frieren n
Fundstelle: Lfg. 1 (1863), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 203, Z. 12
febris, fieberschauer, φρίξ, φρίκη: ich wollte lieber noch einmal so lang das frieren haben, als von vorn anfangen. Göthe 8, 76. s. friesen, friesel.
frieren
Fundstelle: Lfg. 1 (1863), Bd. IV,I,I (1878), Sp. 199, Z. 64
frigere, algere. goth. friusan, fraus (wie kiusan kaus, liusan laus) nicht vorhanden, doch aus dem subst. frius zu entnehmen. ahd. friosan frôs frurun gifroran, mhd. vriesen vrôs (und vrôr) vrurn gevrorn, nhd. frieren fror froren gefroren; nd. fresen, freisen, nnl. vriezen, vroor. ags. freosan freás fruron gefroren, engl. freeze froze frozen; altn. friosa fraus frusu frerinn, schw. frysa frös fröso frysen, dän. fryse frös frossen. II. III sg. bilden wir heute frierst friert, in den früheren jhh. galt noch freurst freurt oder freurest freuret. landschaftlich, z. b. in der Wetterau dauert freust, wie das s auch in frost haftet. urverwandt lat. frigere, fr unverschoben, gleich dem fl in fluere : flieszen. das inlautende s von friusan wie in lisan : legere, colligere, vgl. kiusan : γεύειν fut. γεύσειν. nahe dem frigere liegt rigere, da sich die vorstellungen des frierens und starrens unmittelbar berühren (vgl. finn. r für fr), der abstand des ī in frigeo von dem ĭ in rigeo unerheblich, weil auch ῥιγέω und ῥιγόω langen vocal haben. neben ῥιγεῖν, ῥιγοῦν erscheinen aber auch φρίσσειν, φρίττειν. schlieszt dem frigēre sich an frigĕre = bregeln, da kälte und hitze backen (1, 1065), so käme noch mehr skr. prusch, plusch urere, ardere in betracht und im lat. pruina, reif, wäre ein älteres pru enthalten, das sich mit friu, frius zu recht verschöbe, vielleicht dem kru in κρύος, κρυμός, cruor gleich stände. man musz auch frisch frigidus erwägen. das latein sondert frigere, frigus, frigidus von gelare, gelu, gelidus, welchen altn. kala, kaldr (ahd. chalan, chalt), lit. skalti, szaltas entsprechen. erstere drücken die innere empfindung des frostes, letztere die äuszere naturkälte aus. frigida aqua, wasser, das der trinkende, waschende fühlt, gelida aqua das gefrorne. doch mengen sich die worte und noch stärker die deutschen, da uns chalan ausgestorben, also durch frieren mit zu vertreten ist, unser kalt aber zugleich das für frigidus abgehende adj. zu ersetzen hat. nähere angabe der bedeutungen des frierens.
1)
intr. ich friere, frigeo, algeo, ich empfinde, erleide frost, fr. j'ai froid, it. ho freddo, sp. he frio. ahd. friuso algeo (Graff 3, 827); mhd.
want si bran und si frôs
in vil kurzen stunden.
En. 267, 34;
ich friere beständig, habe gestern sehr gefroren; er schwitzte und fror, sudavit et alsit; er fror, dasz er mit den zähnen klapperte; die vögel, mit dichten federn bedeckt, frieren wenig; man darf diese zarten thiere nicht frieren lassen; ich friere an händen und füszen; das kind friert; der arme Thoms friert, schw. den stackars Thoms fryser;
mein gott, was verträgt man nicht,
freuret, schwitzet, fastet, wachet.
Fleming 298;
wir zittern bei seinem sommer, wir frieren (es steht frühren!) bei der kälte seines winters. Lessing 4, 161;
wenn man da braun und blau im schlitten friert.
Gökingk 2, 194;
den stuhl nicht frieren lassen, immer darauf sitzen:
wie tief man hier und da des mannes schatten küsse,
der, weil ihm die natur viel sitzefleisch gemacht,
den stuhl nicht frieren läszt von morgen in die nacht.
Günther 409.
2)
viel häufiger unpersönlich 'es friert mich', oder mit vorangestelltem acc. und wegbleibendem es 'mich friert', die bedeutung transitiv: mhd.
dâ se bêde sêre vrôs.
Parz. 282, 3;
ëtswenne in doch in slâfe vrôs.
581, 3;
dâ ne mac daʒ wîp noch dën man
gehungeren noch gedursten,
gejâmeren noch gevriesen.
Diemer 77, 21;
uns armeʒ ingesinde friuset ofte vil sêre.
Gudr. 1190, 3;
dër wirt sprichet 'wæher gast, wie friuset iuch sô swinde?'
MS. 2, 69ᵇ;
dâ gedâhte ich, winter kalt, nu wilt dû aber komen,
dû hâst boten vür gesant,
die hân ich vil wol erkant,
mich friuset.
2, 226ᵃ;
nhd. der strauʒ hât ain sô dick haut, daʒ in niht freuset, wenn er von den federn enplœʒt wirt. Megenberg 223, 29; wann er schreit, sô schreit er zitterent hu hu hu, als ob in friese oder er zandklaffe vor frost. 224, 16; da haben sie alsdann ein mut, wie drei hund in eim bronnen, freurt einen so sehr als den andern. Fischart bienenk. 240ᵃ;
mich will gleich nach der sonnen (untergang) friern.
H. Sachs III. 1, 115ᵇ;
ists hitze? freurt mich doch.
Lohenst. auserl. ged. 1, 271;
machet auf, es friert den anklopfenden vor der thür;
die todte gspüre nüt dervo,
ne rueihig lebe hen si do,
si schlofe wol unds friert si nit.
Hebel s. 234.
3)
neben dem persönlichen acc. pflegt die praeposition an mit noch einem acc. zu folgen: mhd.
nackete liute
friuset an die hiute (vgl. 2 Cor. 11, 27),
daʒ ëʒ niht entæte,
obe si guotiu kleit an hæten.
fragm. 15ᵃ;
dër wint ieze gar scharpf ist,
sô friuret mîn hërn an dën gêren.
Diocl. 3487;
ër mohte sich kûme geregen,
sô übel frôr in an die füeʒe.
3517;
nhd. wir heiligen leut sin gern allein im refectorio, da haben wir harten orden, welchen im winter an die füsz früret, der sitzt da hinuf zuͦm ofen und wermet sich. von den vier beschwernis eines pfarrers. F 1ᵇ;
wie freust mich doch an meine händ.
Alberus Es. 81;
welchen nicht an die händ freurt, soll den ofen nicht hinderwertling ansehen. Fischart groszm. 98;
das bäumlein (kehrte) sich zur sonnen:
gib mir die blättlein wieder,
es friert mich an die glieder.
Rückert ges. ged. 1, 489;
wie kommst du groszer kaiser
von Ruszland nach Paris?
du bist gewaltig heiser,
dich frieret in die füsz.
Hofm. schles. volksl. 297;
und überall in der volksprache:
ek sta up kalen steinen,
mek früst an mine beine.
Wolfs zeitschr. f. d. myth. 2, 221;
s het ein scho an dfinger gfrore zmorgen und zobe (morgens und abends).
Hebel allem. ged. s. 163;
der morge chunnt (kommt). bi miner treu
es friert ein bis in mark und bei.
s. 234;
s. 319 bemerkt Hebel, dasz man auch sage 's horniggelt' für es frieret empfindlich an die finger, welches vielleicht mit hornig, hornung sich berühre. das trift vollkommen zu und verständigt uns Walthers ausruf:
ich hân mîn lêhen, al die wërlt, ich hân mîn lêhen,
nu enfürhte ich niht dën hornunc an die zêhen.
28, 32,
weil man in kalten februartagen an händen und füszen am meisten friert (Helmbreht 1198), und hier steht 'an die zêhen' ganz wie es heiszt 'es friert mich an die zehen'. undeutsch ist 'es friert mich an den händen, an den füszen', während diese dative neben ich friere richtig stehen, mich friert aber die praep. mit acc. fordert, und hier kann man den unterschied gewahren zwischen intransitivem ich friere und transitivem mich friert. ich friere drückt das blosze gefühl aus, mich friert den stechenden schmerz, mich friert = mich sticht, faszt es in den finger, in die zehe. gerade so in der edda:
kell mik î höfut.
Völundarqv. 29,
es friert mich ins haupt; böhm. zašlo mi za nehty, zima mi zašla za nehty, es friert mich an (hinter) die nägel. Jungm. 2, 665ᵃ. 5, 429ᵇ. nicht anders wird gesagt: es brennt mich an die finger; es fiel ein heiszer wachstropfe und brannte mich an die finger; mhd. schön von einem freigebigen:
silber unde golt
gab er sô bald von sîner hant,
sam iʒ in an die vinger brant.
Helbl. 7, 374,
wie nhd. der groschen ist mir nicht an die finger gefroren, ich gebe ihn gern; wenn du mir den und den gefallen thust, sind mir ein paar vierundzwanziger auch nicht in die hände gefroren. Schm. 1, 616; du stest bei einer, schwetzest, so du schlafen solt gan, unz daʒ dich das liecht an die hant brennet. Keisersb. gunkel d 2ᵃ; es brennt mich auf die näthe, das feuer ergreift meine kleider. diese schon 2, 365 angezognen stellen wiederhole ich, damit sie den zusammenhang zwischen frieren und brennen auch in den fügungen verdeutlichen. adjectiva, in welchen noch verbalkraft waltet, namentlich kalt und wund, fordern gleichfalls die praep. mit dem acc., ein östr. schnadahüpfl lautet:
mir is kalt in die händ,
geht da wind, dasz alls brennt,
lasz mi eini zu dir,
hab koan handschuach bei mir.
Seidl Almer 1, 6,
mir ist kalt = mich friert.
4)
es fror sich, man fror: natürlicherweise fror sichs auf dem postwagen des nachts. Niebuhr leben 2, 16.
5)
frieren, gelare, gelascere, festfrieren, häufig auch gefrieren, was in den belegen schon mit auftreten musz: der see friert, leicht, dünn oder fest, dicht, ist gefroren. mhd.
swâ man von îse ein lindeʒ vël
ûf einem tiefen sêwe kôs
und ër sô lützel dâ gefrôs,
daʒ man durch sîn vil dünneʒ dach
ein hâr bereiteclîche sach.
tr. kr. 6106;
der flusz ist so hart gefroren, dasz er mann und wagen trägt; weil das wasser leichtlich gefreuert. Wiedeman merz 30; das wasser fror diesen ganzen wintermonat nicht; das gefroren meer, das eismeer. Frank weltb. 29ᵇ und öfter;
das meer pflegt ganz und gar die erde zu umbfassen,
so wol das, das stets freurt, als das so kocht und siedt,
(sia dove bolla, o dove il mar s'agghiaccia).
Werders Ar. 15, 19;
du sitzest wie gefroren eis, das von keiner lust schmelzen will. pers. rosenth. 5, 13; was soll ich sagen von der herte des eises, das alles wider seinen willen zusamen freuret. Petr. 108ᵇ; alles blut fror ihm in den adern; die nasenspitze war gefroren; mhd.
Isingrîn pflac tumbir sinne,
ime gefrôr dër zagil drinne,
diu naht was kalt unde lieht,
ër gefrôr ie baʒ unde baʒ.
Reinh. 750. 754 (sendschr. s. 16);
das haar friert krumm oder kraus, weil sich das eis in blumen kräuselt;
im winter musz es krump gefriern
einmal des tages oder zwirn.
fastn. 1276, vgl. frisieren.
das posthorn war bei der strengen kälte gefroren und brachte keinen ton hervor;
der wandrer starrt von eise,
sein odem friert zu schnee.
Matthisson;
die äpfel gefrieren und verlieren allen geschmack; unser frierendes auge (das erstarrt oder nicht weinen kann?). J. P. mumien 3, 34; die in unser frierendes auge tröstend hineinblickende lichtwelt. uns. loge 3, 34; Victor wollte gleichsam die starre seele aus den gefrornen thränen wärmend lösen. Hesp. 2, 242;
wohin segelt das schif? es trägt sidonische männer,
die von dem frierenden nord bringen den bernstein, das zinn.
Schiller 82ᵃ.
oberdeutsch spottweise, bist gfrorn? kannst du dich nicht rühren? ietz bin i gfrorn, jetzt stecke ich fest, ist guter rath theuer, da haben wirs;
ir lieben narren, ists nit gefrorn?
Weinhold weihnachtspiele s. 263.
gefroren hat aber noch die besondere bedeutung von fest gegen hieb und schusz, unverwundbar, gefeit (3, 1560):
sie können sich nit retten,
viel weniger mit den spieszen,
ei wie wirds ihnen thun so zorn,
weil wir sein stainhart gefrorn,
ich main, sie werden einbieszen (einbüszen, verlieren).
Fadingerlied von 1626;
an den Perusi, welcher gefroren war, wollte der erste schusz nicht haften. der ander war besser gepfeffert, gieng durch und gab ihm so viel, dasz er eines mehrern nicht bedurfte. Chemnitz 1, 174ᵃ; die schanz, allwo lauter Franzosen und alle gefrorn oder vest gewesen, welche wir alle todt geschlagen. tagebuch aus dem 30 j. kr. bei Westenrieder 4, 168; der prinz Eugen ist fest gewesen oder gefroren, hat ihm auch nichts zukönnen. Stephanspredigt 39. eine stelle aus Schiller steht schon 3, 1560.
6)
unpersönlich, es friert, gelat, fr. il gèle: es friert hart, fest, tüchtig; es hat schon eine dünne haut gefroren; wenn es gefrewret, so werden eiszacken, wie die spitzen an den stecken. Sir. 43, 21;
trauteste, kommt, denn es friert.
Voss 1, 4;
so anhaltend fror es, dasz die hirsche aus dem wald in die dörfer gelaufen und die vögel an die fenster geflogen kamen. man sagt zu eis, zu stein frieren, aber auch stein und bein frieren (vgl. 1, 1381); es friert harte wege, harte geleise: im winter aber wan es harte wege fror. ewiges geheimnis s. 24; es friert hartes eis, festes eis. diese accusative gleichen denen unter 2, aber auch andere impersonalia können sie bei sich haben: es legt einen neuen, tiefen schnee, es regnet einen starken gusz, es setzt einen raub, lat. pluit imbrem, ignem.
7)
verschieden davon ist der acc. bei einem mhd. vriesen, das ungewöhnlich die bedeutung von vrœren, frieren machen hat:
doch treit daʒ îs vil swære last,
swenn ëʒ dër winter vriuset vast.
MSH. 3, 66ᵃ,
oder wäre zu ändern dën winter und ëʒ nominativ? wie aber in einem gedicht Kretschmanns:
so lang der winter fror,
blieb ich allein beim weben,
itzt da es früher tagt,
itzt hab ich aufgesagt
dies arbeitsleben.
musenlam. 1774 s. 133.
der winter friert nicht, noch gefriert er. also wieder transitiv, so lange er frieren machte, frost verbreitete? nnl. personificiert man den winter oder frost in einen vriezeman. mit einem: so langs den winter (im winter) fror, wäre der stelle auch geholfen.
8)
frieren, im sinne von languere, den lat. frigere oft hat, ist mir nicht vorgekommen, die geschäfte frieren, languent klänge fremdartig. aber frostig bedeutet häufig languidus.
9)
dem nl. vriezen vroor liegt vreezen vreezde timere nahe, da mit dem frieren ein zittern und schaudern verbunden ist (auch serb. zepsti drückt beides, frigere und timere aus). von unserm frieren steht freisen tentare, periclitari (sp. 120) mehr ab, wie vom goth. friusan fraisan. s. anfrieren, auffrieren, ausfrieren, befrieren, durchfrieren, einfrieren, entfrieren, erfrieren, gefrieren, verfrieren, zerfrieren, zufrieren.
Zitationshilfe
„frieren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/frieren>, abgerufen am 21.10.2019.

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