Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

flocke, m., f.

flocke, m. f.
lanugo, ahd. floccho (Graff 3, 763), mhd. vlocke (wb. 3, 345), nnl. vlok pl. vlokken, altn. flôki, schw. flocka f. dän. flokke, engl. flock neben flake. dem sinn wie den buchstaben nach leicht auf fliegen zurückgehend, denn die flocken aller art fliegen in der luft und ck schiene zu nehmen wie in flücke, volatilis. bedenklich macht nur die zustimmung des unverschobnen lat. floccus, welches ganz absteht von volare, und das gegen fliuga sich sträubende einfache k des altn. flôki, dazu mit voranstehendem langem vocal. dem lit. pukas ist l ausgefallen, wie unserm vogel, was sich am verwandten lit. plaukas für haar, und am lett. plaukas bestätigt, sie könnten aber beide, gleich dem böhm. flok, lehnwörter sein. wie socke dem soccus, wäre flocke dem floccus analog nachgebildet und der anklang an fliegen dem sprachgefühl willkommen gewesen, warum aber sollte sich g und ck in fliegen, flocke nicht gerade so verhalten wie in smiegen und smoccho, schmiegen und schmocke, neigen und nicken? es musz also offen bleiben, dasz flocke ein urdeutsches wort und im lat. floccus der überrest eines verbums enthalten sei, das unserm fliegen entsprochen habe, wiewol auch flectere und plectere in betracht kommen. daneben mag das altn. flockr, engl. flock cohors, caterva erwogen werden, das sich vielleicht mit folk populus berührt, denn die vorstellung der menge flieszt aus dem zusammenwehen oder schneien. fehlten uns doch nicht alle diese wörter fliegen, flocke und volk im gothischen! ahd. und mhd. war das männliche geschlecht entschieden, während nhd. das weibliche vorwiegt, doch begegnet auch der flocke oder mit falschem nom. flocken. meistens nur der pl.
1)
zunächst floccus nivalis, der schnee fliegt gleich federn in der luft (mythol. 246. 607): mhd.
dô sach man ûf dëm recken sam snêwes flocken swinde.
Gudr. 503, 3;
do began ëʒ sêre snîwen,
dëm was als von blîwen
die vlocken alle wæren.
krone 16046;
nhd. es reiset von hellen flocken
der schnee auf jener art.
Hätzl. 87ᵇ;
geleich als die schneeplocken (l. flocken) grosz
im kalten winter fallen blosz.
Spreng Il. 261ᵃ;
als wann zu kalter winterszeit
umbfliegen die schneeflocken weit.
452ᵃ;
es schneiet das glück bei uns mit groszen flocken. Philand. 2, 665;
wenn es dreht und flocken schloszt,
dasz wir fast nicht ohne grauen
für das kalte fenster schauen.
Fleming 218;
das fenster zeigt mir gleich den wirbel in dem schnee,
die flocken kommen uns zu segnen aus der höh.
Günther 413;
wie dichtwimmelnde flocken des schnees von Zeus sich ergieszen.
Il. 19, 357;
wie im winter der schnee im dichten gewimmel der flocken
fällt zu erde herab.
12, 278 (Uschner);
dich loben flocken, die das grüne haar
des düstern tannenhains versilbern.
Hölty lob der gotth.;
da kam der schadenfroh im merz
mit neuem frost und flocken.
Schmidt v. W. 71;
da wurde von den flocken
des januars umstürmt,
mit jubelndem frohlocken
der schneemann aufgethürmt.
Matthisson 23;
schlaft wol und euch begrabe
mit sanften flocken gott,
damit kein gierger rabe
mit euch hier treibe spott!
Rückert 197;
o mutter, wie stürmen die flocken vom himmel,
es wird uns in schnee noch begraben.
209;
wann die flocken wieder flistern,
wohnt er unter den philistern.
Schwabs schlittenlied:
wann der frost gemach entflohen,
der die leichte flocke streut.
Platen 6.
s. federflocke, schneeflocke, winterflocke.
2)
flocke von wolle, haar, seide, distel und andern flockigen blumen: pfül mit flocken gefüllet, culcitra lanea. Golii onomast. 1582 sp. 327; das einer ihn die händ öfnet und mit dem heraus gelasznen bluͦt ein flocken dunkt (färbt, sp. 320). Frank weltb. 187ᵇ; wollsäcke in einem groszen gewölb, welche alle mit flocken und scherwollen (tuchschererwolle) angefüllet waren, mit diesen flocken handierte der kaufmann allein und hatte benebens keine andere waar mehr. fr. Simpl. 2, 137; flocken der blumen; flocken lesen, faseln (sp. 1338); wir sahen den alten weibersommer in schönen langen weiszen fäden und flocken durch die luft ziehen. Weisze kinderfr. 5, 73;
bruder, hier um deine brust
wirf dies fell voll bunter flocken!
Fr. Müller 2, 347;
denn was uns furchtbar macht und hochgesinnt,
ist nicht der pflugstier, nicht die goldne saat,
die weisze flocke nicht der lämmerherde.
Freytag Fabier 39.
s. distelflocke, seidenflocke, wollenflocke und flockwolle.
3)
flocke an schleier und putz der frauen. in einer Speierer kleiderordnung von 1356: der vrowen sol deheine kein schappel dragen oder deheinen sleiger, genant kruseler, der me habe umbe gewunden danne vier vach, also daʒ dieselben vach alle, an den flocken daran, von der stirnen uber sich uf nit höher sint oder sin söllent danne eins twerchvingers hoch (oben sp. 1220). anz. des germ. mus. 1856 s. 175; ein netz von bunten schnüren, flocken und quasten. Göthe 21, 26.
4)
flocke f. mönchskutte (Schm. 1, 585), fr. froc, mlat. flocus und frocus, vestis monastica. Ducange 3, 323. 419. vgl. flockenstol.
5)
flocke an spiesz und anderm kriegsgeräth: wie der hunnisch könig Cacan Gisulfs fraw mit spiesz und flocken hat gespisset und verkeihelt (verkeilt). Garg. 61ᵇ (bei Paulus diac. 4, 38 palum in medio campo configi praecipiens, Romildam in ejus acumine inseri mandavit);
ein klöppel klingt nur hohl, doch wilt du sieger sein,
so schraube, wie Eugen, petard und flocken ein.
Günther 471,
vielleicht ist hier flocke mit pflock vermischt, s.flocken 2.
6)
bildlich: die hofnung des ungöttlichen oder eines solchen seellosen menschen ist gleich der flocken, die von dem winde hin und her getriben oder gewäget wirt. Keisersberg selenpar. 111ᵃ;
o glück, wem bist du ähnlich? flocken,
die nichts sind, sobald man sie hält.
Burmann ged. ohne r. 44;
volk, dem er heil, wie flocken gibt.
Lessing 1, 100;
und der himmel wie glas und die wolken wie flocken von purpur.
Platen 258;
in den vergoldeten vögeln, die wie Aurorens flocken umher schwammen. J. P. flegelj. 1, 103.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1860), Bd. III (1862), Sp. 1809, Z. 74.

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Zitationshilfe
„flocke“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/flocke>, abgerufen am 05.12.2020.

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