Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürwort, n.

fürwort, n.
1)
ein vorausgehendes wort in beziehung auf das folgende, das was in beziehung auf das folgende wort gesprochen wird oder zu sprechen ist, einleitendes wort, einleitende rede, vorrede. fürwort, praefatio. Henisch 1315, 27. sprichwörtlich vom einzelnen vorausgehenden worte:
wer jemand betriegen wil
der macht der süessen fürwort vil.
29,
dulcia praefatur, qui fallere praemeditatur. heute vorwort (s. d.).
2)
das vorausgehende wort der bedingung, die bedingung, der vorbehalt, conditio, reservatio: so sollen noch wollen wir uns, weder mit glubden, eyden, furworten, noch verschribungen verpflichten oder nichts furnemen noch gebruchen, geistlich noch werntlich (weltlich) in kein weg, dadurch diese eynunge ... moge geirret, geschwechet oder gekrenckt werden. Heidelberger urk. v. 1456 bei Gudenus cod. diplom. 4, 321; dasz er, egenanter Heinrich, umb Martin Bloner den sattler gelehnt hat mit den fürworten, dasz er dem spital V libb. und V sz. geben solt von des obgenanten haus zu der megede wegen. registrum sententiarum senatus minoris argentinensis v. j. 1417; s. Scherz 458. fry on fürwort. jus statutarium friburgense 6. ja oder nein, on fürwort. ... 863, doch diese stelle könnte auch unter die bedeutung 6) gehören. conditio, geding, beding, fürwort, andingung, fürbehalt. Schöpper syn. nr. 30. da woltend etlich stett, Rapperswil und etlich mer (als man allweg widerspennig, unruͤwig, fürwitzig lüt findt) nit besiglen (es ist die besiegelung eines friedbriefes gemeint), dann mit etwas fürworten und uszzügen. Tschudi chron. 1, 665ᵇ.
3)
ausnahme, exceptio: jedes jahrs die summam gelts ... geflissenlich und one alle furworth ze lyffern. jus solodurense s. 226, s. Scherz 458 und vgl. Frisch 2, 457ᶜ.
4)
eine übereinkunft, ein vertrag: er sol mit den parthyen keinerley fürwort oder geding ... haben oder gewarten. liber statutorum capituli thomani zu Straszb., bei Scherz 458; und dasz dessen nachfahr Clemens der vierte jme, graff Carln, die kron mit diser bedingung und dem fürwort auffgesetzt hat. Fischart bienenkorb 128ᵇ.
5)
anzugebender oder angegebener grund. nominibus honestis, mit eerlichen fürworten. Frisius (1556) 874ᵇ und danach Maaler 151ᶜ; hoc uno nomine absolvi velle, von wägen der einigen ursach, oder mit dem einigen fürwort. ebenda; causam reperire, ein ursach oder entschuldigung finden, ein fürwort erdencken. Frisius 1144ᵇ und danach Maaler a. a. o.; sine argumento maledicere alicui, on alle ursach und fürwort. Frisius 118ᵃ und danach Maaler a. a. o. mit dem beisatz einem ubel reden; quid habeat argumenti ista manumissio, was sy doch für ein ursach oder fürwort habe. ebenda, s. Cic. or. pro Cael. 29. doch neigt sich in den ersten beiden belegen hier schon die bedeutung zu der folgenden.
6)
scheingrund, ausflucht, vorwand. prophasis, praetextus, ein fürwort. Alberus dict. H ijᵇ. und yetzund umb ainen dienst, darumb ich dich bitt, verzeichstu mir mit hundert für wortten und auszreden. Wirsung Cal. (1520) Q ijᵇ. obtentu philosophiae nominis, under dem scheyn oder fürwort der philosophy. Frisius (1556) 900ᵃ und danach fürwort, obtentus, bei Maaler 151ᶜ. fürwort, praetextus. Henisch 1315, 27; der ist unverstän. dig, welcher vergebne fürwort sucht. 31, = inanes praetextus- a er ist wol biszweilen bey hellem liechten tage daher kommen und hat zum fürwort gebraucht, er wolle frische eyer kauffen. Lazarillo de Tormes (1624) s. 3; under dem fürwort, einen krancken zu besuchen. Philander (1650) 2, 716. höchst wahrscheinlich hat der ausdruck auch diese bedeutung bei Schottelius 432ᵃ, wenn er dabei setzt etwas zum fürwort gebrauchen und es von „vorwort, praepositio“, unterscheidet. noch heute hat sich dieselbe in der Schweiz erhalten: und ohne einmal zu wissen, was man, um bei der wahrheit zu bleiben, für ein fürwort brauchen soll. Gotthelf ges. schrift. 3, 375; das war auch ein schönes fürwort. 402. übrigens hat der in dem zweiten jahrzehnt des 18. jh. auftretende Züricher Dentzler in diesem sinne, also für lat. praetextus so wol fürwort als vorwort, dann Weismann sogar blosz dieses letzte; Kirsch, Aler, Steinbach, Frisch, Hederich, Matthiä aber nehmen keines von beiden mehr in dem sinne auf, eben so wenig Adelung und Campe.
7)
zusage, zusicherung, gewähr: dann wir in allen tröstungen, sicherheiten, fürworten und geleiten, von den die gegeben werden, solchen friedbruch ausgenommen und darinn nicht begrieffen haben wollen. landfriede v. 1521 viii §. 1; wir wollen auch, dasz alle churfürsten, fürsten und andere stände des reichs in allen und jeglichen ihren tröstungen, sicherheiten, fürworten und geleiten erklärte ächter, auch denuncirte und verkündte friedbrecher mit nämlichen ausgedruckten worten ausnehmen und ausschlieszen. §. 2.
8)
ein für jemand oder etwas eingelegtes gutes wort, das was man bittend zum besten von jemand oder etwas spricht um zu gunsten desselben zu stimmen, benevola commendatio. diese bedeutung erscheint erst im 17. jh. bei Stieler 2579, der in derselben eben so wol vorwort hat.
o theure frau! es (ein geschenk ist gemeint) kömmt durch deine hände,
dein fürwort hat sehr viel dabei gethan:
wo treff ich nun, wenn ich gleich reime fände,
den rechten dank für de ne wohlthat an!
Gottsched ged. 2, 581;
ein absehn dringet weit, das gott zum fürwort hat.
Haller ged., 12. ausg. s. 100 (d. verdorb. sitten);
er ist um ein fürwort bei J. anzusprechen. Hippel 14 (briefe 2), 348; versprich nicht dein fürwort, wenn du des erfolges nicht gewisz bist. Knigge umg. m. menschen 3, 31;
Aubespine. o! dasz ein schimmer ihres (der gnade) heitern lichts
auf eine unglücksvolle fürstin fiele ...
... schon die ehre,
die menschlichkeit verlangt —
Elisabeth. in diesem sinn
weisz ich sein (Frankreichs) fürwort nach gebühr zu schätzen.
Schiller 417ᵃ (M. Stuart 2, 2).
Göthe dagegen zieht vorwort (s. d.) vor, das neben dem ursprünglichen fürwort von Niederdeutschland aus geltend wurde. schon Nieremberger S sssss 3ᵃ nimmt dieses auch in dem sinne auf, fügt aber beibeszer fürwort“, und Moerbeek 2, 116ᶜ verweist bei diesem auf fürbitte. Weber deutschlat. universalwb. 792ᵃ setzt „vorwort (fürwort)“ und weist, wie bereits auch Nieremberger, auf vorsprach hin. Adelung endlich nimmt fürwort als das richtigere und läszt die bedeutung hier für vorwort als eine nur im niederdeutschen übliche gelten, womit Heyse 2, 1731 übereinstimmt, wenn er bei diesem worte bemerktlandschaftlich, besonders niederdeutsch für fürwort“. auch Campe bezeichnet dieses als richtiger, während Heynatz antibarbarus 1, 437 lieber vorwort will, weil, wie er irrig meint, die Deutschen früh, zum theil vielleicht noch vor Luthers zeit, angefangen hätten,in der zusammensetzung lieber vor als für im anfange der wörter zu gebrauchen“. richtiger dagegen setzt er in seinem orthographischen wb. 271ᵇ unter die wörter, worin, wie er sagt, für sich nach der herleitung behaupten läszt, als fürbitten, fürsprecher, fürlieb, fürschreiben oder fürschrift, noch „fürwort (für fürsprache),“ und in wirklichkeit scheint fürwort in diesem sinne auch geläufiger als vorwort (s. d.). als gleich geläufig dürfte beide nur Heinsius genommen haben, der sie, jedes an seiner stelle im alphabete, anführt, ohne auch nur eine bemerkung beizufügen.
9)
ein wort das stellvertreter des substantivs ist, das pronomen. dieser ausdruck der lateinischen terminologie in der grammatik findet sich schon in dem der ersten zeit des 11. jh. angehörigen briefe meister Ruodperts von S. Gallen durch fure daʒ nomen (s. W. Wackernagels altd. leseb. 2. ausg. sp. 138, 6) wenigstens zum theil übertragen, aber völlige verdeutschung trat erst nhd. ein, und hier hat Schottelius teutsche sprachkunst (Braunschweig 1641) s. 207 u. 396 ff. für pronomen, dem gemäsz dasz er nomen durch nennwort ausdrückt, vornennwort, welche benennung auch Bödiker grundsätze (Cölln a. d. Spree 1690) s. 48 und Stieler in seiner dem sprachschatze angehangenen kurzen lehrschrift von der hochteutsch. sprachkunst s. 50 u. 116 annehmen. erst Gottsched grundlegung einer deutschen sprachkunst (1748) s. 120 ff. u. 228 ff. gebraucht fürwort, welchen ausdruck auch sein sechs jahre später als grammatiker auftretender gegner Popowitsch so wie dann Bodmer in seinen grundsätzen der deutschen sprache s. 24 ff., Adelung, Heynatz aufnehmen, nach welchen derselbe in der deutschen grammatik bis heute völlig geläufig geblieben ist. Adelung lehrgeb. 1, 670 bemerkt über ihn ausdrücklich, dasz er buchstäbliche übersetzung sei, meint aber 2, 111 noch, dasz, da vor in der zusammensetzung nicht so bestimmt sei, als auszer derselben, vorwort eben so gut auch das pronomen bedeuten könne. obwol ihm hierin nicht zuzustimmen ist, so haben doch bereits vor ihm Aler, Steinbach, Hederich, Nieremberger, Schmotther vorwort für pronomen, nicht fürwort. Kirsch und der ihm folgende Matthiä verweisen bei diesem auf jenes, das sie demnach als den vorzuziehenden ausdruck nehmen, und Weber deutschlat. universalwb. 792ᵃ setzt vorwort für pronomen noch fürwort bei. später, wie z. b. bei Haas in seinem 1786 erschienenen teutschen und franz. wb. werden fürwort und vorwort wieder, wie bei Gottsched, streng geschieden.
10)
Dagegen hat Stieler 2579 neben vor- eben so wol fürwort für praepositio, während er doch diese wortart in seiner vorhin erwähnten, dem sprachschatze angehangenen kurzen lehrschrift nur mit vorwort bezeichnet. fürwort hier in seinem für erinnert an fure in ahd. furesezeda f., womit der genannte Ruodpert in seinem briefe praepositio als redetheil verdeutscht, s. W. Wackernagels altd. leseb. 138, 9. übrigens dürfte auszer dem sprachschatze Stielers fürwort kaum sonst noch für praeposition vorkommen.
11)
Endlich was ist fürwort in den Kolmarer meisterliedern s. 12, 75 als bezeichnung eines liedes das s. 266 nr. 18 die überschrift ein fürwurf führt? etwa so viel als herausforderndes lied? vgl.fürwurf 2).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 947, Z. 58.

fürworter, adv.

fürworter, adv.
weiter, weiterhin, fernerhin. comparativ des adv. fürwärt (s. d.), mit o durch einwirkung des w. dëz (lies dës) bad ër hërn Salman, camerer zu Mêntze, daʒ ër yme einen rihter gëbe, dër yme furworter rëhtes hulfe. urk. von 1334 in Baurs hess. urkunden 3, 99, 1035.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 949, Z. 76.

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Zitationshilfe
„fürworter“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrworter>, abgerufen am 28.11.2020.

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