Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürwenden

fürwenden,
s. vorwenden.
1)
vornhin wenden, sein machen vor —. mit acc. der sache und meist zugleich mit dat. zur bezeichnung dessen, vor das jenes durch den acc. ausgedrückte kommt. s. unter fürstrecken I 2) die beiden ersten aus Frisius angeführten stellen. er (der flusz) hat dem ufer röhre (schilfrohr) fürgewendt, arundine ripas praetexuit. Aler (1727) 824ᵇ, s. Virgilius ecl. 7, 12; dem angesicht einen schleier fürwenden, vultui velum praetendere. ebenda. einem nebel und wind fürwenden, alicui nebulam et ventos obtendere. ebenda, s. Virgil. Aen. 10, 82; seiner list und laster einen dunst fürwenden, noctem peccatis et fraudibus nubem objicere. ebenda, s. Horat. epist. 1, 16, 62. in dem sinne von vorhalten, vor augen halten: fürgewendtes kleid, praetenta vestis. Aler a. a. o., s. Sen. Phaedra 895 (Hippol. 887).
2)
vorwärts wenden. ahd. furiwentan nach hintert wendên nals fure unde scameiên sih diê mir ubeles unnîn. N. ps. 34, 4, = mögen sich hinterwärts (rückwärts) wenden, nicht vorwärts, und sich schämen, die mir übeles gönnen. nach beiden bedeutungen dann die abgeleitete
3)
darbieten, hingeben, aussetzen. mit acc. und dat.: sein leben eines zorn fürwenden, caput suum alicujus furori et ferro objicere. Aler a. a. o., s. Cic. or. pro domo cap. 57 §. 145,
4)
anwenden. mit acc.: damit seine churfürstl. gnaden hierin in der zeit billich versehung fürwenden mügen. Luther 4, 349ᵃ. unnd wo jemandt argelist fürwendet unnd verschweigt etwas fehl oder mangel an dem so er feil hat, dadurch ein anderer zuschaden kompt, ist er schuldig, dem selbigen den schaden zulegen u. s. w. Agricola sprichw. 126ᵃ; wo er in sollichem den ernst fürwenden wöllen. der durchlauchtigsten frawen Marien u. s. w. niijᵃ; so wirdt doch deine boszheit baldt den verdienten lohn empfahen durch die mannliche hüllfe, beystandt unndt widerstandt, so wir erzeygen unnd fürwenden wöllen. Amadis 373, 797; deszgleichen wird mein sohn desto gröszern fleisz, treu und müh bei der schul zu Frankfort fürwenden. Catharina Melanchthon, in Melanchthons werken 3, 1086. besonders häufig aber ist die in dieser stelle mit andern erscheinende redensart fleisz fürwenden = fleisz anwenden, in verstärktem ausdrucke vorzugsweise allen fleisz fürwenden: und wir nichts sonderlichs ausrichten, wenn wir gleich allen vleis fürwenden. Luther 4, 385ᵇ; widerumb viel die sich gros mühen und allen vleis fürwenden, meinen, sie halten gar wol mesz und opffern recht und ist doch nichts recht. 1, 336ᵇ; aber er (David) hat fleisz fürgewand, und jmer gewehret, das es (es ist die abgötterei gemeint) nicht frey und offenlich einrisse. 6, 150ᵇ; allen fleis furwendend, die sach widder auf einen gutten ort zu bringen. briefe 1, 511; dasz ich allen fleisz fürgewandt, eurm begierde nach, einen gelehrten, sittigen prediger des evangelii, barfüszer ordens, zu verschaffen. 2, 660; wenn man schon allen fleisz fürwendet. Agricola sprichw. 76ᵃ; allen müglichen fleisz fürgewendet. der durchleuchtigsten frawen Marien u. s. w. aiijᵇ;
habt danck, juncker, ich wil auff glauben
erst allen fleisz mit euch fürwenden,
die sach glückseliglich zu enden.
H. Sachs II (1591). 3, 73ᵃ;
siehe (spricht gott zu Petrus), das du fürwendst allen fleisz,
und dich als einen gott beweisz!
Waldis Esop 4, 95, 231,
desz Gargantuwalds vater sahe wol, dasz sein schöner filius an ihm nichts liesz erwinden, allen fleisz fürzuwenden und kein stundt hinschleichen liesz, darin er nit ein lini zog. Fischart Gargantua 143ᵇ = 1608 Rvᵇ; ... daneben zusagen thu, dasz allen müglichen fleisz, solchen orden zu ehren und zu befürdern ich fürwenden ... wöll. Amadis 128, 267; und wendet solchen fleisz für, dasz er bei zwey hundert ritter ... zu sich bracht. 372, 794; und wendet so hohen fleisz für, ausz groszer begierdt seiner erlösung, dasz er in seinem reisen sonst niendert an gedacht. 364, 777; der nun allen fleisz fürwendet, auff das aller ehest zu Londen anzukommen. 381, 814; allen fleisz fürwenden. Ayrer processus 1, 2.
5)
in worten vorbringen, in worten darlegen. mit acc.: nachdem und als Peter Berkeimer von unsers gnedigen herrn des pfalzgraven wegen jn siner forderunge furgewant hat, das Heinrich in der acht syn sulle. urk. v. 1466, in Thomas oberhof 389; ... Henrich darzu geantwurt und furgewant hat, das die selbe sache fur dem raite zu Spyer hange. ebenda; item die procuratores sollen alle ihre materien und handlung in schrifften fürwenden und nichts anders, dann also oder dergleichen meinung reden. cammergerichtsordnung v. 1507 art. 32; es ist offt durch concilia etwa fürgewand, aber durch etlicher menschen list behendiglich verhindert und jmer erger worden, welcher tück und bosheit ich jtzt, gott helffe mir, durchleuchten gedenck. Luther 1, 288ᵇ; wann die sachen fürgewandter massen gewandt und geschaffen. Ayrer processus 1, 11 (1600 s. 303). afferre causam, ursach fürwenden. Corvinus fons latinit. 1, 255ᵇ.
6)
in worten entgegenwenden, in worten entgegenhalten. ebenfalls mit acc.: denn es ligen in dem fürbehalt des evangelii wol andere insidiae, denn die widersacher jetzund können uns fürwenden, quia quid est sapientia hominis contra deum. Luther 5, 139ᵇ; welche (bücher) zuͦ ernst und wider stärcke gewapente feind fürzuͦwenden. Carlstadt, welche bücher heilig und biblisch seind aᵇ; ich hab auch auff die heylige schrifften, die er wider christliche warheit fur gewent, allein den christen zu gut geantwort. dessen antwort geweiht wasser belangend Bijᵇ.
7)
einwenden, als einwand vorbringen. mit acc. oder accusativisch stehendem: vgl. oben sp. 391 die stelle von Schwarzenberg.
den spruch Christi er schnell furwendt:
gends (gebts) umbsunst.
Berner fasznachtspyl A 8ᵇ.
opponere, wider etwas fürziehen unnd fürwenden in einem gespräch, widerred halten. Frisius 922ᵃ. und so villeicht geruͤrter hertzog zu verantwortung etwas offentlich dagegen thete fürwenden. der durchleuchtigsten frawen Maria zu Hungern aijᵇ; fürwenden und fragen. Mülmann 209 und oft, bei welcher von Jacob Grimm herrührenden aufzeichnung dieser hinter fürwenden in klammerneinwendenbeisetzt. mit einem satze der in accusativischer stellung erscheint: demnach dörffen die köchinne nit für wenden unnd yren hern sagen: hewt ist sontag. Carlstadt von dem sabbat Ciijᵃ. opponebant illi interdum nomen Africani, sy stiessend jm in die nasen, oder: dargegen wandtend sy jm für, u. s. w. Frisius a. o.
8)
in worten vorgeben, durch darlegung in worten vorgeben. so in der redensart schein fürwenden, teuschung bereiten: denn bisher haben wir nichts mügen erhaschen, so grossen schein wandte er (Straus) für. Luther 4, 375ᵃ. dieselbe steht aber auch mit dat. zur bezeichnung dessen, worüber geteuscht wird: o gott, wolt ihr ewerm meyneyd sölchen schein fürwenden. Alberus wider Witzel J 4ᵃ.
9)
als ursache oder beweggrund vorbringen, die nicht die wirklichen oder doch mindestens zweifelhaft sind, als wirklich vorbringen ohne dasz dies ist oder in gehörigem masze zukommt. fürwenden, fürwelben, zuͦ einem deckmantel machen, praetexere, obtendere. Maaler 151ᶜ, nach Frisius (1556) 1050 mit vergleichung von 899ᵇ f.; aliquid praetendere, etwas fürwenden, oder fürwelben. Frisius 1048ᵇ und danach Maaler a. a. o., s. auch fürwölben fürwenden, fürgeben, praetendere, praetexere. Henisch 1314, 6. Stieler 2504 dagegen hat für- sive vorwenden, mit der bemerkung dasz beides dasselbe sei was einwenden. auch Aler, Rädlein, Weismann nehmen beide wörter auf, jedes an seiner stelle im alphabete, und Steinbach 2, 930 setzt sie eins wie das andere, während Dentzler und Kirsch sich wieder blosz auf fürwenden beschränken, doch Matthiä, der sonst dem letztgenannten folgt, schon in der 1748 erschienenen ersten ausgabe seines lex. 2, 53ᵇ zu furwenden gleich noch vorwenden fügt. dieses scheint Frisch 2, 439ᵇᶜ bereits vorzuziehen, wenn er bei vorwenden noch fürwenden setzt und bei diesem kurzhin auf jenes verweist. das letzte geschieht auch bei Hederich und dem ihm nacharbeitenden Nieremberger, und es ist von da an fürwenden, das bereits Ludwig und Moerbeek gar nicht mehr anführen, in der schriftsprache als erloschen zu betrachten. diese kennt fortan nur das nach und nach herschend gewordene vorwenden, und fürwenden verblieb den süddeutschen mundarten und zum theil denen Mitteldeutschlands, hier z. b. der wetterauischen, oberhessischen u. s. w. auch in dieser bedeutung steht das wort mit acc.: weh euch schrifftgelerten und phariseer, jr heuchler, die ihr der widwen heuser fresset und wendet lang gebet fur. Matth. 23, 14, wobei zu vergleichen Marc. 12, 40 und Luc. 20, 47; sintemal keuscheit so ein seltzam übernatürliche gottes krafft und gabe ist, und dieser so unzelich viel, die sie alle furwenden. das bapstum mit seinen gliedern (Wittemb. 1560), vorrede. s. auch fürwengen. wie dasz ihr unnd euwer zween söne mit waffen unnd gewerter hand das recht, so jhr an diesem königreich fürwenden, erhalten und darthun wöllen. Amadis 414, 894; zween wenden eine oder einerley schuld für. Henisch 1314, 12;
(ich) wil mehr entschuldigung und verzug nicht fürwenden.
Weckherlin 745.
mit einem accusativisch stehenden oder zu nehmenden ausdrucke: wenn ich nicht komen were und hette es jnen gesaget, so hetten sie keine sünde. nun aber können sie nichts furwenden, jre sünde zu entschüldigen. Joh. 15, 22. mit einem abhängigen satze statt des acc.: und mit was das die ursach, das sye fürwanten, er (Christus) wer ein ubertretter des sabbats, es was wol allein das wort: aber das was der korp, das er sye also fry strofft umb ire boszheit, dorumb sye jn hasszeten. Keisersberg post. 2, 105ᵃ; der (Heliodorus) macht sich bald auff und wendet fur, er muͤste rente einnemen in Nidersyria und Phenice, seine meinung aber war, das er des königs befelh (er steht im vorhergehenden verse) wolt ausrichten. 2 Macc. 3, 8; ich weysz wol, das (dasz) der romische hauffe wirt furwenden, ... wie der bapst habe das heylige romische reich von dem kriechschen keyszer genummen unnd an die Deutschen bracht. Luther an den christlichen adel d. n. (Wittemb. 1520) Liiijᵇ, s. Ph. Dietz 1, 762ᵃ. er liesz fürwenden, er wer sonst mit geschäfften beladen. Fischart Garg. Cc 4 rückw. (cap. 36). mit einem hinzuzudenkenden abhängigen satze: so nun dem also, das (dasz) nicht nach dem eusserlichen schein zusehen, so will sich auch gebüren, das man hie disz büchlein recht eröffene unnd dem innhalt gründtlich nachsinne, so wird sich befinden, ... das die fürgetragene materi nicht so närrisch unnd aus der abweisz geschaffen, wie die uberschrifft möcht villeicht fürwenden. Fischart Garg. 21ᵇ = 1608 Bvᵇ. scheinbar intransitiv:
zwar niemand für zuwenden hat,
zentschüldigen sein missethat,
damit den teuffel zu beschulden.
Waldis Esop. 2, 64, 35.
10)
bemänteln, beschönigen. mit acc.: mit diesem nahm fürgewendte schuld, hoc nomine praetexta culpa. Aler 824ᵇ, s. Virgil. Aen. 4, 172. vgl. auch vorhin 8).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 932, Z. 30.

fürwenden, n.

fürwenden, n.
der als substantiv gesetzte inf. des vorigen verbums. nach der unter 5) angegebenen bedeutung desselben: mochte er ... by und furbrengen, das Heynrich in der acht sy und getruwe das (dasz) syn fürwenden und furgeben nach dem und als er eyn offen echter sy, jn recht nit zugelaszen noch eynchem werde syn sulle. urk. v. j. 1466 in Thomas oberhof s. 387. mit besserem fürwenden, honestiore titulo, excusatius. Aler (1727) 824ᵇ. S. vorwenden n.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 934, Z. 64.

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Zitationshilfe
„fürwenden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrwenden>, abgerufen am 05.08.2021.

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