fangen
Fundstelle: Lfg. 6 (1861), Bd. III (1862), Sp. 1311, Z. 62
die aus fahan entspringende nasalform (sp. 1236), analog dem hangen aus hahan, dem gangen aus gahan, wobei die ahd. mhd. kürzungen vân, hân, gân, alle ein ausgefallnes h voraussetzend, zu erwägen sind. Ulfilas überliefert uns weder faggan noch haggan, in der goth. sprache können sie doch schon frühe aufgetaucht sein, da sich gaggan neben gahts findet und auch das verwandte figgrs, finger (s. dieses wort) auf faggan zu schlieszen berechtigt. ahd. erfolgte production des fahan in fâhan, hahan in hâhan, mhd. vâhen, hâhen. der bedeutung von fahen, fangen entspricht das goth. niman, ahd. nëman, gr. λαβεῖν. neben fâhan fiang hatte sich auch für abstracte begriffe ein schwaches fangôn fangôta erzeugt (Graff 3, 414. 415), welchem keine mhd. noch nhd. bildung entspricht. auszerdem vergleiche man fassen, ahd. faʒʒôn, dessen sinn sehr nahe liegt, das aber anders wurzelt.
1)
menschen, leute fangen: mach dich auf Barak, und fange deine fenger. richt. 5, 12; und fiengen zween fürsten der Midianiter, Oreb und Seb. 7, 25; fieng er einen knaben aus den leuten zu Sucoth. 8, 14; und David fieng aus inen tausent und sieben hundert reuter. 2 Sam. 8, 4; ergriffen Zedekia im felde bei Jeriho und fiengen in. Jer. 39, 5; er fieng die feinde des herrn. Sir. 46, 4; überfielen den Johannem und fiengen in. 1 Macc. 9, 36; Juda, der ein furgenger war dere, die Jesum fiengen. apostelg. 1, 16; fur er fort und fieng Petrum auch. 12, 3; der dieb entfloh und niemand konnte ihn fangen. ahd. fieng irâ hant, tenuit manum ejus. T. 60, 15, faszte, hielt ihre hand; fieng sînan bart, faszte, grif in seinen bart. fangen, einnehmen, gewinnen:
gewis du fängst mich nicht, lasz mich nur ungestört,
und liebe nur für dich, das ist dir unverwehrt.
Rost schäferg. 133.
bemerkenswerth ist noch fangen im sinne von anbinden zur feier des geburts oder namenstages:
sondern müssen euch mit verlangen
auf ewers namens tag heut fangen.
Wolfh. Spangenberg anbind oder fangbriefe B 7ᵇ und sonst sehr oft.
Schm. 1, 539 aus Schönsleder: natali suo aliquem nectere, amica vincula injicere, natalitio serto honorare.
2)
thiere fangen: und Simson gieng hin und fieng drei hundert füchse. richt. 15, 4; da das die heiden von im (dem lewen) höreten, fiengen sie in in iren gruben und füreten in an keten in Egyptenland. Ez. 19, 4. 8; meister wir haben die ganze nacht geerbeitet und nichts gefangen (goth. vaiht ni nêmum). Luc. 5, 5; und in derselbigen nacht fiengen sie nichts. Joh. 21, 3; bringet her von den fischen, die ir itzt gefangen habt. 21, 10. auch von kleinen thieren, mäuse, ratten, käfer, fliegen, mücken, flöhe, läuse, schmetterlinge fangen, haschen, wo die alte sprache schwerlich niman gebrauchte, und wo sich oft nebenbedeutungen entwickelten, z. b. maulwürfe fangen hiesz in die erde kriechen, sterben: und durch seins meisters des teufels hilf kriegt er (Johannes 19) endlich die papstkron ums jar 1005, behielt sie aber nur 5 monat und darnach gieng er mollen fangen und reist zu seim meister auf die fegfeurkirben ins seelfegerland oder daselbst umher. bienenk. 218ᵃ; grillen fangen ist nugari, ineptire, inanibus curis indulgere:
pursche fangen grillen,
aber wenn sie füllen
und die pfeifen glühn,
musz der schmerz so weit entfliehn,
als die spansche degenklinge
vor dem tapfern Binge.
Günther 919;
fieng die schlimmste aller grillen.
Wieland 22, 271;
vgl. mhd. nu hüet ër sîner grillen,
dër ër dâ hât gewalt.
MSH. 3, 262ᵇ,
mehr davon unter grille und heimchen; die mücken fangen, culices legere, etwas geringes, unbedeutendes verrichten:
er denkt, er trägt die welt aufm rücken,
fäng (l. fieng) er uns nur einmal die mücken!
aber da ist nichts recht und gut,
als was herr pater selber thut.
Göthe 13, 72.
3)
feuer fangen, ignem concipere: das stroh fieng feuer; pulver fängt leicht feuer; der zunder fängt nicht;
daʒ deʒ fiur möhte sîn
gevangen mit eim schoube.
Er. 9207;
du siehst die schöne sonn auf ewig schlafen gehn,
die wälder fangen feur, die kühle bäche stehn
und seigen (versiegen).
Gryphius 1, 701;
die geister fangen glut, die muntern finger spielen
und müssen diese kraft in jeder sehne fühlen.
Günther 745;
seitdem fieng mancher schäfer
aus Chloris augen feuer.
Hagedorn 3, 66;
wie ist ihm zu thun, dasz ich dereinsten nicht auch erlösche, sollts anders dahin kommen, dasz der funken, so etwa in mir ist, noch fienge. Klopstock 12, 118; der stöszer fieng feuer bei dem schornstein des gasthofs, aus dem das ledergespenst dreimal geschauet. J. P. komet 3, 167;
der nacht tiefschwarzer schleier
fängt nun im schiffesbrande plötzlich feuer
und leuchtet weithin übers wilde meer.
Lenau Faust 148.
4)
wasser fangen, einlassen: das schif fängt wasser durch alle fugen, navis aquam omnibus compagibus accipit. Livius 35, 27; als wir nun mit erschrockenem herzen in der irre herum fuhren, fieng unser schif mit gewalt wasser zu fangen an (ungeschickte häufung von fangen und anfangen). Heberer 1, 153; wer von solchem leder winterstifel het, der möcht getröst nach ustern fischen, dann sie würden kein wasser fangen. Garg. 247ᵇ. den brunnen fangen, wie den harn fahen (sp. 1238, 8):
mein alte, ich hab mich bedacht,
und hab vor mein brunnen gefangen.
H. Sachs V, 353ᶜ;
doch thet zu meinem glück gleich stallen
mein grawe, da fieng ich irn harm
in mein kutrolf noch also warm.
354ᵇ.
in anderm sinn hiesz das wasser fangen es einfangen, einfassen, eindämmen: item welcher aus weihern oder beheltnus fisch stilt, ist auch eim diebstal gleich zu strafen, so aber einer aus einem flieszenden 'ungefangen' wasser fieng, das einem andern zustünd, der ist an seinem leib oder gut ... nach rat der rechtverstendigen zu strafen. Carolina 169 und ebenso bamb. halsgerichtsordnung von 1507 art. 195. vgl.fach sp. 1218.
5)
ein kind fangen, concipere prolem, wie empfangen oder empfahen (sp. 421. 422), altn. fâ son, dottir, filium filiamve coneipere. auch von thieren: stuten, so zum ersten belegt, bald gefangen haben. Hohberg 1, 108ᵃ. desgleichen sagt die hebamme, dasz sie kinder fange d. i. hole, bringe, hebe: meine liebholdinne hat ihre zwei söhne auf dem bette geboren und sind lebendig blieben und wol gefangen worden von einer alten frauen von 70 jahren, die auch mich und meine brüder aus meiner mutter leibe in ihrer jugend und mehr als 5000 andere ihrer bedienungszeit also gezogen, auf keinem harten henkerstul, sondern im weichen bette, die füsze sind ihr nicht in stücken getreten worden, ob sie gleich damals, als sie meine söhne brachte, an einem stecken gieng. Ettner 553. vgl. goth. fitan parere, unten unter fassen.
6)
gift fangen, ansteckungsstoffe einsaugen, krankheiten fangen: wasgestalten an hiesigen stadtthoren die verfügung geschehen, keine fremde betteljuden und anderes ohnnütziges gesindel hereinzulassen, sofort abzuweisen ... keine leichtlich gift fangende waaren, güter und personen, wo die auch herkommen möchten, ... in hiesige stadt (Frankfurt) gelassen. (a. 1738). Belli 2, 86; doch hören wir oft ihre orakelsprüche gern und fangen endlich die krankheit. Sturz 1, 3; es ist eine böse, ansteckende krankheit, die sich sogar durch die luft mittheilt. ich wollte wetten, sie haben sie gestern abend in der atmosphäre der schwimmenden inseln gefangen. Göthe 56, 201. man sagte auch fangende krankheit, morbus contagiosus. Stieler 395.
7)
luft, athem fangen, schöpfen, ziehen, einziehen, holen, nach Schm. 1, 538 mühsam athem holen, gewöhnlich aber blosz athmen: unter dem die geklemten und gepresten jüden wider athem fiengen, verschnauften und erquicket worden. Mathesius 84ᵇ; im garten, auf dem wall ein wenig frische luft fangen; doch einest ein attem finge (aufathmete). Steinhöwel dec. 567, 22; mhd.
dô wolt ër eine küele vân.
Lanz. 3127;
die luft wolte da vâhen ër.
Ludwig 6177;
ein rôr in daʒ schiffelîn gienc,
dâ mite Morolt den âtem vienc.
Morolt 1824.
8)
eine gräte, einen dorn, splitter fangen, einziehen: sein hals fieng eine gräte, an der er bald erstickt wäre; mein finger hat am rosenstock einen dorn gefangen; als wenn ein organischer körper einen splitter fienge. Göthe 32, 123.
9)
das fallende, zugeworfne fangen: den ball, das schnupftuch fangen; die betteljungen wissen das geld zu fangen. vgl.facken sp. 1229.
10)
ahd. maʒ fâhan, cibum capere, altn. fâ mat, speise einnehmen, zu sich nehmen. altn. fâ sveita, sudare: þâ ër hann svaf fèck hann sveita, als er schlief bekam er schweisz. Snorri 7, wozu ahd. sueiʒfanc sudarium stimmt; mhd.
eine varwe gevienc.
Trist. 183, 38,
eine farbe annahm;
dar zuo gevie dër sëlbe slac
einen also griulîchen smac.
184, 2,
begann so greulich zu stinken, nahm übeln geruch an.
11)
mhd. die bërge vâhen, ins gebirge gehen. Diemer 141, 16. 143, 10; einen wëc, stîc vân, einen weg, pfad einschlagen:
dar zuo ein breitiu strâʒe gienc,
die Ernst mit dën sînen vienc.
Ernst 3680;
einen stîc ich dô gevienc,
dër truoc mich ûʒ dër wilde.
Iw. 274;
alsus Martinus aber vienc
den wëc, den ër gein lande gienc.
pass. K. 595, 75,
wie wir heute sagen den weg nehmen, viam capere.
12)
der regen fängt den staub, faszt ihn, führt ihn fort; mhd.
daʒ waʒʒer was geleitet
in daʒ hûs, dâ ëʒ vienc mist,
den fuorteʒ hin in kurzer frist.
Ernst 2469,
die wasserleitung ergrif allen unrath und führte ihn aus dem haus.
13)
herberge, kunde, nachricht fangen, domicilium, notitiam capere. ein schöner beleg zu herbërge vân Parz. 638, 5 steht schon sp. 182 ausgehohen:
dû wilt ze tumbe dër ritter künde vâhen.
Neidhart 27, 28;
drei tausent sinngetichte, wol mehr noch sind gegangen,
um hin und her zu streifen und nachricht wo zu fangen,
ob achten, ob verachten bei klugen zu erlangen.
Logau 3, 241, 130.
14)
mhd. den site vâhen, morem recipere, einen brauch einführen, befolgen, üben:
ein site was dâ gevangen,
dër sëlten wart übergangen.
Strickers Daniel, im eingang.
hierzu stimmt das ahd. situfangôn (Graff 3, 414), doch nhd. kommt die redensart nicht mehr vor.
15)
nhd. ein herz fangen, den muth fangen = fassen: da aber die jungfrau sein mannliche that nun so oft gesehen hatte, da fieng sie ein herz zu im und sprach. Wigalois prosa s. 50; mhd.
si gevâhet lîhte ein müetelîn,
dës man gërne âne wolte sîn.
Trist. 449, 35,
sie verfällt leicht auf etwas, das man lieber unterlassen sähe. ahd.
ër sâr thia beldida gifiang,
thaʒ ër in thaʒ grab giang.
O. V. 5, 9,
er faszte sich ein herz in das grab zu gehen. ähnlich ist drôst gifâhan eines, O. I. 20, 30 sich eines getrösten. mhd.
dër abbet vienc dër rede haʒ.
Haupt 8, 103,
ärgerte sich über die rede.
16)
wie früher 'eines', 'zu etwas', sagen wir heute 'nach etwas fangen, greifen: er fieng nach dem ball (vgl.fangeball); der hund fängt nach dem zugeworfnen knochen; daher befürcht ich allemal, das was ich der tochter vortrage langweile die mutter, und ich fange mit recht, wenn diese kömmt, nach einem besseren redefaden. J. P. Hesp. 2, 17, wie es auch heiszt den faden fassen, und faden selbst sich aus fahen herleitet (sp. 1230); diese stadt fängt nach viel solidern dingen. teufelsp. 1, 8; sagte, der teufel fienge schon sichtbar nach meiner seele. papierdrache 2, 117.
17)
im unpersönlichen ausdruck, d. h. so dasz von einem abstracten subst. auf die person eingeflossen wird: ahd. mih gifâhit (wie sonst nimit) wuntar, miror:
sie thô wuntar gifiang.
O. III. 16, 5;
wanda is mih sô hevig wunder gefahet, quoniam hoc me miraculum maxime perturbat. N. Bth. 209; den ne gefahet tës nëhein wunder, minime miratur. 216; mhd.
ir gruoʒ mich vie.
MS. 1, 76ᵃ;
wunne vie mich;
ein michel vreude gevie
die ritterschaft über al.
Lanz. 7656;
dô ër zwô mîle vor gie,
diu müede in harte gevie.
krone 12384,
die müdigkeit faszte, ergrif ihn, occupavit eum; nhd. den ungütigen vahen sein bosheit und er wird gebunden mit den stricken seiner sünde, iniquitates suae capiunt impium et funibus peccatorum suorum constringitur. bibel von 1483, 297 = spr. Sal. 5, 22;
uns fieng nach dir schier verlangen.
Val. Bolz ölung Davidis. Basel 1554 Cᵇ,
sehnsucht erfaszte, ergrif uns. gewis noch andere, z. b. angst, furcht, freude fieng uns, nahm uns ein.
18)
ohne subject, das sich leicht hinzudenken läszt, steht fangen für treffen, fesseln: hats gefangen? Schiller 133ᵇ;
jung bin ich und unerfahren,
wie man fangen und bewahren
und, der losen ränke voll
weilen nun, dann fliehen soll.
Boie in Voss musenalm. 1790 s. 174.
vgl. der zunder, die pflanze fäht nicht (fängt nicht) oben sp. 1238. in einer urk. aus dem beginn des 16 jh. heiszt es in Chmels Maximilian s. 417: wo die guetigkait nit gefangn wurde, recht ergen lasse = wo die güte nicht fangen, nichts verfangen werde, solle recht ergehn.
19)
das participium gefangen verbindet sich mit stehn, sitzen, liegen, bleiben, halten, nehmen, geben:
fest im eise stand sie gefangen und konnt ihm nicht wehren.
Göthe 40, 192;
er liegt gefangen im tiefen kerker, sitzt schon zehn jahre gefangen; hier hielt er mit himmlischer musik die hörer der lüfte (ältere ausg. die nachtigallen) gefangen. Schiller 132ᵇ;
doch mehr als ringlein, perlenschnur und spangen
hielt eine münze meinen blick gefangen.
Lenau neu. ged. 14;
Albrecht nahm seinen eigenen verstand gefangen. Schlosser weltg. 14, 36; hierauf hätte sich zwar manches einwenden lassen, aber wir gaben uns aus kindlicher achtung jedesmal gefangen. Göthe 26, 326, vgl. sich ergeben sp. 816 und ergibt sich gott gefangen sp. 1316 unter fangnis.
20)
refl. mhd.
bî henden sich dô viengen zwêne dëgene.
Nib. 1688, 1;
si viengen sich bî hende.
Rab. 29. 103. 140. 340;
nhd. sich bei der hand fassen. mhd.
vie sich in daʒ hâr.
Greg. 3137,
nhd. sich in das haar fassen, greifen: mhd.
sich het diu maget rîche
in einen mantel gevangen.
Wigal. 25, 17,
sich in einen mantel gewunden, gekleidet, gefaszt, vgl. ahd. gifang vestis. nhd. die maus hat sich in der falle gefangen; zum spatz, der sich auf dem saale gefangen hatte. Bürger 20ᵃ; er fängt sich in seinen eignen reden; der wind fängt sich in einer schlucht.
21)
endlich bedeutet auch fangen einigemal so viel als fangen machen, mit dem dat. der person: fang mir den ball, wirf ihn mir zu, ganz wie facken sp. 1229; einem eine fangen, einen beohrfeigen, wie sonst eine stechen, geben. so altschw. faͦ für gifva, tillställa, überreichen, zustellen. vgl. abfangen, anfangen, auffangen, befangen, einfangen, empfangen, umfangen, verfangen, zufangen.
fangen, fengen
Fundstelle: Lfg. 6 (1861), Bd. III (1862), Sp. 1315, Z. 21
incendere. 'sengen und fengen' sengen und brennen. weisth. 1, 493. s.fänken, fenken.
Zitationshilfe
„fangen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/fangen>, abgerufen am 14.11.2019.

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