornkaat-Koolman 1, 546ᵃ. — die bemerkung von Braun dt. orthogr.-gramm. wb. (1793) 294ᵃ, dasz der plur. nur selten vorkomme, trifft nicht zu; am häufigsten ist wohl der dativ, beispiele in den folgenden abschnitten, einige belege für andere formen des plur. hier vorweggenommen: das innere äuszerer vorwände Herder 23, 220 S.; alle nur möglichen vorwände M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 1, 56; dasz dieses nur vorwände seyen, ist offenbar Göthe IV 28, 221 W.; durch höfliche vorwände Raumer gesch. d. Hohenstaufen 1, 79; (sie) liesz meine vorwände gelten Immermann 7, 247 B.; die vorwände waren ... nichtig Storm (1899) 1, 157; fand er der vorwände genug Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 1, 323; unter anwendung verschiedner vorwände Bismarck ged. u. erinn. 2, 333 volksausg.; die vorwände des lebens Rilke br. (1937) 373. — plur. auf -er: wuszte immer vorwänder zu finden Sintenis Flemmings gesch. (1792) 3, 66.
1)
ursprünglich ist vorwand neutral und bezeichnet dasjenige, was jemand vorbringt, um sich zu verteidigen, zu rechtfertigen, sein verhalten zu erklären, entspricht also dem heutigen einwand und gehört besonders der rechtssprache an, vgl. Fischer schwäb. wb. 2, 1886; narratio erzelung, verkündung, öffnung, einfürung, fürtrag, fürwandt Schöpper synon. 102ᵇ Schulte - Kemminghausen: nach clag, antwort ... und allem fürwand einhelliclich zuͦ recht erkant Riederer spiegel d. waren rhet. (1493) a 5ᵇ; nach verhör siner red, och ingelegten rodels und allem fürwand dokumente z. gesch. d. bürgermeisters H. Waldmann 2, 213. — überleitend zur verschlimmerten bedeutung: sine fürwändt und verantwortungen für untugenlich und nichtig erkant Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 70ᵃ.
2)
die allmähliche verschlimmerung der bedeutung zeigt sich seit dem 17. jh. in den wörterbüchern: vorwand, causatio, color, excusatio, praetextus Reyher thesaur. (1686) o 3ᵇ; velamentum, causatio, obtentus, expurgatus Stieler 2504; vorwendung, vorwand (fürwand), pretesto, titolo, colore, nome Kramer t.-ital. dict. 2, 1321ᵃ; praetext vorwand Wächtler 296; fürwand praetextus Dentzler clavis ling. lat. 119ᵇ; für- et vorwand, praetextum, obtentus, titulus, species Steinbach 2, 930; vorwand, 'eine erdichtete, ungegründete, oder doch verdächtige ursache' Adelung; Campe: zu was ende aber? mit was vorwand? Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 5, 349; der vorwand aber muszte seyn die unverschämte beschuldigung der christen Arnold unpart. kirchen- u. ketzerhist. (1699) 33ᵇ; ich kenne dich zu gut, als diesen vorwand nicht zu durchschauen A. G. Meiszner Alcibiades (1781) 1, 298; sie besann sich also auf einen vorwand Bode gesch. d. Thomas Jones (1786) 6, 338; vermuthlich ist dieses nur ein vorwand gewesen Lichtenberg br. 2, 213; dieser vorwand war der feinste nicht Schiller 4, 127 G.; ein grusz von mir kann dir den vorwand (für einen besuch) geben Görres br. 3, 51; also wirklich? ... ich hielts für einen vorwand Mörike 3, 49 Göschen; was in Wien mehr vorwand gewesen, ward in Petersburg eine wahrheit Ranke (1867) 30, 162. ob dies ein grund oder ein vorwand war, wissen wir nicht Mommsen röm. gesch. 5 (1894) 46;
das war sein sturz — das hatte man erwartet;
die frage war ein vorwand nur
Z. Werner d. söhne d. thales (1804) 2, 72;
das heer in Passau, das ich, andern vorwands,
seit lange werb
Grillparzer 9, 60 Cotta;
nehmt eure laute mit, als vorwand nur
Bauernfeld (1871) 1, 181.
ohne vorwand: dagegen erweist sich auch wohl der jüngling flüchtig ohne vorwand Göthe 41, 2, 144 W.; er brach ohne jeden vorwand ... in die benachbarten dörfer Freytag (1886) 18, 36; ohne jeglichen vorwand Mommsen röm. gesch. (1854) 2, 8.
3)
mit andern subst., sinnverwandten oder dem zusammenhange dienenden, verbunden: den schein und vorwand, so man darzu gebraucht Reinicke fuchs (1650) 133; entschuldigung oder vorwand Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 228; der vorwand und deckmantel ebda 104; (sich) mit underschidlichen auszreden und vorwandt entschuldigen Abr. a s. Clara Judas (1698) 2, 164; ohne einige ausflucht und vorwand H. v. Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 141ᵇ; vorwand und rechtfertigung feindlicher haltung Bismarck ged. u. erinn. 2, 125 volksausg.scherzhaft: diese (heirat) diente nur zum vorwand und überrock Hippel lebensl. (1778) 2, 304.
4)
abhängiger genit. bezeichnet das, was vorgeschützt wird: welches er aber durch den vorwand einiger unpäszlichkeit abschlug Ziegler d. asiat. Banise (1689) 86; mit dem vorwande eines druckfehlers kommen sie hier nicht durch Lessing 5, 250 M.; ohne irgend einen vorwand rechtlicher formen Gentz 2, 144 Schlesier;
der werke der rach und bosheit verübet
und sie mit dem vorwand des göttlichen ansehns beschützet
Bodmer d. Noah (1752) 73.
doch auch das mit dem vorwande bezweckte:
wie sinnreich bist du doch, in weitgesuchten gründen
den vorwand einer that, nach der du strebst, zu finden
Gottsched schaubühne 4, 32;
indessen wird nicht auch dieses nichtwissen zum vorwande groszer misbräuche Herder 13, 8 S.; welch neuen vorwand der beschwichtigung wird man nun ersinnen? Immermann 18, 34 B.; ja die zunftehre konnte in tagen des verfalles sogar geradezu ein vorwand der faulheit werden W. H. Riehl d. dt. arbeit (1861) 24; s. ferner unter 8.
5)
abhängiger infin. bezeichnet meist das bezweckte: (die religion) gab bald einen vorwand, die einzelnen staaten des reichs zu entzweyen Schiller 4, 95 G.; um einen bessern vorwand zu haben, völlig mit mir zu brechen Tieck (1828) 8, 249; dieses kleid war ein vorwand, ins haus zu kommen Nestroy ges. w. (1890) 3, 19; damit die regierung einen vorwand habe, truppen in Paris einrücken zu lassen br. von u. an Herwegh (1896) 16; jeder vorwand, die macht zu zeigen, ist am königshofe willkommen Freytag 8, 55. — eindeutig in der verbindung mit um: das politische urtheil ... gilt als vorwand, um sich erklärt von mir zu wenden Caroline 1, 136 Waitz; so war das nur ein vorwand, um einen schriftsteller loszuwerden Müllner dram. w. (1828) 8, 49. — das bezweckte in direktem satz:
suche nur nicht andern vorwand,
als: du wolltest mich verlassen
Herder 25, 570 S.
dagegen kann der abhängige infin. auch das vorgewandte bezeichnen: Gottwalds vorwand, des gothonischen hertzogs sohn zu seyn Lohenstein Armin. (1689) 2, 824ᵃ;
ihr vorwand war, den fried Europens zu erhalten,
und du bists, der ihn itzt allhier allein erhält
Warnecke poet. versuch (1704) 185.
vgl. weiteres unter 8.
6)
vorwand zu, selten, heute eher für: dadurch entreisz ich ihm den vorwand zu den waffen theater d. Deutschen (1768) 3, 204; keinen vorwand zur ausnahme im gehorsam gegen den heiland A. G. Spangenberg leben Zinzendorfs (1775) 1957; das mädchen sann so lange allerlei vorwand zur verzögerung aus, bis ... Bürger 268ᵃ Bohtz; ein vorwand zur todesstrafe ist, dasz einer die gesundheit des czars nach russischer mode zu trinken verschmäht Schiller in: schr. d. Goetheges. 9, 245;
wir suchen
dem übel zu entgehen und finden uns
zum übel vorwand
Herder 17, 194 S.
7)
unter den attributen sind zunächst diejenigen zu beachten, die der entwickelten, verschlimmerten bedeutung widersprechen; vorwand nähert sich dabei gewissermaszen der alten neutralen bedeutung, s. unter 1: einen gültigen vorwand fand er zu solcher gewaltthat R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 3, 176; seine ängste, dasz ihm die stichhaltigen vorwände durch allerhand zwischenfälle entzogen werden könnten Justi Winckelmann (1866) 1, 316; (lieferte) seinem ärztlichen gewissen den triftigsten vorwand Carossa d. arzt Gion (1931) 85. — falscher vorwand, eigentlich ein widerspruch, kommt öfters vor: aus mancherley beweggründen, auch unter falschem vorwand Zimmermann über d. einsamkeit (1784) 1, 7; der gewissenlos gewesen war, unter diesem falschen vorwande die leute um das ihrige zu betrügen G. Forster (1843) 5, 41. hier bestätigt das attribut den verschlimmerten sinn, andere verstärken ihn oder lassen ihn auch unberührt: ein ausgelernter vorwand, um zeit zu gewinnen W. Weigand d. renaissance (1903) 118. — die arbeiten ... waren kein bloszer vorwand Storm (1899) 7, 116. — (Nasica) ward unter ehrenvollen vorwänden nach Asien geschickt Mommsen röm. gesch. (1854) 2, 92.
der eitle vorwand hiesz, mit neuen festungswerken
der länder offnes thor zu schlieszen und zu stärken
bei Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 58;
kein eitler vorwand gelte
grafen zu Stolberg (1820) 13, 35.
unter dem sehr elenden und schädlichen vorwande der unthunlichkeit Kant 3, 247 akad.-ausg. — unter fadenscheinigen vorwänden Bismarck ged. u. erinn. 2, 41 volksausg.; unter dem fadenscheinigsten vorwande Chamberlain lebenswege (1919) 50. — ohne den geringsten vorwand, ohne die mindesten geschäfte vorzuschützen Löwen (1765) 4, 116; Schiller 3, 553 G. — unter den gesuchtesten vorwänden O. Ludwig (1891) 2, 66. — unter sehr glänzenden vorwänden Ranke (1867) 3, 32. — einen halben vorwand G. Keller (1889) 4, 177. — vorgeschützter grund:
diese weihe,
der heilge vorwand dieser zögerung
Göthe 10, 77 W.
das ist alles kahler vorwand A. v. Arnim 20, 205;
dafür macht ihn von mir ein kahler vorwand los
Heräus ged. u. inschriften (1721) 134.
die leeren und frivolen vorwände Laube (1875) 1, 42. — sie wollen doch wohl nicht auf einem so nichtigen vorwande bestehen? Lessing 2, 278 M.; unter nichtigen vorwänden Treitschke dt. gesch. im 19. jh. 4, 122. — seinen nichtswürdigen vorwand theater d. Deutschen (1768) 13, 161. — schaler vorwand Fr. L. Schröder dram. w. (1831) 3, 29. — häufig ist scheinbarer, anscheinend triftiger vorwand:
gelübd und andacht läszt sich leicht beym sultan ziehen
zu scheinbarm vorwand an
Lohenstein Ibrahim sultan (1680) 38;
auch bei dem scheinbarsten vorwand Hahn vollst. einl. zu d. t. staats-, reichs- u. kayserhistorie (1721) 1, 80; da ein krieg immer der scheinbarste vorwand ist, um ein volk zu drücken Schiller 4, 119 G.; 8, 21; Klinger (1809) 10, 62; O. Ludwig (1891) 2, 338. — abschwächend: entliesz bei einem schicklichen vorwande aus seinem dienst br. Grimm dt. sagen (1871) 1, 177; Holtei erz. schr. (1861) 1, 22. — er hatte ja den schönsten vorwand Gaudy (1844) 2, 64. — (gab) den ausfluchtsuchenden willkommene vorwände an die hand D. Fr. Strausz (1876) 3, 141; Treitschke dt. gesch. im 19. jh. 1, 228. — schien mir ein vom zaun gebrochener vorwand d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 249.
8)
unendlich häufig vorwand in der verbindung mit unter, wofür schon belege gegeben sind; sehr oft folgt ein abhängiger genit. (vgl. oben 4), ein infin. (s. unter 5) oder ein abhängiger satz; immer aber wird hier der inhalt des vorwandes bezeichnet.
a)
unter dem vorwand der andacht Kramer t.-ital. dict. 2, 1321ᵃ; unter dem vorwande der freundschaft Steinbach 2, 931; unter dem fürwant ainicher freyhait J. A. v. Brandis gesch. d. landeshauptleute von Tirol 33 (von 1319); unterm vorwand der religion Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 4; unter dem vorwand eines ihm ... zugebrachten heyrathgutes Lohenstein Armin. (1689) 1, 112ᵃ; unter dem vorwande des einzigen classischen styls Herder 16, 397 S.; Agathon wurde unter dem vorwande verschiedener staatsverbrechen in verhaft genommen Wieland Agathon (1766) 2, 257; (sie) umgibt sich mit reisigen, unter dem vorwand gefährlicher zeiten Göthe 13, 1, 332 W.; unter dem vorwande des gesezes das volk drücken Schleiermacher (1834) II 4, 17; unter dem vorwand plötzlicher unpäszlichkeit Freytag 2, 160; unter dem vorwande des ordnungschaffens leerte sie alle schränke aus G. Keller (1889) 5, 138; (das kunstwerk,) ein tiefinneres geständnis, das unter dem vorwand einer erinnerung, einer erfahrung oder eines ereignisses sich ausgibt Rilke verse u. prosa (1929) 43;
er verweigert uns
den streifzug, unter dessen vorwand du
dein kriegsvolk ihm hinwegzuführen dachtest
Geibel 7, 54 Cotta.
b)
statt des genit. verbindung mit von: ich verbat mir aber unter vorwand von geschäften diese ehre Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 25; ich bin unter vorwande von müdigkeit ... heraufgeschlichen Göthe IV 5, 322 W.; man zog seine güter ein, unter vorwand von verschwörung und staatsverbrechen Heinse 4, 57 Sch.
c)
ungewöhnliche verbindung mit zu: aufzug des legaten Cajetan, der unter dem vorwand zu einem Türkenkrieg den Deutschen neues geld abluchsen will Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 2, 400.
d)
mit abhängigem infin.: unter dem vorwand mir zu nutzen Chr. Weise d. drei ärgsten erznarren 213 ndr.; unter dem vorwande, die sittenlehre ... vorzutragen Klopstock gelehrtenrep. (1774) 371; seidne schärpe, die er zuerst unter dem vorwande, den leib warm zu halten, umband Göthe 22, 15 W.; (er) begab sich ins freie, unter dem vorwande, frische luft zu schöpfen Holtei erz. schr. (1861) 10, 111.
e)
mit abhängigem satze: underm vorwand, als wann sie solches (das brot) vor einen dorffwürth einkaufften Grimmelshausen 2, 38 Keller; unter dem vorwand, dasz sie erwehnten spieles auch überdrüssig sey Ziegler d. asiat. Banise (1689) 226; unter den vorwand, ob sey es (das kind) beschrien J. G. Schmidt rockenphilosophia (1706) 1, 116; der akkus. ist auch in folgender stelle überliefert, wo vorwand in eigentümlicher weise die versteckte absicht bezeichnet: unter den vorwand: stiehl was du kannst Ettner-Eiteritz d. medizin. maulaffe (1719) 640; unter dem vorwande, es kämen seeteufel Herder 15, 143 S.; unter dem vorwande, er sei ein goldschmied Göthe 43, 149 W.; unter dem vorwande, dabei komme nichts sicheres heraus W. Scherer kl. schr. 1, 298.
9)
andere präpos. in gleicher verwendung wie unter, besonders häufig war früher mit: es seye solches den christen nicht erlaubt, mit vorwand, christen sollen nichts irdisches suchen Dannhawer catechismusmilch (1657) 2, 217; mit vorwand, seine wallfahrt müste zu fusz, und darzu auff erbsen geschehen Grimmelshausen Simpl. 374 Scholte; mit vorwand, das man vil schuldner zu zahlen ... hette Butschky Pathmos (1677) 338; mit vorwand, er habe sich allzu sehr bemühet Riemer d. polit. maulaffe (1679) 84; mit dem vorwand, man könte es so eben nicht haben Scriver seelenschatz (1737) 1, 404ᵃ;
mit vorwand, der gefahr von Tyrus vorzukommen
J. E. Schlegel w. 1, 83;
der mit dem vorwand, unsre schmerzen
durch sanftes kitzeln wegzuscherzen,
sie nur auf kurze zeit betäubt
Ebert epist. u. verm. ged. (1789) 111.
vgl. noch: der, bei vorwand, als ob er den prinzen ... zum Artabanus führte, ihn heimlich davon helfen ... solte A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 59.
warum ging er weg?
aus nichtgem vorwand
Rückert (1867) 9, 123.
10)
neben häufigen, z. t. formelhaft gewordenen verbalverbindungen sind auch besondere zu beachten. — jemandem allen vorwand benehmen Adelung; (man muszte) ihnen den sittsamen vorwand benehmen, sie (die kinder) hätten kein naturell, keine fähigkeit zum nachsinnen d. neueste aus d. anm. gelehrsamk. (1751) 7, 880, sittsam in ironischem sinne; es würde den actricen ... wenigstens den vorwand einer nothwendigen gewinnsucht benehmen Sturz (1779) 2, 177. — zum fürwand brauchen Dentzler clavis ling. lat. (1716) 119ᵇ; die armuth der sprachen kann man auch nicht zum vorwande gebrauchen d. vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 12; es ist nur gut, dasz sie eine plötzliche üblichkeit zum vorwande brauchten Cronegk (1771) 1, 103;
sie (die liebe) braucht den vorwand zum behuff,
dergleichen salven schmecken süsze
Stoppe Parnasz (1735) 28.
das hat ihm zum vorwande der ergriffenen waffen gedienet Steinbach 2, 931; (das) habe ihnen zu einem guten vorwande gedienet Lohenstein Armin. (1689) 1, 27ᵃ; diente ihr zum vorwand, mir einen zeitvertreib vorzuschlagen Wieland Agathon (1766) 1, 288; die strenge der jahrszeit diente zum vorwand ihres zögerns Schiller 4, 148 G.; glücklicherweise diente mir der todesfall zum vorwand G. Keller (1889) 3, 99. — dasz nicht rachsucht sich dieses vorwands gegen den beleidiger bediene W. v. Humboldt 1, 190 akad.-ausg. — einen schönen vorwand ergreiffen Steinbach 2, 931; so ergriff er gern diesen vorwand Treitschke hist. u. polit. aufsätze (1886) 1, 154. — so kann man nicht leicht einen vorwand finden, ihn (Homer) zu rechtfertigen Gottsched versuch einer crit. dichtk. (1751) 202; die geschäftigkeit der schalkhaften Cyane fand immer neuen vorwand, seinen zerstreuten blik auf sich zu ziehen Wieland Agathon (1766) 1, 75. — weil sie keinen guten vorwand zu geben hatten, ihr ausbleiben zu entschuldigen ders. ebda 1, 235; anders gewendet: meines vaters schwache gesundheit giebt dazu den besten vorwand Caroline 1, 77 Waitz;
so musz das gute klosterleben
den jungfern einen vorwand geben
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 4, 199.
dasz man begierig diesen vorwand hascht
Schiller Piccolomini 2, 7.
jugendbestrebungen liehen ihnen den vorwand, einen ... verband zu bilden G. Keller (1889) 7, 167. — (beschwerden,) von welchen jene anmaszliche demagogen den vorwand nehmen, die gelehrte republik in verwirrung zu setzen d. dt. Merkur (1773) 1, 14. — häufiger aber zum vorwand nehmen: seine ordentliche amtsverrichtung zum vorwand seines bubenstückes nehmen Steinbach 2, 931; wo jeder einzelne das allgemeine wohl und weh zum vorwand nimmt, um ... Göthe IV 29, 118 W.; in vielen fällen wird das königliche ansehn nur zum vorwand genommen Dahlmann gesch. d. franz. revol. (1845) 45.
dieser eitle trotz wird schnell
verschwinden, wenn man ihm den vorwand raubt
Schiller Maria Stuart 1, 8.
wegen des ganz nach weiberart unpassend gewählten vorwands Vischer ästhetik (1846) 1, 307.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1939), Bd. XII,II (1951), Sp. 1881, Z. 25.

vorwand2, f.

²vorwand, f.
1)
in gleicher bedeutung wievorderwand; 'so nennen einige die äuszere seite eines gebäudes, franz. die façade, die vorwand' Adelung: ist die vorwand der hindern in allen dingen gleich (im amphiprostylum) Rivius Vitruv (1575) 225; der betagte mann langte die sense von der vorwand Rosegger I 11, 111.
2)
in technischer anwendung:
a)
vorwand, 'ist die wand über dem herde' Junghans gräublein ertz (1680) f 2ᵈ; vorwand, 'ist die wand an dem schmeltzofen über dem herde' Minerophilus bergwerkslex. (1730) 700; Jacobsson technol. wb. 4, 561ᵃ; Lampadius hwb. d. hüttenkde (1817) 214; (tiegel,) welcher halb im ofen und halb herauszen schüssig ist, also dasz sein mittel recht unter der vorwandt stehet Ercker beschr. aller mineral. ertzt (1580) 117ᵃ.
b)
die vorwand an einem lerchengarne Schwan nouv. dict. (1783) 2, 980ᵃ; 'in der jägerey der erste gang oder die erste wand eines klebegarns' Adelung.
c)
'im forstwesen wird sowohl die holzung vorn an den bergen, als auch der rand von gehölz, welchen man vor einem gehau stehen lässet, die vorwand genannt' Adelung.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1939), Bd. XII,II (1951), Sp. 1886, Z. 3.

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Zitationshilfe
„fürwand“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrwand>, abgerufen am 02.12.2020.

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