fessel m. f. n
Fundstelle: Lfg. 7 (1861), Bd. III (1862), Sp. 1555, Z. 46
compes, vinculum, mhd. vëʒʒel m., mit ë wie sëʒʒel, nicht mit e wie keʒʒel, neʒʒel, denn da vëʒʒel und keʒʒel oft genug erscheinen, würden sie gereimt worden sein, wäre der reim nicht falsch, erst der spätere Frauenlob erlaubt sich MS. 2, 215ᵃ neʒʒel : keʒʒel : sëʒʒel zu verbinden. rein ausgesprochen musz der vocal in vëʒʒel anders gelautet haben als in veʒʒelîn vasculum. ahd. fëʒʒal, sëʒʒal neben cheʒʒil, neʒʒilâ, noch sichtbarer von einander weichend goth. fitls, sitls und katils, natilô, wenn ich recht rathe. altn. fiötl und ketill, dat. fitli und katli; doch ags. fallen fetel und cetel, setel, netele fast in der aussprache zusammen, wie wir nhd. den vocallaut von fessel, sessel, kessel, nessel nicht mehr zu sondern vermögen. das mlat. fadulus, faidulus, fagidulus (Diefenbach 222ᶜ) darf die deutschen lautverhältnisse nicht bestimmen. die wurzel ist goth. fitan, ahd. fëʒʒan, der wir schon sp. 1340. 1358. 1365. 1368 begegnet sind. das genus schwankt.
1)
balteus, cingulum, vinculum, namentlich ein band, worin das schwert, der schild hieng, auch der dem falken angelegte rieme, um ihn auf der hand zu tragen. mhd.
dër vëʒʒel was ein borte
alsô breit sô ein hant.
En. 161, 2;
einen vëʒʒel zweier hende breiten
hât sîn swërt.
Neidhart 41, 1;
rädelohte sporen treit mir Frideprëht ze leide,
niuwe vëʒʒel.
75, 10;
dën schilt dën ructe ër hôher, dën vëʒʒel nider baʒ.
Nib. 1875, 3;
man muoʒ in bî dëm vëʒʒel ziehen wider dan.
1959, 3.
vgl. die zusammensetzungen lancvëʒʒel, schiltvëʒʒel, swërtvëʒʒel (mhd. wb. 3, 284ᵇ). nhd. fehlt das wort bei Dasypod., Frisius, Maaler, wurde aber durch Luther genug eingeführt und oft bildlich gebraucht: deine hende sind nicht gebunden, deine füsze sind nicht in fessel gesetzt. 2 Sam. 3, 34; die namen Manasse gefangen mit fesseln und bunden in mit keten. 2 chron. 33, 11; ir könige zu binden mit ketten und ire edlen mit eisern fesseln. ps. 149, 8; er folget ir balde nach, wie ein ochse zur fleischbank gefürt wird, und wie zum fessel, da man die narren züchtiget (vulg. nescit quod ad vincula stultus trahatur). spr. Sal. 7, 22; in fesseln werden sie gehen. Es. 45, 14; er hat mich vermauret, das ich nicht heraus kan und mich in harte fessel gelegt. klagl. Jer. 3, 7; und alle ire gewaltigen wurden in ketten und fessel gelegt. Nahum 3, 10; ergib deine füsze in ire fessel und deinen hals in ire halseisen. Sir. 6, 25; wenn man den narren ziehen wil, so stellet er sich als wolt man im fessel an hende und füsze legen. 21, 22; denn er war oft mit fesseln und ketten gebunden gewesen und hatte die ketten abgerissen und die fessel zurieben (goth. untê is ufta eisarnam bi fôtuns gabuganaim jah naudibandjôm eisarneinaim gabundans vas, jah galausida af sik þôs naudibandjôs jah þô ana fôtum eisarna gabrak). Marc. 5, 4; und er war mit ketten gebunden und mit fesseln gefangen und zureisz die bande (jah bundans vas eisarnabandjôm jah fôtubandjôm fastaiþs vas jah dishniupands þôs bandjôs). Luc. 8, 29; ein hund zun fesseln, canis ad vincula. Henisch 1075, 18;
des kerkers grause noth, die fässel so uns binden.
Gryphius 1, 101;
fessel, trotz und folterbank.
1, 121;
die fessel zeugen schande.
1, 264;
und spann ihn, sperrt er sich,
mit fesseln an das klotz.
1, 268;
ein fessel drücket mich, so schwerer ist als ich.
Hofmannswaldau heldenbr. 35;
mein fessel lieb ich mehr als vormal helm und schwert.
45;
sie (die liebe) setzt uns härter zu, wenn fessel sie ümgeben.
getr. schäfer 11;
denselben augenblick man ihm die fessel (acc. pl.) abgethan.
sterb. Socrat. 4;
hingegen eine wilde seele,
so noch das alte fessel drückt.
125;
in der freiheit ein raschendes (überraschendes, einfallendes) fessel. Wiedemann decemb. 7; ein unerträgliches fessel. Lohenstein Arm. 1, 820;
wagt sich die feige faust selbst an den fessel nicht,
der, wann er brechen soll, mit blut gebeizt nur bricht.
Lessing 3, 347;
die vertrauten der götter zermalmten die eisernen fessel der regel. Sturz 1, 213; die fessel der liebe tragen; mein männliches herz zerbricht deine stolzen fesseln;
werd ich zum augenblicke sagen:
verweile doch, du bist so schön!
dann magst du mich in fesseln schlagen,
dann will ich gern zu grunde gehn!
Göthe 12, 86;
die seele wars, die jahre lang gebunden
durch alle fesseln jetzt auf einmal brach.
Schiller 46ᵃ;
der Tell in fesseln, in des vogts gewalt!
539ᵃ;
es heiszt also in fesseln sein, in fesseln liegen, in fesseln gehn; in fesseln legen, setzen, werfen, schlagen, schmieden, mit fesseln binden, fesseln anlegen; fesseln tragen, dulden; die fesseln ablegen, abwerfen, abnehmen, abschütteln, brechen, zermalmen, zerreiben, zerfeilen; man sagt schwere, klirrende, rasselnde fessel. gleichbedeutig mit fessel sind band, eisenband, eisen, kette. das ahd. fëʒʒal, fëʒʒil erscheint immer neutral, bleibt also im nom. acc. pl. unverändert, das mhd. vëʒʒel ist männlich, das nhd. fessel früher meist neutral, selten männlich, zuletzt aber überwiegend weiblich, also mit dem pl. fesseln; altn. fiötla auch f. ahd. mhd. bedeutet das wort fast nur band, nicht die schwere kette, wofür fëʒara, mhd. vëʒʒer galt.
2)
da auch thiere unten am fusz gebunden und gefesselt werden, so ergab sich leicht, dasz fessel den untern theil des thierischen fuszes, pars pedis ungulae proxima bezeichnet: mhd.
ëʒ (das pferd) hët, sît ich ëʒ loben muoʒ,
kurzen vëʒʒel, hôhen fuoʒ.
Er. 7360;
als ir pfërt în gewuot
unz an die vëʒʒel ze tal.
krone 8015;
nhd. die stücke (der vorderbeine des pferdes) sind, von oben her abwerts zu zehlen, der bug, der theil, so sich von dannen an bisz zu dem knie hinab erstreckt, die röhr unter dem knie, die ober fessel, die unter fessel, der fusz. Uffenbach 1, 198; dieselbe eintheilung bei den hinterbeinen s. 203; wann ein ros zwischen den feszlen fratt und rüssig oder sträfüszig wirt, schär das haar vor hinweg, wäsch den prästen mit wein aus. Sebiz 157; die füsze der pferde soll man ober und unterhalb der knie, sonderlich in den fesseln und um den preis (2, 355 breis, 3) mit einer cartätschen oder härassenen tuch trocken reiben. Hohberg 2, 138ᵇ. Seuter setzt aber für fessel 'füeszel'. dies und das lat. pedica sowie compes, compedio, impedio lieszen wol daran denken, dasz auch fëʒal, vëʒʒel mit fuoʒ, vuoʒ selbst zusammen hängen und es käme darauf an, die verba fëʒʒan faʒ, goth. fitan fat und faʒan fuoʒ, goth. fatan fôt zu einigen, worüber unter fusz mehr zu sagen ist, vgl.fesser, fisselich, ↗fiszloch. s.halsfessel, ↗handfessel, ↗hornfessel, wurffessel.
Zitationshilfe
„fessel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/fessel>, abgerufen am 22.08.2019.

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