Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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ficke, f.

ficke, f.
was fick. Stieler 1962 hat ficke, klappe, caesio, wo ohrfeige (sp. 1412) anklingt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1861), Bd. III (1862), Sp. 1616, Z. 51.

ficke, f.

ficke, f.
crumena, loculus, tasche, säcklein, mlat. ficacium (Ducange 3, 278ᶜ). noch nicht bei Henisch, zuerst bei Schottelius 1350 fikke und Stieler 482 ficke, seit der zweiten hälfte des 17 jh. bei den schriftstellern (kaum oberdeutschen) häufig genug nicht nnl., aber nd. (Schambach 269ᵇ), schw. ficka, dän. fikke begegnete es früher, so liesze es sich zu ags. pocca, poha, engl pouch, pocket, fr. poche, isl. poki (vgl. posi, schw. paͦse, dän pose) halten, die sämtlich pera ausdrücken. aus ficken reiben, insofern man durch häufiges eingreifen, einschieben die tasche riebe, ist es kaum entsprungen; eher darf an fach, schubfach (sp. 1221, 9) gedacht werden, s. hernach fickfack. einen in die ficke (den sack) stecken können (ihm überlegen sein). Sam. Müller chron. von Sangerhausen s. 200; den kindern dienet nicht, wann sie noch jung sind, dasz sie die ficken oder schiebsäcke immer voll geld haben. Scriver seelensch. 1, 327; bald zoge er einen puffer aus der ficke. Weise erzn. 204, zog Stolbio eine neue comödien aus der ficken dieselbige abzuschreiben. pol. stockf. 91; seines briefes in der ficken vergasz er gänzlich. 118; nahme der schatzkrämerin vor dem schlosse all ihr geld aus der ficke. Jucundiss. 89; er selbst zoge eine halbe knackwurst aus der ficke hervor. 128; zoge unter währender arbeit ein dröglgeiglein hervor aus der ficke. 158; er stecket das geld in seine ficke, pecuniam ingerit loculis suis. Stieler 482; einem die ficke lausen, emungere aliquem argento; wenn der schneider sein bügeleisen nicht in der ficke hat. Felsenb. 2, 432; weswegen denn meine schwester einen holländischen gulden aus der ficke zohe. 3, 7; unter der zeit aber hätte sie eine bleifeder aus der ficke gezogen und einige zeilen auf ein blättchen papier geschrieben. irrg. d. l. 13; mittlerweile zog Thalberg zwei venetianische dukaten aus seiner ficke und druckte sie dem alten in die hand. 143; so schüttete ich den toback in meine beiden westenficken. Leipz. avant. 1, 42;
er grif wol zehnmal in die ficken
und guckte nach der taschenuhr.
Günther 166;
und wenn ich ohngefehr ein maul voll götter fieng,
so rast ich voller lust, und zog bei solchem glücke
auf zwei quart Milius zwölf groschen aus der ficke.
376;
zerreiszt die misgunst ihr (d. i. sich) hierüber gleich die ficke,
so bleibet dennoch nicht mit seiner pflicht zurücke.
415;
die ficken musten voller band, das maul voll zimmt und zucker stecken.
430;
gleich hatt ich äpfel in den ficken,
husch! zog ich einen apfel vor,
puf hatt er einen an das ohr
und wieder einen auf dem rücken.
Weisze kom. op. 3, 6;
so lag das beil da grosz und breit,
und er steckts in die ficken.
Claudius 7, 64;
ich hatte zwar noch ein endchen taback in der ficke. Wieland 15, 129; mein dukaten reisegeld war schon dünn wie ein laub worden, sonst hatt ich keinen heller in der ficke. der a. m. im Tockenb. 156; ich hab meines Suschens ficke durchsucht. Lenz 1, 156; ob die hand, die ich fühle, mir etwas in den hut werfen oder aus der ficke ziehen will. Lichtenberg 3, 108; nu, ihr leute, meine bulle (flasche) ist leer, und meine ficke auch. Gotter der jahrmarkt 6;
tritt weihnacht wieder einmal in das land,
dann strotzt von geld mir die ficke.
Voss mus. alm. 1798 s. 199;
du aber brennst
ihm überm kopf das haus zusammen, während er
das schreiben trägt in seiner ficke heiligthum.
Platen 301ᵇ.
das wort klingt uns heute gemein und kann nur in nachlässigem, komischem stil gelten. Göthe und Schiller haben es nie gesetzt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1861), Bd. III (1862), Sp. 1616, Z. 53.

ficken

ficken,
fricare, ein wort, dessen ahd. und mhd. keine spur erscheint, sie taucht aber in der mundart eines stücks von Karlmeinet auf:
we hei mit sime helme
geink ficken in dem melme.
79, 44;
den schilt hei vur sich druckede,
mit sporen hei do vickede
dat rabiʒ (mhd. ravît).
119, 51,
wo Bartsch s. 342 dem reim gemäsz ruckede lesen will, bei ficken in dem melme liesze sich freilich an fr. ficher, mhd. fischieren denken, so dasz in beiden belegen noch unsicherheit obwaltet. deutlicher sind nhd. stellen: zuͦm vierden wirstu sehen rechte und billiche haltung seiner gelider, so er steet, das er nit fick (scharre, kratze) an den füszen, so er sitzt, das er nit auf den ellenbogen lige, und so er ligt, das er seine gelider ordenlich haltet, so er redt, das er nit mit den füszen tritt oder mit der hand umb sich schlacht. Keisersberg schif der pen. 30ᵈ; in den nüwen schuͦen get man gar übel, sie zerficken einem die füsz. bilger 90ᵃ; welcher wil uber feld gon, der sol luͦgen, das er die schuͦ vor acht tagen oder lenger hab getragen, denn ist guͦt darin gon, sonst ficken sie im blotern (reiben blattern, blasen). 93ᵇ; indem sie sich bewegen, mit den hufen der füesze daran reiben und ficken. Uffenbach 1, 169; dies pulfer heilt die geschwär, item wo einen die schuch geficket. Forer 52ᵃ; schäden aus ficken und reiben empfangen. Wirsung 298. aus den glossaren ergibt sich: ficken fricare, wider aufficken refricare, hinein ficken infricare, wol ficken perfricare, zuͦmal ficken, confricare. Dasypodius 327ᵇ; fricare, kratzen, riben, jucken, ficken. Frisius 585ᵃ; perfricare vast ficken. 979ᵇ; ficken, vast ficken, fricare, defricare. Maaler 135ᵈ und danach Henisch 1093; figgen, fieggen, reiben, hin und her rutschen. Stalder 1, 368; fegga, figga, riba. Tobler 179ᵃ; dhosa feggid mi, dasz i of (auf, ofne haut, wunde haut) öberchomm; an etwas ficken, figken, reiben, ein thier mit der ruthe, peitsche ficken, ihm einen kurzen streich versetzen, mit den augen ficken, die augenlider schnell auf und ab bewegen (zwicken, zwinken, zwinkern). Schmeller 1, 510; auf dem stuhl herum ficken, hin und her fahren, das kleid verficken, abwetzen, sich am fusz, an der hand aufficken, aufreiben. Höfer 1, 214;
lieb mich nicht anders wie ich dich,
wenn ich dich kreb, so fick du mich.
Eyring 2, 107,
ein dienst ist des andern werth, wenn ich dich kraue (krieble), so sollst du mich kratzen. die allgemein bestehende obscene bedeutung von ficken futuere bezeugt schon Mich. Lindeners rastbüchlein 1558 a 7. auch engl. fuck (in den wbb. meist ausgelassen). vgl. fiedeln. Kaum zu glauben ist, dasz ein in den letzten drei oder vier jahrhunderten feststehender und in das volk gedrungner ausdruck früher sollte ungekannt gewesen sein, wenn auch das zeugnis aus Karlmeinet bestritten werden kann. von fricare, mit getilgtem r, wird man ficken nicht herleiten, auch nicht von figere, it. ficcare, fr. ficher, beidemal gebräche lautverschiebung, die sich darböte, wenn man auf piccare, piquer zurückgienge, weil der vorstellung des stechens, stoszens die des reibens nahe liegt. noch besser denkt man aber an fegen, schön reiben (sp. 1412), das auch hin und her fahren, wischen bedeutet und an fahen gemahnt, gleich dem folgenden fickfack, vgl. ficke, ohrfeige, ohrfege, wobei auch Toblers fegga für figga zu erwägen ist. hier sei noch das engl. fidge und fidget erwähnt, welche sich zu ficken, wie edge zu ecke, bridge zu brücke verhalten. selbst fechten scheint anzurühren: das figget mich nicht, was figget dich das? Stalder 1, 368; das fickt mich an. Schm. 1, 510 statt ficht, wie Maaler 135ᵈ schreibt: die liebe ficht mich an, appetit me amor. vgl.fatschen, ↗fitschen, ↗futschen undfitzen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1861), Bd. III (1862), Sp. 1617, Z. 66.

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Zitationshilfe
„ficken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ficken>, abgerufen am 26.01.2021.

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