Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürwitz, m. und f.

fürwitz, m. und f.,
s. vorwitz. ursprünglich hatte man ahd. firiwizi n., vielleicht auch firiwizzî f., wiszbegierde, neugierde, verwunderung, staunenswerthes, wunder, mhd. virwiz n. und virwitze f., wiszbegierde, neugierde, alts. firiwit n. und m., ags. fyrvit, fyrvyt, fyrwët n., wiszbegierde, dann neugierde, ein zusammengesetztes wort, das in seinem letzten theile von ahd. wiʒan, alts. witan, ags. vitan, nhd. wissen, abgeleitet, in seinem ersten aber noch keineswegs genügend erklärt ist. dasz dieser ahd. fir-, far-, später fer-, mhd. und nhd. ver-, alts. for-, far-, ags. for- nicht sein kann, ergibt sich auf das deutlichste aus seiner alts. und ursprünglichen ahd. form firi, so wie aus dem festhalten dann ahd. an fir und mhd. an vir, eben so aus ags. fyr, d. i. fir. eher läszt sich und zwar bei groszer wahrscheinlichkeit in diesem firi, fir mit Wilhelm Wackernagel in seinem wb. zum altd. lesebuch das masc. vermuthen, das in dem ahd. pl. firahî (Wessobr. gebet 1), mit ausstoszung des a und auch des h firî (Hildebrandsl. 10), alts. mit angleichung des a zu i firihî und mit ausstoszung firî, ags. firas, fyras, altn. firar, lebende, menschen, leute, steckt und von ahd. und alts. fërah, fërh n., mhd. vërch, seele, leben, ags. feorh (bei antretender flexionssilbe ohne h) n. und m., seele, leben, lebendes wesen, altn. fiör n., leben, abgeleitet ist, mit dem auch goth. faírhvus m., welt, eigentlich zusammensein lebender menschen, in naher verwandtschaft steht (s. gramm. 3, 393. mythol. 753). nach dieser ansicht würde die ursprüngliche bedeutung des zusammengesetzten wortes sein, wie mit rücksicht auf jenes goth. faírhvus W. Wackernagel früher annahm: weisheit der menschen, der welt, oder wie er später, in der neuen ausg. des wb., verbesserte: was alle welt weisz oder zu wissen strebt. aber die bedeutung des ahd. firi, fir, schwand in dem bewustsein des volkes und es trat deshalb schon bei Notker, um firiwizi, firwizze verständlich zu machen, umbildung des firi, fir in fure, fur ein, so dasz neben jenem firwizze ein furewizze, furwizze erscheint. târ mite was in fure wizze allerô irô lidô. Boeth. 94, = „damit trieboder, wie wir lieber sagen,stach ihn (Nero) die neugier nach allen ihren (seiner mutter) gliedern“; dën nehein furwizze neist wiêo auriga in circo spilôt ûfen sînemo curru. ps. 39, 5, = den treibt (sticht) keine neugier, wie ein fuhrmann in der rennbahn sich vergnügt auf seinem wagen. diese beiden stellen sind auch die einzigen, in welchen nachweisbar das wort in seiner umbildung für sich steht; auszerdem findet es sich nur noch in dem mit ihm zusammengesetzten adj. furwizkërn, nach neuigkeiten lüstern, auf neuigkeit erpicht (N. ps. 8, 9), furewizkërn (Mart. Cap. 132), für firiwizkërn, viriwizgërn (gl. mons. 366, zu curiosa in der vulgata apostelgesch. 19, 19), ags. fyrwitgeorn. auch in dem ausgange der ahd. zeit und selbst in der mhd. lassen sich fürwizze, fürwiz nur sehr spärlich nachweisen, das letzte, mhd. gewöhnlich vürwiz geschrieben, in ein masculinum übergegangen:
unde si (die weiber) michil furwizze (verwunderung) an chomen was.
Milstäter genesis 113, 19;
si (Eva) volget ir bôsen furwitz (neugier)   und tët dar în einen biz.
14, 12;
dër fürwitz machet kranken muot:
dâ ist diu Minne unschuldec an.
Winsbekin 41, 1;
daʒ ir vertâner vürwiz
durch ganze liebe manigen sliz
kan zerren unde brëchen.
trojan. kr. 11235;
dër vürwiz reiʒete si dô mê.
GA. 2 s. 16, 417.
mitteld. aber mit vor das fem. vorwitze in dem sinne von vorwissen, vorauswissen:
daʒ (das land) ouch sî mit vorwitzin
dô gewarnet vunden.
Jeroschin 24395.
gleicher weise findet sich vorwizze in Conrads von Heinrichau vocab. rerum v. 1340 (s. fundgr. 1, 369). vgl. auch fürwitzen n. nhd. kennt man nur fürwitz, mit unterdrückung des umlautes furwitz, und mhd. vir erscheint nur noch ein einzigesmal in virbitz in den fastnachtsp. 513, 26. s. unten 4). curiositas, fürwitz. vocabula pro juventute 1517 24ᵇ. aus einem vocabular von 1521 bei Diefenbach 163ᶜ. Dasypodius 47ᵃ. Alberus dict. m 1ᵃ. furwitz. Alberus dict. JJ 1ᵃ. fürwitz (die), curiositas. Maaler 151ᶜ nach Frisius (1556) 356ᵃ. auch bei Hulsius 52ᵃ, Schönsleder, Reyher fürwitz. fürwitz, curiositas, libido. Henisch 1314, 30. dagegen bei dem Eimbecker Schottelius kein fürwitz, sondern 653ᵇ vorwitz. Kramer oder, wie er sich nennt, Krämer in seinem teutsch-ital. wortbuch hat s. 495ᵇ fürwitz m. und auch s. 1199ᵃ vorwitz m., aber dieses nur mit verweisung kurzhin auf jenes. das neue teutsch-frantzös.-lat. dictionar. für einen reisenden (1683) nimmt gleichmäszig beide wörter auf und zwar als feminina, dagegen Stieler merkwürdiger weise weder das eine noch das andere. im 18. jahrh. verzeichnen wieder Wilhelmi, Dentzler, Weismann, Kirsch nur fürwitz, während Ludwig 678ᵇ fürwitz (der) oder vorwitz, und Rädlein sowie Aler fürwitz und vorwitz, jedes an seiner stelle im alphabete, anführt und zwar der vorletzte ausdrücklich beide wörter als masculina. Steinbach 2006 setzt für-, vorwitz, gebraucht aber in den beispielen blosz das letzte. Hederich und der ihm folgende Nieremberger verweisen bei fürwitz kurzweg auf vorwitz, ein zeichen dasz sie dieses als das beim gebrauche weitaus vorwiegende ansehen. Matthiä endlich schreibt zwar in der ersten ausgabe seines lexicons, wie gewöhnlich, Kirsch aus, fügt dagegen in der 1761 erschienenen dritten (die zweite fehlt mir) bei fürwitz am schlusse hinzu, dasz vorwitz richtiger sei. dieses allein hat denn auch bei Frisch 2, 454ᶜ, Bernhold, Crichton, Weber in seinem deutschlat. universalwb. aufnahme gefunden, und Adelung führt bei vorwitz wol fürwitz als oberdeutsch an, fügt aber zum schlusse die bemerkung bei, dasz sich die schreibart mit nichts entschuldigen lasse. auch Heynatz orthogr. wb. 273ᵃ u. antibarb. 1, 437 läszt nur vorwitz als richtig gelten, und dasselbe scheint stattzufinden bei Campe, der gleich seinem vorgänger Adelung bei fürwitz ohne weiteres auf vorwitz verweist, bei diesem aber über jenes nicht das mindeste bemerkt, worin ihm Heinsius folgt. von den früheren vor Campe erwähnen Haas im teutsch. u. franz. wb. und im deutsch-lat. handwb., Bauer und Scheller fürwitz gar nicht, und die 1849 erschienene zweite abtheilung des zweiten theiles von Heyses handwb. enthält s. 1750 bei vorwitz die kurze bemerkungalt u. oberd. fürwitz“. allerdings ist seit der mitte des 18. jh. fürwitz von vorwitz fast verdrängt worden, dennoch gebrauchen jenes noch, wie unten stellen zeigen, gute schriftsteller. dasz es die mundarten Süddeutschlands bewahren, gaben schon Adelung und Heyse an und ergibt sich aus Schmeller 1, 555 u. 4, 207, Schöpf 162 u. 819, Lexer 259, aber auch in einem theile Mitteldeutschlands, z. b. der Wetterau, in Oberhessen, verblieb es und kam vorwitz gegen dasselbe nicht auf. die Gottscheer mundart hat würbitz m. (Schröer 88), und von ihr aus ist dann firbit ins slovenische eingedrungen (ebenda). die verstärkung aber des w zu b zeigt auch das bereits vorhin erwähnte und in einer stelle unten unter 4) vorkommende virbitz, mit dem ebenda vorher in einer stelle stehenden fürbitz, und selbst Luther hat fürbitz statt fürwitz in seinen predigten über das erste buch Mose (Wittemb. 1527) Ss iiijᵇ. was das geschlecht anlangt, so gieng, wie die vorhin angeführte zweite stelle aus der Milstäter genesis zeigt und vorher angedeutet wurde, das neutrum mit dem ausgange der ahd. zeit in ein masculinum über, und nhd. ist dieses das geläufige bei Luther, der jedoch auch, zumal in seiner ersten zeit, das femininum setzt. vgl. Ph. Dietz 1, 762ᵇ. dieses erhielt sich übrigens neben dem masc. noch bis gegen ende des 17. jh. fort und erlosch dann, von demselben völlig verdrängt. Nun zu den bedeutungen, die sich aber nicht immer streng scheiden lassen. sie sind
1)
sich vorwagende wiszbegier: die sollen uns die rechte warheit sagen und den fürwitz büssen, wie es gehe nach diesen leben, sonderlich den bösen. Luther 3, 211ᵃ; nachmalsz hat fürwitz immer ein newes uber das ander erdacht, etliche haben an die weyssen gleser farben, allerley bildwerck und sprüche im küloffen brennen lassen u. s. w. Mathesius Sarepta (1562) 277ᵃ.
2)
ein treibendes streben neues zu wissen oder zu erfahren, eine treibende neugierde: fürwitz fichtet dich an, du horest ein geferte an der strasz vor deinem haus und wilt wissen, was das seie, was da fürgang (vorübergehe), far oder reit. Keisersberg predigen (1488) 123ᵇ;
het fürwitz und dein will gethan,
ich het dich wol zu fried gelan.
Barthol. Ringwald treuer Eckart F 5ᵃ;
doch eine randglosz (der zeitung) lokte
izt meinen fürwiz an.
Schiller, in der anthol. 1782 s. 11;
ein liebenswürdger fürwitz, den sie doch
sehr bald gestillt, wie ich beweisen könnte.
Karlos 2, 9, erster druck in der Thalia 3, 36,
in der ausgabe 1787 aber bereits vorwitz. der fürwitz sticht einen, plagt ihn unaufhörlich, läszt ihm gar keine ruhe:
dich sticht der fürwitz spat und fru,
hast auch kein frid.
H. Sachs I (1590) 359ᶜ;
sich, alte, bist beim rocken hinnen,
magst du daheimen auch nicht spinnen,
der fürwitz sticht dich auch noch sehr.
III (1588). 3, 5ᶜ;
darauf so lief er in die wette,
als ob er feür im busem hätte,
weil ihn ein andrer fürwitz stach,
dem schauspiel mit dem pöbel nach.
Drollinger 161.
dagegen ags. më bricđ fyrwit, mich bricht der fürwitz, ich bin neugierig. s. gramm. 4, 289. Davon dann
3)
sich vorwagende neugier, sich vordrängende neugier, vorschnelle neugier: was deines ampts nicht ist, da las deinen furwitz, denn dir ist vor mehr befolhen, weder du kanst ausrichten. Sir. 3, 24, sprichwörtlich geworden und z. b. Musäus Grandison 2, 218 als ein goldner spruch bezeichnet; es ist nicht aus lauter fürwitz noch frevel geschehen. Luther 1, 288ᵇ; dann wenn sie den fürwitz gebüsset hatten, so gereuwets sie bald darnach. tischreden 309ᵃ; wenn solche leute (aufpasser und spione) in die kirche kommen ausz bösem fürwitz, wie die junge studenten zu Athen in desz apostels Pauli predigt kamen, nicht dasz sie trost und erquickung für ihre seele holen, sondern dasz sie etwas neues hören möchten. Schuppius 639; da nun das gespenst auch unter den ofen zündete, wo die magd lag, trieb mich der fürwitz, dasz ich auch, wiewohl furchtsam, hinunter schauete. ungar. Simplicissimus s. 13 (cap. 5);
es spitzet nie die morgenröthe
den frühen fürwitz durch den wald,
dasz nicht auf Damons muntrer flöte
der trauten Doris ruhm erschallt.
Justus Möser, im alm. d. d. musen 1776 s. 229;
meine buhlerei hat den arglistigsten despoten betrogen, meine tollheit hat euerm fürwitz meine gefährliche weisheit verhüllt. Schiller Gödeke 3, 78, 12 (Fiesko 2, 18); fürchten Sie nichts. unsere angst bewacht unsern fürwitz. 122, 22 (4, 11). personificiert: über ein kleines kame die Fürwitz, das jenig schwätzige weib, welches biszweilen lieber hunger wil leiden, als nichts umb neue oder alte lügen wissen. Schuppius 704;
sie (misz Fama) ward von frau Curiositas
dereinst zur welt gebohren.
o hätte madam Fürwitz nur
die unverschämte kreatur
im ersten bad ersäufet!
Blumauer Virgils Aen. 1, 151.
oder wie personificiert: je mehr indessen herr Bunke seine fragen häufte, desto geflissener machte sich der ludimagister eine boshafte freude daraus, den zudringlichen fürwitz desselben bei der nase herum zu führen. J. G. Müller Siegfr. v. Lind. 1, 124. Danach überhaupt
4)
leichtfertig sich vorwagende begierde nach neuem, leichtfertig sich vordrängende begier, vermessenes beginnen: ir spil mit springen, ringen und annderm fürbytz zu üben. Nürnberger polizeiordnungen 90, 5; denn wir hören, das (dasz) etliche unter euch wandeln unördig, und erbeiten nichts, sondern treiben furwitz. 2 Thess. 3, 11; und der herr gab jr (Judith) gnade, das sie lieblich anzusehen war, denn sie schmücket sich nicht aus furwitz, sondern gotte zu lob. Jud. 10, 5; einen man aber zu nemen, habe ich gewilliget, in deiner furcht, und nicht aus furwitz. Tob. 3, 19; derselbige (Abraham) nam ein ander weib, nicht aus furwitz wie jr thut, sondern das er gotte kinder zeugete. Luther am rande zu Mal. 2, 15; in der erst gehets wol also an, das sie (es sind junge eheleute gemeint) einander (wie man sagt) für liebe fressen wollen, aber wenn der fürwitz aus ist, so ist der teufel da mit dem uberdrus. Luther 5, 380ᵇ; die erste brunst und fürwitz wirds nicht thun. 382ᵇ;
mein sun wil die haben zu eim weib,
die im den virbitz vertreib.
fastnachtsp. 513, 26;
zum achten Crimhilt das schön weih
deut ein weib das der fürwitz treib
zu manchem hochmütigen stück.
H. Sachs III (1588). 2, 182ᶜ;
weil nun meim esel ist wordens glück,
das jn der fürwitz sattel drückt,
und brauchen will der ketzer schwert,
wie jn Vulcanus hat gelehrt.
Nasus Nasenesel 35ᵇ;
das (dasz) ein yeder herr unnd obrigkait mit gewalt seine underthonen zwinget, den catholischen uralten glauben abzuͦschaffen unnd entgegen den newen, so ein yeder herr nach seiner witz unnd fürwitz, auch villeicht nach gelegenhait seiner hauszhaltung jhm sonderlich läszt einbilden, mit gewalt seinen underthonen befilcht anzuͦnemen. dessen antipapistisch eins und hundert 161ᵃ;
also musz der fürwitz geschehen,
secht, solch end hat der schiltkrottflug.
Fischart ehzuchtbüchlein 52 (Scheible 450);
so mich einer noch aus fürwitz sihet an.
Weckherlin 205 (ps. 102, 7);
witzlosz war die fürwitz, aufsätzig der fürsatz,
creutzgeitzig der ehrgeitz, die mich so sehr bethöret.
702 (1641 s. 207);
vertieffet sich so fern, wenn ihn der fürwitz treibt,
dasz er dem pabst so viel, als einem Luther gläubt,
dem Zwingel nicht vielmehr, will alle ding ergründen.
Rachel, 5. aufl. s. 62;
ist etwan ein altes hausz, ein alter hut, ein alter mann, ein armes altes weib, etwas dz sich nach ewerer fürwitz und gespitztem hirn nicht wil schicken, so bald sagt jhr, das seye altfränckisch, sey nicht alamodisch, gehöre nicht mehr in diese welt, sey nicht mehr zu brauchen. Philander 1, 221; sihe so vermehrten sich meine grillen und dauben, die der fürwitz in meinem hirn ausheckte. Simpliciss. (Keller) 3, 177, 8 = Courasche cap. 2; ich weisz nicht, wie dieser gute mann (kaiser Karls geheimschreiber Eginhard) in etwas übersichtig ward, und der alleine die brieffe seines herren durchsehen solte, auch auff die schönheit der tochter (Emma) ein freyeres auge warff. die frucht dieses fürwitzes war die liebe. Hoffmannswaldau heldenbriefe s. 1;
was ich verborgen hielt, will fürwitz doch ergründen.
Abschatz glückwünschungen s. 126;
die regung mütterlicher triebe,
der fürwitz und der geist der liebe
fährt oftmals schon ins flügelkleid.
o schlimme zeit!
Hagedorn 3, 72;
den weisen geziemet die pflege des lichtes,
und streiche belohnen den fürwiz des wichtes.
Friedr. Stolberg ged. (1821) 2, 286;
ich sags dir, setze deinem fürwiz ziel!
dessen Aeschylos 148.
personificiert:
Fürwitz, der kramer, hat viel war
gebracht ausz fremden landen,
wer ichts bedarf, der fuͤg sich dar!
findt mancherlei vorhanden.
Uhland volksl. 636, 1.
Sprichwörtlich: fürwitz macht jungfrawen thewer. facet. facetiarum s. 408 (vgl. Aler 825ᵃ), macht dasz sie sich leicht um ihre jungfrauschaft bringen, wie denn Weismann 2, 137ᵇ übersetzt culex ad lychnum. auf das sprichwort bezieht sich im Simplicissimus 562 (Keller 836, 13f.) der fürwitz, so jungfern theuer machet. mit ihm stimmen andere: in fürwitz ist der jungfrawen sitz, daher thewrung der ehrlichen folget. Lehmann, s. Wander 1, 1293; fürwitz macht jungkfrawen thewer und macht böse mägd. Henisch 1315, 6;
fürwitz
ist jungfrauen wenig nütz.
Simrock nr. 2954;
fürwitz macht Dina
bald zur concubina.
Abraham a S. Clara nach 1 Mos. 34, 1f., s. Eiselein 199;
fürwitz macht, dasz man viel megde find, aber wenig jungfrawen.
Petri der Teutschen weiszheit, s. Wander a. a. o.;
fürwitz macht hurerey.
Lehmann, s. ebenda.
andere sprichwörter aus Lehmann sind: fürwitz verführt jung und alt, bringt viel umb ehre, gesundheit und leben; fürwitz will das ding wissen und erfahren; fürwitz drehet das rad ungebetten; fürwitz bestehet wie schnee an der sonn; fürwitz hat viel brüder und schwestern. s. Wander a. a. o. dann ist noch weiter aus Petri anzuführen: fürwitz ursacht und find unglück. s. Wander a. a. o. fürwitz gereth selten. Henisch 1314, 69. fürwitz macht viel thoren. 1315, 8.
eigennutz fürwitz und lange weile
machen den mann lauffen uber vil meile.
1314, 67;
wer nimpt aus fürwitz frembdes an
wirdt driber offt zum losen mann:
wer seinen fürwitz zämen kan,
der ist desz lobs ein wirdig man.
1315, 20. 22.
5)
etwas neues blosz zum erstaunen, etwas neues um damit aufsehen und verwunderung zu erregen: sie (die Türken) tragen eyn erber kleydung, an jren sätlen, zemen (zäumen) wirt kein fürwitz und überflussz gespürt. Frank weltbuch 98ᵇ. die bedeutung knüpft sich an an die ahd. vorkommende: wunder (Wessobrunner gebet 1. Graff 1099), verwunderung.
6)
eine fürwitz kund gebende person, eine fürwitzige person. in diesem sinne kommt das wort im gewöhnlichen leben häufig vor, aber nur als masc. der fürwitz, überall musz er vorn sein! must du fürwitz denn immer sein, wo es etwas zu sehen gibt! in der Wetterau hört man hier auch fürwotz, dessen o unter einwirkung des w sich bildete.
7)
in der gaunersprache der bader, feldscher, wundarzt. natürlich nur masculinum. weimar. jahrbuch 1, 331. Grolman 22ᵃ. Train 42ᵇ.
8)
die kornelkirsche, cornus mascula. Bechstein forstbotanik 649. auch hier nur masculinum, aber gewöhnlich gebraucht man das süddeutsche dim. fürwitzel, s. d.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 939, Z. 25.

fürwitz, adj.

fürwitz, adj.,
ahd. firiwizi, durch rückwirkung des w auch firuwizi (Diut. 1, 219. O. III, 20, 126. V, 18, 4), dann viriwiz, firwizzi, virwiz, mhd. virwiz, gleicher weise gebildet, wie das ahd. subst. firiwizi, durch ableitung von wiʒan, nhd. wissen, und zusammensetzung mit dem noch nicht sicher aufgehellten firi. s. das vorhergehende fürwitz. aber auch hier trat, wie bei diesem subst., doch erst mhd. umbildung in vurwiz ein, das freilich nur Servatius 3451 nachweisbar ist. Die bedeutungen, die eben so wenig, wie bei dem subst., immer streng geschieden werden können, sind:
1)
sich vorwagend wiszbegierig.
2)
getrieben neues zu wissen und zu erfahren, von neugierde getrieben: etlich waren so fürwitz. Michael Behams meistergesänge, s. Schmeller 4, 207; darnach so findestu, das dein vernunfft ist fürwitz. predigten, s. Schmeller ebenda; wen dein vernunfft ist gancz fürwitz. ebenda.
3)
sich vorwagend neugierig, sich vordrängend neugierig, vorschnell neugierig: sehr viel fürwitzer leut. Melanchthon 5, 75; gott zeucht uns auch von diser furwitzen sorgfeltigkeit. dessen annotat. Römer verdeutscht 46;
so halt ein fraw auch jhr hauszmäyd:
wo mans (man sie) nit erstlich helt im zaum,
und läszt jhr gar zu weyten raum,
so werden sie stoltz und fürwitz,
zu klappern jenes und auch ditz.
H. Sachs I (1590), 366ᵈ;
bein nachbarn ich vil unraths schaff,
darzu bin ich auch sonst fürwitz
und stets hinderm mann popitz,
in dem frawenzimmer ich sitz.
II (1591). 2, 5ᵇ;
bäuerin. frag wer sie sey? und wann sie kumm?
bauer. du bist auch fürwitz, tol und dumb,
dir ist wol mit seltzamen gesten (gästen).
III (1588). 3, 18ᶜ;
die erst lehr, dasz ein schwanger weib
hab fleissig acht auff jren leib,
dasz sie nicht so fürwitz und gech
ein jeglich ding lauff und besech,
vorausz was grewlich schröcklich ist.
IV. 3, 70ᶜ.
4)
auf neues begierig leichtfertig sich vorwagend, auf neues begierig leichtfertig sich vordrängend, sich vordrängend begierig, vermessen begierig, von ungezügelter begier getrieben. schon ahd. das vorhin aus Diut. 1, 219 angeführte firuwizi bedeutete: sich vermessen überhebend, fastus. vgl.fürwitzen 2). nhd. wenn sie (es sind junge witwen gemeint) geil und fürwitz worden sind, dasz sie das futter sticht, so wöllen sie freyen. Luther tischr. 214ᵃ;
Venus ist ein tochter Jovis,
die er Vulcano verheuratn liesz.
die ist gar furwitz, frech und gail,
tregt jren leib den göttern fail.
Ayrer fastnachtspil 31ᵃ;
weils nun aber ... von den fürwitzen predigkäutzin fürnemlich geschehen ist. Nasus Nasenesel 42ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 943, Z. 33.

fürwitz, das von dem vorigen adj. gebildete adv.

fürwitz, das von dem vorigen adj. gebildete adv.,
welches aber nicht jedesmal von jenem zu scheiden ist, so dasz ungewis bleiben kann, ob das adv. oder das adj. steht. so unter dem adj. fürwitz 3) in der letzten stelle von H. Sachs.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 944, Z. 3.

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Zitationshilfe
„fürwitz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrwitz>, abgerufen am 16.05.2021.

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