Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürzeichnen

fürzeichnen,
s. vorzeichnen. für- sive vorzeichnen, praenotare, obsignare, praesignificare, praemonstrare. Stieler 2612. beide wörter neben einander auch bei Steinbach 2, 1077, dagegen bei Frisch 2, 469ᵃ nur vorzeichnen, das auch fortan allein schriftdeutsch gesetzt wird, während fürzeichnen in den süddeutschen mundarten und einem theile der mundarten Mitteldeutschlands, z. b. der wetterauischen, oberhessischen u. s. w., fortlebte.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 954, Z. 11.

fürzeichnen, n.

fürzeichnen, n.,
s. vorzeichnen n. fürzeichnen (das, inf.), praesignificatio. Steinbach 2, 1077. vgl. das vorige.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 954, Z. 18.

vorzeichnen, vb.

vorzeichnen, vb.,
ahd. forezeichenen Notker 1, 817, 21; 28 Piper, *forazeichinon in forazeichinota ebda 3, 168 (Wessobrunner hs.); frühnhd. für-, vorzeichnen teil 4, 1, 1, 954; mndl. voretekenen Verwijs-Verdam 9, 1, 1111; ndl. voorteekenen Dale 2, 1930; ae. fôretâcnian Bosworth-Toller 308; Toller suppl. 241; mschwed. foretekna Söderwall 1, 281; schwed. for(e)teckna ordbok över svenska spraͦket F 2623; F 3388; dän. for(e)tegne ordbog over det danske sprog 5, 418. mundartlich nur vereinzelt gebucht: förtêkenen Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 545; vôrteiken (n-lose form) Müller Reuter-lex. 158. — unfeste zusammensetzung mit temporalem und lokalem vor-, die im ahd., ae., mndl., mschwed. und frühnhd. bedeutungsmäszig an vorzeichen 1 'portentum', 'prodigium' anschlieszt, jedoch nicht unmittelbar davon abgeleitet ist (vermutlich trat vor-, unter analogiewirkung von vorzeichen und entsprechenden lat. verbalbildungen wie etwa prae-signare, verdeutlichend zu zeichnen I 2 teil 15, 4, 488). der neuere sprachgebrauch ist von den jüngeren, technischen und davon übertragenen bedeutungen des simplex (s. zeichnen I 4 a und c) bestimmt (so auch im ndl., dän. und schwed.); vgl. vorbezeichnen teil 12, 2, 907.
A.
'vorher anzeigen, durch vorzeichen (1 a, b) künden, was geschehen wird, vorbedeuten' (zu zeichnen I 2 a teil 15, 4, 488, vgl. vorzeichnung 1 und vorzeigen 1); vereinzelt im spätahd. und frühen nhd.: sin (des Saturn) constillatio. daz chit sin fatum. forezeichenet alle zala (drohenden gefahren) Notker 1, 837 Piper; sex dies sint ante sabbatum gezelet in genesi. mit dien wurden foregezeichenet sex sęcula ebda 2, 391; vortzeichnen presignare voc. theut. (1482) mm 3ᵃ; vorzeichnen presignare, pronosticare Kramer teutsch-ital. (1678) 1199; vorzeichnen voorbeduiden, voorspellen Kramer-Moerbeek dt.-holländ. (1768) 402ᶜ.
B.
in verschiedenen, von der jüngeren bedeutung I 4 a und c des simplex (s. zeichnen teil 15, 4, 489) bestimmten anwendungen, wobei vor- temporalen und lokalen charakter haben kann.
1)
'einer musikalischen einheit schlüssel-, takt- oder versetzungszeichen (s. vorzeichen 2 b und vorzeichnung 2 a) voranstellen bzw. siezur festlegung von notierungssystem, takt oder tonartjeweils an den anfang des liniensystems setzen (vgl. vorbezeichnen teil 12, 2, 907)': gattungen (der musikschlüssel) heissen claves signatae, initiales ... oder vorgezeichnete musik-schlüssel Walther musical. lex. (1732) 157; um zu wissen wo und wie viel × vorzuzeichnen seyen, so fange man bey dem ton Cdur, der gar keiner vorzeichnung bedarf, an Sulzer theorie der schönen künste 2 (1774) 1258; vorzeichnen ... mettre la clef Schaffer dt.-frz. 2, 3 (1838) 586ᵃ; bei einem stück aus Gdur wird ein kreuz, aus fmoll ein b vorgezeichnet Lobe katechismus d. musik (1855) 27; sehr selten finden sich im 16. jahrh. 2 ♭ vorgezeichnet Riemann musiklex. (⁹1919) 1273.
2)
im voraus zeichnend angeben, wie ein werkstück bearbeitet werden soll, vorreiszen (s. teil 12, 2, 1414; vgl. auch vorschreiben teil 12, 2, 1502 [3]): so zeichnen die schlösser ein loch vor, wenn sie da, wo sie ein loch in etwas schlagen wollen, einen hieb oder einschnitt machen, welches auch körnen genannt wird Adelung 4 (1780) 1703; man führt ... den zirkel ... so ..., dasz ... die spitze ... eine der kante parallele linie andeutet oder einreiszt. nach der so vorgezeichneten linie geschieht nun der schnitt Prechtl technol. encycl. 11 (1841) 587; beim lederschnitt werden die linien der darstellung auf dem leder (des bucheinbandes) leicht vorgezeichnet Löffler einf. i. d. handschriftenkde. (1929) 37; um letzteres (ein stück entrindeten baumstammes) kunstgerecht zum balken zu zimmern, musz er (der zimmermann) vorzeichnen oder färwen oder schnieren (s. vorschnüren teil 12, 2, 1499) Friedli bärndütsch 2, 427; so ist es erforderlich, alle teile schon vor der formgebung mit den notwendigen bearbeitungs- und schnittlinien zu versehen, also vorzuzeichnen. man spricht in kessel- und apparatebauwerkstätten deshalb von vorzeichnen, in maschinenbauwerkstätten ... dagegen von anreiszen Arno Dorl das vorzeichnen im kessel- und apparatebau (1947) 4 u. ö.; s. ferner Beil technolog. wb. (1853) 636; Eger technolog. wb. (1884) 892ᵇ; Stenzel seemänn. wb. (1904) 452ᵇ sowie s. v. vorzeichner und vorzeichnung (2 b). — auch '(ein kunstwerk) vorskizzieren', vgl. vorzeichnung 2 b: die formen werden (bei der buchmalerei) in ihren umrissen meist mit rötlicher farbe ... vorgezeichnet und dann in deckfarben ausgeführt J. Jahn in: sachwb. d. deutschkde. 2 (1930) 772 s. v. malerei.
3)
jem. etwas (als muster bzw. vorlage) zeichnend vorbilden (gegens.: nachzeichnen): vorzeichnen delineare aliquid alicui ad imitationem Frisch teutsch-lat. (1741) 2, 469ᵃ; einem einen kopf, eine blume vorzeichnen Campe 5 (1811) 523; vorzeichnen ... faire à qn le dessin de qc (pour lui servir de modèle) Mozin wb. 4 (1856) 1134ᵃ; das vorzeichnen sei noch lehrreicher als das vorhalten des bildes Könnecke dt. lit.-atlas (1909) I; Friedemann ... (übte) sich im notenschreiben ..., wozu ihm der vater die exempel vorgezeichnet hatte A. Schweitzer Bach (1948) 358; auch: ein strickmuster vorzeichnen der grosze Duden, stilwb. d. dt. spr. (1934) 624 Basler. bildlich: wiewohl es mir unglaublich ist, dasz der maler ein solches kunstwerk zuwege richten könne, wenn ihm nicht die meisterhand der natur die züge des herrlichen konterfeies vorgezeichnet hätte (1782ff.) Musäus volksmärchen 2, 37 Hempel.vgl auch u. vorzeichner und vorzeichnung (2 c).
4)
übertragen (an B 3 bzw. 2 anschlieszend), die konkrete vorstellung des zeichnens ist zurückgetreten.
a)
'(zur nachahmung oder späteren ausgestaltung) vorgestalten'; meist von künstlerischer, insbesondere literarischer vorzeichnung (zu zeichnen I 4 c teil 15, 492): lobreden ..., welche ... nach dem von Thersagoras vorgezeichneten muster zugeschnitten waren Wieland Lucian 6 (1789) 147; wie hat aber Shakespeare seinen Hamlet (für den schauspieler) vorgezeichnet? Göthe I 22, 175 W.; die wirkung dieser (gegen die verlogenheit, eitelkeit und rhetorische prunksucht der priester gerichteten) novelle in Zürich war einigermaszen drastisch und lehrreich ... er (Lang) machte in der predigt wiederholte ausfälle, indem er ... ganz so predigt, wie es in der geschichte (das verlorene lachen) vorgezeichnet ist, wie wenn er davon behext wäre (29. 6. 1875) G. Keller br. u. tageb. 3, 138 Erm.; das, was die durchschnittsdichter als literatursprache nachahmen, musz irgendwo und irgendwann durch führende geister vorgezeichnet sein Henzen schriftspr. u. maa. (1938) 58; so auch ist die grosze erzhure, das weib auf dem tiere ... bei Ezechiel sehr weitgehend ... vorgezeichnet Th. Mann Faustus (1948) 566. von mustergültiger wissenschaftlicher darstellung, im sinne von 'methodisch vorgestalten': (männer,) in deren zugleich liebevoll eingehender und doch die allgemeine entwicklung nie vergessender art ich das ideal litterarhistorischer betrachtung vorgezeichnet sehe R. M. Meyer d. dt. lit. d. 19. jhs. (1900) ix. vereinzelt aber auch sonst, in allgemeinerer anwendung: die herren offiziere hatten ja das beispiel (des duellierens) deutlich genug vorgezeichnet Beyerlein Jena oder Sedan? (1904) 506 volksausg.; die stelle ..., an welcher grosze naturen den weg der tradition und gehorsamen einordnung verlassen und im vertrauen auf oberste, nicht nennbare mächte das neue, noch nicht vorgezeichnete und vorgelebte versuchen und verantworten müssen Hesse glasperlenspiel 2 (1946) 9. gelegentlich im sinne von 'programmatisch planen, entwerfen': damit hatte Leibniz seiner akademie ein groszartiges, in weite zukunft weisendes programm vorgezeichnet; es auszuführen hat erst im neunzehnten jahrhundert die ... deutsche philologie begonnen Burdach vorspiel 2 (1926) 550; er (Wilson) hatte in einer weitreichenden vision den plan vorgezeichnet zu einer wahrhaften und dauernden weltverständigung Stefan Zweig welt v. gestern (1947) 341.
b)
vielfach nähert sich vorzeichnen der bedeutung von 'vorschreiben (s. teil 12, 2, 1502 [6] u. vgl. vorzirkeln), im voraus kennzeichnend festlegen, wie vorgegangen werden soll', wobei die vorstellung des markierten weges hineinspielt.
α)
'wege, maszregeln oder richtlinien (für ein verhalten bzw. eine erwünschte handlungsweise) weisen': (mein vetter) liesz sich sehr angelegen seyn, mir die wege vorzuzeichnen, die ich unter seiner leitung gehen muͤszte, um bald das zu werden, wozu mich mein nahme und stand berechtigten Klinger s. philos. romane (o. o. u. j.) 5, 72; Wieland soll mir hierinn (für besuche in Weimar) einige politische maaszregeln vorzeichnen (23. 7. 1787) Schiller br. 1, 354 Jonas; vgl. aus neuerem sprachgebrauch: und auch das weisz ich, dasz ich es gewesen bin, der dir mit halben worten einen weg vorzeichnete Bergengruen grosztyrann (1947) 178.
β)
'etwas (bestimmend) vorschreiben':
der den sonnen, monden, sternen
vorgezeichnet ihren lauf
Heine buch der lieder (1827) 293;
insbesondere 'eine entwicklung (hinsichtl. richtung, verlauf oder form) im voraus festlegen, maszgebend bestimmen': das merkwürdige leben (Karls V.), das der geschichte auf viele jahrhunderte ihre richtung vorzeichnete, endigte mit einem fastnachtspiel Schiller 7, 60 G.; (seine mutter) war eine stolze, fast männliche frau, die ihn als kind mit fester hand beschützt und geführt, und deren unbeugsamer wille auch die bahn seines künftigen lebens vorgezeichnet hatte Gerhart Hauptmann ketzer von Soana (1922) 157; (nach Scheidts sätzen über die sinngemäsze verwendung der manuale und des pedals bei der orgel) war den orgelspielern und ... orgelbauern die bahn vorgezeichnet A. Schweitzer Bach (1948) 38. häufig von der schicksalhaften auswirkung subjektiver anlagen oder der lebensverhältnisse: Sophokles und Shakespear gehen ... aus 'durch schrecken und mitleiden zu erschüttern', aber jeder auf seinem wege, der ... in der individuellen lage eines jeden jedwedem vorgezeichnet lag Matthias Claudius w. 2, 373 Redlich; der mensch mag sich wenden wohin er will, er mag unternehmen was es auch sei, stets wird er auf jenen weg wieder zurückkehren, den ihm die natur einmal vorgezeichnet hat Göthe I 26, 204 W.; aber das lasz dir sagen, es liegt alles vorgezeichnet in uns, und was ursach scheint, ist meist schon wieder wirkung und folge Fontane ges. w. I 3 (1905) 200; es gab keinen versuch mehr, den ereignissen einen anderen lauf zu geben als den, welchen das schicksal so deutlich vorgezeichnet hatte qu. v. j. 1937; (der prinz) begab sich ... nach Hollerbrunn, um dort ... den sommer zu verbringen und dann, im herbst, die universität zu beziehen. denn so entsprach es dem vorgezeichneten plane seines lebens Th. Mann königl. hoheit (1928) 134; eine wenig abwechslungsreiche, streng vorgezeichnete laufbahn C. W. Ceram götter, gräber u. gelehrte (1949) 259. vereinzelt auch abgeschwächt zu der bedeutung '(sich) etwas zum ziel setzen': wer sich den zweck vorgezeichnet hat, das laster zu stürzen, und religion, moral und bürgerliche geseze an ihren feinden zu rächen, ... Schiller 2, 9 G.; (die) fähigkeit (des menschen), zwecke zu setzen, inhalte vor ihrer realisation einem geschehen als zielpunkte vorzuzeichnen, ... den realen prozesz auf das vorgesteckte ziel hinzulenken N. Hartmann ethik (²1935) 326.
C.
gelegentliche verwendungen im älteren nhd.
1)
'etwas mit einem vorgestellten zeichen versehen' (objekt ist hier das gekennzeichnete, bei B 1 das vorgesetzte zeichen): was vorgezeichnet ist, gilt nichts qvae stellulis signata sunt ... haut valent Stieler stammbaum (1691) 2612.
2)
'zuerst (als erster) unterzeichnen (zu zeichnen I 4 b α-γ teil 15, 491)': vorzeichnen ... unterschreiben, signer le premier Roux teutsch-frz. (1796) 700ᵇ.
3)
'skizzierend vor augen führen, darstellen, schildern (an B 3 bzw. 4 a anschlieszend, jedoch ohne das moment des lehrens, vgl. vormalen teil 12, 2, 1304 [3])': dir die innere organisation unsrer ... republik bis in ihren (!) kleinsten ästen und zweigen darzulegen, möchte dir und mir zu langweilig seyn: ich begnüge mich also, dir nur das wesentlichste, und auch diesz nur mit den äuszersten linien, vorzuzeichnen Wieland s. w. 22 (1856) 264; so haben uns beide Forster die kennzeichen der vögel, fische und insecten vorgezeichnet und dadurch die möglichkeit genauer und übereinstimmender beschreibungen erleichtert Göthe II 8, 63 W.
4)
metaphorisch, in poetischer einzelanwendung (wohl an B 4 b anschlieszend):
diesz schwerd
schrieb fremden völkern spanische geseze;
es blizte dem gekreuzigten voran,
und zeichnete dem saamenkorn des glaubens
auf diesem welttheil blutge furchen vor
Schiller 5, 1, 96 G.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1951), Bd. XII,II (1951), Sp. 1986, Z. 64.

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Zitationshilfe
„fürzeichnen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrzeichnen>, abgerufen am 15.05.2021.

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