Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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fürzug, m.

fürzug, m.,
s. vorzug.
1)
das vornhinziehen, insbesondere das ziehen vor gericht oder vor den richter, die anschuldigung. criminatio, beschältung, fürzug u. s. w. Frisius (1556) 345ᵃ und danach das letzte wort bei Maaler 151ᵈ.
2)
das was als verhüllung vornhin gezogen wird, ein als hülle vornhin gezogenes tuch. obductio, uberzug, fürzug, bedeckung. Frisius 890ᵃ und danach fürzug bei Maaler a. a. o. in der bedeutung vorhang: da stundt doctor Steffan hinder eim fürzug unnd redt durch ein rörlin in der person Christi zu Maria. Kirchhof wendunmut 408ᵃ. fürzug, velum, velarium, mit verweisung auf fürhang, bei Aler 825ᵇ. auch Kirsch (1723) 2, 126ᵇ und dessen nachtreter Matthiä (1761) 2, 162ᵃ nehmen noch fürzug auf, aber nur mit verweisung auf fürhang und auf fürschub, womit fürschub 1) gemeint ist. danach hat hier fürzug noch weitern sinn, als vorhin bei Aler.
3)
das voraushaben in beziehung auf anderes, das höhergeachtetsein, die höhere geltung in dem vor einem andern oder vor andern zukommenden oder im urtheile. fürzug, praerogativa. Alberus dict. m iijᵃ. CC 1ᵃ; primas partes fero, ich hab das vorteyl, besser teil, fürzug. Cc 1ᵃ. eben so fürzug bei Henisch 1315, 68.
die so an macht und pracht bey jhnen den fürzug.
Weckherlin.
auch Logau 1, 28 schreibt fürzug. wie aber schon früher Frisius 1044ᵃ in dieser bedeutung blosz vorzug hat, und danach Maaler 477ᵃᵇ, dann Emmelius dieses wort allein aufnimmt, so findet sich dasselbe auch, ohne dasz fürzug nur erwähnt würde, bei Reyher, Stieler 2642, Wilhelmi, Rädlein, Dentzler, Weismann, Kirsch, Aler, Frisch 2, 485ᵃ, Matthiä, Moerbeek, Weber deutschlat. universalwb.; doch bietet Corvinus fons latinit. (1660) 1, 511ᵇ fürzug und 551ᵇ vorzug, bringen noch Ludwig, Hederich, Nieremberger fürzug, aber kurzhin mit verweisung auf vorzug, und hat Steinbach 2, 1114 für-, vorzug, allein in den beispielen dazu blosz das letzte. alles dies zeigt dasz fürzug schon gegen ende des 17. jahrh. zurückgedrängt und kurz nach der mitte des 18. jahrh. völlig verdrängt gewesen ist. nur mundartlich, z. b. wetterauisch, oberhessisch, lebt es noch heute fort. Vgl. fürzog 3).
4)
die zugabe bei einem kaufe, das was drein gegeben wird. auctarium, zuͦgab, oder das zuͦgeben, das man eim in einem kauff zuͦgibt, fürzug. Frisius 141ᵇ und danach fürzug, an einem kauff bei Maaler 151ᵈ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1871), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 959, Z. 20.

vorzug, m.

vorzug, m.,

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frühnhd. für-, vorzug teil 4, 1, 1, 959 (ebda ist auch die verdrängung von für- durch vorzug in den hist. wörterbüchern dargestellt); mnd. vortoch Schiller-Lübben 5, 475; ndl. voortocht Dale 2, 1931; aus dem mnd. entlehnt ist dän. fortog(t) ordbog over det danske sprog 5, 985. in heutiger mundart: förtog Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 546; vörtog Mi Mecklenburg 104; vortüg Block Eilsdorf (b. Halberstadt) 63; vörzug Frederking plattdt. (Hahlen b. Minden) 166; vörzog Rovenhagen Aachen 158; virzock luxemb. 471; Follmann lothr. 162; fûətsuk Martin-Lienhart elsäss. 2, 895; für-, vorzug Fischer schwäb. 6, 2, 1691 und 1889; vorzug Schmidt Bern 76; forzug Hunziker Aargau 92; vorzuck Lambert Pennsylvania 171.
I.
verbalsubstantiv zu ¹vorziehen, das im frühnhd. als nomen actionis aufkommt, jedoch schon früh auch als gegenstands- und zustandsbezeichnung auftritt.
A.
als vorgangsbezeichnung.
1)
in sinnlich-räumlicher vorstellung.
a)
'das vorausziehen' (zu vorziehen A 1 a): er (der heerführer) sol alzyt den vorzug haben (in feindesland dem gegner vorausziehen) ... zug jm aber der vind vor, vnd verhergt sin aygenn land, das er mit sinem nachzug weder tach noch gemach ... find (1532) Hans Busteter ernstl. bericht 26 Peters; eilet der thebaische hauff embsigklich vor ... in hoffnung, mit jhrem empsigen fürzug ... zu entweychen Stumpf Schweiz. chron. (1606) 675ᵃ. mit der nebenvorstellung des vorrangs (vgl. vortritt): das ... burgermeister und rathmanen der statt Presslaw vermaindt iren althergebrachten freyheiten und herkhomen nach in solchem unserm (des königs) einritt mit ihrer rüstung vor allen andern fürsten und stenden den vorzug (beim entgegenziehen) zu haben (1563) Breslauer stadtb. 210 Markgraf-Frenzel; für paͤsz, wasser, berg, thal oder brucken ... ein jeder hauffen oder regiment für dem andern den vorzug vermeint zu haben Fronsperger kriegsbuch 1 (1573) 61ᵃ. vereinzelt noch in neuerem sprachgebrauch: 'mir deucht, er (hauptmann Gieffing) ist dam als mit reiterei aufgezogen?' 'ja wohl, ... er hat die reiterei der stadt geführt und der pfleger Schäbl die der herrschaft, und es war ein streit umb den vorzug ...' E. v. Handel-Mazzetti Stephana Schwertner (1927) 1, 30.
b)
'das vorwärtsziehen' (zu ¹vorziehen A 1 d α): Attila ... hatte mit seinem unzählbaren heere vor- und rückzug, wie wir, durch diese fluszregion (Moseltal) genommen Göthe I 33, 164 W.
2)
übertragen.
a)
'das vorbringen' (zu ¹vorziehen B 2 a); nur vereinzelt nachweisbar: vorzug ... imputatio culpae Schmidt id. Bernense 76 Tobler.
b)
'das vorziehen, die bevorzugung, begünstigung' (zu ¹vorziehen B 2 b): er hatte gelückes vorezug (war vom glück begünstigt) Wenzelbibel par. II 7, 11 bei Jelinek mhd. wb. 914, ebenso in der ersten dt. bibel 6, 145 Kurr.; des vorzugs werth seyn estre preferable, meriter d'estre preferé Duez dict. (1664) 2, 647; hr. v. C. erzählt, der verf. sey auf diese gleichsetzung, gewiszermaszen den vorzug seines sohnes eifersüchtig geworden allg. dt. bibl. (1766 ff.) anh. z. bd. 53-86, 589; dieser auszerordentliche vorzug (des sonst bei seite gesetzten schauspielers) war für alle andere ein donnerschlag Göthe I 52, 86 W.; offenbar zieht man also den film der erzählung vor. und ebenso offenbar ist dieser vorzug in dem höheren wirklichkeitscharakter des films begründet Horst Meyerhoff tonfilm u. wirklichkeit (1949) 90.
B.
konkretisiert, als gegenstands- oder zustandsbezeichnung.
1)
mit übertragung der bezeichnung auf das handelnde subjekt bzw. den betroffenen gegenstand.
a)
'die vorausziehende abteilung, vorhut, vortrab' (gegens.: nachzug nachtrab, s. teil 7, 238 u. vgl. vorderzug teil 12, 2, 978); den übergang von A 1 a bildet wohl die wendung den vorzug haben im sinne von 'die erste stelle im zuge innehaben, die vorhut bilden': och hand sy (die eidgenossen) den vorzug allwegen (1475) Basler chron. 2, 223 Vischer-Boos; die teutschen hetten den vorzug Aventin s. w. 4, 2, 1096 bayer. akad.; seit Luther auch auszerhalb dieser wendung: vnd die feinde ... machten jre ordnung also, im vorzug waren die schützen (sagittarii praeibant exercitum) 1. Macc. 9, 11; keiner solt on des hauptmans und räthen erlaubnuss brennen, und ob es schon erlaubt, solt es doch der vorzug nicht thuon (var. v. j. 1476: sönd dz nit tun in den vorhuten), biss das volck fürüber gezogen, damit die nachhut an der speiss nicht gehinderet wurde (1580) Frauenholz entwicklungsgesch. d. dt. heerwesens 2, 1, 140; erstlich ziehent die drey fenlein in der vorhuͦt, oder vorzug, vnnd vier fenlein in dem mittelzug, vnd abermahl drey zu dem nachzug V. Friederich kriegskunst zu fusz (1619) 71; vorzug oder vortrab eines kriegsheers ... l'avant-garde d'une armée Duez dict. (1664) 2, 647; ähnlich bei Ludwig teutsch-engl. (1716) 2354, Kramer-Moerbeek dt.-holl. (1768) 402ᶜ und Müller verdeutschungswb. d. kriegsspr. (1814) 375; noch Lessing übersetzt 'avant-garde' (in Rollins röm. hist. 4 (1749) 379) mit vorzug (vgl. w., reg. 2, 254 P.-O.); Adelung 4 (1801) 1316 jedoch bezeichnet vorzug 'vortrab' als veraltet. sprichwörtlich: kanstu nicht im vorzug sein, so ziehe im trosse hinden nach Lehman flor. pol. (1641) 2, 311. — auch von der vorderen abteilung einer flotte, vorgeschwader: so nun mit einer stattlichen armada ... gegen dem feind ... geschiffet, so wirt die gefahr gegentheils oder desz feindts ankunfft durch die schiff, so im vorzug oder neben hut, erstmals wargenommen Fronsperger kriegsbuch (1565) 1, 134ᵃ; so auch bei Campe: der vorzug einer flotte, die vorderste hauptabtheilung einer flotte, das vorgeschwader 5 (1811) 524, Bobrik allg. naut. wb. (1850) 713 und Röding allg. wb. d. marine 2, 854.
b)
'vorspringende galerie' (vgl. vorsatz, vorschub, vorwurf); aus dem schweiz. bezeugt: vorzug ... das ist eine galerie, welche sich in einer breite von etwa 70 cm vor den fenstern des zweiten stockes der ganzen hausfront entlang hinzieht Friedli bärndütsch 2 (1908) 440 (vgl. auch 441 u. 465 sowie die abbildungen auf seite 442 u. 443).
2)
auf das 'resultat' übertragen: aus vorzug A 1 a und 2 b entwickeln sich früh die bedeutungen '(erlangter bzw. zuerkannter) vorteil' und 'vorrang'.
a)
'vorteil' (s. teil 12, 2, 1725 s. v. vorteil [3]; gegens.: nachzug nachteil).
α)
als juristischer terminus im sinne von 'vorrecht, priorität, privileg' (s. auch vorzüglichkeit 1 u. vgl. vorzugserbe, -gerechtigkeit, -recht, -strittigkeit): allen rechten ..., die wir von Rom erworben haben, ald noch erwerben, vnd allen fürzügen, die uns geschirmen (1306) urk. z. Joh. Kasp. Zellwegers gesch. d. appenzell. volkes (1831) 804 (nr. LVI); einem jeden fremden und unbürger soll es zwar unverboten seyn, sein schif ... alhier zu verkauffen, jedoch mit dem besondern bescheide, dass die bürger dieser stadt ... allezeit den vorzug vor fremden und unbürgern in dem kauf eines solchen schiffes haben sollen (15. jh.) Dantziger willkür (druck v. j. 1783) 15; primogenitos hat man grosz gehalden, quia illorum erat possessio, hat in den guttern den forczuck ('vorrecht der erstgeburt', hier mit beziehung auf 1. Mos. 27) Luther 9, 394 W.; von denen gläubigern, welche die praerogativen oder den vorzug haben, dasz sie vor allen andern bezahlet werden (1622) procesz- u. gerichtsordn. churf. Joh. Georgs I. in: cod. Aug. 1, 1106 Lünig; ähnlich im trier. landrecht: dardurch die creditores wegen der priorität oder vorzug in schwere processen gerathen (1713) Nahmer handb. d. rhein. particularrechts 2, 644; reichs-bauren ..., so ihre eigene gerichtsbarkeit und andere ansehnliche vorzüge haben (1749) Klingner dorf- und baurenrechte 1, 6 anm.; ist das lehen mit gewissen vorzügen begabt, ... so sind die dem lehen anhaftenden vorzüge nicht auf afterlehen auszudehnen ... die privilegien ... (können) nicht auch als stillschweigend mit dem lehen verliehen angenommen ... werden Georg Mich. v. Weber lehnrecht 4 (1811) 514; liesz man aber dem geistlichen oberhaupt auch nur einen theil seiner ehemaligen vorzüge, so waren es noch immer überschwängliche vortheile, gränzenlose privilegien, die ihm übrig blieben Göthe I 41, 2, 317 W.; wenn lagerstätten verschiedener art mit einander in collision kommen, so kommt es auf das alter nicht an. gänge haben den vorzug vor lagern, flötzen, liegenden stöcken ... nicht in allen berggesetzen ist jedoch dieser vorzug der lagerstätte begründet Hartmann hwb. d. mineralogie (1825) 787. in freierem sinne, bereits zu β überleitend: die bahnhofsbunker sind ab mittag (als nachtquartier) ausverkauft, und frauen mit kindern haben den vorzug Berliner zeitungen a. d. jahre 1947.
β)
in freierer anwendung von jeder besser-stellung und auszeichnung schlechthin, gleichbedeutend mit 'vergünstigung': es solte mich ja demuttig machen ..., das ich nichts mehr hab' an Christo, auch nichts besser bin für got dan ein klein kind ... do ist kein vorzug oder vortteil Luther 47, 236 W.; (bei gleicher teilung des erbes) hat keiner der soͤhne (des erblassers) einen vorzugk (1658) Geraische statuta in: samml. z. d. dt. land- u. stadtrechten 1, 195 Schott; (die ausbildung reicher talente) gab ihm einen vorzug vor seinem vater Schiller 7, 99 G.; sie (frl. v. Bornstedt) ... würde mir eher eine million gönnen, als einen bestimmten vorzug in literarischer hinsicht (7. 7. 1839) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 359 Schulte-K.; in die würde und den vorzug des zweiten besitzers (des bildes) eingesetzt zu sein (10. 3. 1922) Rilke br. 2 (1950) 325; (ein) schüler, der des eigentümlich lustigen vorzuges genieszt, nicht mehr gefragt zu werden Th. Mann zauberberg 2 (1925) 614; es bleibt bestehen, dasz du ein vertrauen ... ausnutztest, um dir vor allen andern einen vorzug zu schaffen Bergengruen am himmel wie auf erden (1940) 442; ich habe den vertraulichen vorzug, sie (Goethes lieder für den divan) zu kennen und einige zu besitzen, früher als alle welt Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 287; als höflichkeitswendung findet sich um den vorzug bitten, ...: monseigneur mein herzog bittet um den vorzug, die hoheit noch vor der tafel aufsuchen zu dürfen Bergengruen herzog Karl d. Kühne (1930) 61.
b)
'der zuerkannte vorrang in wertschätzung und geltung'; in älterer sprache vor allem in der wendung den vorzug haben: darum soll das (wort gottes) auch allein gelten und den vorzug vor allen andern haben, es heiszen gleich aposteln oder engel Luther tischr. 6, 13 W.; ein yeder (fürst) will der beste sein, den vorzug haben und andere drucken und dempffen (1545) Luther 52, 782 W.; das wundpflaster, opodeldoch genant, hat nicht vnbillich den vorzug ..., welches von wegen seiner schnellen heilung vielen zufällen fürkommet F. Würtz wundartzney (1624) 667; falschheit hat den vorzug Abr. a s. Clara Judas 4 (1695) Jii 2ᵇ. in neuerem sprachgebrauch wird besonders üblich: einem den vorzug geben donner la preferance ou preseance à quelqu'un ... donner la premiere place Duez dict. (1664) 2, 647; er (Wallenstein) hatte sich diesen general (Piccolomini) durch grosze geschenke verpflichtet, und er gab ihm den vorzug vor allen andern Schiller 8, 335 G.; man kann, je nach vorgefasztem geschmacksurteil, verschiedener ansicht sein, ob einer blosz leicht und konturartig gehaltenen oder einer im ton durchgeführten und kräftig wirkenden randzeichnung der vorzug zu geben sei (11. 6. 1868) G. Keller br. u. tageb. 3, 11 Erm.; weil ich wohl wuszte, dasz er (Göthe) im grunde die schwarzen augen liebte und ihnen eigentlich den vorzug gab vor den wasserblauen Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 136. jedoch auch sonst in verschiedener anwendung: ehe ich noch vom Stein seiner arbeit etwas gesehen habe, waren mir die Spättischen claviere (des flügelbauers Spath) die liebsten; nun musz ich aber den Steinischen den vorzug lassen (17./18. 10. 1777) W. A. Mozart br. 1, 90 Schiedermair; er ist ein treflicher arbeiter, genau, unermüdlich, voll gesunden verstands, er verdient den vorzug vor allen seinen mitbewerbern Schiller 14, 214 G.; der fuszdienst kam nach und nach auszer achtung, und der dienst zu pferd erhielt den vorzug Georg Mich. v. Weber lehnrecht 3 (1810) 48; und Schiller war doch selbst der erste, den vorzug des verdienstadels zu behaupten vor dem geburtsadel Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 269. mitunter geradezu im sinne von 'auszeichnung, ehre': ich weisz nicht, wie er zu solchem vorzug gekommen ist, oder wie er so zu ehren hervorgezogen ist Ludwig teutsch-engl. (1716) 2354;
suchen sie (anrede) sich ja den vorzug zu verdienen,
mit dem man sie beehrt ...
Castelli s. w. 13 (1848) 171;
'seine freundschaft?' sagte der freiherr; 'auf einen so hohen vorzug haben wir niemals anspruch gemacht' G. Freytag ges. w. 5 (1887) 177; herr doktor Riemer würde es sich zum vorzug rechnen, der frau hofrätin seine ergebenheit zu bezeigen Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 50.
3)
als spezialisierung von vorzug B 2 b — besonders an die wendung den vorzug (wertmäszigen vorrang) haben in etwas anknüpfenderscheint die bedeutung 'vortreffliche eigenschaft', die in älterer fachsprache weiterhin zur bezeichnung des trägers einer vorzüglichen eigenschaft (s. u.) verdinglicht wird.
a)
'vortreffliche eigenschaft, vorzüglichkeit': und wie solte die lateinische sprache hierin (im unterscheiden von vulgär- und hochsprache) einen vorzug vor andern haben? Morhof unterr. v. d. teutschen spr. u. poesie (1682) 1, 72; ich habe sonst keinen vorzug als meine unschuld Gellert bei Adelung 4 (1801) 1316; ich glaube nicht, dasz irgend eine deutsche stadt, so viele vorzüge sie auch haben mag, komplimente auf unkosten aller übrigen von mir erwarten wird Wieland s. w. suppl. 6 (1798) 343; (eine frau, die) an geistes und äuszerlichen vorzügen meiner nicht unwerth sey (25. 4. 1788) Schiller br. 2, 51 Jonas; dieses quartier hat den vorzug gröszerer ruhe und auszerordentlicher reinlichkeit (22. 10. 1843) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 225 Schulte-K.; er hatte alle vorzüge, die ich bewundere, alle fehler, die mir verzeihlich scheinen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 4 (1893) 267; eine geschichte ..., die den vorzug hat, nicht erfunden zu sein Gerhart Hauptmann ges. w. I 5 (1942) 514; sie (anrede) haben, wie wir alle, ihre vorzüge und nachteile Th. Mann zauberberg 2 (1925) 461; über den mängeln des buches hat man wohl auch manche vorzüge übersehen Streitberg german. (1936) 222; ein vorzug eignete diesem neuen hausknecht ... Stannebein konnte messing putzen Kluge Kortüm (1938) 654; (ein) lieblingsschüler, der auszer fleisz, ehrgeiz und klugem verhalten gegen die lehrer wenig vorzüge hatte Hesse glasperlenspiel (1943) 1, 77. ironisch: wahrscheinlich wird es der einzige vorzug dieses sonettes gewesen sein, Graja, dasz ich es dir nicht vorgelesen habe Werfel geschwister v. Neapel (1931) 23.
b)
in der älteren fachsprache der wollwäscher: vorzug 'wenn die wolle zu den feinen zeugen, die unter dem namen von waschwolle verbrauchet wird, einmal gewaschen ist, so erhält sie diese benennung' Jacobsson technolog. wb. 4 (1784) 561; ähnlich im encyclopäd. wb. (1803) 10, 41 und bei Campe 5 (1811) 524; nach Sanders 2, 2 (1865) 1794 'eine vorzügliche sorte feiner waschwolle'.
II.
kompositionsbildung mit lokalem und temporalem vor-, unmittelbar zu zug.
1)
'das vorrecht des ersten (fisch-)zuges' (vgl. vorstreich teil 12, 2, 1708 und vortrieb ebda 1788): der vischmaister von Wistanicz sol ... den vorczug mit der segene ('zugnetz', s. segen teil 10, 1, 81) haben, es sol auch niemant vor im ... ziehen (1414) Nikolsb. urb. 39 Bretholz; welcher (fischer) einen laich oder bruch findet, soll er solichs den andern vischern anzaigen, doch soll derselb den vorzug mit dem rachnetz haben (1505) österr. weist. 5, 10.
2)
'vorspann-deichsel' (s. auch vorzugbaum u. III 2); im obd., besonders schweiz. (s. Stalder schweiz. 2, 480; Fischer schwäb. 2, 1691 und Martin-Lienhart elsäss. 2, 895): forzug mit leg ysen ('eisenstab unter der spindel eines groszen wagens', s. schweiz. id. 1, 541) qu. v. j. 1515 in: anz. f. schweiz. altertumskde. (1902/03) 207; was endtlich das holtz zu vorzügen anbelangt, werden ihnen hiezu 4 zwergeichli und zu grädlen ('deichselarmen', s. schweiz. id. 2, 823 s. v. grättel [1 b]) 2 dergleichen ... erlaubt qu. v. j. 1738 in: urk. z. gesch. d. groszmünsterstifts Zürich 2, 33ᵇ Hotz; es sollen auch dieselben (gefährte) so nahe als moͤglich an einander gestellt, die beweglichen tiechsel in die hoͤhe gehept, alle andere vorzuͤg und tiechsel aber so gestellt werden, dasz der wenigste nachtheil daher entsteht (1779) slg. d. bürgerl. u. policey-geseze u. ordn. d. st. Zürich (1757-93) 5, 346; die feuersprize bestehet aus dem wagen mit vier raͤdern, vornen mit einem handdiechsel, oder mit einem vorzug fuͤr ein pferd versehen üb. d. zweckmäsz. gebr. d. feuerspritze (1790) 9. aus neuerem sprachgebrauch nur noch mundartlich gebucht, besonders obd. (s. o.); vereinzelt auch im ostfäl.-altmärk.: 'gestell mit zwei rädern vor dem pfluge' Block Eilsdorf (b. Halberstadt) 63ᵃ. — in älterer sprache auch 'protze': 5 lb. Demus Wagner umb 2 reder an das bennli (wagengestell, s. schweiz. id. 4, 1289) und 3 vorzúg an die búchsen (geschütz) baumeisterrechng. v. j. 1575 (stadtarch. Aargau); item 14. vorzüglin mit rädern (anm. vorzüge und protzen für leichte geschütze) qu. v. j. 1648 in: anz. f. schweiz. altertumskde. (1913) 160; 6 neüe stuckh von metal sambt vorzüg und (zu-)gehör, in anno 1746 gegossen qu. v. j. 1746/86 ebda (1912) 356.
3)
'vor dem eigentlichen (planmäszigen eisenbahn-) zug eingesetzter (entlastungs-) zug' (vgl. ndl. voortrein Dale 2, 1931): an gewissen tagen wird wegen zu groszen andrangs des publikums zu eisenbahnzügen 'ein vorzug eingelegt' bekanntmachung der direktion der niederschl.-märk. eisenbahn (bei Sanders 2, 2 (1865) 1794); bei diesem starken verkehr dürfte ein vorzug gehen d. grosze Duden, stilwb. d. dt. spr. (1934) 624 Basler; vgl. auch: vorzug train running in advance of the regular train, pilot train, special train Muret-Sanders 4, 2207.
III.
komposita.
1)
seit dem 17. jh. findet sich vorzug (I B 2) als erstes kompositionsglied in zahlreichen, besonders in geschäfts- und rechtssprache geläufigen zusammensetzungen:
vorzugsaktie f.,
'prioritätsaktie'; wohl dafür vom allg. dt. sprachverein 1889 eingeführt (s. Schirmer wb. d. dt. kaufmannssprache [1911] 9); ähnlich bei Sittel-Strausz: vorzugsaktien '(stammprioritäten) solche aktien, denen im gesellschaftsvertrag besondere rechte gewährt sind' handelswb. (1921) 212; Diederichs hatte bares geld und Gausenfelder vorzugsaktien dafür (für die verkaufte fabrik) bekommen Heinr. Mann untertan (1949) 448. —
vorzugsdividende f.,
nach Sittel-Strausz 'die auf die vorzugsaktien entfallende dividende, die ausgezahlt werden musz, ehe die gewöhnlichen aktien eine dividende ausgezahlt bekommen' handelswb. (1921) 212. —
vorzugserbe m.,
'bevorrechtigter erbe' (s. vorzug I B 2 a α): die vortheilgerechtigkeit fällt weg, wo kein mit-erbe einstehen will; wo der vorzugserbe in verschwendung oder solche verbrechen gegen den erblasser, die schenkungen aufheben, verfällt cod. Napoleon als landr. f. d. groszherzogthum Baden (1809) 235. —
vorzugsgabe f.,
'vortreffliche, hervorragende gabe':
(ein geist,) den himmel und natur mit reicher güte speist
und deszen durch den fleisz erworbne vorzugsgaben
des feuers eigenschaft im steig- und wachsen haben
(1718) Joh. Chr. Günther s. w. 4, 162 Krämer;
zwar sah erst Frankreichs volk die hohen vorzugsgaben,
womit natur und kunst dich (Ferd. v. Zettwitz) so bereichert haben
(1743) Gottsched ged. 2 (1751) 537. —
vorzugsgerechtigkeit f.,
nach Jablonski 'jus praelationis, preference, das vorrecht, welches ein gläubiger an des schuldners nachlasse hat, vor andern gläubigern daraus bezahlet zu werden' allg. lex. (1767) 2, 1679. —
vorzugsgesetz n.,
terminus der ethik (s. Nicolai Hartmann unter ¹vorziehen B 2 b α): alles lebendige wertgefühl steht schon unter vorzugsgesetzen, die ihrerseits in der höhenordnung der wertwesen selbst verankert sind Nicolai Hartmann ethik (1935) 260. —
vorzugsplatz m.,
'besonders ausgezeichneter platz': tafelrunde ... ursprünglich die tafel des sagenhaften königs Artus, die deshalb rund ist, damit an ihr keiner der Artusritter einen vorzugsplatz hat Waag bedeutungsentwickl. unseres wortschatzes (1926) 100; der vorzugsplatz (war) erschüttert, den dieser mann in seinem herzen einnahm A. Seghers die toten bleiben jung (1950) 279. —
vorzugspreis m.
a) 'dem vorzug (I B 2 b bzw. 3 a) zuerkannter preis'; vereinzelt in älterer sprache:
auch du kannst gurgeleien
den vorzugspreis vor meinen tönen weihen?
Ungen bei Campe 5 (1811) 524.
b) in neuerer umgangssprache 'besonders günstiger preis': 25 pfennig pro kubikmeter (wasser). für groszverbraucher gab es früher vorzugspreise von 16 pfennig aufwärts Berliner zeitungen a. d. jahre 1948; (herr Wolfsohn) setzt sich in den schwarzen ohrenstuhl, im möbelhaus Oppermann zu einem vorzugspreis erstanden Feuchtwanger geschw. Oppermann 68 greifenverl.
vorzugsrecht n.,
'besonderes recht, vorrecht', vor allem als juristischer terminus (vgl. auch s. v. vorzugsweise den beleg aus der zivilprozeszordn. (1910) § 805 Korn): allwo sie ... das jus praelationis oder vorzugsrecht ... zu praetendiern haetten Abele unordn. (1670) 5, 41; immassen er (ein entlassener dragoner) ... zuförderst dem regiment, sodann aber der gantzen chursächs. armee überhaupt das vorzugs- und näher-recht seiner person vor allen fremden und auswärtigen diensten ausdrücklich zugestanden (1740) Klingner dorf- u. baurenrechte 1, 224; eine andere art des vorzugs-rechts, welches ... der gerichts-herrschaft ... zustehet, betrifft das anbiethen des rind-, schwein- und federviehes, auch anderer lebensmittel, welche die bauren zu verkaufen gesonnen, und ihrer gerichts-obrigkeit ... um einen billigen preis vor allen andern abkäuferen zu überlassen verbunden seyn (1749) ebda 1, 73; die (erbfolge) wegen des dieser linie erworbenen vorzugsrechtes so lange in derselben bleibt, als ein lehensfähiger in derselben noch da ist Georg Mich. v. Weber lehnrecht 3 (1810) 489; es fällt also in den gegenwärtigen fall, der streit wegen des vorzugsrechts zwischen den gläubigern des Wezlars und dem kaiserlichen fisco ... weg qu. v. j. 1775 bei Kriegk dt. kulturbilder a. d. 18. jh. (1874) 472; die bestimmung ... ging dahin, dasz 'pfand- und hypothekenrechte, vorzugsrechte, sowie zurückbehaltungsrechte an gegenständen der konkursmasse nach eröffnung des konkursverfahrens nicht mit verbindlicher kraft gegen die konkursgläubiger erworben oder eingetragen werden können' konkursordn. f. d. dt. reich (1901) 90 (§ 15) Boszert (s. ferner Brockhaus 19 (1934) 701). jedoch auch in poetischer sprache:
wer mehr gelehrsamkeit, mehr wissenschaft besessen,
bey dem hab ich schon dort mein vorzugsrecht (als graf) vergessen
Gottsched ged. 2 (1751) 411 (s. auch ebda 1, 181). —
vorzugsschüler m.
a) 'ausgezeichneter schüler, musterschüler': 'die andern (mitschüler) sind jetzt auf ferien und lernen nicht' ... 'sind das vorzugsschüler?' M. v. Ebner-Eschenbach d. vorzugsschüler (1924) 13, s. auch ebda 5; vorzugsschüler ... boy who has got a first-class report, top-boy Muret-Sanders 4, 2207; ich hätt mich zum beispiel zu tode geschämt, ein vorzugsschüler zu sein, obgleich mir's leichtgefallen wär Wefrel Barbara (1929) 576. b) in neuerem sprachgebrauch auch im sinne von 'bevorzugter schüler, lieblingsschüler': denn der pater führte seinen vorzugsschüler nicht nur in die vor- und frühgeschichte des Benediktinerordens ein, sondern auch in die quellenkunde des frühen mittelalters Hesse glasperlenspiel 1 (1946) 263, s. auch ebda 270 und 400. —
vorzugsschülerin f.,
zu -schüler (a): Jeanne Abadie, die vorzugsschülerin aus dem katechismus Werfel Bernadette (1948) 41 (vgl. ebda 110: Jeanne Abadie ... die beste in der klasse). —
vorzugsstellung f.,
'bevorzugte sonderstellung': ich hatte schon in der schule meine vorzugsstellung gegen kameraden, denen ich beim lösen der aufgaben half, ... dazu benutzt ..., mir zur belohnung bücher (von ihnen) ... zu leihen Bebel aus meinem leben (1946) 1, 33; Ferdinands feinere kindheit ... machte ihn untauglich im wettkampf um stipendien und vorzugsstellungen Werfel Barbara (1929) 208; ihrer vorzugsstellung bewuszt und dem offen kundgetanen neid der heimischen bevölkerung trotz bietend, haben die Holländer in ihren dörfern recht, sitte und sprache behauptet Herm. Teuchert d. sprachreste d. niederl. siedlungen d. 12. jhs. (1944) 246; freier: das hochdeutsche war in der vorzugsstellung (gegenüber dem nd.), seitdem es die rolle der einheitssprache übernommen hatte Fr. Maurer in: dt. wortgesch. 3 (1943) 140 Maurer-Stroh.
vorzugsstrittigkeit f.,
'prioritätsstreit': etliche wochen zuvor ... liesz der keyser ein decret abgehen, an die crainerische landschafft, dass sie sollte commissarien absenden ... um wegen der praecendentz oder vorzugs-strittigkeit ... zu tractiren Valvasor hertzogthum Crain (1689) 316. —
vorzugszoll m.,
'präferentialzoll, ein nur auf die einfuhr bestimmter herkunft beschränkter niedrigerer zollsatz' Brockhaus 19 (1934) 701ᵇ.
2)
im schweiz. findet sich vereinzelt eine komposition mit vorzug (II 2), ohne fugen-s: vorzugbaum, m., 'deichselstange', s. schweiz. id. 4, 1250.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 13 (1951), Bd. XII,II (1951), Sp. 2010, Z. 30.

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Zitationshilfe
„fürzug“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/f%C3%BCrzug>, abgerufen am 25.10.2021.

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