Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürwesen

fürwesen,
vorstehn, praeesse. mit dat.: darumb gib mir, mein herr und vater, das (dasz) ich deinem volck müge furwesen zu deinem lob und jrem nutz. Luther 1, 500ᵇ. s. vorwesen. da das wort daneben aber ganz wie verwesen, verwalten, gesetzt wird, das den acc. regiert (s. verwesen), so findet es sich auch mit diesem casus gefügt: die die gemeine ämpter fürwesen. Leo Jud Titus CC 1ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 938, Z. 25.

vorwesen, vb.

vorwesen, vb.,
got. faurawisan Streitberg 2, 176; ahd. forawesan ahd. gl. 2, 294 St.-S.; mhd. vor(e)wesen mhd. wb. 3, 766ᵇ; vorwesen Lexer 3, 460; frühnhd. vorwesen, daneben zeitweilig für- bzw. vurwesen, s. Diefenbach gl. 453ᶜ s. v. praeesse, vgl. auch fürwesen teil 4, 1, 1, 938; an. *forvera, inf. zu forverandi Fritzner 1, 464; mschwed. forevara Söderwall 282; schwed. förevara ordbok över svenska spraͦket F 2630; ae. forewesan Bosworth-Toller 309; mndl. vorewesen Verwijs-Verdam 9, 1, 1142; mnd. vorwesen Schiller-Lübben 5, 306ᵇ; 5, 503ᵇ; 6, 301 nachtr.unfeste zusammensetzung mit lokalem vor-, die als parallelbildung zu prae-esse in der ahd. (bzw. germ.) übersetzungsliteratur aufkommt. das verbale kompositionsglied steht wie das simplex (s. wesen) mit seinen formen im suppletivverhältnis zu sein, d. h. der stamm *wes- bildet im wesentlichen nur infinite (inf., part. präs., part. prät.) und präteritale formen zum präsens-stamm *es- bzw. *bhu- (s. sein teil 10, 1, 228). dieser setzt sich allmählich auch im inf. und part. präs. durch: bei Notker bereits findet sich als inf. nur foresin (s. Notker 2, 66 u. 263 Piper), aber erst im frühen nhd. dringt vorsein endgültig im allg. sprachgebrauch durch, noch im voc. theut. (Nürnberg 1482 mm 2ᵇ) stehen vorsein und vorwesen nebeneinander; wenig länger hält sich vorwesend gegenüber vorseiend. vgl. die parallelentwicklung im ndl.: mndl. vorewesen(de) -voresijn(de), ndl. voorzijn(de). — da die präteritalformen (prät. und part. prät.) bereits unter vorsein (teil 12, 2, 1553) aufgenommen sind, werden hier im wesentlichen der inf. und das part. präs. berücksichtigt, d. h. diejenigen formen des stammes *wes-, die neben vorsein, vorseiend für das nhd. einen relativ selbständigen wert (auszerhalb des paradigmas vorsein) haben.seit ahd. zeit finden sich drei arten übertragenen gebrauchs belegt, im frühnhd. tritt eine vierte auf. dabei sind partikel und verbauch in 'distanzkomposition' — zu funktioneller einheit verbunden. eine sinnlich-räumliche vorstellung liegt überall zugrunde; jedoch in eigentlicher, räumlicher verwendung ist vorwesen ungebräuchlich. auch die entsprechenden unter vorsein teil 12, 2, 1553 (1, 2) aufgeführten belegformen sind angesichts des betont adverbiellen charakters von vor kaum als komposita anzusprechen; sie gehören im grunde unter vor teil 12, 2, 805 (1). in allen vier verwendungen wird vorwesen von vorsein abgelöst, das seinerseits im sprachgebrauch der gegenwart anderen wörtern und wendungen gewichen ist.
A.
von personen.
1)
jemandem vor-stehen, vor-gesetzt sein; dann auch 'anführen, verwalten, regieren': abba! qui preesse dignus est monasterio! ... der forawesan wirdiger ist munistres kl. ahd. sprachdenkm. 197 Steinmeyer (Benediktinerregel), vgl. ebda 199, 207; dô sprach der houbitman Accacius und der herzoge Helyades zu den nûntûsinden, den si vore wâren dt. mystiker 1, 138 Pfeiffer; in den iaren dann Gedeon dem volck vorwas (praefuit) erste deutsche bibel 4, 371 la. Kurr., vgl. auch ebda 4, 429 und 5, 258, ähnlich: gib mir, mein herr und vatter, das ich deinem volck muge furweszenn zu deinem lob und yhrem nutz Luther 7, 603 W.;
ihr solt zween cardinel sein gnesen
und solt der heiligen kirchen vorwesen
fastnachtsp. 2, 920 Keller;
im niederdt. infolge des zusammenfalls von vor- und ver-formen (vgl. auch u. 2 sowie u. vorweser) zwischen dat. und acc. schwankend (s. Lübben hwb. s. v. vor-wesen 535 und vorstân 524): also dat we on ... gestadet hebben met uns dem hospitale vortowesende ... to vorstande (1440) urk.-b. d. stadt Göttingen 2, 159 Schmidt; unde bat se (die ratsherren), dat se wolden vorstan unde vorwesen sine herscap Detmar Lübeck. chron. 1, 285 Grautoff. — vorwesend findet sich gelegentlich als bezeichnung der hervorragenden, ausgezeichneten stellung, im sinne von 'erhaben, vornehm, von hohem rang': in diesem hoͤchsten grad geistlichs stands ... sint kardinal priester: ... denselben lobwirdigen fuͤrwesenden vaͤttern wir uͤberschrifft setzen moͤgen also ... Riederer rhetorik (1493) m 3ᵇ, vgl. dazu die lexikalischen belege von vurwesende bei Diefenbach gl. 457ᵃ s. v. presidens und 459ᶜ s. v. primor; hierher gehört wohl schon ahd. forauuisanter (mit unregelmäsziger erhöhung des e zu i, vgl. Weinhold alem. gr. 24 und Wilmanns dt. gr. 1, 232) eminens ahd. gl. 2, 82 St.-S. und an. forverandi formađr Fritzner 1, 464.
2)
jemandem vorstehen, schirmend und schützend, als 'schirmherr' in obhut haben: daz sie gilirneen daz du in foreware do sie ungetruobet waren Notker 2, 441 Piper, vgl. auch ebda 1, 26;
wand du in vollen huten
dem clostere salt vorwesen
passional 119ᵃ Köpke;
owe der iamerlichen not,
der wir sin immer ungenesen!
wer sal uns wiben vorwesen?
ebda 103ᵃ;
ich kan schreiben und lesen
und zarten frauen vorwesen
fastnachtsp. 2, 619 Keller;
zuweilen mit dem acc. (s. o. A 1): he de gansze cleresie hadde vormordet, hedde god se nicht vorgeweset (nisi dominus civitatem custodisset) chronicon sclavicum 352 Laspeyres; unde ick rade er mit dy to bliuende, wente ick wyl se suluen vor wesen (1496) St. Birgitten openbaringe bei Schiller-Lübben 5, 306ᵇ.
3)
jemandem (bzw. einer sache) vor- (im wege) stehen, hindernd und verhütend.mit dem genitiv der sache: newâre mir fore dero passionis Notker 2, 94 Piper;
ouch werte sich gar langen
von Rôme der senator,
doch mocht er niht des wesen vor
im selben noch den sînen,
er muost si lâzen pînen
die Franzois als die ander
Ottokar österr. reimchron. 3092 Seemüller, vgl. auch 38956 und 54750;
wante en scheghe des nicht, so en kunne we em des nicht vore wesen, we en moten em des staden (1401) urk.-b. d. herzöge v. Braunschweig-Lüneburg 9, 201 Sudendorf; und menden mit sodaner weddersettinge to ewygen tydt unser stadt aller hulpe und contributien to den vorscreven schulden vor to wesende (1476) städtechron. 36, 303 (Lüneburg), vgl. auch 36, 331; mit objektsatz: item dat ... is nicht ghescheen in vorsmaynge pauesliker bode, sunder to entghande unde vore to wesende, dat ... (1461) ebda 36, 237; unde scholden dar vor wesen dat ys nen not mer en were Detmar Lübeck. chron. 2, 201 Grautoff.
B.
im frühen nhd. auch von einer sache. jemandem bevorstehen, vor (augen) liegenals im gange befindlich oder in aussicht stehend, wobei das part. präs. besonders häufig ist: ist geraten, si diss jetzt vorwesenden eidts uff disem ankommenden ostersampstag ze erlassen qu. v. j. 1555 in: schweiz. id. 7, 1044; als ... dise stat mit höreskraft unversehens überfallen, auch, als man geacht ..., dasz man solcher vorwesender kriegsrüstung und gewalt mit ainicher hoffnung guͦter und zuͤversichtiger ausrichtung zuͤ widerstehen nit, noch sich zuͤ erretten gefaszt (ca. 1565) städtechron. 32, 282 (Augsburg); dasz von ihnen keines wegs unterlassen werde, was zu behuff fürwesender angelegenheit dienlich erscheinen möchte Harsdörffer secretarius 2 (1656) 722, vgl. auch ders., frauenzimmergesprächsp. 3 (1643) 176; um ... die vorwesende traurigkeit ... zu besänftigen Omeis gründl. anl. (1704) 41; dann auch 'vor-schweben': es war mir vor je m'en doutois bien avoir quelque présentiment Frisch dt.-frz. (1752) 688; vgl. dazu auch: schweiz. id. 1, 929; Fischer schwäb. 2, 1639 u. Martin-Lienhart elsäss. 1, 131.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1951), Bd. XII,II (1951), Sp. 1935, Z. 13.

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Zitationshilfe
„fürwesen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrwesen>, abgerufen am 06.12.2021.

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