Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürwerfen

fürwerfen,
s. vorwerfen. ahd. furiwërfan, s. nachher 1) c), mhd. vürwërfen.
1)
vornhin werfen und zwar
a)
vor die augen hinwerfen, durch hinwerfen vor jemand oder etwas oder auf die vorderseite von jemand oder etwas kommen machen. mit acc. der sache und dat. der person: objicere corpus feris, den wilden thieren fürwerffen. Frisius (1556) 891ᵃ und danach Maaler 151ᶜ. wann sie mich nicht anderst zuͦ stücken rissen unnd den raben fürwürffen. Nasus Nasenesel 54ᵇ. er würfft ihm die wurtz (es ist eine wurzel gemeint, welche die kraft besitzt, dasz schlösser und thüren, die mit ihr berührt werden, aufspringen) für und verschwindt. Pacollet hebt sie auff. Jac. Ayrer 2, 285ᵇ (Keller s. 1426). den hunden speise fürwerffen. Reyher 2, f 3ᵇ.
b)
hinwerfen, werfend hinstreuen. furwerffen. prosternere, vulgariter under die fusz werffen, strogen. vocab. incip. teuton. f 4ᵇ.
c)
vornhin werfen oder mit heftigkeit bewegen zum sperren oder zum verschlusse. mit acc. der sache: ahd. furiworfan, obturatus, verstopft (gl. jun. 216. Graff 1036). mhd.
und beslôʒ im vor die tür
und warf einen rigel für.
arm. Heinr. 1184.
nhd. unnd als sie ihn ferners fragen wolt, schlug man sturmb, derwegen Amadis und der könig Arban eylendts den fürgeworffnen unnd verwahrten thoren zulieffen. Amadis 380, 812. vgl. fürstoszen II 1). auch: vornhin werfen zum aufhalten. mit acc. der sache und dat. der person: wie mir in druckereyen hinderungen fürgeworffen, davon wil ich zu anderer zeit klagen. Schuppius 807.
d)
mit raschheit vornhin bewegen als schranke, zur trennung u. dgl. so die stange fürwerfen, beim fechten sie vornhin vor einen der fechtenden oder zwischen diese rasch oder plötzlich bewegen zum zeichen dasz der kampf aufzuhören habe. dieses fürwerfen der stange kam einer dazu bestellten, beim fechten acht habenden person zu. mit acc.: wa auch hinfüran ainer oder mehr fechter, sy seien wer sy wöllen, uber, under oder fürgeworffen stangen schlecht, der soll alszbald one alle mittel von stund an sein wöhr niderlegen. Adrian mittheil. 280, 18.
2)
mit heftigkeit vorwärts vor sich hin bewegen, mit heftigkeit vorwärts entgegenbewegen, rasch zum vorhalten und abhalten entgegenbewegen. mit acc.: denn der ander nichts mehr thet, denn allein versetzen und den schilt fürwerffen. Amadis 185, 389; derhalben als der ander sich hinzu nähert, der meinung den könig zuschlagen, warff der könig den schilt für, und gieng der streich so stark, dasz er ein zwerche hand hinein drange, und verwundet jhn mit der spitz auff dem haupt bis auff das bein. 369, 787; Darison aber schweige ..., und in dem er sein schilt fürwarff gegen dem streich, so Amadis auff ihm that, füget sich Agraies zwischen sie beide. 421, 908. sprichwörtlich es ist zu spat den schilt fürwerffen, wenn man die straich hin hat. Henisch 1314, 24. aber auch von anderem, das vor- und abhalten soll, wird fürwerfen gesagt, so z. b. von der mit aller geschwindigkeit vorgehaltenen hand: wann einer mit einem bloszen schwert auff dich zuhauen will, so wirffst du offt die hand für und wilt lieber eine hand verlieren, als den kopf und das leben. Schuppius 161. s. fürstoszen II 5). dann, wiewol ungewöhnlich, ohne acc., d. h. ohne nennung dessen was zum vor- und abhalten rasch vornhin bewegt wird, um dieses rasche bewegen allgemein auszudrücken: Theagenes thet wie ein geschickter fechter und ringer auff den fechtschulen, gabe den ersten streichen nach, bisz er die stärcke des wider sachers erfahren kundt, wich ausz den starcken streichen, ... bog den halsz auff die ander seyt, den andern streichen fürzuwerffen und die auffzuhalten. buch d. liebe 227, 3.
3)
hingeben, blosz geben oder stellen, preis geben. mit acc. der sache und dat. zur bezeichnung dessen, dem das durch jenen acc. ausgedrückte hin- oder preis gegeben wird: aber ich weisz nicht, ob jetziger läufften ein thier gefunden könne werden, welches den injurien und verachtungen mehr fürgeworffen wird als das bauren- und schuldenthier. Schuppius 711. die bedeutung geht aus der oben 1) a) hervor.
4)
vor die augen oder die ohren bringen, vor das gesicht oder das gehör bringen, vorlegen, zum vernehmen, zur kenntnis bringen, eindringlich zur kenntnis bringen. ohne beigesetzten casus: mhd.
dër bâbest heilic unde guot
stuont aber âne vorhte,
dô dër gar verworhte
jüde warf die rede für.
Silvester 4811, = die rede vorbrachte.
mit acc. der sache und dat. der person:
wir vinden in dër alten ê
und an dër schrift noch vrâge mê,
die man im vür sol wërfen hie.
3571;
und wart noch niht verrihtet
daʒ ander noch verslihtet,
daʒ man dir hie vür wërfen sol.
3617;
ër warf ir daʒ getiusche
dër trügelîchen wërlte vür.
Alexius 227.
mitteld. dâ sich im got vurwarf.
passional Köpke 421, 18, = offenbarte.
dann aber nhd.: entgegnend vorbringen, entgegnen, entgegenhalten, einwenden. mit acc. der sache oder auch einem accusativisch stehenden satze: auff das (dasz), wenn der teufel das gewissen wil treffen, das (dasz) man denselben (es ist der schutz Christi gemeint) flugs fürwerffe und jm für die nasen halte. Luther 5, 525ᵃ; wiewol wir dargegen fürwerffen köndten ... . confutation Aiijᵃ. meist zugleich aber auch mit dat. der person: nach dieser handlung ist der magister ceremoniarum D. Martino bis in den hof nachgelauffen und jm ein sophistisch argument für geworffen, welchs jm doctor Martinus mit einer zimlichen schimpflichen antwort verlegt und jn damit auch abgeweist. Luther 1, 110ᵇ; es werden die widersacher vieleicht uns hie fürwerffen, das (dasz) die pein und straffe eigentlich zur busse gehöre. J. Jonas, bei Luther 6, 433ᵃ. objicere, fürwerffen, entgegen werffen, entgegen setzen. Frisius (1556) 891. eins möchte uns (bei der hagerose) fürgeworffen werden, mit dem cynosbato Dioscoridis, nemlich dasz jhn Dioscorides nit under die rosen beschreibet, jhm auch kein rosen zugibt, sondern schlecht ein weisse blum. Lonicerus kräuterbuch 61ᵃ. besonders und vornehmlich aber: verletzend vorhalten, um weh zu thun oder empfindlich zu treffen vorhalten. mit acc. der sache oder accusativisch gesetztem, das diese bezeichnet, und dat. der person: mit solchen und andern mehr worten warff sie jm sein elend für. Tob. 2, 23; jr (des bösen weibes) man mus sich jr schemen und wenn mans jm furwirfft, so thuts jm im hertzen weh. Sir. 25, 24; können (es ist von der welt die rede) nichts, denn jederman fürwerffen und auffrücken, was sie gethan haben. Luther 1, 57ᵇ; dazu (war Paulus) nicht ein anseheliche person, gering und mager von leibe, wie sie jm auch die stimme und sein ausreden fürworffen. so waren sie dagegen grosse schreier, ... und also alles, was sie kondten finden an jm, vernichteten und verechtlich macheten. 6, 220ᵃ; da er den gotlosen Sichimitern jre undanckbarkeit fürwirfft. Alberus Esop s. vi (1550 A ijᵃ); und werden euch andere gruͦliche laster furwerffen. dessen wider Witzeln M iᵇ. objectare, fürwerffen, fürziehen, aufheben als ein schmaach. Frisius (1556) 891ᵇ und danach Maaler 151ᶜ. darumb wer freien will, der nemme seines gleichen, so hat keyns dem andern nichts fürzuwerffen. Fischart ehzuchtbüchlein (Scheible) 555. mit einem satze statt des acc.: (Eliphas, Bildad und Zophar) kamen ihn (Hiob) zu trösten, sie gaben ihm aber kein geld, sondern ... warffen ihm für, er müsse ein sonderlicher grober sünder seyn. Schuppius 175. sprichwörtlich missethat wird durch geld verdeckt, aber die armuth ist ein lauter fürwerffend ding. Lehman 2, 4, = ein ding das vorgeworfen wird, als vorwurf dient oder gehört wird. in dieser bedeutung haben, wie in den beiden ersten jahrzehnten des 17. jh. Hulsius und Henisch, noch Wilhelmi und Dentzler nur fürwerffen, dagegen Stieler 2551, Aler, Rädlein, Weismann, Steinbach 2, 1036, Kirsch, Matthiä fürwerfen und vorwerfen, doch die beiden zuletzt genannten mit verweisung bei diesem auf jenes, wogegen Hederich und Nieremberger bei fürwerfen kurzhin auf vorwerfen verweisen, das bereits bei Ludwig und Frisch 2, 442ᵇ allein aufnahme gefunden hat. vorwerfen war allmählich vorwiegend geworden und gegen die mitte des 18. jahrh. allgemein herschend, während fürwerfen in Süd- und zum theil Mitteldeutschland, z. b. in der Wetterau, in Oberhessen u. s. w., mundartlich fortdauerte und noch heute, wie früher, gehört wird.
5)
vorschlagen, in vorschlag bringen. mit acc.: also haben wir unser botschaft zu unserm herren von Bamberg getan und in bitten lassen, daʒ uns sein gnad mit einem andern erbern tüglichen pfarrer fürsehe, und haben im czwen lassen fürwerffen, nemlich ewer wirdikeit (das schreiben ist an einen pfarrer gerichtet) für (als) den einen. chron. d. deutsch. städte 1, 487, 15. vgl. fürweisen 5) und fürweisung.
6)
beweisend oder zum beweise vorbringen, anführen, citieren. furwerffen mit worten der warheit und zeugnysz, allegare. voc. incip. teuton. f 4ᵇ. mit acc.: man findt niendert das sie (die kirche) die thalmudischen buͤcher fürgeworfen oder gezugnus usz inen genommen hab. Reuchlin augenspiegel 38ᵇ.
7)
in die flucht werfen, niederwerfen, zu boden werfen. mit acc.: ward yn von den graven von Baldeck, des bischoffs von Maintz diener, furgehalten und sie mit den iren fur geworffen, sunder hertzog Friderich von Braunsweig ermortt und der von Sachsen und Elsterperg gefangen. v. j. 1376 in den chron. d. deutschen städte 3, 299, 9. s. fürhalten 4).
8)
fortwerfen, wegwerfen. daher dann die bedeutung: verwerfen. mit acc.: wan ich den glauben szo hoch antzyhe und solche ungleubige werck furwirff, schuldigen sie mich, ich vorbiete gute werck. Luther von den guten wercken (Wittenberg 1520) A iijᵇ, in den schriften 1, 225ᵇ verwerffe und verbiete; das nottigen und zwingen (nemlich zur beichte) furwirff ich. dessen evang. von den tzehen auszsetzigen (Wittemb. 1523) A ijᵇ, in den schriften 1, 55ᵃ verwerff ich; nu bin ich von deynen augen furworffen. G iiijᵃ. s. Ph. Dietz 1, 762ᵃ.
9)
unzeitig gebären. furwerffen die frucht vor der zeit, abortire, aborsum facere. voc. incip. teut. f 4ᵇ. vgl. verwerfen, unzeitig gebären, bei thieren.
10)
reflexiv, sich fürwerfen, sich hervorthun, sich breit machen: warum solten jr nicht noch mutiger werden euch fürzuwerffen und ewer selber euch zurühmen? Fischart ehzuchtb. 79.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 935, Z. 61.

fürwerfen, n.

fürwerfen, n.,
der als subst. gesetzte inf. des vorigen verbums. s. vorwerfen n.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 938, Z. 4.

vorwerfen, vb.

vorwerfen, vb.,
ahd. forauuerfan kl. ahd. sprachdenkmäler 252 Steinmeyer (Benediktinerregel); part. prät. forakiuuorfan ebda 266, 28; furiuuorfan (9. jh.) ahd. gl. 1, 286, 2 St.-S.; mhd. vorwerfen, vürwerfen mhd. wb. 3, 736; Lexer 3, 460; 589; frühnhd. fur-, vur-, vorwerffen Diefenbach gl. 387ᵃ s. v. obicere; fürwerffen Frisius dict. (1556) 891ᵃ s. v. objicio; s. ferner unter fürwerfen teil 4, 1, 1, 935 ff., wo auch die allmähliche verdrängung des für- durch vor- in den nhd. wörterbüchern dargelegt ist (sp. 937); mnd. vorwerpen Lübben hwb. 535; mndl. vorewerpen Verwijs-Verdam 9, 1142ᵇ; ndl. voorwerpen Dale 2, 1934. in heutigen mundarten: fürwierpen Bauer-Collitz waldeck. 37; förwarpen Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 546; vôrwarpen Schambach Göttingen 277; vörwerpe Rovenhagen Aachen 158; vörwerfe Hönig Köln 197; virwerfen luxemb. 471; fē̜rwąrfən Hofmann niederhess. 255ᵇ; vorwerfen Martin-Lienhart elsäss. 2, 848; Fischer schwäb. 2, 1689 und 6, 2, 1942. — unfeste zusammensetzung mit lokalem vor-, die als wiedergabe von 'pro-jicere' vereinzelt in der ahd. übersetzungsliteratur auftritt. auch in mhd., mnd. und mndl. überlieferung nicht allzu häufig, wird sie doch ein gängiges wort des nhd. und ndl.; in beiden sprachen entwickelt sich neben der ursprünglichen sinnlichen bedeutung eine übertragene (vgl. die parallelentwicklung von vorschmeiszen teil 12, 2, 1491; vorhalten teil 12, 2, 1140; vorrücken teil 12, 2, 1424).
A.
in sinnlich-räumlicher vorstellung (vgl. vorwerfung 1 und vorwurf II A 1).
1)
mit rascher bewegung nach vorn (vorwärts) bringen.
a)
sich selbst vom eigenen standort aus schwungvoll nach vorn bewegen, sich vorwärts (hin)werfen; in dieser reflex. verwendung nur vereinzelt zu finden: ... forauuerfe ... (fragmentarisch erhaltene nachbildung von) projiciat se ... kl. ahd. sprachdenkm. 252 Steinmeyer (Benediktinerregel); ähnlich: fürwürffe dich projicias te erste dt. bibel 4, 432 Kurr. (la. zu Ruth 3, 4); vgl. auch unter 2 c: Wieland s. w. 26 (1856) 372; Hartig lex. für jäger (1861) 575.
b)
teile des körpersbesonders die händenach vorn bewegen, schnell vorstrecken: gedenckt er so wenig an das, was er thut, als ein mensch, wenn er fällt, dasz er die hände vorwirfft Thomasius vernunfftlehre (1691) 108; so fährt sie ... mit verwandtem angesichte, die hände vorgeworfen und den körper weit übergezogen, zusammen, indem plötzlich die empörte natur aus dem herzen der mutter heraufschreit Engel schr. 7 (1804) 229; das jähe vorwerfen der hand (gebärde der angst) ebda 186; er warf die hand heftig vor Heyne wb. 3 (1895) 1313; von anderen körperteilen seltener: den oberleib vorgeworfen Welcker alte denkm. (1849) 1, 498; wenn ich (als Süddeutscher) sagte: 'der kaiser', sah er (der ultrakonservative preuszische partikularist) mich mitleidig von oben herab an ... und sprach mit vorgeworfener brust: 'mein könig' Alfr. Steinitzer aus dem unbekannten Italien (1911) 148; (ein) füllen, das nach seiner mutter laut die ohren neckisch vorwarf Carl Hauptmann Einhart, der lächler 2, 198 Marquardt; den kopf, die beine vorwerfen d. grosze Duden, stilwb. d. dt. spr. (1934) 624 Basler; dazu das part. prät. in adject. verwendung:
die vorgeworfene lippe
wäget worte
Herder 26, 292 S.;
an ihm (Simon auf dem gemälde des abendmahls) ist die vorgeworfene unterlippe, welche Leonard (da Vinci) bei alten gesichtern so sehr liebte, am übertriebensten Göthe I 49, 1, 243 W.
c)
in neuerer zeit auch von truppenteilen, 'rasch in vorderster linie einsetzen', 'an die front werfen', vgl. vorschieben (3) teil 12, 2, 1460, vortreiben (1 d) ebda 1783 und ¹vorziehen (A 2 a): dann rückte er mit vorgeworfenen blänkern (plänkern zu plänkeln, s. teil 7, 1893) ... gegen die waldung an Fouqué altsächs. bildersaal 2 (1818) 460; (ort,) in den man stündlich zum kampfe vorgeworfen werden kann qu. v. j. 1928; auch in der wendung mit vorgeworfenen abteilungen ein ziel erreichen.
d)
bildliche einzelanwendung: 'weisz sind die eier' wäre zwar grammatisch möglich; aber es ist kaum eine echte sprechsituation ausdenkbar, wo heiszes gefühl und drängender wille 'weisz' an die ausdrucksstelle (satzanfang) vorwerfen würde Drach grundgedanken d. dt. satzlehre (1937) 27.
2)
etwas mit rascher bewegung vor jemanden (bzw. vor etwas) hin bewegen, jemandem vor die füsze werfen, hinwerfen.
a)
vereinzelt in allgemeiner verwendung mit objekten verschiedener sachgebiete: (wenn man) den wust vor unsere häuser ... mit sollichem ungehewren gstanck vorwirfft und auszschütt Guarinonius grewel der verwüstung (1610) 504; (die soldaten haben säuglinge) von einander gehawen und den müttern vorgeworffen (1618) acta publica 1, 245 Palm;
erst hier erwacht der kläger, hebet
den handschuh seines feinds empor
und wirft den seinigen ihm vor
Alxinger Doolin v. Mainz (1787) 165;
du wirfst dem walfisch, wie das sprichwort sagt,
zum spielen eine tonne vor (s. teil 11, 1, 1, 788 s. v. tonne 1 c β)
H. v. Kleist w. 2, 351 E. Schmidt;
mit verächtlichem beisinn (vgl.b β): einem entblöszt dastehenden etwas sich zu decken vorwerffen Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1334ᵇ;
da wirfst du mir (dem bettler) die dreier vor
Brentano ges. schr. (1852) 1, 472.
b)
häufig in der besonderen verwendung 'speise vor jem. hinwerfen':
α)
vor allem vom füttern der tiere: wenn es (brot) den schweinen sol vorgeworffen ... werden Pape bettel- und garteteuffel (1586) V 2ᵃ; (weil er) einen andern castellanen zu kleinen stücken gehawen und unter den träbern vermenget den sewen zu fressen vorgeworffen Rätel J. Curaei chron. (1607) 71; auf den abend um 8 uhr wirft man ihnen (ochsen) ein wischlein heu vor viehbüchlein (1667) 11;
ein hund gehöret an die kette,
dem wirfft man harte knochen vor
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 2, 455;
(der adler) seinen raub denen jungen im vorbeyfliegen, ohne dasz er fuszet ... vorzuwerffen weisz Göchhausen notab. venatoris (1741) 143; wenn sie (vögel) das vorgeworfene futter schleunig fraszen Löwen schr. (1765) 3, 91; brod den fischen stückweise vorwerfen Holston u. Augusta (1780) 42; Jason warf ihm (dem drachen) die einschläfernden kräuter vor Klinger w. (1809) 2, 194; hatte 'vader' den kühen ihr letztes futter vorgeworfen Storm s. w. (1898) 3, 141. im bilde: (bestien) wie laster und sünde, ... denen ich die ruhigen stunden und tage meines lebens wie gemordete tauben und lämmer zum gierigen frasze vorwerfen müszte Seb. Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 326; etwas den hunden oder säuen vorwerfen, meist eine redewendung des hasses oder der verachtung: wirf deine arzneyen den hunden vor (throw physic to the dogs) Wieland II 3, 126 akad. (Shakespeare's Macbeth 5, 3);
Hektorn schleif ich herbei und werf ihn
den hunden zum frasz vor
(δώσειν κυσὶν ὠμὰ δάσασθαι Ilias 23, 21)
Bürger s. w. 241 Bohtz;
das herz
reisz ich ihm aus und werfs den hunden vor
Grabbe w. 1, 36 Bl.;
kühner: nein, deine worte sind zu kostbar, um sie den hunden vorzuwerfen Shakespeare (1797) 4, 181; mit beziehung auf Matth. 7, 6: werffet eure perlen nicht den säuen vor Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1334ᵇ; doch fühlt er, dasz er seine perlen den säuen vorwirft Knigge umgang mit menschen (1796) 3, 115. anders als begräbnisbrauch: etliche ... völcker haben die toden denen geyern vorgeworffen Chr. Weise polit. redner (1677) 569; bekanntlich warfen die Perser ... ihre leichen den hunden vor, wie noch heute die Mongolen J. Grimm kl. schr. 2 (1865) 212; als tötungsart: er nun solte in den todt gehen und den heiszhungerigen löwen vorgeworffen werden Dannhawer catech.-milch (1657) 9, ):( 4ᵇ; wie man die leiber der blutzeugen den bestien vorgeworfen anmuth. gelehrsamk. (1751) 3, 727 Gottsched;
... den prinzen nimm und wirf ihn wilden thieren vor
Platen ges. w. 4 (1843) 120; 119.
von hier aus auch ganz allgemein 'etwas der gefahr ausliefern': dasz ihr sie (eure kinder) ... dem verderben überwiesen, ja vorgeworfen habt Simrock dt. volksbücher 5, 13; hab ich mehrermals meinen leib gewagt und der gefährlichkeit vorgeworffen Kirchhof discipl. milit. (1602) vorr.;
wil er des käysers grimm sein einig kind vorwerffen?
A. Gryphius trauersp. 570 lit. ver.;
mit einem tritt warf er den Rixinger den knechten vor Gaudy s. w. (1844) 3, 127; wenn die helden, so gott feierlich erhoben, dem schwert der heiden wehrlos vorgeworfen sind Treitschke hist. u. polit. aufsätze (1886) 1, 50.
β)
in herabsetzendem sinne wird vorwerfen gebraucht von speise, die menschen gegeben wird; beachte den gegensatz zu vorsetzen: men om (dem kranken) to lest sine spise vorwarp als eim hunde (anf. d. 15. jhs.) städtechron. 7, 188 (Magdeburg); von einem vorgeworffenen bissen erstickt niemand Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1334ᵇ; (der wirt) warf mir ... die abgeschälten überbleibsel einer schöpsenkeule vor Pfeffel pros. versuche (1810) 1, 182. im bilde:
leben? —
das ist der stein, als speis uns vorgeworfen
Immermann w. 16, 351 Hempel;
wenn man euren glanz will schauen,
wirft man euch ein körnlein vor,
und man lockt euch wie die pfauen
Hoffmann v. Fallersleben ges. w. (1890) 4, 152;
ein teil
entbehrungsmüd sich um die brocken balgt,
die ihm der freche sieger vorwirft ...
Stefan George d. neue reich (1928) 37;
von geistiger speise: hat Schakespear wirklich keinen weitern endzweck, als blos ein groszes stück nach dem andern aus der geschichte herauszuheben, und den klumpen, so wie er da ist, den zuschauern vorzuwerfen? Gerstenberg schlesw. lit.-br. 161 lit.-denkm.; von dem ochsigen menschenverstand, der da so ledern an der krippe steht und das ungeeignete futter sich vorwerfen läszt Bettine dies buch gehört dem könig (1843) 1, 160; dann auch: einige sätze dem leser vorwerfen nord u. süd 3 (1877) 393.
c)
etwas (sich) vor jemanden (vor etwas) hin werfen.
α)
als sperre oder hindernis, vgl. dazu aus älterem sprachgebrauch die belege unter fürwerfen teil 4, 1, 935 (c): ein new corpus (korps) zurichten, solches dem feinde vorzuwerffen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 471; vorgeworfne hindernisse Ramler einl. in d. schön. wissenschaften (1758) 2, 39;
und cherub Michael fährt nieder
und rollt des vorgeworfnen steines last
hinweg von seines königs (Christi) gruft
Ramler lyr. ged. (1772) 364.
refl. in der jägersprache: 'wenn man wild zu koupieren und ihm zu pferd zuvorzukommen sucht, so nennt man dies: sich vorwerfen' Hartig lex. f. jäger (1861) 575, s. auch Zeisz dt. weidmannsspr. (1932) 133 s. v. vorlaufen.
β)
als schutz oder deckung:
... indem er voll edelmuth sich dem bruder zum schilde
vorwirft
Wieland s. w. 26 (1856) 372;
häufig vom schild (im eigentlichen sinne), den man vor sich bringt: (die ritter) wurffen die schilt fúr und schlugen sich sere druff und uff die helm Lanzelot 1, 234 Kluge; es ist zu spat, den schild fürwerffen, wenn man die streich hin hat Petri d. Teutschen weiszh. (1605) 2, 7ᵃ; der nährlich den schild vorgeworffen und die brust verwahret hatte Helwig Ormund (1666) 219; es (ein mädchen) warf den schild hoch in die höhe vor und schwang den spiesz Ayrenhoff s. w. (1814) 5, 275; vom schützenden schleier:
... ihr gesicht verhehlte
ein vorgeworfner faltenreicher flohr
Nicolai verm. ged. 4 (1780) 7.
3)
gelegentliche verwendungen.
a)
jem. einen musterwurf als vorbild zeigen (s. teil 12, 2, 809 vi): vorwerfen ... vor einem andern ... werfen, damit er es sehe, oder damit er nachwerfe Campe 5 (1811) 521ᵇ.
b)
als erster werfen (vor- temporal): vorwerffen, vorauswerffen; wer wirfft vor chi getta il primo Kramer teutschital. 2 (1702) 1334ᵇ (vgl. vorwurf II A 3).
B.
von der räumlichen vorstellung (A 2) aus übertragen: einen geistigen gegenstand vor jemandes sinne bringen, vor augen 'werfen' (halten, rücken). diese bedeutung findet sich ansatzweise in verschiedenen schattierungen, geläufig wird jedoch allein der übertragene gebrauch in der negativen verengung 'verweisend vor augen rücken' (s. u. 5).
1)
als aufgabe vorlegen, zur beurteilung oder bearbeitung darbieten. der zusammenhang mit der sinnlichen grundbedeutung ist noch erkennbar:
und in der selben wîse
warf er (der hochmeister Dîterîch) mir vor der crônken bûch
von Prûzin, ...
und hîz dî sinne mîne
mich darûf arbeitin
unde in dûtsch bereitin
Nicolaus v. Jeroschin kron. v. Pruzinlant 305 Strehlke;
von fragen (problemen):
wir vinden in der alten ê
und an der schrift noch vrâge mê
die man im vür sol werfen hie
Konrad v. Würzburg Silvester 3573 Gereke; 3619; 4007;
ein schwäre frag fürwerffen oder fürhalten ponere alicui quaestiunculam Frisius dict. (1556) 1100ᵃ.
2)
anzeigen, kundtun, erkennen lassen:
die zit und ouch die stunde (seines todes)
sinen brudern er (Martinus) vorwarf
passional 609 Köpke;
also kam er dar zuͦ, daz er wart gewarnet und wart ime fúr geworfen, daz in dem schine des selben bildes verborgen legi valscher grunt ungeordenter friheit und bedecket legi groze schade der heiligen kristenheit Seuse dt. schr. 327 Bihlmeyer; der priester erschrackt des hart der frag und auch des sehens (zuteil gewordene vision), das der edelman fürwarff Joh. Hartlieb dialogus miraculorum 211 Drescher.
3)
vorschlagen, zuweilen wohl auch als terminus beim wahlvorgang (vgl. vorwerfung 2 a): dasz hinfürter die neuen und alten vier burgermaister nach der jerlichen ratswahl 12 erbar menner von den zunften ... mögen fürwerfen (1552) städtechron. 32, 271 (Augsburg); bald wirdt mir für geworffen, soll den meszpriester lassen zu ime abhollen (ca. 1616) Hans Ulrich Krafft reisen und gefangenschaft 154 Haszler.
4)
vorbringen, geltend machen, anführen (vgl. vorwurf II B 1): allegare furwerffen mit worten der warheit und gezeugnisz Diefenbach gl. 23ᶜ; so seye (sagen die evangelischen) gott auch mächtig gnug, uns vor dem teuffel zu bewaren, ... wiewol nicht ohn, was von gottes allmächtigkeit wird vorgeworffen ..., so ist hin wider doch auch onwidersprechlich, dasz ... Kirchhof wendunmuth 2, 145 Ö.; dann auch 'als einwand vorbringen, entgegnen' (schon mit negativem beisinn): und ob sie (Eva) sich etwas wehrete und gottes gebot vorwarf, liesz sie sich doch gar leicht überreden J. Böhme s. w. 3, 191 Schiebler; ja, möchte mir jemand vorwerffen, das waren heilige gottergebene menschen Grimmelshausen Simpl. 12 Scholte; ich bild mir aber wohl ein, es werden etliche einwenden und vorwerffen, die Griechen haben vor zeiten ... Caro neue hall- u. thonkunst (1684) 55.
5)
verweisend vor augen rücken, tadelnd oder anklagend vorhalten (vgl. vorwerfung 2 b und vorwurf II B 2): und habe von Martino vernomen, das sy euch (Balthasar Ungerathen) vorwerfen mit rede das gelt, das mir gesanth ist (um 1420) bei Steinhausen privatbr. d. mittelalters 2, 134; (dasz mir) mein voriges wesen werd auffgerücket und vorgeworffen Pape bettel- und garteteuffel (1586) H 1ᵇ; doch sie kamen nicht weiter, als dasz sie einander ihre gebrechen vorwarffen Chr. Weise drey kl. leute (1675) 37; meine vorwürfe? was habe ich ihnen (anrede) denn vorzuwerfen? Lessing 2, 102 L.-M.; wie oft muszte ich mir das verwünschte puppenspiel vorwerfen lassen Göthe I 21, 8 W.; dasz einer dem andern die ... begangenen fehler vorwarf Ranke s. w. 9 (1876) 75; er hat ihr vorgeworfen, dasz sie arm sei Fontane ges. w. I 1 (1905) 219; ihr werft mir vor, versetzte Adrian, ich spräche über die jugend von oben herab und schlösse mich nicht ein Th. Mann Faustus (1948) 187; auch im sinne behördlicher anklage: ich weisz nicht, inwieweit die behörde grund hat, ihnen (anrede) kurpfuscherische tendenzen und verfehlungen vorzuwerfen Gerh. Hauptmann Emanuel Quint (1928) 189; grausig ist die mischung von religion und verbrechen bei Gilles de Rais, der ... erstaunt ist, als seine richter ihm vorwerfen, dasz er ein ketzer sei Huizinga, herbst des mittelalters (1928) 255; die mir vorgeworfenen strafbaren handlungen Erich Kunter weltreise nach Dachau (1947) 156. reflexiv: meine ... schwachheit, die ich mir selbst vorwerfe Cronegk schr. (1771) 1, 103; nichts ist unleidlicher als sich selbst seine eigenen fehler vorwerfen zu müssen (6. 9. 1811) Beethoven s. br. 2, 35 Kalischer; wechselbezüglich: was wir die Nord- und Südländer sich vorwerfen hörten Keller ges. w. (1889) 2, 162; eine häufige wendung ist sich etwas (nichts) vorzuwerfen haben: ich habe mir mit ihnen (anrede) nichts vorzuwerfen, als dasz ... Lessing 2, 294 L.-M.; und was hast du dir vorzuwerfen? Lenz ges. schr. (1828) 1, 80 Tieck;
dem gilt die treue über alles, nichts
hat er sich vorzuwerfen
Schiller 12, 346 anm. G.;
Freiligrath gehört zu den wenigen ..., bei deren tod man sich ängstlich fragt, ob man sich nichts vorzuwerfen, sie nie beleidigt habe (11. 5. 1876) G. Keller br. u. tageb. 3, 164 Erm.; niemand hat sich das geringste vorzuwerfen, niemand hat irgendeine schuld! Hesse steppenwolf (1928) 141; sie hatte sich nichts vorzuwerfen Feuchtwanger Simone (1950) 67. vereinzelt auch sachbezogen '(an einer sache) etwas tadeln, aussetzen, bemängeln': man hat der Mesziade vorgeworfen, dasz sie nicht homerisch sei Gerstenberg recensionen 124 lit.-denkm.; indem sie ihr (der produktion der Franzosen) den mangel an geschmack vorwerfen Göthe I 45, 172 W.; der dem deutschen oft vorgeworfene umfang der wörter wirkt kaum störend van Dam handb. d. dt. spr. 1 (1944) 84; vgl. sachbezogenes vorwurfsfrei 'einwandfrei'.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1951), Bd. XII,II (1951), Sp. 1922, Z. 1.

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Zitationshilfe
„fürwerfen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrwerfen>, abgerufen am 02.08.2021.

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